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    Samstag, 30. April 2022
    30042022

    Atmen also. Na gut. Atmen ist natürlich sehr wichtig, allein zum Überleben. Mit Atmen kann man aber natürlich noch so viel mehr machen.

    Ich konnte als Kind häufig nicht gut einschlafen. Mama N. hat dann "Bauchatmung" mit mir geübt, ganz tief in den Bauch atmen und spüren, wie die Bettdecke sich hebt und senkt und wie die Luft durch den Körper geht, rein und wieder raus. Gleichzeitig haben wir dann noch die Ohren ganz weit aufgemacht. Vielleicht ist das ein besonders guter Trick zum Einschlafen. Die Ohren nicht "zu" zu machen und sich dann über störende Geräusche zu grämen, sondern sie aufzumachen und zu Lauschen. In den Körper, ins Bett, ins Zimmer, in die Wohnung, ins Haus, in den Hof, in den Platz vor dem Haus, in die Straße, in die Stadt, in den Himmel. Genau zu lauschen, was da für Geräusche sind und was sie bedeuten, welche Geschichten dazu einfallen. Die Geschichten haben Mama N. und ich uns dann zugeflüstert. Wie die Haustür ins Schloss fällt - hören wir Schritte, die sich entfernen oder Schritte, die ins Haus kommen? Haben wir gehört, wie ein Schlüssel aus der Tasche gezogen wird, hören wir eine Autotür, einen Motor starten? Von Weitem quietscht eine Straßenbahn auf den Gleisen (im Winter lauter als im Sommer), es ist also vor Mitternacht, danach fahren die nicht mehr. Da fuhr ein Auto vorbei, es hält an, es fährt mit anderem Klang weiter, vermutlich rückwärts, parkt es ein? Hören wir gleich eine Tür, mal ganz leise warten und lauschen. Und wenn wir so leise sind, hören wir vielleicht auch die Vögel in den Nestern in den Bäumen, wie sie mit dem Gefieder an den Äschen vorbeistreifen, wenn sie es über ihre Küken ausbreiten, wenn wir ganz leise und geduldig sind, hören wir das bestimmt... ups, eingeschlafen!

    Wo war ich, ach ja, beim Atmen. Mit dem Atmen habe ich mich dann länger nicht bewusst befasst aber mit dem Gesangsunterricht natürlich wieder. Singen ist ja in weiten Teilen Atmen, wenn man die Luft anhält, kann man nicht singen. Ich kann übrigens nicht sonderlich lange die Luft anhalten, da wird mir sofort unwohl. Dafür kann ich ungewöhnlich lang ausatmen, also auch ungewöhnlich lang einen Ton halten. Dieselben Atemtechniken, die beim Singen gut funktionieren, funktionieren natürlich auch beim Sprechen gut. Ich muss darauf immer noch achten, das steckt nicht irgendwie natürlich in mir, weder beim Singen noch beim sprechen. Oft rufe ich z.B. nach Herrn N. oder nach M aber halt unbewusst, das ist dann meist eine irgendwie unauffällige Frequenz und wenig resonant und keiner reagiert. Nach dem zweiten Mal fällt es mir auf, ich richte mich dann in meinem Sessel ein klein wenig auf, atme ordentlich ein und rufe noch mal richtig, also so, wie ich es nun gelernt habe. Schwupps kommen sie angerannt. Das ist sehr praktisch. Funktioniert auch gut z.B. am Telefon, wenn ein Gespräch sich verfahren hat, ordentlich zu atmen und in einem ganz anderen Klang "Ich möchte Sie unterbrechen - was Sie sagen führt zu nichts und wir machen das jetzt auf meine Art" zu sagen. Alles nur Atmung dahinter, kein anderer Mensch, kein anderer Verstand. Ich brülle auch viel lieber aus dem Autofenster, seit ich Gesangsstunden nehme. Nichts Unflätiges natürlich, das kostet ja Geld, halt so Sachen wie "WAS WIRD DAS DENN DA VORNE??" oder "FAHR DIE KARRE AUS DEM WEG SONST SCHNIPPS ICH DIE MIT DEM KLEINEN FINGER WEG!"

    Anfangs haben wir im Gesangsunterricht viel auf dem Boden gelegen, mit dem Rücken platt an der Wand gestanden oder mit dem Bauch (soweit wegen Brüsten möglich) um zu spüren, wie das Atmen sich anfühlt und wie der Klang der Stimme sich verändert. Auch interessant, etwas zu singen, wenn der Mund 5 cm vor einer Wand ist, wenn der Schall so abgebremst wird. Auch interessant übrigens, mit FFP2-Maske zu singen oder zu brüllen/rufen, probieren Sie es ruhig aus, das macht Spaß.

    Was mir neulich noch aufgefallen ist - vorher auch schon ein paar Mal, aber ich habe es immer wieder vergessen, vielleicht können wir diesem Phänomen jetzt mal nachgehen: ich treffe häufig auf Menschen, die nicht brüllen können. Anatomische Gründe hat das (in dieser Vielzahl) sicherlich nicht, aber ob jetzt wegen der Technik, also Atmung oder wegen einer inneren Hemmschwelle konnte ich noch nicht herausfinden. Wobei ich immer denke, wenn der Wunsch nur stark genug ist wird sich die Hemmschwelle schon unterordnen. Mich würde z.B. interessieren, ob Personen, denen das Brüllen nicht gelingt, in der Öffentlichkeit singen würden.

    Aber wie gesagt, ich konnte es noch nicht herausfinden, die Gespräche wechselten meist schnell das Thema oder brachen ab.

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