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    Montag, 23. Mai 2016
    Vierersitz

    Im Vierersitz der Bahn heute neben mir eine Frau und gegenüber ein Mann, grob mein Alter, ein bisschen zerzaust und leise sprach er mit sich selbst die ganze Zeit, nur wenn er hochschaute und die Blicke sich trafen fiel man ihm irgendwie in die Augen. Schwer zu erklären. Nicht vereinahmend, auch nicht unbedingt unangenehm aber doch sehr rückhaltlos. Blaue Augen, relativ kleine Pupillen, er kratzte sich unablässig an einem Finger, vielleicht auch Drogen oder irgendwelche Medikamente, ich weiß es nicht, aber zapp, schon wieder in die Augen gefallen, keine Barriere darin. Verwirrend.

    Dann kam eine weitere Frau zu uns, mittelgroß, mittelschlank, kurze schwarze Locken, unauffällige Gesichtszüge, trotzdem total präsent, alle schauten sie an, während sie sich hinsetzte und sie nahm ein Buch heraus und wir schauten sie weiter an und sie begann zu lesen und wir schauten sie weiter an und dann sagte die andere Frau: "S? Kennst du mich nicht mehr?" Die Lockenfrau blinzelte, die andere erklärte, woher sie sich kannten (beruflich) und gab ihr die Hand, die Lockenfrau erinnerte sich und nahm die Hand ihn ihre beiden Hände und wandte sich zu und sie begannen ein Gespräch. Und das dabei so irritierende war: die beiden Frauen unterschieden sich nicht großartig in Kleidung oder Figur, die "weitere Frau" war vielleicht sogar eher die konventionell hübschere und definitiv die, die im Gespräch die interessanteren Sachen sagte, aber trotzdem war es unmöglich, sie irgendwie wahrzunehmen, ich weiß jetzt schon nicht mehr, wie sie aussah oder in welchem Tonfall sie sprach, weil die Lockenfrau so unglaublich präsent war, als wäre ein Scheinwerfer über ihr installiert und alle anderen versinken im Schatten.

    Sobald ich von der Lockenfrau wegschaute, fiel ich wieder in die Augen des Selbstgesprächlers, hangelte mich dann an der Präsenz der Lockenfrau wieder hervor, nur um dann wie ein Magnet an ihr zu kleben, mich mühsam zu lösen und wieder in die Augen des anderen zu fallen. Eigentlich wollte ich ja lesen. Ich war ziemlich froh, als ich aussteigen musste - selten so anstrengend Bahn gefahren. Das mit der mentalen Abrenzung von völlig Fremden übe ich noch.



    (Wichtig: bis 6.6. nichts mehr über Vierersitze schreiben. Viel zu schwierig zu malen...)

    Sonntag, 22. Mai 2016
    Kein Einzelzimmer

    Nicht nur hatte ich kein Einzelzimmer, sondern wachte heute morgen auch noch neben einer Frau auf, von der ich noch nichtmals den Namen wusste. Die D. hatte keine Lust gehabt, sich mit irgendwelche Befindlichkeiten der Mitreisenden auseinanderzusetzen und die Zimmerschlüssel einfach einmal gut durchgemischt. Und da meine Zimmernachbarin sehr früh schon schlafen ging, hatte ich sie noch gar nicht kennengelernt.

    Dem vorangegangen war ein Tag, an dem alle Beteiligten mehrmals so sehr gelacht haben, bis jegliches Make-up komplett ruiniert war. Am Ende musste man nur noch verschiedene Wörter sagen oder Geräusche machen und alle lagen hysterisch lachend am Boden.

    Ich weiß nicht, ob es am Alter liegt- zwischen mir und der D liegen gut 10 Jahre - aber die Truppe der D. ist wirklich speziell: die verbiegen sich für nichts und niemanden mehr, aber haben dabei eine enorme Großzügigkeit und Menschenliebe. Und das ist ein großes Glück - an denen kommt nämlich niemand mehr vorbei, außer, sie lassen es zu.

    Vielleicht nehmen sie mich ja beim nächsten Ausflug wieder mit.


    Samstag, 21. Mai 2016
    Out of town

    Ich mache heute einen kleinen Ausflug mit ein paar Freundinnen.

    Freitag, 20. Mai 2016
    Baby Foot

    Heute nicht, kann nichts tippen, ich brauche beide Hände, um mir die Haut von den Füßen zu ziehen.

