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    Sonntag, 29. November 2015
    Blogging November - 1481

    Im Haushalt meiner Kindheit gab es einige Dinge im Überfluss, nämlich Messer, Spritzbeutel und Stielkämme. Messer- und Spritzbeutelmanager ist natürlich Papa N., Mama N. hingegen ist Stielkammlady No. 1. Stielkämme - also feine Plastikkämme mit einem sehr dünnen Metallstiel als Griff - hat sie überall: in jeder Handtasche (klappbar), in jedem Raum, neben jedem Spiegel, im Bad und ein paar im Vorrat. Und einer lag im Flur auf dem Schlüsselbrett neben der Tür, um rasch noch (mit dem Stiel) die Locken zu ordnen, bevor es rausgeht bzw. bei den Kindern rrrrrratsch (mit den Zinken, haha, Zinken), den Scheitel nachzuziehen, damit alles ordentlich ist. Und vier Spritzer LouLou, tschp tschp links, tschp tschp rechts, nur für Mama N., aber damit war sichergestellt, dass alle fluchtartig zügig die Wohnung verlassen.

    Abseits des rrrrrratsch handhabte Papa N. den Stielkamm an den Kindern. An den Winter kann ich mich nicht erinnern, im Sommer war es so: barfuß auf dem Spielpatz, wenn man rennt, gerade auf Asphalt, bummst es so merkwürdig von der Ferse in den Kopf, man rennt, weil man zu Hause sein soll, wenn die Kirchturmuhr 6 schlägt, dann in die Badewanne, an den Zehen ist der Staub so lustig in die Hautfurchen eingedrungen, an den Knien weicht der Schorf auf, das Wasser ist hinterher trüb und dann sind natürlich auch die langen Haare verklettet. Die entwirrt Papa N. vor dem Fernseher, mit dem Stielkamm, in der Erinnerung läuft für immer "Ein Colt für alle Fälle" und es gibt Graubrot mit Banane und Käsewürfel und ein Glas Milch. Einmal Haare entwirren dauert relativ genau eine Folge lang.

    Irgendwann bekam ich einen eigenen Stielkamm in 80er-Jahre-Pink, es müssen die späten 80er gewesen sein, das war nämlich anlässlich meiner Frisur, die aus toupiert und abrasiert bestand, aber Mama N. hatte den Grundsatz, ihre Kinder in allen ihren Interessen zu unterstützen, Hauptsache, die Frisur sitzt. Und dann fand noch irgendwann ein schwarzer Stielkamm den Weg zu mir, ich weiß nicht wie oder warum. Und jetzt habe ich ja auch ein Kind mit langen Haaren, die verkletten und die manchmal auch in absurde Frisuren angeordnet werden müssen, für Turnwettkämpfe, und um diese Frisuren herzustellen, konsultiere ich Youtube-Videos und verwende dann den Stielkamm.

    Der schwarze Stielkamm verschwand jedoch irgendwann. Als wir aus Stockholm zurückkehrten, war er weg. Das war Ostern 2014. Ich war etwas unglücklich, nicht wegen des Verlustes an sich, sondern weil ich lieber den pinkfarbenen verloren hätte. Andererseits benötigt eben Mademoiselle den Stilkamm viel häufiger als ich, ich seit dem Haareabschneiden nämlich gar nicht mehr, und sie findet pink gut.

    Nur war vor etwa zwei Wochen auch Pink verschwunden. Spurlos. Sehr mysteriös.

    Wir behalfen uns mit dem Opa-Kamm. Der Opa-Kamm ist ein uralter Kamm, den mein Opa immer in der Hosentasche trug. Oder Hemdtasche, ich weiß nicht genau, denn ich habe diesen Opa nie kennengelernt, er starb ein paar Tage vor meiner Geburt. Niemand ist in meiner Familie esoterisch veranlagt, aber alle behaupten, dieser Opa wäre teilweise in mir wieder da, besonders seine, ähm, Temperamentsausbrüche, und ich soll ihm auch sehr ähnlich sehen. Also bekam ich irgendwann den Opa-Kamm als Erbstück und ich holte ihn hervor, als Schwarz und Pink verschwunden waren, um das Kind zu frisieren. Nur machte mich das etwas nervös, zum einen möchte ich den Opa-Kamm nicht auch noch verlieren, zum anderen steckt er in einer rötlich-braunen Hülle, die, sobald sie mit Feuchtigkeit in Berührung kommt, alles um sich herum knallrot verfärbt.

