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    Freitag, 24. Juni 2016
    Wieviel Brexit hätten'S denn gern?

    Mal in aller Kürze:

    Jetzt sofort passiert erstmal nichts. Mal ganz abgesehen davon, dass das Referendum ja nicht bindend ist, entscheiden wird immer noch das britische Parlament. Aber dann müsste UK der EU sozusagen kündigen, nach Artikel 50 des EU Vertrags. Dann läuft eine Frist von 2 Jahren, in denen verhandelt werden kann und danach ist Ende, außer, es wird die Frist verlängert. Wie das in der Praxis genau läuft wissen wir nicht, weil Artikel 50 noch nie angewendet wurde. Kann natürlich auch sein, dass UK und EU schonmal verhandeln ohne offiziell nach Artikel 50 zu kündigen, um nicht unter Zeitdruck zu stehen. Das Abkommen zum Austritt muss von den Mitgliedsstaaten (ohne UK) mit qualifizierter Mehrheit und vom Europäischen Parlament mit einfacher Mehrheit beschlossen werden. Steht alles in Artikel 50.

    Wie genau die Beziehungen zwischen EU und UK dann geregelt werden sollen, ist völlig offen. Man könnte also behaupten, es wurde über etwas abgestimmt, von dem keiner überhaupt weiß, was es genau ist.

    Ganz grob unterscheide ich mal drei Szenarien, gibt natürlich auch alles mögliche dazwischen.

    1. UK verlässt die EU aber geht in die EEA (EWR). Also so wie Norwegen. Freier Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital, Arbeitnehmern. UK hätte dadurch weiter Zugang zum Europäischen Binnenmarkt.

    2. UK verlässt EU, tritt nicht EEA bei aber EFTA. Wie die Schweiz. Also: ein bisschen Binnenmarkt.

    3. Kompletter Austritt: bedeutet, dass UK sich vollkommen vom Europäischen Binnenmarkt löst. Wenn ich richtig sehe ist das einzige für die Handelsbeziehungen geltende Regelwerk dann momentan das der WTO, auf dessen Grundlage würden dann vermutlich sehr wahrscheinlich Verträge gemacht.

    In jedem Fall wird also enorm viel Zeit mit Verhandlungen und Verträgen vergehen, zusätzlich muss UK auch die komplette eigene Gesetzgebung überprüfen – derzeit „sticht“ EU Recht das lokale Recht, eine Vielzahl von Direktiven und so weiter wird also momentan in UK angewendet, obwohl sie im lokalen Recht nicht verankert sind und einige davon möchte man vielleicht behalten oder diese Angelegenheiten sonstwie regeln.

    Also viel zu tun, und keiner weiß was. Sehr spannend!

     
    Danke für diese knackige Zusammenfassung! Man sieht ja gar nicht mehr durch.

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    die hilfreichste lektüre des morgens. dank!
     
    schließe mich kecks und hafensonne an.

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    Danke!
    Warum können die großen Medien eigentlich nicht so hilfreiche, Fakten-basierte und kurze Artikel zu dem Thema schreiben? Im Moment liest man erstmal nur einen Haufen Panikmache (Werden Le Pen und Geers in Ihren Ländern ähnliches versuchen? Wird Schottland nochmal über die Unabhängigkeit diskutieren und alleine der EU beitreten?? Wird UK womöglich schon nächsten Montag/Dienstag aus der EU austreten???) und sehr wenige nüchterne Diskussionen. Schade, aber danke, dass Sie das hier immerhin nachholen.

    Im Übrigen: hätte es vorher diese Art von Diskussionen in UK gegeben, start irgendwelche "350 Millionen Pfund an die EU PRO WOCHE!" Gerüchte, dann hätte man a) diese Abstimmung vielleicht gar nicht gebraucht oder b) immerhin konkreter abstimmen können, z.B. basierend auf Ihren 3 oben genannten Beispielen anstatt einfach nur trotzig zu sagen: "Raus, egal was danach kommt!"
     
    schliesse mich allen an.

    spannend wird es übrigens auch, wenn jetzt ein paar grosskonzerne die flucht antreten werden, unter anderem, weil die europäische bankenaufsichtsbehörde und die arzneimittelagentur ihren sitz in london haben. und eine anzahl von herstellern, die in gb produzieren, werden ebenfalls mit butz und stingel heulend das hasenpanier ergreifen.

    dabei ist es doch im prinzip so einfach: erst eine sache zu ende denken, dann handeln. ist ja auch irgendwie logisch.
     
