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    Dienstag, 21. Februar 2017
    Spurensuche

    Wenn ich aus dem Büro nach Hause komme, ist Mademoiselle normalerweise schon da. Außer, sie ist noch irgendwo unterwegs oder schon wieder irgendwo unterwegs, man weiß es nicht genau, das stelle ich aber schon beim Aufschließen fest. Zwar ist die Tür bei uns immer abgeschlossen, aber wenn niemand da ist, per Schloss und wenn jemand da ist, per schließbarem Riegel. Weil der Kater die Tür sonst öffnen kann, er hängt sich an die Klinke und strampelt wie wild, irgendwann erwischen die Beinchen tatsächlich den Türrahmen und dann steht die Tür offen.

    Ich komme also nach Hause, bemerke, der Riegel ist vorgelegt und rufe nach dem Aufschließen freudig "Hallo!!". Es kommt keine Antwort. Denn das Kind ist ja in der Pubertät.

    Was macht so ein Kind, wie geht es ihm, das möchten Eltern gerne wissen. Es ist aber zwischen 17 und 21 Uhr eher keine Auskunft zu erwarten. Danach wird das Kind gesprächig, dann soll es nämlich ins Bett. Um also so ungefähr Bescheid zu wissen, gehe ich auf Spurensuche.

    Spur 1: Die Jacke



    Die Jacke liegt auf einem herumgeschobenen Küchenstuhl. Das Kind lief also wohl zuallererst in die Küche und warf dort die Jacke von sich, und auch die Mütze, das ist erfreulich, die Mütze ist also nicht verloren gegangen. Neuerdings geht nämlich öfters mal etwas verloren. In Kindergarten und Grundschule war das nie, aber jetzt ja, jetzt verliert oder vergisst das Kind alles mögliche und geht auch morgens schonmal ohne Schuhe oder ohne Tasche los, aber nur bis ins Treppenhaus, dann fällt es ihr auf. Vielleicht, weil ich lachend in der Tür stehe.

    Spur 2: Die Kiwi



    Auf dem Küchentisch - dort, wo der Stuhl weggeschoben wurde - liegt die Schale einer Kiwi. Es scheint, das Kind zog die Jacke aus und stürzte sich dann sofort hungrig auf eine Kiwi. Aß die Schale aber nicht mit. Das hat sie vor ein paar Jahren noch gemacht. Jetzt also nicht mehr, aha. Und ein paar Bonbonpapiere liegen neben der Kiwi. Was zuerst verspeist wurde, kann ich dem Arrangement nicht entnehmen. Für einen Teller war jedenfalls keine Zeit.

    Spur 3: Toast



    Geht man vom Küchentisch aus weiter in die Küche hinein, zwischen Küchenblock und Küchenzeile, entdeckt man, dass Kiwi und Bonbons wohl noch nicht ausreichend sättigend waren. Die Toasttüte wurde auch noch geplündert.

    Spur 4: Belag



    Man erkennt: Belag auf das Toast gab es auch. Nach süß und fruchtig nun also herzhaft.

    Spur 5: Milch



    Nun wurde das Kind durstig. Es gab Milch, bzw. Milchschaum, denn Alicia Latte war in Benutzung.

    Spur 6: Schuhe



    Alicia Latte arbeitet gründlich, aber langsam. Ich sehe sehr deutlich vor meinem inneren Auge, wie das Kind, während es auf die Fertigstellung des Milchschaums wartete, die Schuhe von den Füßen strampelte und an Ort und Stelle liegenließ.

    Spur 7: Orangen



    Dann gab es offenbar noch - naja, Tequila sage ich erst in paar Jahren, sagen wir heute: Dessert. Ich ordne dies als die jüngste Spur ein und die am kürzesten zurückliegende Mahlzeit, denn es sind - im Gegensatz zu Toast und Kiwi - Reste vorhanden.


    Ich bin beruhigt. Das Kind ist gut zu Hause angekommen, konnte sich mühelos durch die Wohnung bewegen, planvoll handeln und hat ausreichend Nahrung und Flüssigkeit aufgenommen. Ich kann mich also aufs Sofa zurückziehen und von dort eine Prognose wagen: gleich wird das Kind schlecht gelaunt sein. Dann muss es nämlich aufräumen.

