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    Mittwoch, 16. Juli 2014
    Blogging Nobember - 989

    Ich bin eine Freundin der guten Dienstleistung. So mag ich zum Beispiel Carsharing - ich kann ein Auto verwenden, aber es gehört jemand anderem und derjenige kümmert sich um des Autos Belange. Ich finde Büchereien super - zig Bücher zum Lesen, aber keines steht bei mir herum. Und ich hänge bekanntlich sehr am Gemüsemann und der Putzfrau, die seit Jahren den Mittwoch zum Highlight-Tag der Woche machen. Ja, ich finde es super, wenn andere Menschen Dinge für mich erledigen, und dafür bezahle ich gerne. Man könnte vielleicht sagen, ich bin faul. Ich würde das anders ausdrücken: ich verwende meine Zeit gerne auf das, was mir Spaß macht.

    Spaß macht mir bekanntlich das Radfahren. Fahrräder reparieren jedoch nicht. Gestern Abend, als ich um 19 Uhr aus dem Büro stolperte, freute ich mich auf eine Fahrradfahrt quer durch die Stadt in ein Restaurant, und auf den nächtlichen Heimweg am Fluss entlang danach. Jedoch: das Fahrrad war platt. Hinten.

    Wieso, weshalb, warum kann ich nicht sagen, es ist eben nicht so, dass ein Raubtier den Reifen gerissen hätte. Aus rund 1,70 Metern Höhe betrachtet ist er unversehrt, aber platt. Platt ist: nicht fahrbar. Der Rest war uninteressant, ich fuhr Taxi.

    Nach dem Restaurant war der Reifen unglücklicherweise noch immer platt, das Rad passte nicht ins Auto der Kollegin und ich hatte überhaupt gar keine Lust, das Fahrrad in die rolltreppenlose S-Bahn-Station zu wuchten, dann zwanzig Minuten lang festzuhalten und im Anschluss eine weitere Viertelstunde vorsichtig zu schieben, um es am nächsten Tag wiederum eine Viertelstunde zu Herrn M., dem Fahrradmenschen, mit dem mich seit vierzehn Jahren eine Hassliebe verbindet, zu schaffen. Ich vertagte die Angelegenheit also.

    Heute morgen war ich ausgeruht, aber dennoch weiterhin wenig geneigt, das Fahrrad per Bahn zu transportieren und googelte folglich Fahrradläden in der Nähe des Büros. Es gab einen zwei Straßen weiter, dort rief ich an, ein junger Mensch mit amerikanischem Akzent sagte mir, man könne das Rad erst Montag reparieren. Ich sagte daraufhin ab - so lange wollte ich das Rad nicht vor dem Büro herumstehen haben und sowieso auch nicht die nächsten fünf Tage Bahn fahren. Der junge Mensch war verblüfft - natürlich kann ich das Rad doch sofort heute schon bringen und erhalte ein kostenloses Leihrad! Das ist doch selbstverständlich!

    Nun ist es so: Herr M. und ich kennen uns seit, wie gesagt, vierzehn Jahren und seitdem erbringt er eine schlechte Dienstleistung. Wobei - das Kerngeschäft, also die eigentliche Reparatur - führt er einwandfrei aus. Aber dazu muss es ja erst einmal kommen.

    Herr M. nimmt beispielsweise keine Fahrräder an, wenn er sie nicht am selben oder am nächsten Tag repariert. Dafür hat er keinen Platz, man muss dann ein andermal wiederkommen. Gleichzeitig verteilt er aber keine Termine, das ist ihm zu viel Aufwand. "Ich bin ja nicht so ein Bürofräulein wie Sie!", sagte er mir auf eine diesbezügliche Frage. Man muss bei Herrn M. also schauen, dass man Glück hat. Und wenn dem so ist, muss man vorher auch Fahrradkorb und Kindersitz abmontiert haben, sonst nimmt Herr M. das Rad nämlich nicht an. Wobei, bei mir dann nach einigen Jahren und gespärchstechnischen Pattsituationen schon, weil er "das Gerede nicht mehr aushalten" konnte. Weitere Reibungspunkte haben wir, wenn er mir nicht verkaufen will, was ich mir ausgesucht habe, wenn er zum wenige Minuten vorher vereinbarten Abholzeitpunkt während der Öffnungszeiten abgeschlossen hat, wenn er bei kleineren Reparaturen nachdrücklich findet, das solle ich selbst machen und wenn er bei größeren Reparaturen mindestens eine halbe Stunde lang vorträgt wie falsch ich das Rad behandele.

    Das ist aber nicht nur bei mir so. Wenn ich Bekannten aus dem Ort sage, dass Herr M. meine Fahrraddinge erledigt, schlagen sie die Hände über dem Kopf zusammen und geben mir Emfpehlungen für andere, bessere Fahrradmenschen.

    Herr M. ist schlichtweg absolut unmöglich. Aber: Herr M. und ich haben uns irgendwie eingeruckelt und als ich neulich Herrn Ms Laden betrat und sagte: "Ich brauche ein neues Rad", zeigte er umgehend auf eines in der zweiten Reihe Mitte auf der linken Seite des Raumes und sagte: "Da da. Das ist Ihres." Und ich hätte kein anderes in dem gesamten Laden mit all seinen Katalogen lieber gewollt.

    Leihfarrad und "vorher bringen" waren also mir völlig unbekannte Termini, die ich aber sofort für mich erschließen wollte. Ich schob das Rad hin, in einen Glaspalast unten in einem Hochhaus, ein junger Mann mit Bärtchen, Mütze, sehr flachen sehr großen Schuhen und einem Schild "Bikedoktor" am Shirt kam mir beflissen entgegen, gab meine Daten und die des Rades in einen Computer ein und informierte mich über die Preisstruktur. Ja, es gibt dort tatsächlich eine Preisliste der verschieden möglichen Ersatzteile und eine klar definierte Arbeitszeit. Auch das kannte nicht, Herr M. schaut einem kurz ins Gesicht und stellt dann einen Preis in den Raum. Stellt man diesen Preis in Frage ("Beim letzten Mal habe ich für die Inspektion aber 10 Euro weniger gezahlt!"), ficht ihn das nicht an ("Dann könnense das jetzt gerne noch vom letzten Mal nachzahlen!").

    Ich fahre nun also bis nächste Woche mit einem sonnengelben Leihfahrrad, das über einen Kaffeebecherhalter verfügt. Im ersten Moment dache ich, das Glück kann kaum größer werden. Aber dann, andererseits: bei Herrn M. ist es irgendwie lustiger.

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