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    Mittwoch, 18. März 2020

    Frau Fragmente sitzt mir im Google Hangout gegenüber und bloggt, ich sitze an meinem Schreibtisch und blogge über Frau Fragmente.

    Tja. Das hatten wir uns insgesamt ein bisschen anders vorgestellt. Ein bisschen physischer, ein bisschen leichtherziger, ein bisschen entspannter. Ich glaube, ich darf hier für Frau Fragmente mitsprechen.

    Ich weiß gar nicht mehr, wann wir dieses Projekt begonnen haben, es scheint mir endlos her, tatsächlich kann es sich aber nur um wenige Wochen - drei? vier? - handeln. Tatsächlich weiß ich aber schon nicht mehr genau, was ich heute morgen gemacht habe oder über wen ich vor drei Tagen auf Twitter kryptisch schimpfte (Frau Fragmente fragte gerade danach).

    Es sind merkwürdige Zeiten, in denen alles unglaublich beschleunigt passiert aber gleichzeitig auch alles in einer unglaublichen Klarheit reduziert ist, alle Sterne brillieren, alle Sollbruchstellen brechen, es gibt sehr wenig "dazwischen" im Moment.

    Frau Fragmente hatte einen Höllentag, das weiß ich, und man sieht es ihr an. Nicht, wenn man sie nicht kennt - es ist nichts mit ihrem Gesicht oder ihrer Kleidung oder ihrer Frisur oder so. Es ist die Körperhaltung, die einfach weniger entspannt ist als sonst und die Gesten, die sehr müde wirken. Ich nehme an, bei mir ist das nicht anders, ich bin heute um 20 Uhr zum ersten Mal dazu gekommen, etwas zu essen (Aufbackpizza), gegen Nachmittag irgendwann habe ich auf ein kurzes Jammern eine lange, vermutlich liebe Nachricht von einer Freundin bekommen und bin noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen (und sie wunderte sich darüber offenbar so, dass sie sich schon für die Nachricht entschuldigte, was mir jetzt furchtbar unangenehm ist) und ich war zwar den ganzen Tag zu Hause (im Home Office) aber habe die Familie eigentlich nicht gesehen, weiß nicht, ob die Katzen Futter haben, glaube, es ist Wäsche in der Waschmaschine und es stehen noch diverse Taschen und Kartons mit Bürozeug in der Küche. Das muss ich alles irgendwann mal in Ordnung bringen, aber ich mache nur Telefon, Telefon, Telefon. Und Telefon.

    Mein Jammern hatte folgenden Anlass: ich befinde mich zum ersten Mal in meinem Leben in einer beruflichen Situation, die mich überfordert. Ich bin sehr allein mit meinen Entscheidungen und sie sind mir ein wenig zu groß. Kann man aber derzeit nichts dran machen, ist also vermutlich irrelevant.

    Ich bin wirklich ganz außerordentlich gespannt, was Frau Fragmente heute schreibt. Ob es ihr gelingt, ein ganz, ganz anderes Thema als "Corona" zu wählen? Ich finde durchaus, dass wir uns auch der Aufmerksamkeitssteuerung widmen müssen, nicht aus dem Auge verlieren dürfen, dass es auch noch unendlich viele andere Dinge auf der Welt gibt. Aber natürlich ist auch Frau Fragmentes Tag von diesem Thema beherrscht, genau wie meiner, wir sind beide noch nicht an dem Punkt, an dem wir im Homeoffice Pediküre machen könnten. Trotzdem: es gibt auch andere Themen und es ist wichtig, auch anders zu denken, nicht in einen Strudel zu geraten. Ich will da mit aller Macht gegenhalten aber: das ist gerade schwer.

    Schauen wir mal, was da geht: auf dem Balkon beginnt der Apfelbaum zu blühen. Ich habe ihn im Herbst ganz radikal zurückgeschnitten hatte schon Angst, es sei zu viel gewesen. Aber nun kommen kleine, hellgrüne Blätter, darüber freue ich mich.

