• Privatbloggen an: novemberregen @ gmail.com
  • | Twitter: @novemberregen
    Samstag, 17. Januar 2015
    Blogging November - 1173

    Frau Steinbach von der CDU macht sich Sorgen um deutsche Kinder, die in Regionen aufwachsen in denen sie als Kinder mit deutschem Hintergrund in der Minderheit sind. Diese Kinder, so befürchtet Frau Steinbach, übernehmen den türkischen Akzent ihrer Altersgenossen und auch deren weltanschauliche Ansichten.

    Ich fühle mich davon konkret angesprochen. Ich bin Deutsche, mein Kind ist, im ganz klassischen Sinne, "wurzeldeutsch" und wir leben in einer Stadt, die in der Tagesschau neulich als die deutsche Stadt mit dem höchsten Migrantenanteil beschrieben wurde. Ich habe keine Kopf für Zahlen, so grob waren es im 2. Quartal 2014 60% Migranten hier, in den einzelnen Bezirken variiert das natürlich sehr. Wir wohnen in der Innenstadt, der Schulbezirk von Mademoiselle müsste einen Migrantenanteil von über 70% haben (Details bei Interesse hier). Oder ganz auf unseren Einzelfall bezogen: im Kindergarten waren von 44 Kindern drei komplett deutsch, und in der jetzigen Schulklasse - 24 Kinder - fallen mir zwei (Mademoiselle eins davon) Kinder ein, deren Eltern nicht noch muttersprachlich eine weitere Sprache sprechen (über Nationalität kann ich nichts sagen, ich habe dort noch nie jemanden nach dem Ausweis gefragt). Feshalten können wir jedenfalls: mein Kind ist eins dieser deutschen Kinder, die in der Schule und beim Fußball in der absoluten Minderheit sind.

    Hat mein Kind einen türkischen Akzent? Nein. Die anderen Kinder in der Klasse übrigens auch nicht, was zum einen daran liegen könnte, das die wenigsten überhaupt Türken sind. Tatsächlich haben diese Kinder alle einen hessischen Akzent, der mich als Rheinländerin natürlich immer wieder befremdet. Aber ich komme damit klar, dass hier im Winter immer jeder eine "Grippe" hat, und ob das die mit Fieber, oder die mit Ochs und Esel ist, muss man aus dem Zusammenhang entnehmen.

    Kein türkischer Akzent also, auch kein anderer fremdsprachlicher (naja, hessisch...). Sonstige sprachliche Interferenzen? Aber ja! Mademoiselle kann ein paar Brocken Türkisch, ein paar Brocken Italienisch (was bei unser Venedig-Reise sehr gelegen kam, als die Kinder allein im Hotel waren, hungrig wurden und völlig ohne Scheu mit dem Rezeptionisten auf Italienisch radebrechten), sie kann auch spanische Lieder singen ohne, dass sich Spanischkundigen (also mir) die Zehennägel kräuseln. Das kyrillische Alphabet benutzten sie und ihre Freunde eine Zeit lang als Geheimschrift. In der Schule wird dann noch Englisch gelernt, außerdem haben sie mal ein paar Gebärden gelernt und wie Blindenschrift funktioniert. Das finde ich alles sehr schön. Mademoiselle selbst empfindet es als Nachteil, dass sie nicht, wie der Großteil ihrer Freunde, neben Deutsch noch eine weitere Sprache beherrscht. Vor etwa einem Jahr war das ein größeres Thema, da war sie besorgt, ob sie später einen guten Beruf bekommt, wenn sie doch nur Deutsch kann. Ich konnte sie beruhigen - wenn Interesse an Sprachen da ist, ist es natürlich auch ohne Migrationshintergrund möglich, diese zu lernen, ich selbst spreche auch drei Sprachen fließend, die ich erst in der Schule gelernt habe (ohne im Deutschen einen Akzent zu haben, übrigens). Trotzdem: praktisch ist es natürlich schon, zweisprachig zu sein!