    Montag, 20. Februar 2017

    Ich kann mich nicht erinnern, wann ich je so wenig Lust hatte, irgendwas aufzuschreiben, aber allein diese Tatsache ist es ja schon wert, das festzuhalten.

    Sonntag, 19. Februar 2017
    Werbung

    Heute Morgen sah ich etwas sehr merkwürdiges. Ich war gerade erst aufgestanden, es war vor dem ersten Kaffee, Mademoiselle wollte eine Serie schauen aber das Internet hakte, also navigierte ich mit der Fernbedienung zwischen den Menüs herum um alles nochmal neu zu starten und dabei lief im Fernseher aus dem Hintergrund etwas, das ich für Werbung hielt. Eine Frau, brünett, hysterisch, faselte etwas davon, dass die (Schwieger)Mutter käme oder auch die Kumpels und dann fragte eine Stimme aus dem Off, ob der Zuschauerin auch Privatsphäre wichtig sei, und dann wurde ein Produkt beworben, mit dem man - ich habe eben Mademoiselle nochmal gefragt, sie bestätigt das - jeden Raum in Toilette und Bad verwandeln kann, ganz ohne Umbauten. Dann wurde ein kastenförmiges Gerät in Aktenkoffergröße eingeblendet und dann ging das Internet und Netflix und die Serie startete und mehr erfuhr ich über dieses Gerät nicht.

    Ich habe wenig aktuelles Wissen über Werbung. Normales Fernsehen läuft hier nie, im Internet ist alles geblockt, meine aktuellste Werbeerfahrung stammt, wie einiges an neuem Wissen derzeit, aus meiner Papierzeitung, die ja sowieso schon sehr großvolumig ist und mir dann auch noch auf einer ganzen Doppelseite ein Auto darbot. Ich fühlte mich regelrecht überfahren, sehr unangenehm, plötzlich so ein riesiges Auto vor sich zu haben, wo man doch eher einen kleingedruckten Artikel erwartet. Eindeutiger Punkt gegen die Papierzeitung, dieses Automonstrum.

    Aber zurück zur Fernsehwerbung. Gibt es sowas wirklich, einen transportablen Wohnraum-Badezimmer-Transformator oder lief da möglicherweise etwas satirisches und ich habe es nur nicht gemerkt? Falls Sie diese Werbung schon einmal gesehen haben, bitte ich um einen Hinweis. Nicht, dass ich das Produkt brauchen würde, Privatsphäre im Bad ist bei unseren Besuchern nicht das Problem. Aber ich wüsste doch zu gerne, wie das funktioniert.

    Samstag, 18. Februar 2017
    Papierzeitung

    Zu Hause läuft es auch nicht gut mit der Papierzeitung. Die Katzen, die sich sonst auf jedes noch so kleine Stück Papier setzen, verschmähen sie, wenn sie herumliegt. Und wenn ich sie verwende, also darin lese, und umblättere, zucken sie zusammen und rennen davon. Das Kind rennt nicht davon, ruft aber entnervt immer wieder "pschschschscht!!" oder schnauft genervt. Man ist solche Geräusche hier einfach nicht gewohnt.

    Freitag, 17. Februar 2017
    Bahnbeobachtungen

    Erstens. Man kann über die jungen hipsterigen Männer sagen, was man will, aber das Bahnfahren beherrschen sie aus dem Handgelenk. Zapp den Kaffeebecher auf das Tischchen gestellt, zapp die Tasche oben in die Ablage geschwungen, zapp den Mantel vor dem Hinsetzen ausgezogen (nicht wie ich, im Sitzen dann herauswinden) - die Mütze bleibt natürlich auf dem Kopf und zapp mit einer schlangenhaften Bewegung in die hinterste Ecke des Vierersitzes gewunden, Kopfhörer in die Ohren und so sitzen sie dann da unbeweglich bis sie aussteigen müssen. Kein Gekrame und Gehibbele, keine Leberwurstbrote oder Klogänge. Die Generation Profibahnfahrer.

    Zweitens, eigener Erfahrungshorizont: Wenn man eine Papierzeitung in der Bahn ausklappt wird man im Jahr 2017 ungefähr genauso verächtlich gemustert, wie wenn man am Handy die Tastentöne anhat.

    November seit 3987 Tagen

    Letzter Regen: 21. Februar 2017, 22:45 Uhr