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    Dienstag, 8. April 2014
    Blogging November - 889

    Ich muss demnächst eine Stelle besetzen, das liegt mir im Magen.

    Vermutlich ist die Frage jetzt erst einmal, was daran schlimm ist, eine Stelle zu besetzten. Viel schlimmer ist doch sicher, eine zu suchen. Ja, das mag sein, noch schlimmer, als eine zu suchen, ist dann aber auch wieder der Hunger in Afrika und wir können uns nicht ausschließlich der großen Dramatik auf der Welt widmen. Nehmen wir mit der kleinen vorlieb: ich muss eine Stelle besetzten.

    Daran ist auf der einen Seite schlimm, dass es zeitlich sehr aufwendig ist. Ich besetzte ja nicht hauptberuflich Stellen sondern mache das ab und an nebenher. Meine Haupttätigkeit sprengt schon den Rahmen der dafür vorgesehenen Arbeitszeit, eine Stellenbesetzung mit grob geschätzt 50 Stunden Arbeitsaufwand plus dem später folgenden Einstellungsaufwand ist daher inopportun.

    Auf der anderen Seite ist daran schlimm, dass es mich psychisch anstrengt. Ich bin (behaupte ich) relativ unneurotisch, aber wenn im Schnitt 100 Personen von mir eine einzige verfügbare Stelle haben möchten, fühle ich mich in gewisser Weise verantwortlich, eine Entscheidung zu treffen, die ich objektiv rechtfertigen kann. Nicht, dass jemand fragen würde, aber vor mir. Mal ganz abgesehen davon, dass es natürlich auch eine gute Entscheidung sein sollte, sonst ist da wer, den man nicht brauchen kann, und man kann keinen anderen mehr holen, weil das Budget weg ist - diese hypothetische Möglichkeit belastet mich jedoch wenig, das ist mir nämlich noch nie passiert.

    Und auf der anderen Seite mag ich eben einfach Menschen. Das ist das Hauptproblem. Es gibt natürlich vorher immer einen definierten Kriterienkatalog. Es gibt aber auch immer Ermessensspielraum: dass die da bei [Konkurrent] so ein schlechtes Zeugnis hatte, kann ich irgendwie verstehen, die sind da ja auch außergewöhnlich bekloppt / ui, eine 4 in der Ausbildungsprüfung? naja, hat vielleicht Prüfungsangst / 10 Stellen in den letzten 3 Jahren - mhm in dem Alter hat man sich manchmal noch nicht gefunden, das ist jetzt sicher anders / oh, da klebt ein Salatblatt an der letzten Seite... na, immerhin isst er gesund!

    Und ich mag Geschichten. Eine handschrifliche Bewerbung über viele Seiten, mit Füller (und Tintenkiller) mühevoll produziert - was treibt diese Person? / Sollte man nicht irgendwie honorieren, dass eine andere Person 15 Jahre hinweg verschiedene Angehörige gepflegt hat, auch wenn sie wirklich gar keine Rechtschreibung kann? / Oder die, deren letzter Vorgesetzer es zu zweifelhafter Prominenz gebracht hat und einsitzt, weshalb sie selbst für mehrere Jahre das Land verließ - die kann doch eigentlich gar nichts dafür?!

    Habe ich es dann geschafft, aus dem ganzen Wust der Leben eine hoffentlich sinnvolle Auswahl zu treffen, kommen die Gespräche. Da versuche ich, jemanden innerhalb einer Stunde so kennenzulernen, dass ich eine Basis für die Entscheidung habe, ob wir die nächsten Jahre zusammenarbeiten möchten. Das ist schlimmer als ein Blind Date - Beziehungen kann man viel einfacher wieder beenden als Arbeitsverhältnisse! Man lässt also alle Kanäle weit offen, um so viele Eindrücke wie irgendwie möglich aufzusaugen. Ich habe dann nach jedem Gespräch einen Migräneanfall. Vielleicht bin ich ja doch neurotischer, als ich denke.

    Personalvermittler einzuschalten, hat sich wenig bewährt. Die Vorauswahl ist meist katastrophal, hauptsächlich liegt das - glaube ich - an der hohen Fluktuation in der Branche. Was konkret bedeutet, dass ich mit jemandem über eine Stunde zusammensitze und unsere Anforderungen durchgehe, ein paar Wochen später hat er dann woandershin gewechselt - nur den Arbeitgeber im besten Fall, dann kann man einfach "mitgehen", aber eben oft auch das Fachgebiet und dann fängt man mit dem Nachfolger wieder bei Null an. Es ist also ein ähnlicher Aufwand, wie bei der Suche mittels Annonce, oft sogar noch frustrierender und langwieriger, weil sämtliche Rückfragen und Terminvereinbarungen über einen Mittler gehen.

    So ist das von meiner Seite. Es ist also gar nicht das Gefühl "hey, ich habe eine Stelle zu vergeben, ich trinke viel Kaffee, caste ein paar Leute und rette die Welt", sondern eher: ich habe 1 Stelle, 100 Bewerbungen und 50 Stunden Zusatzarbeit. Nunja.

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