    Egal, zurück zum Thema - wie ist das mit der Weltanschauung? Da bin ich jetzt etwas ratlos. Ich kenne die Weltanschauung und Wertesysteme der Familien in Mademoiselles Klasse nicht en detail. Generell fällt mir immer wieder zu meiner Überraschung auf, dass Kinder tendenziell konservativ sind, und zwar alle, die ich kenne. Sie sind Veränderungen gegenüber skeptisch, sie fühlen sich in festen Strukturen wohl, sie mögen klare Ansagen. Der Umgang der Eltern mit den Kinder ist bunt gemischt. Manchen ist Selbständigkeit sehr wichtig, sie trauen ihren Kindern tendenziell mehr zu, andere hingegen sind restriktiver und steuern die Freizeit der Kinder noch sehr stark. Manche sind sehr leistungsbetont, haben feste Lernzeiten und kontrollieren den schulischen Fortschritt sehr eng, andere nehmen nur die allernotwendigsten Termine in der Schule wahr. Manche sind sehr eng in eine große Familie eingebunden, andere wiederum alleinerziehend ohne Verwandtschaft vor Ort. Zwischen diesen Haltungen und der Nationalität nehme ich keine Korrelation wahr.

    Manchmal gibt es Missverständnisse, die auf unterschiedlichen kulturellen Hintergründen beruhen. Mademoiselle hatte im Kindergaren eine beste pakistanische Freundin, die mit ihrer gesamten (!) Familie zum Kindergeburtstag erschien. Andersherum war diese Familie wie vor den Kopf gestoßen, als ich Mademoiselle bei einer Einladung zum Spielen nur abliefern und später wieder abholen wollte, statt mindestens Herrn N. mitzubringen und - während die Kinder spielten - zahlreichen Mahlzeiten beizuwohnen und den Nachbarn vorgestellt zu werden. So dachte ich vielleicht im ersten Moment "Schmarotzer!" (Gatecrashing auf dem Kindergeburtstag geht ja gaaaar nicht!) und sie wiederum hielten mich für unhöflich, abweisend und soziophob.

    Diese Missverständnisse kann man aber klären. Und ja, natürlich ist das mit etwas Aufwand verbunden, man muss mit Personen, die man noch nicht so gut kennt, sprechen, vielleicht Unsicherheiten zugeben, sich erklären, sich vielleicht auch manchmal hinterfragen, aufeinander zugehen, gegenseitig. Vielleicht ist das der Punkt. Dass es nicht funktionieren kann, wenn der eine alles unverändert haben möchte, keine neuen Eindrücke gewinnen will, mit seinem Horizont und dem, wie es immer war, nicht nur zufrieden ist, sondern etwas anderem außerhalb dieser kleinen Welt keine Existenz zubilligen möchte.

    Kommen wir zurück zu meinem deutschen Minderheitenkind in der Schule und beim Fußball:

    Ich wünsche mir für mein Kind einen offenen Geist. Eine Vielzahl an Erfahrungen, die Möglichkeit, aus einer Fülle an Formen zu Leben, die richtige für sich auszusuchen. Ich möchte, dass sie sich vor Fremdem und Fremden nicht fürchtet, sondern Unbekanntem neugierig begegnet. Dass sie auf andere Lebensweisen offen zugehen und sie respektieren kann und ein Gefühl der Globalität entwickelt. Wir gehören alle irgendwie zusammen, jeder lebt sein Leben, so gut er kann, ob jemand das Glück oder das Pech hat, in einer bestimmten geographischen Region geboren zu sein, sagt nichts über seinen Charakter, seinen Wert oder sein Anrecht auf eine Chance, sein Glück zu finden, aus.

    Ich sehe diesen Wunsch in unserem Wohnumfeld nicht gefährdet. Im Gegenteil.

     
    Da bin ich ich Ihrer Meinung, vor allem, was das Resumée betrifft. Aus Neugier frage ich: wie war das bei Ihnen, als Sie im jetzigen Alter Ihrer Tochter waren?

    Ich erinnere mich an eine stille Türkin und einen lebhaften Griechen in der Dorfgrundschule. Der Wechsel aufs Gymnasium war verbunden mit einem Umzug, so dass ich dort in der großen Stadt der einzige Exot war, weil aus einem anderen Bundesland zugezogen. Es gab sonst nur noch einen Austauschschüler aus Texas, der schlechte Englischnoten hatte, weil seine Sprache wohl nicht zum Lehrplan passen wollte. Und er beim Vokabellernen zu nachlässig war...