    Ich glaube auch, dass die reißerische und seitens der Medien völlig unreflektierte Verwendung des Begriffs Brexit auch seinen Beitrag geleistet hat. Das klingt so griffig, so einfach, das muss man doch einfach gut finden! Während Abstimmung über das Verlassen der EU mit folgenden möglichen oder zwingenden Konsequenzen natürlich etwas uncooler klingt.

    Man wird sehen.

    @kelef: Erstmal eine Sache zuende denken und dann handeln?! In der Politik? *hysterisch lachend ab*
     
    in der bundesdeutschen politik sind im allgemeinen sehr viele entscheidungen lange verhandelt worden, durchaus mit sachverstand (die leute in den ministerien landen dort i.a. nicht nur wegen ihres parteibuchs, sondern auch wegen ihrer fachlichen qualitäten als wissenschaftliche mitarbeiter; die meisten lobbyisten haben auch ahnung von dem kram, den sie da durchzusetzen versuchen). nennt sich konsensdemokratie und wird vom system (bewusst) gefördert, vgl. das grundgesetz als versuch, ein zweites weimar unmöglich zu machen.

    zudem ist eine moderne, ausdifferenzierte gesellschaft so komplex, dass das "durchdenken" einer sozialen (aka gesellschaftlichen/politischen/öffentlichen) sache schlicht nicht möglich ist. komplexität ist gerade dadurch definiert, dass man *nicht* wissen kann, welche folgen maßnahme x im system z (und schon gar nicht im daran gekoppelten system p) haben wird, bevor man x durchgeführt hat. und dann sind ja längst alle schon wieder am schreien.

    insofern:
    man kann dem deutschen regieren einiges vorwerfen, aber übereilte entscheidungen zählen in der großen mehrheit der fälle bislang nicht dazu.

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    Gute Zusammenfassung! Ich steh jetzt gerade fassungslos im Internet herum und höre verzweifelten Briten zu, die der Welt und damit auch mir erklären, dass sie niemals für den "Brexit" gestimmt hätten, wenn sie geahnt hätten, was der für Folgen hat. *Kopfkratz*.

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    Ja, grundsätzlich natürlich Zustimmung, ist ja auch alles korrekt. Trotzdem ist es nicht ganz so einfach, also das Fazit, dass da enorm viel Zeit vergehen wird, würde ich nicht unterschreiben. Enorm viel schon deshalb nicht, weil ein paar Jahre nichts sind, wir Erwachsenen jenseits der *hüstel* 30 wissen das doch am besten. Und vor allem wird kaum Zeit vergehen, in der sich in der UK innenpolitisch viel ändern wird. Und der allerwichtigste Faktor: Der Finanzsektor wartet keine Minute ab, siehe gestern, Morgan Stanley karrt direkt die Massen raus nach Irland und Frankfurt. Und das wird - zumindest denk ich das - kein Strohfeuer oder irgendeine überstürzte Handlung sein, das wird zum Standard werden in nächster Zeit.

    Ja, hier bei uns müssen wir uns eigentlich keine großen Sorgen machen (wobei es da auch genug zu verlieren gibt), aber speziell für London ist das ganz großer Mist.

    Also was nun aus dem Austritt wird, ist erst einmal zweitrangig, das Abstimmungsergebnis hat jetzt schon echte negative Auswirkungen, die kann man nicht ignorieren.

    Gestern früh hab ich noch im Scherz zu Kollegen gesagt, dass London sich am besten auch unabhängig machen sollte, Bremen halt :D, und tagsüber wurde das auf Twitter schon ernsthaft diskutiert. Muss man sich mal vorstellen! Also vollkommen absurd, aber nicht völlig undenkbar: England braucht ne neue Hauptstadt! Da sieht es aber ganz schön mager aus. :D
     
    Ich meinte es wird Zeit vergehen bis klar ist, in welchem Verhältnis UK zur EU in Zukunft stehen wird und was das alles genau bedeuet. Dass sich jetzt schon Veränderungen im Sinne von Reaktionen auf das Abstimmungsergebnis zeigen ist natürlich richtig. Der Finanzsektor sitzt seit gestern morgen in Meetings, eben weil nichts klar ist, und Unsicherheit ist nunmal der Feind der Investition. Da wird gerade - wenn ich von meinen Meetings auf das große Ganze schließe - einfach alles auf Eis gelegt.
     
    Ich möchte hier mal eine Neid-Debatte eröffnen. Wenn ich die Sache richtig verstehe haben sie ja von allem genug und ich zu wenig. Sie haben da jetzt mal stolze 2370 Klicks und ich 37. Mein Gott wie ich das alles schon hasse. Sie unter ihre Leser natürlich auch.
     
    Na ja, vielleicht wird auch einfach nochmal abgestimmt und alle Aufregung war mal wieder für die Katz. Die, die heute so lustig rumlag. :D

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