    Gerade sehe ich aus dem Augenwinkel hinter Frau Fragmente auch noch zwei Kerzen, die vor einem kleinen Fenster stehen, das ich allen Ernstes noch nie bemerkt habe. Meine Güte, wie kann man häufig bei jemandem in der Wohnung sein und dabei ein Fenster übersehen? Manchmal wundere ich mich sehr über mich. Was macht sie wohl mit den Kerzen? Ist sie jemand, der sich abends eine Kerze anzündet? Wo stellt sie die dann hin? Auf den Couchtisch und sie selbst sitzt (oder liegt?) auf dem Sofa? Oder auf den Esstisch, sitzt sie abends am Esstisch außer sie hangoutet mit mir? Ich würde denken, wenn sie etwas zu schreiben hat sitzt sie normal eher am Schreibtisch. Warum ist sie da eigentlich gerade nicht? Und isst sie am Esstisch oder isst sie auf dem Sofa, beim Fernsehen? Ich weiß das alles nicht, man weiß so wenig über die Leute, das ist ganz grauenhaft, man muss viel mehr fragen.

    Vielleicht machen wir das einfach alle morgen. Fragen jemand was leichtes, heiteres, in der aktuellen Situation unerwartetes. Was liest du gerade? Wo beantwortest du deine Post? Was ist aktuell dein Lieblingssong? Ich stelle mir das sehr wohltuend vor.

     
    Ja, es ist schwierig
    H.s gehören zur Risikogruppe. Und sind froh, nicht mehr arbeiten zu müssen. Und bewundern, wie die Arbeitenden ihren Alltag meistern.
    H. liest Adorno "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" von 1967, gibt es auch in einer Mediathek. https://www.mediathek.at/oesterreich-am-wort/suche/treffer/atom/014EEA8D-336-0005D-00000D5C-014E5066/pool/BWEB/

    Lieblingssong? Die CD "Americana" von Neil Young.
     
    Danke.

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    Durch Sie lernt man ganz andere, neue Seiten von Frau Fragmente kennen. Schön.

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    Na gut, ich spiele mit
    Außer dem schon bekannten Mittagspausenbuch lese ich zurzeit unter anderem "Ab jetzt ist Ruhe", von Marion Brasch.

    Meine Post beantworte ich am Schreibtisch. Ich hätte aber gern einen altmodischen Sekretär, so einen mit vielen Fächern und Kästchen, aber ohne Kitsch und Schnörkel. Schwierig.

    Derzeitiges Lieblingslied ist das hier: https://www.youtube.com/watch?v=0r-6wzQWfX4

    Man kann das so schön vor sich hinsingen:

    Dave
    watches the waves
    They come and go
    So he don't have to ...
     
    :-)

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    Hallo zusammen,
    ich lese gerade "Liebesleben", Erzählungen von Alice Munro, beantworte meine Post entweder vom Sofa, Esstisch oder Schreibtisch in meinem Büro, mein aktueller Lieblingssong ist "Genauso Scheiße" von Suchtpotential (unbedingt Youtube-Video angucken!), das Lied ist der absolute Ohrwurm.

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    Ich habe gestern Abend im Bett "Wir Angepassten" von Roland Jahn ausgelesen. Zu den Büchern, die ich parallel dazu lese, zählt "Nicht mehr wie immer. Wie wir unsere Eltern im Alter begleiten können" von Katja Werheid. Das hatte ich schon vor den "Angepassten" angefangen.

    Ich schreibe häufig Postkarten oder Briefe, komme aber trotzdem nicht hinterher, zumal viele Adressaten darauf mit Mails antworten. Dabei ist Post bekommen viel schöner.

    Einer der Songs, die ich zur Stimulation von Energie und gute Laune höre, ist Jonny Boy von Kite.
     
    Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, alle genannten Bücher gleich zu ergoogeln und alle Songs gleich zu hören, aber komme momentan leider nicht dazu. Trotzdem danke.
     
    @arboretum
    Jonny Boy - ich hoffe, hier wird der Film nicht (zu sehr) verschoben. Freu mich schon drauf.
    Ein Lichtblick.
     
    @ novemberregen: Ich habe beide Bücher oben noch verlinkt, wenn Sie dann irgendwann wieder einmal Zeit haben, brauchen Sie nur zu klicken (Rezension zu Jahns Buch im "Tagesspiegel").

