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    Sonntag, 21. Juni 2015
    Blogging November - 1328

    Bekanntlich habe ich immer wenig Zeit, daran kann man nicht viel machen, insofern halte ich es für eine gute Idee, manche Dinge einfach schneller zu machen. Und so nahm ich gestern an einem Speedreading-Seminar teil, zugegebenerweise mit wenig Erwartungen, aber dann war es doch interessant.

    Speedreading (Schnellesen) ist generell umstritten. Klar ist, dass es nichts nützt schnell zu lesen, wenn das Textverständnis auf der Strecke bleibt (Schnellesen grenzt sich in diesem Punkt klar von Querlesen ab - das Texterständnis soll, im Gegensatz zum Querlesen, nicht signifikant vom Verständnis beim normalen Lesen abweichen). Klar ist auch, dass Personen unterschiedlich schnell lesen, unklar jedoch, in wie weit das Schnellesen durch besimmte Techniken erworben werden kann oder ob diese Fähigkeit nicht eher auf andere Faktoren zurückgeht, welche auch immer.

    Wie dem auch sei, spekulieren kann man immer viel, ich probiere ja lieber aus. Vor dem Seminar ließ ich meine Lesegeschwindigkeit testen und lag damit bei knapp 300 Wörtern pro Minute - das ist ein eher schnelles normales lesen.

    Speedreading, so lernte ich im Seminar, baut im hauptsächlich auf drei Annahmen auf:

    Erstens sollen weniger redundante Informationen aufgenommen werden. So wird z.B. geübt, Wortgruppen statt einzelner Wörter zu erfassen und über Kleinkram schlicht hinwegzusehen. Kleinkram sind beispielsweise Artikel - man kann, um ein populäres Beispiel zu nennen, trefflich darüber streiten, ob es der oder das Blog heißt, aber für das Textverständnis ist es wirklich vollkommen gleichgültig. Artikel kann man weglassen beim Lesen. Außerdem wird nur vorwärts gelesen - also nicht, wie das sicher jeder kennt, nochmal mit den Augen zurückgehen, wenn man merkt, dass etwas unklar ist. Einfach weiterlesen, Mut zu Lücke, die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es sich im Nachhinein klärt, denn wichtige Punkte werden in einem Text selten nur einmal gemacht. Klärt es sich nicht, war es vermutlich sowieso egal. Und ansonsten: Mut zur Lücke. Geübt wurde das erbarmungslose Vorwärtslesen mit Metronom und Lesehilfe, das Erfassen von Wortgruppen mit Fixierungen, die eine Seite in Spalten aufteilt.

    Zweitens wird die Augenbewegung optimal genutzt. Zum einen das Sichtfeld, das natürlich auch für die Wortgruppenerafssung wichtig ist, zum anderen aber auch die Bewegung der Augen über die Zeile. Auch dafür gibt es ein paar lustige Übungstools, zum Beispiel eins, mit dem man einen beliebigen Text (solange er per Copy&Paste kopierbar ist) so abspielen lassen kann, dass immer ein Wort eingeblendet ist, in einer beliebigen Geschwindigkeit. Dabei muss man die Augen gar nicht mehr bewegen und es ist ein sehr eigenartiges Gefühl, einen Text quasi als Wortfilm zu sehen. Oder eine Möglichkeit, die beim Lesen am Bildschirm gut genutzt werden kann: das Fenster so schmal stellen, dass eine Zeile nur noch aus drei bis vier Wörtern besteht. Auf diese Weise muss das Auge nur nach unten scrollen, ohne sich links-rechts bewegen zu müssen.

    Drittens ging es auch um die Konzentrationsfähigkeit und das war vielleicht mein Aha-Erlebnis: wer Schwierigkeiten hat, den Inhalt eines Textes aufzunehmen, liest möglicherweise zu langsam. Dann hat das Gehirn nämlich Kapazitäten frei und legt nebenher eine Einkaufsliste an oder plant den Rest des Tages durch. Ja, das ist etwas, das ich in jedem Fall gut kenne. Bisher habe ich dann wirklich häufig gedach: So, das lese ich jetzt nochmal von vorne und ganz in Ruhe, Wort für Wort, dann muss es doch hängen bleiben. Und tatsächlich endete dieses Unterfangen nicht selten mit "ach ja, ich könnte heute Indisch kochen, da brauche ich nur noch Koriander!"

    Ich habe das wenn-Konzentrationsprobleme-dann-schneller-machen gestern schon mit einigen langweiligen Texten ausprobiert, und ja, das klappte. Außer später am Abend, da war ich einfach zu müde, da klappte gar nichts.

    Ein paar Tipps gab es noch zu Textstrukturen, Notizen und dergleichen, das war mir aber alles mehr oder weniger bekannt.

    Am Ende des Seminars testete ich meine Lesegeschwindigkeit nochmal und lag nun bei etwa 400 Wörtern pro Minute. Noch nicht irrsinnig schnell, aber doch deutlich schneller. Geübte Schnelleser kommen auf Geschwindigkeiten von 800 bis 1000 Wörtern pro Minute, sagt man. Meine Übungsphase zieht sich über die nächsten 30 Tage, ich bekomme täglich eine Mail und muss etwa 15 Minuten aufwenden. Danach habe ich, so der Plan, die Technik verinnerlicht.

    Wer weiß, das dann passiert, angeblich hat eine Dame Harry Potter und die Heiligtümer des Todes in unter einer Stunde durchgelesen. Für meinen Bücherstapel neben dem Bett ist das durchaus eine attraktive Option.

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