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    Donnerstag, 28. Mai 2020

    Heute Abend tut mein Fuß weg, sehr empörend, an einer Stelle, an der gar nichts weh zu tun hat, da ist überhaupt nichts außer halt irgendwie Knochen mit Haut drüber (Außenkante). Und er tut auch nicht beim Laufen weh, sondern beim herumsitzen. Ich könnte natürlich einfach mehr laufen, aber ich bin mittlerweile müde und habe keine Lust mehr, zu laufen, ich bin ja von 7 Uhr bis jetzt gerade ununterbrochen herumgerannt.

    Wovon so ein Fuß wohl schmerzt? Ich habe dazu keine richtige Beziehung, mich schmerzen außer dem Kopf in der Regel keinerlei Körperteile. Auch, als ich den Kreuzbandriss hatte tat mir das nicht sonderlich weh, war halt unangenehm aber ich war ganz fest davon überzeugt, dass wenn ich aus der Narkose aufwache der Chirurg sich bei mir entschuldigen wird, weil er sich auf dem MRT-Bild etwas eingebildet hat, wo in Wirklichkeit nur eine kleine Prellung war (stattdessen entdeckte er, dass Innenband und Meniskus auch noch durch waren und begrüßte mich beim Aufwachen mit "Was um Himmels Willen haben Sie gemacht??")

    Wo war ich, beim Fuß. Inakzeptabel. Ich habe mit dem Fuß auch nichts Spezielles gemacht, also nichts, wofür er nicht absolut vorgesehen wäre. Ich gehe jetzt schlafen und erwarte, dass das morgen weg ist.

    Mittwoch, 27. Mai 2020

    Frau Fragmente sitzt am Schreibtisch ihres Schlafzimmers und bloggt, ich sitze an meinem Schreibtisch und blogge über Frau Fragmente. Der Vorhang vor dem Fenster hinter ihr ist zugezogen, ich dachte erst, das sei ein neues Videokonferenzarrangement aber das ist es gar nicht. Hätte aber sein können, Frau Fragmente findet das Home Office ja eine mehr als nur akzeptable Form des Arbeitens, es wäre ihr zuzutrauen, da aufzurüsten. Allerdings ist sie seit heute frisch "Head of" irgendwas (ich weiß was, "irgendwas" ist nicht despektierlich sondern nur vertraulichkeitswahrend), als Head of wird sie ihr Reich möglicherweise doch bald begehen und alle Huldigungen in persona entgegennehmen wollen. Wir werden sehen.

    Zum Einstieg ins Bloggen verlas Frau Fragmente Fanpost, an sie gesendet mit Gruß an mich. Das war sehr angenehm, Gruß zurück.

    Frau Fragmente sieht heute sehr fluffig aus. Die Haare sitzen perfekt, sie lacht sehr viel und wirkt sehr entspannt. Und auch recht motiviert, obwohl sie heute keine Blognotizen hat tippt sie regelrecht mit Verve und schaut sehr konzentriert. Ich selbst schweife schon wieder gedanklich etwas ab, nämlich in Richtung des Haselnuss-Eisbechers, den ich im Eisfach habe, aber den kann ich jetzt nicht holen, denn ich hatte Frau Fragmente meine ungeteilte Aufmerksamkeit angekündigt. Ich meinte damit aber eigentlich nur die Head-of-Geschichte, die ist ja jetzt schon eine halbe Stunde her, vielleicht reicht es auch nun mit der ungeteilten Aufmerksamkeit und ich hole mir den Eisbecher doch.

    Ich amüsiere mich beruflich in letzter Zeit häufig, weil einer der Sätze, mit denen wir Entscheidungen begründen lautet: "Diese Presse können wir uns nicht leisten." Interessanterweise habe ich das ja privat schon seit Jahrzehnten als Leitbild: Möchte ich das am nächsten Tag in der Zeitung lesen? Also: möchte ich am nächsten Tag in der Zeitung lesen "Mann von Feigenbaum erschlagen, den 42jährige Mutter von außen an das Balkongeländer band"? Oder "Unfall einer 37jährigen, die ein Fahrrad mit einem Fahrrad transportierte", "Genickbruch einer 45jährigen, die die Küche wie Pippi Langstrumpf putzen wollte"? Einige meiner möglicherweise gar nicht so schlechten Ideen, der letzten Jahre setze ich wegen Angst vor der Presse nicht um. Und so ist es jetzt auch im Job. Neben der "Frankfurter Gemeinde mit 107 Corona-Fällen nach Gottesdienst" möchte man nun nicht der "Frankfurter Betrieb mit 57 Corona-Fällen nach Sommerfest" sein, auch nicht, wenn das draußen und mit Abstand stattgefunden hat und auch nicht das "Frankfurter Büro mit 5 Corona-Fällen im Praktikantenbüro", auch nicht, wenn jeder an einem anderen Wochentag kam, die sich nie begegnet sind aber eben nur alle auf dem Türschild standen. Das Bild von so einem Türschild lässt sich nicht wegerklären.