    Nachtrag: Gestern Nacht habe ich im Bett "Nachts schweigt das Meer" von Kate Penrose angefangen, ist ein Krimi, der auf den Scilly Inseln spielt.

    @ sid: Ich habe "And Then We Danced" neulich schon zum zweiten Mal gesehen. Wollte auch schon längst darüber bloggen. Unbedingt OmU anschauen.
     
    Danke, das ist sehr nett. Ich sehe mittlerweile Land (wenn auch noch weit entfernt). Die Zeit für Bücher wird wieder kommen!
     
    Danke, das ist sehr nett. Ich sehe mittlerweile Land (wenn auch noch weit entfernt). Die Zeit für Bücher wird wieder kommen!
     
    Erst einmal Musik zwischendurch.
     
    Inzwischen las ich The Stone Circle von Elly Griffiths aus, weil es halt noch herumlag und die Stadtbibliothek die Ausleihfristen automatisch verlängert hat. Hat mich nicht so begeistert, lag vielleicht daran, dass ich mich für keinen der Charaktere erwärmen kann. Ist aber OK, um sich davon abzulenken, dass man gerade auf der Shakti-Matte liegt.

    Vorhin habe ich Die Freibadclique von Oliver Storz angefangen, das liest sich gut.
     
    Mittlerweile habe ich Brüder für immer von Rindert Kromhout angefangen ausgelesen. Es handelt vom Bloomsbury-Kreis, erzählt aus der Sicht des Jugendlichen Quentin Bell, wobei es dem Autor Kromhout weniger um eine korrekte biografische Darstellung ging, wie er selbst im Nachwort schreibt. So war etwa Julian Bell, der ältere Bruder von Quentin Bell, nicht 21, sondern 29 Jahre alt, als er in den Spanischen Bürgerkrieg zog und sich als Fahrer eines Sanitätswagens der britischen Einheit Spanish Medical Aid anschloss und einen Monat später starb. Logischerweise war auch Quentin Bell da schon älter als im Buch, nämlich 27. Es liest sich aber trotzdem gut (Rezension im Deutschlandfunk Kultur).

    Dazwischen habe ich die Graphic Novel Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski gelesen, für mich die dritte Graphic Novel überhaupt. Und nicht zu vergessen Waidmannstod von Maxim Leo das habe ich gestern rasch weggelesen, der Krimi spielt in Brandenburg.
     
    Zwischendurch war mir nach Geheimagenten, darum habe ich Das Vermächtnis der Spione von John LeCarré gelesen, jetzt geht es wieder weiter mit den "Brüdern für immer".
     
    Ich habe heute Celestial Bodies angefangen, mir fällt gerade nicht ein, von wem. Da ist allerdings ständig die Rede von Wüste, Sonne etc., das strengt mich etwas an.
     
    Habe es soeben recherchiert, die Autorin heißt Jokha Alharthi und stammt aus dem Oman. Da spielt auch das Buch, deshalb wohl ständig Wüste und Sonne.
     
    Ich habe meine nächtliche Lektüre inzwischen fortgesetzt:

    Gehamsterte Bücher (2)

    Gehamsterte Bücher (3)
     
    Wie viele der 27 gehamsterten Bücher haben Sie denn mittlerweile gelesen?
     
    Zwölf davon habe ich komplett ausgelesen. "Riemenschneider" ist dicker, das dauert noch eine Weile, und "Das Mädchen vom Bethmannpark" ist unterbrochen. Einige der 27 Bücher sind Sachbücher, die man nicht mal so weglesen kann, das wird also auch noch dauern.
     
    wow

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    Oh!
    Ich hatte ganz verpasst, dass das Büchergespräch hier weiterging.

    Ich lese inzwischen Orley Farm von Anthony Trollope (allen, die 19th-Century-Schmöker mögen, wärmstens zu empfehlen) und Herrentag von Hans-Henner Hess. Ich weiß nicht, wieso ich das habe (bin sonst eher nicht so der Regionalkrimi-Fan), aber das Thüringer Lokalkolorit inklusiver leiser Seitenhiebe auf die aus Bayern importierten Juristen gefällt mir bisher gut.

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