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    Freitag, 5. September 2014
    Blogging November - 1040 (Wmdedgt 9/2014)

    (Die übrigen Wmdedgts finden Sie hier.)

    Ich habe Urlaub, Mademoiselle hat Sommerferien, der Wecker klingelt um 7 Uhr. Denn Mademoiselle möchte heute eine Reitprüfung ablegen: das Kleine Hufeisen, was wohl so ungefähr das Seepferdchen der Reitkunst ist. Dazu müssen wir um 9:30 Uhr im Reitstall sein.

    Ich habe einen etwas dicken Kopf, weil ich Schnupfen habe und ein seit drei Tagen geschwollenes Auge - nur ein Gerstenkorn und zum Glück außen am Lid, aber dennoch nervig und es könnte langsam einfach mal verschwinden. Wir sind irgendwie rechtzeitig fertig, dann fällt dem Kind ein, dass es die Reitstiefel noch putzen muss, das geht zum Glück sehr schnell, weil es Gummistiefel sind, dann fällt dem Kind ein, dass es eine Frisur braucht, denn ja, man braucht zum Reiten in der Abteilung genau wie zum Kunstturnen eine genormte Frisur (sagt das Kind - ich kenne mich da nicht aus). Also flechten wir noch Zöpfe. Kunstturnfrisuren sind meist eher oben auf dem Hinterkopf, man braucht die anderen Kopfflächen zum Abrollen und Aufstützen, beim Reiten ist die Frisur eher im Nacken/unter den Ohren angesiedelt, damit der Helm draufpasst. Mit was man sich alles beschäftigen muss!

    Am Bus sind wir dann doch eher knapp und haben den langsamsten Busfahrer der Welt. Ich echauffiere mich sonst immer gern über Busfahrer, die wie die Irren durch die Stadt brettern und hatte auch schon als Passagier zwei Busunfälle einschließlich nicht ganz wegzuredender Verletzungen, aber heute, gerade heute, haben wir eine Schnarchnase die schon 200 Meter vor jeder Ampel sanft abbremst.

    An der Endhaltestelle - so ein Reiterhof ist ja natürlich nicht in der Innenstadt sondern im Nichts, marschieren wir dann los, erst einen staubigen Weg ("Meine Stiefel, meine Stiefel!!"), dann durch nasses Gras ("Meine Stiefel, meine Stiefel!!"), dann an der Landstraße entlang, eigentlich ist es sehr idyllisch, die goldgelb gestrichene Reitanlage taucht hinter den Feldern aus dem Morgennebel auf, eigentlich könnte ich auch jeden Morgen früh Kinder auf den Reiterhof begleiten, vielleicht hinterher noch etwas Gartenarbeit oder ich könnte einen Hund kaufen, mit dem ich in den Feldern joggen gehe, also all das statt Büro, andere Leute machen das ja auch. Hachja.

    Wir sind noch pünktlich, meine Freundin mit ihren Kindern ist schon da, aber sowieso werden jetzt erstmal die Pferde frisiert, Zöpfchen in Mähnen und Schweife geflochten, das dauert. Die Prüferin ist auch noch nicht eingetroffen. Die Reitlehrerin sagt den Erwachsenen, sie könnten schonmal in der Halle Platz nehmen, so gegen halb 11 ginge es los. Ähm, eigentlich wollten die Freundin und ich die Kinder nur abliefern und dann um 14 Uhr um abholen wiederkommen, aber alle anderen Eltern und Großeltern werden natürlich bei der Prüfung dabeisein, das kleinere Kind der Freundin fängt schon an zu weinen, dass es so eine Rabenmutter und Rabenfreundinmutter hat, also beugen wir uns dem Gruppendruck und versprechen eine Rückkehr um halb 11. Zwischenzeitlich fahren wir in besiedeltes Gebiet, um Frühstück und Kaffee um Mitnehmen zu erwerben.

    Um Punkt halb 11 sitzen wir in der verlassenen Reithalle, wundern uns, wo die anderen Eltern nun eigentlich alle sind, die Kinder sind auch nicht zu sehen oder zu hören, wir haben aber keine Lust, in die Ställe zu laufen und am Ende noch beim Mähnenflechten assistieren zu müssen oder einer Theorieprüfung über Pferdekrankheiten zu lauschen. Der noch interessanteste Programmpunkt ist das Reiten selbst, Schritt, Trab, Galopp und ein kleiner Sprung, und geritten wird sowieso in der Halle, irgendwann werden sie kommen, wir harren aus. Bald ist der Kaffee alle, die Brötchen ebenfalls und auch der Kuchen, den wir für nachmittags gekauft hatten. Es ist sehr staubig und pferdig überall, weshalb wir sehr nah beieinander auf einer haarigen Satteldecke kauern, immer mal wieder kommt ein großer Hund, dem die Decke vielleicht eigentlich gehört, und sabbert uns an, es ist auch etwas zugig. Vielleicht ist Pferdemutti auf dem Lande doch keine Lebensaufgabe für mich, die Arbeit im Büro erscheint plötzlich wieder in ganz anderem Licht, immerhin gibt es dort angemessene Sitzgelegenheiten und unbegrenzt Kaffee!

    Entnervt verlassen wir die Reithalle und sehen auf der Wiese die Kinder, die gerade ihre Urkunden verliehen bekommen. Irgendwie ging wohl alles viel schneller, wir haben die Prüfung verpasst, ist aber auch egal, da unsere gesammelten drei Kinder auch ohne elterliche Unterstützung bestanden haben und glücklich sind.

    Dann nehme ich die zwei großen Kinder mit und die Freundin das kleine. Zu Hause machen die großen Kinder irgendwas, ich mache Wäsche, übersetze ein bisschen für wohltätige Zwecke, lese Post, lese Buch, lese Internet, streichele Katze und Kater und werfe ein paar Dinge weg.

    Gegen 18 Uhr transportiere ich die großen Kinder und mich per S-Bahn in die Nachbarstadt. Dabei geschieht am Bahnhof etwas Spaßiges, und zwar stehe ich auf der Rolltreppe, wir sind fast unten, hinter mir die Kinder, ich krame in meiner Tasche, reiche einen 5-Euro-Schein über die Schulter nach hinten und sage: "Kauf mal eine Einzelfahrt nach X, Kind, direkter Weg!". Jemand nimmt den Schein und sagt "Yes, Ma'am!"

    Ich drehe mich um und sehe einen jungen Mann, der sich dann auch gleich anschickt, den Fahrkartenautomaten zu bedienen. Von den Kindern keine Spur. Ich lasse den jungen Mann die Transaktion am Automaten dann aber noch nicht durchführen, die Kinder tauchen kurz später wieder auf (sie waren die Rolltreppe gegen die Fahrtrichtung von unten wieder hinaufgerannt) und kaufen sich ihre Fahrkarte selbst.

    In der Nachbarstadt treffen wir wieder mit meiner Freundin und dem kleinen Kind zusammen und die zwei Männer sind auch da. Alle zusammen gehen wir in einen Biergarten, aus dem wir jetzt gerade erst zurückgekommen sind.

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    Heute aussortiert: Rest von einem Gesichtswasser, Rest von einer roten Haartönung, Rest von einem Haargel. Alles in den Müll, ich habe keines dieser Produkte in den letzten 10 Jahren verwendet.

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