    Vorgestern ging das Kind spät zu Bett, wusch vorher noch die Haare, ich kämmte ihre Haare mit dem Opa-Kamm aus, die Ablage ums Waschbecken war rot verfärbt und später beim Zähneputzen überlegte ich mir, dass es nicht sein kann, dass Schwarz und Pink weg sind. Gesucht hatte ich aber schon hundertmal, also dachte ich, ich probiere es mit Nachdenken. Dementsprechend stand ich vor dem Spiegel, unbeweglich (so kann ich am besten denken), die Zahnbürste in der Hand, Schaum tropfte mir aus dem Mund, dachte nach und kam zu dem Schluss: Pink wird im Stifteköcher neben der Kaffeemaschine in der Küche sein. An dieser Stelle scheitele ich nämlich immer Mademoiselle, natürlich habe ich dabei Kamm mit Stift verwechselt und ihn dort hineingestopft. Es konnte gar nicht anders sein.

    Ich ging also in die Küche, um Pink aus dem Stiftekköcher zurück ins Bad zu transferieren, nur: ich hatte falsch gedacht. Pink war dort nicht. Verärgert über meine minderwertige Denkleistung ging ich schlafen.

    Am nächsten Morgen wachte ich auf. Irgendwie hatte ich mir im Schlaf einen Fingernagel eingerissen. Ich griff im Bad in meinen Kulturbeutel, tastete nach der Nagelfeile und rammte mir dabei irgendwas unter einen anderen Nagel. Als ich das Irgendwas hervorzog sah ich: es war Schwarz. Kurz setzte ich mich auf den Badewannenrand, um zu reflektieren: Völlig unmöglich, Schwarz war seit über einem Jahr weg, in dieser Zeit hatte ich den Kulturbeutel nicht nur in mindestens drei europäischen Ländern verwendet, sondern sogar auch zweimal zum Waschen komplett leer geräumt. Wirklich, absolut ausgeschlossen, die Chance, dass Schwarz darin ist, weit unter Null. Aber der Realität sind Wahrscheinlichkeiten scheißegal. Schwarz war wieder da.

    Ich stand vom Badewannenrand auf und sah aus dem Augenwinkel etwas Rosarötliches unter dem Waschtisch liegen. Vermutlich ein Katzenbällchen. Ich stieß mit dem Fuß danach und das Ding piekte mit in den Zeh. Es war Pink. Pink lag unter dem Waschtisch. Unter dem ich neulich noch aufgewischt hatte, weil ich ja den Abfluss wegen irgendwas auseinanderschrauben musste. Und die Putzfrau war seit dem Verschwinden von Pink mindestens zweimal dagewesen, und die ist gründlich. Kann alles überhaupt nicht sein.

    Diese Geschichte hat keine Pointe. Ich beobachte Schwarz und Pink jetzt sehr genau. Pink liegt bislang regungslos auf der Dose mit den Haargummis. Schwarz ist ein Stück die Wand emporgeklettert und hat sich hinter der kleinen Zahnputzsanduhr von Mademoiselle verfangen, die dort an den Fliesen angebracht ist. Ich denke, das deutet auf einen erneuten Fluchtversuch hin.

     
    Das macht mir doch jetzt Hoffnung! Hoffnung, dass meine Nagelfeile zu mir zurückfindet, die mit dem abgesplitterten Griff, die ich 30 Jahre lang benutzt habe, die so genau richtig die Nägel gefeilt hat, bis sie sich im Sommer 2014 plötzlich in Luft aufgelöst hat. Okay, sie war nach einem Campingurlaub plötzlich weg, aber ich habe immer gut auf sie aufgepasst. Ein unerklärlicher Verlust, über den ich auch schon viel nachgedacht habe, mit dem gleichen Ergebnis, dass Sie jetzt schildern, ich wusste plötzlich, wo sie sein mußte, aber sie war dann doch nicht dort.