    Bevor ich zu sehr abschweife: meine Enkelkinder haben von ihrer Mutter deutsch sprechen gelernt, nur spricht die Mutter kein richtiges deutsch, weil das überhaupt nicht ihre Muttersprache ist. Das führt dazu, dass die Kinder wegen "der Haus" und "die Auto" schon fast auf dem Weg in die Sonderschule waren. Perplex war ich, als das Enkelmädchen in deutsch eine Vier, in englisch aber nur Einsen geschrieben hat. Fremde Sprache, neues Glück.
     
    Ich kann mich nicht erinnern, dass so etwas in meiner Kindheit je Thema gewesen wäre. Grob erinnere ich mich, dass wir auf dem Spielplatz öfters mit drei türkischen Brüdern gespielt haben. Dann war ich auf einer katholischen Grundschule, da hatten wir einen italienischen Klassenkameraden, der war aber natürlich auch katholisch, also alles kein Problem.

    Einen schwarzen Jungen gab es auch, den E. Der war nicht getauft, das war sehr schlimm, morgens wurde immer für den E. gebetet. In der 4. Klasse war es dann endlich geschafft, der E. wurde auch getauft und alle waren ganz erleichtert, dass er jetzt nicht mehr irgendwann als Heidenkind sterben muss - wovor wir Kinder uns wirklich gefürchtet hatten, das war ein größeres Thema. Wie unsäglich ich diese Geschichte im Nachhinein finde, kann ich gar nicht ausdrücken.

    Kommentar beantworten

     
    Großartig, danke für den Beitrag. Ich arbeite ja an dieser Schule, an der es "nur" 28% deutschstämmige Kinder gibt, aber insgesamt Kinder aus 21 unterschiedlichen Heimatländern. Meiner Ansicht nach ist diese Vielfalt Reichtum.

    Kommentar beantworten

     
    Danke schön

    Kommentar beantworten

     
    Ja!
    Mehr gibt es zu diesem Text nicht zu sagen. Einfach nur: Ja!

    Kommentar beantworten

     
    Das ist ein wunderbares Statement!

    Kommentar beantworten

     
    Vielleicht liegt hier der Knackpunkt: "...man muss mit Personen, die man noch nicht so gut kennt, sprechen, vielleicht Unsicherheiten zugeben, sich erklären, sich vielleicht auch manchmal hinterfragen, aufeinander zugehen, gegenseitig." Wenn wir alle daran arbeiten, dann wird das auch einfacher und Frau Steinbach lernt das dann auch noch.
     
    Ach die Steinbach... die ist einfach - entschuldigen Sie - eine hohle Nuss.

    Es wäre vermutlich für die Welt ein Gewinn, würden alle Menschen diese wirklich schlimme dumme Frau ignorieren.
     
    Leider sind es grad die schlimmen Dummen, die es einem so schwer machen, sie zu ignorieren bei dem Unsinn, den sie so ansondern...

    Kommentar beantworten

     
    Danke! Immer beruhigend zu sehen, dass es Menschen gibt, die solchen wie Frau Steinbach etwas entgegensetzen.

    Kommentar beantworten

     
    Danke.
    Ich schmunzle ja immer noch bei der Vorstellung der fremden Großfamilie auf dem Kindergeburtstag. Und denke umgehend an die Freundin aus Wattenscheid, die nach einem Unfall Weihnachten im Krankenhaus verbringen musste, dort die gesamte Wattenscheider Familie um sich hatte und zufrieden erzählte, dass seither das dortige Pflegepersonal nicht mehr türkische Großfamilien für das Schlimmste hält.

    Kommentar beantworten

     
    Danke schön. Das ist so abgeklärt, realistisch und unaufgeregt, dass ich gerade ganz verzückt bin.

    Kommentar beantworten

     
    Danke!

    Kommentar beantworten

     
    Alles dran. Alles drin. Paßt.

    Danke.

    Kommentar beantworten

    November seit 3776 Tagen

    Letzter Regen: 25. Juli 2016, 23:49 Uhr