    Donnerstag, 19. Mai 2016
    Wiedersehen mit M1Molter

    Ab und an passiert es mir, dass ich für Menschen, die ich eigentlich gar nicht kenne, von jetzt auf gleich eine beinahe schon unangemessene Zuneigung empfinde. Es fällt mir schwer, zu benennen, warum, oft ist es eine einzelne Situation, die das bewirkt, ein Wort, eine Reaktion, ein Gesichtsausdruck in einem bestimmten Moment und zapp, bleibe ich kleben. Mit dem Kopf.

    So ging es mir mit M1Molter, der neulich, also vor ca. 1,5 Jahren, meine Waschmaschine rettete. Herr M1Molter, falls Sie das nicht wissen sollten, ist Heimwerker, das steht auf Youtube, ich bin persönlich aber ganz fest davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit Handwerker ist, auf jeden Fall vom Fach und höchst qualifiziert. "Heimwerker" nennt er sich bestimmt nur als Understatement, um die Hemmschwelle für uns Laien, seine Tipps auszuführen, niedrig zu halten. M1Molter ist sozusagen der Youtube-Star der mittelalten berufstätigen Mutter. Und das beste ist: er macht das alles ganz frontal, im Vortragsstil. Nichts mit Gruppenarbeit, kein "lesen Sie die Seiten 347 bis 359 vom Internet und tanzen Sie das dort Dargestellte per Snapchat"

    Gestern teile die Waschmaschine mir per blinkendem Piktogramm mit, dass sie nicht abpumpen kann. Dafür gibt es 5 mögliche Erklärungen, wusste ich: Pumpe kaputt, irgendwas in der Grobkörperfalle, irgendwas in dem Schlauch hinter der Grobkörperfalle, irgendwas im Ablaufschlauch, irgendwas im Abflussrohr. Pumpe kaputt konnte ich ausschließen, man hörte sie nämlich eifrig pumpen. Irgendwas im Abflussrohr war ebenfalls nicht das Problem, die Spülmaschine pumpt in dasselbe Rohr piktogrammlos ihr Wasser ab. Das Flusensieb aka Grobkörperfalle reinigte ich zuerst, bis es sozusagen keimfrei war, doch ohne Erfolg bei der Lösung des Gesamtproblems. Blieben a) Schlauch hinter der Grobkörperfalle und b) Ablaufschlauch. Weil ich a) ja schon vor 1,5 Jahren hatte, setzte ich alles auf b), schraubte den Schlauch ab und erfreute mich an dem sofort herausspritzenden Wasser - ja, da war ganz offensichtlich etwas verstopft, ich war genau auf dem richtigen Weg, dies zu beheben, nur schnell das Wasser ablassen und dann durchpusten. Das Wasser floss und floss, für Lauge, die seit zwei Tagen in der Maschine steht, erstaunlich klar und reichlich. Der Druck ließ auch gar nicht nach, wo kam nur dieses ganze Wasser her? Kurz bevor der zweite Eimer voll war, fiel bei mir der Groschen: aus der Leitung. Es war der Zulaufschlauch. Dabei hatte M1Molter extra noch vorher von Wasser abstellen gesprochen!

    Den wirklichen Ablaufschlauch konnte ich nicht am Gerät selbst lösen sondern nur am Abfluss. Der befindet sich im Schrank unter dem Spülbecken und ich fand, es sei nun an der Zeit für etwas Gleichberechtigung und rief Herrn N. zur Hilfe. Herr N. kroch in den Schrank und war dort nicht ganz so motiviert wie Herr M1Molter oder jedenfalls hatte er eine andere Wortwahl beim Äußern seines Enthusiasmus. Aber das kenne ich schon, die Wirklichkeit überraschenderweise nie exakt wie auf Youtube - wenn Mademoiselle nach Video Cupcakes macht, sieht die Küche bei mir hinterher auch nicht aus wie bei Bibi oder Dagi oder so. Trotzdem, wir waren ganz nah dran an der M1Molter-Youtuberealität, denn nach kurzer Zeit zog Herr N eine 1-Cent-Münze aus dem Schlauch wie ein Zauberer ein Kaninchen aus dem Hut. Vorhang, Applaus.

    Herr M1Molter hat mir jetzt schon mindestens 400 Euro und diverse Tage ohne Waschmaschine erspart. Sollte er je auf meine Fanpost antworten, gebe ich ihm mindestens ein Bier aus.

    November seit 3714 Tagen

    Letzter Regen: 24. Mai 2016, 13:11 Uhr