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    Donnerstag, 12. November 2015
    Blogging November - 1473

    Tja, da hatte ich gedacht, ich könnte die Kraulschwimmkursberichte langsam outphasen, so dass niemand bemerkt, wenn wir Mitte Dezember nicht mehr hingehen. Aber dann fand die Kraulschwimmpartnerin den Ersatztext enttäuschend und das Postfach ist randvoll mit einer weiteren Beschwerdemail einer Leserin (oder eines Lesers, man weiß ja nie).

    Bevor ich dazu komme, jedoch noch ein Update zu meiner inneren Demaizièrisierung: wie Sie wissen, sind bei mir die Grenzen momentan dicht zu dem Zwecke, meinen Wortstrom zu stoppen. Heute Morgen am Bahnhof kam keine Bahn, ich lief ein wenig herum und hörte Musik und kam dann auf den Gedanken, dass Sitzen auch sehr nett sein könnte. Es war eine Bank frei, dicht vor der Bank standen jedoch Herren in Geschäftskleidung mit Trolleys. Also ging ich hin, sagte "darf ich?" und bewege meinen Hintern auf die Sitzfläche zu.

    "Aber hier sitzen wir!", sagte einer der Herren. So. Hinter meiner Grenze wurde es eng. Normal hätte ich "Sie schwindeln, weil: Sie stehen nämlich!" gesagt. Und dann "Und auch schon seit zwei Songs und der eine davon ist sogar ziemlich lang, ich hatte erst überlegt, ob er sich für Karaoke eignet, aber, wie gesagt: zu lang, da werden die anderen ja ungeduldig. Was schade ist, denn das ist ziemlich genau meine Stimmlage. Soll ich mal ansingen?" Während ich das sage, hätte ich mich hingesetzt. Es ist immer eine gute Strategie, die Leute durch Worte abzulenken während man Tatsachen schafft. Wichtig ist dabei, ihnen in die Augen zu schauen, nicht etwa auf die Bank, zu der man möchte, nein, immer Blickkontakt halten. Das machen Zauberer auch so.

    Nunja. Ich sagte "Oh, okay…" (zu "Entschuldigung" konnte ich mich nicht überwinden) und stand wieder auf. Ich denke, möglicherweise muss ich dieses Experiment vorzeitig abbrechen, es bekommt mir nicht gut. Hätte ich einen Fitness-Tracker, hätte ich mir das noch schönreden können, dass ich nun wieder am Bahnhof auf- und ablaufe und dadurch irgendeinen Contest gewinne. Aber ich habe ja keinen. Da scheitert das beste Reframing.

    Natürlich habe ich das alles jetzt nicht etwa geschrieben, um vom Kraulschwimmkurs abzulenken.

    Wir waren gestern nur zu zweit: die nette Frau und ich. "Das überrascht mich nicht!", sagte der Kraulschwimmlehrer verächtlich. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass er seit einigen Wochen auch ein Experiment an sich selbst durchführt, nur scheint es meinem völlig gegenläufig zu sein. Vielleicht ist das so, dass sich alles auf der Welt ausgleichen muss. Während ich ganz sanftmütig und duldsam bin, muss jemand anders die Panzerfaust raushängen lassen. Und das ist eben nun der Kraulschwimmlehrer und vielleicht bekommt ihm das gar nicht gut, so dass wir besser wieder tauschen sollten, also: wenn es schon einer machen muss.

    Nach dem Einschwimmen widmeten wir uns dem Rückenkraulen. Und zwar: Rückenkraulen mit Antippen in der Achsel. Der Kraulschwimmlehrer machte es auf dem Trockenen vor. "Das fühlt sich lustig an", sagte er. Zwei Bahnen.

    Dann Rückenkraulen mit Kraulabschlag und zwar in drei Varianten: einmal über dem Kopf gestreckt im Wasser, einmal unten in der Streckung neben dem Oberschenkel, einmal über dem Bauch in der Luft. Jeweils zwei Bahnen. "Bei über dem Bauch sauft ihr vermutlich ab", klang es vom Beckenrand. Stimmte aber gar nicht. Ätsch.

    Dann Rückenkraulen mit Entchen. "Hey, macht euch nicht lächerlich!", rief der Kraulschwimmlehrer, als wir unsere Entchen ins Wasser hielten, damit sie sich vollsaugen. Wasser in den Enten ist im Profikurs verboten. 4 Bahnen.

    "Dann fangen wir jetzt mal richtig an", hieß es um 21:30 Uhr. "Wir können heute ruhig ein paar Minuten länger machen." 8 Bahnen normal vorwärts kraulen. Ich glaube, das war der Zeitpunkt, zu dem ich gesagt hätte "jo, jetzt ist gut", aber dazu kam man nicht.

    Dann noch ein Geschwindigkeitsspielchen. Nochmal 8 Bahnen kraulen, immer auf dem Hinweg so schnell es geht, auf dem Rückweg langsam. Nach zwei Bahnen verschluckte ich mich fies - ich kann den Hals noch nicht komplett wieder nach links drehen, links ist aber sowieso meine schlechtere Seite und links ist die Seite, auf der auf dem Rückweg die Profis schwimmen und da kriegt man eher mal eine Welle in den Mund. "Was ist, warum drehst du nicht richtig raus?", meckerte der Kraulschwimlehrer vom Beckenrand. "Ich hab einen steifen Hals!", sagte ich. "Jaja, ich auch", sagte der Kraulschwimmlehrer. "Atme halt auf 4".

    "Ich glaub ich hab einen Krampf im Fuß", sagte die nette Frau nach Bahn 3. "Erzähl mir das auf der anderen Seite", sagte der Kraulschwimmlehrer und trabte die Länge des Beckens davon. Als wir dort ankamen, war er aber schon wieder weg. Also schwammen wir halt resiginiert die acht Bahnen fertig und dümpelten dann im flachen Wasser zu einer letzten Ansprache für den Tag die grob zusammengefasst lautete: Technisch alles gut, ab jetzt Strecke machen.

    Dann zwei Bahnen ausschwimmen. Als wir zur Dusche gingen, schallte uns "Ihr hättet beim Ausschwimmen auch ruhig noch ein paar Bahnen mehr machen können!" nach.

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