    Was gibt es sonst Neues? Ich sagte neulich Woche zu drei unterschiedlichen Personen "Ich muss jetzt auch langsam mal wieder nett werden" und keine dieser Personen widersprach. Seit einer Woche fahre ich nun sehr viel Fahrrad und bin daher insgesamt etwas weniger mit überschüssiger Energie geplagt. Vielleicht hilft das.

    Dienstag, 26. Mai 2020

    Heute wieder das Anwesen nicht verlassen, weil es sich nicht ergab, dafür ununterbrochen telefoniert. Als ob sich alle gedacht hätten "so, jetzt aber, JETZT rufe ich Frau N mal wieder an und erzähle ihr alles, was ich seit dem 19.3. erlebt habe oder zuallermindestens stelle ich ihr irgendeine völlig verrückte Frage".

    Montag, 25. Mai 2020

    Heute wieder drei Menschen "live" gesehen, die ich seit über zwei Monaten nicht gesehen habe, davor aber so gut wie jeden Tag. Mit wie vielen Menschen habe ich wohl "vor Corona" täglich live gesprochen? Zwanzig? Dreißig? Irgendwas so um den Dreh. Und jetzt an den meisten Tagen drei bis fünf.

    Das ist alles außerordentlich verwirrend.

    Sonntag, 24. Mai 2020

    Heute gab es ein besonderes Erlebnis: Herr N und ich trafen uns mit einer befreundeten Familie in deren Garten. Für uns alle war das die erste Verabredung mit mehr als einer Person seit Anfang März.

    Obwohl der Garten sehr groß ist, war es mit dem Abstand halten manchmal schwierig. Unter den Erwachsenen weniger, hier fehlten eher die Rituale: sind wir jetzt richtig angekommen und setzen uns an den Tisch und woher wissen wir das, wenn wir uns nicht mit Körperkontakt begrüßt haben sondern alle irgendwie in der Gegend stehen? Kann ich jemandem den Kaffee anreichen oder eher doch nicht? Haben wir uns jetzt richtig verabschiedet und gehen oder fehlt da noch was? Das war merkwürdig aber natürlich nicht wirklich problematisch.

    Mit den Kindern war es schwieriger. Die Teenager waren nicht anwesend, aber eine 10jährige und eine 4jährige - die 10jährige spricht immer sehr viel mit mir, zeigt mir Fotos, Bücher, Pflanzen etc und sitzt meist ganz nah neben mir, während die 4jährige ein richtiges Kuschelkind ist und immer bei Herrn N sein will. Die 10jährige befand "das ist alles komisch und doof und deshalb fahre ich jetzt nach Hause" (und tat das). Die Dreijährige vergaß "dieaktuellesituation" häufig und sprang in den Arm oder auf den Schoß, manchmal war sie auch sehr verunsichert und fragte Dinge wie "kannst du mir denn jetzt den Schuh zubinden, wenn der aufgeht, weil ich ja den Knoten noch nicht so gut kann? Oder was machen wir sonst, wenn wir durch den Wald laufen und mein Schuh aufgeht, dann muss ich vielleicht hinfallen aber dann kannst du mich nicht tragen". Nunja. Ich befand, dass ich im Notfall den Schuh zubinden könnte, da es ja sehr windig war und ich zusätzlich sogar auch noch eine Maske dabei hatte. Immerhin konnten wir also eins der Probleme auf der Welt lösen.

    Was mich aber noch viel nachhaltiger beeindruckt hat: wie sehr es mir widerstrebt, aus einer Toilettenkabine zu gehen, wenn nicht vorher ein Spülgeräusch ertönt ist. Es handelte sich um eine Komposttoilette. Und ich überprüfte mehrere Sekunden lang gedanklich, ob ich nicht doch irgendwas vergessen hätte. Es war aber nur das fehlende Geräusch.

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    Letzter Regen: 28. Mai 2020, 23:38 Uhr