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    Sie haben also auch Borger im Haus : )

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    Graubrot mit Banane und Käsewürfeln und Milch - manche Abendbrotsitten kommen mir durchaus abenteuerlich vor. Das würde ich wahrscheinlich nicht einmal bei schwangerer Hormonlage runterkriegen.
     
    Graubrot mit Banane kenne ich aber auch. Wir sind halt Westkinder. ;-)
     
    @hafensonne wenn mich nicht alles täuscht, sind wir doch kulinarisch schon öfters aneinander geraten.
     
    @Frau N.: Haha, aneinandergeraten würde ich jetzt nicht sagen, aber stimmt, Ihre Menüs kommen mir des öfteren seltsam vor. Aber hier war es glaube ich hauptsächlich die Milch.

    @arboretum: Eben, wahrscheinlich wäre es mir bei den drei Bananen im Jahr nicht im Traum eingefallen, diese Kostbarkeit mit so etwas schnödem wie Graubrot zu mischen.
     
    Ich glaube, das würde mir auch heute noch nicht in den Sinn kommen, aber vermutlich liegt das daran, dass ich Bananen eigentlich nicht besonders gern esse.

    (Ob man mir jetzt sozusagen posthum die DDR-Staatsbürgerschaft aberkennt?)

    Mischbrot mit Brie und dünnen Apfelscheiben ist hingegen äußerst lecker.
     
    vermutlich liegt das daran, dass ich Bananen eigentlich nicht besonders gern esse.

    (Ob man mir jetzt sozusagen posthum die DDR-Staatsbürgerschaft aberkennt?)


    Wieso sollte man Ihnen die im Nachhinein aberkennen? Dass sie nicht so gerne Bananen mögen, habe ich schon häufiger von Leuten gehört, die in der DDR aufwuchsen.
     
    @kleinewolke: Wieso eigentlich posthum? Ich hoffe, Sie erfreuen sich noch bester Gesundheit!

    Ich habe noch nicht davon gehört, dass frühere DDR-Bürger Bananen nicht mögen. Zu DDR-Zeiten erfreuten sie sich jedenfalls großer Beliebtheit. Vielleicht haben sich dann einige im Zuge der Wende damit überfuttert.
     
    Wie gesagt, ich bekam das schon öfter zu hören. Einer erzählte einmal, dass es bei seinen Kindern so frappierend sei: Das ältere Kind, das die ersten Jahre noch in der DDR heranwuchs, mochte Bananen genau wie er selbst nicht besonders gern. Das zweite Kind war ein Nachwendekind, bekam also schon als Baby Bananen zu futtern und aß die auch später noch sehr gern und häufig.
     
    @arboretum: Es ging mir ums Stereotyp.:)

    @hafensonne: Ich schon, die DDR eher nicht.:)

    Ich habe auch weiter nichts gegen Bananen, vor allem, wenn sie von Nüssen begleitet werden (in Brot oder Haferbrei). Aber wenn ich zwischen Äpfeln und Bananen wählen müsste, wäre das keine Frage.
     
    ...möchte nur kurz einwerfen, dass ich aus dem Westen komme (dass ich das nach 25 Jahren auch noch mal schreibe...) und mir die Kombination Graubrot und Bananen sehr, sehr merkwürdig erscheint, auch wenn hier anwesende Westlerinnen selbiges abstreiten.

    P.S.: ...bekomme ich jetzt die DDR-Staatsbürgerschaft h.c.?!?
     
    @ kleinewolke: Und mir um Essgewohnheiten. ;-)

    Interessanterweise waren es übrigens immer Ost-Männer, die mir erzählten, sie mögen Bananen gar nicht so sehr. Auch bei den erwähnten Kindern verhielt es sich so.

    @ wajakla: Vielleicht waren Sie als kleiner Junge kulinarisch nur nicht so experimentierfreudig. ;-)

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