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    Samstag, 5. November 2022
    Herzregenreise Tag 2 Teil 3

    Ich wollte noch ergänzen, worüber wir so gerührt waren, es ist mir nämlich wieder eingefallen. Diese Stimmungslage ist aber jetzt vorbei, ich habe statt dessen Frau Herzbruch auf dem ganzen Heimweg von der Pizzeria vorgetragen, was für unglaubliche Dulli-Touristinnen wir sind, also diese ganz merkbefreite Sorte die komplett unaufmerksam herumstolpert.

    Wie berichtet fing das schon auf der Hinreise an - nein, eigentlich schon vorher: ich war ewig nicht mehr in einem Land, in dem ich mich nicht in der Nationalsprache hinreichend verständigen kann oder sie zumindest so weit verstehe und lesen kann, dass ich eh nur ganz wenig fragen muss. Das ist hier natürlich anders, ich kann kein Tschechisch und nun stehe ich hier in einem Land und kann nicht mal Guten Tag, Danke, Entschuldigung, Tschüß sagen. Und das, obwohl mir das vorher sehr bewusst war, ich habe danach gegoogelt, war dann aber zu angestrengt, durchzublicken, habe dann jemanden angeschrieben und ganz supertolle Soundfiles bekommen, die ich mit viel Freude gehört und von denen ich ungefähr 20 Personen stolz erzählt habe - aber gemerkt habe ich mir nichts. Und noch schlimmer: Im Zug haben die Dulli-Touristinnen bei der Zugbegleitung, als sie Wasser und Schokolade vorbeibrachte, nochmal nachgefragt, wie man danke sagt, es wurde geduldig erklärt, in kurz und in lang und wir haben uns sehr gefreut - und sofort alles wieder vergessen.

    Keine von uns wüsste, wo unser Apartment liegt, wie die Straße heißt, wenn es nicht in GoogleMaps gespeichert wäre. Das schauen wir manchmal nach, wie die schönen Gebäude heißen, vor denen wir ständig staunend stehen, schauen wir hingegen nicht nach, fragen uns gegenseitig was das wohl ist, kommen überein dass wir es nicht wissen und schweifen ab wie schön es wäre, wenn Google Glass in unsere Brillen eingebaut wäre. Fahren - gegen klaren und ausdrücklichen Rat - Taxi und jammern hinterher über Abzocke, holen - gegen klaren und ausdrücklichen Rat - Bargeld an einem beliebigen Automaten und jammern hinterher über den Wechselkurs. Und - wenn mir das jemand anders erzählen würde, dächte ich wirklich, ich hätte es mit absoluten Simpeln zu tun - habe ich nicht ausreichend verinnerlicht wie die tschechische Währung heißt und sage im schnellen Gespräch ständig sowas wie "300 Geld". Weil mir die Bereitschaft fehlt, diese kleine geistige Anstrengung aufzuwenden und mich an den Begriff "tschechische Kronen" zu erinnern.

    Ich kann mir das alles nur mit absolutem knochentiefen Durch-Sein erklären, das Gehirn hat keine Kapazität mehr, sich auf eine veränderte Situation einzustellen, zwischen A und B geht nur noch die ganz gerade Linie und irgendwelche Feinheiten... haha, sehr lustig. Und mit jeder anderen Person außer mir selbst (Frau Herzbruch ist mitgemeint) hätte ich längst die Geduld verloren.

    Herzregenreise Tag 2 Teil 2

    Es ist noch immer der 5. November, das Aufstehen heute morgen kommt mir so vor, als sei es ungefähr ein Jahr her. Was daran lag, dass wir kurz nach Verlassen der Wohnung auf einem kleine Märktchen wahren, wo es einen Stand mit lokalen Produkten gab, einen Herrn, der behauptete, er sei Imker und es gab Dinge mit Honig, auch Honigschnaps und Frau H beschloss, dass wir das Probierfingerhütchen gerne annehmen und ah, Sie haben noch einen mit 40%, sehr interessant, ja natürlich probieren wir den auch, und so weiter. Das war alles vor dem Frühstück, weil es ja gar kein Frühstück gab, dafür waren wir zu spät unterwegs, wir hatten ja Mittagessen für 13:30 Uhr gebucht, das war Bier, ach ja, und Ente. Aber vorher sagte Frau H dem vermeintlichen Imker noch, dass wir morgen wieder kommen, das sagte sie auch allen Granatverkäufern, in jedem Laden hieß es "we'll be back tomorrow", auch Thomas, dem Stadtführer sagte sie zu, dass wir uns melden um morgen mit ihm umher zu fahren, ich wurde schon etwas unruhig denn auch, wenn die Tage mit so vielen Erlebnissen gefüllt werden, dass sie unendlich scheinen, weiß ich doch, dass sie das nicht sind und eigentlich wollten wir uns ja treiben lassen.

    Aber dann fiel mir etwas ein, das ich unter anderem auf Twitter und im Büro gelernt habe: die Leute, auch Frau Herzbruch, kündigen immer alles mögliche an, das sie sehr zeitnah tun wollen, und dann passiert das nicht nur nicht sondern war auch nie eine wirkliche Absicht. Das ist bei mir ja nie so. Wenn ich etwas ankündige, habe ich sicher vor, es zu tun und es mag sein, dass es nicht immer gelingt, aber in der Mehrheit der Fälle doch. Egal, als ich verstanden hatte, dass wir nicht zwingend alle gleichen Läden morgen wieder ablaufen müssen - insbesondere nicht den mit der schlimm hustenden Verkäuferin, ich machte mir schon sorgen, dass sie wasweißichwas, also vielleicht Tuberkulose hat, war ich wieder entspannt.

    Jedenfalls sprachen Frau H und ich beim Mittagessen über das Ende des Kapitalismus, also so grob, ich plane nämlich, ihr in den verbleibenden Tagen noch beizubringen, dass ein Gespräch kein Vortrag ist sondern von der Wechselseitigkeit lebt. Zugegebenerweise gibt es dabei eine Vielzahl an Herausforderungen: der anderen Person zuhören und auf ihre Aussagen reagieren, ohne eventuell weitere interessante eigene Einlassungen zu vergessen, auch wenn sich das Gespräch von diesen entfernt, der sich daraus ergebende Tanz will beherrscht werden, ich bin mir aber sicher, das kann Frau H sehr gut. Wenn man sie dazu zwingt.

    Wir kamen darüber aber zu weiteren interessanten Themen, auch auf der Meta-Ebene, nämlich dem inneren Wunsch, immer die runden Dinge, die aufgehenden Gleichungen zu präsentieren oder zumindest die (natürlich immer gute) Absicht dazu gleich mitzureichen, wo aber doch eigentlich die bestehen bleibende Dissonanz das Interessante ist und das Gespräch, auch Diskussion erst ermöglicht. Und dass ich es wichtig finde, sich auf diese Weise zur Verfügung zu stellen, wann immer man es aushalten kann.

    Dann waren wir an einer Stelle noch sehr gerührt, haben aber beide leider zwischenzeitlich wieder vergessen, worum es dabei ging.

    Nun ist es bald Zeit zum Abendessen. Ich glaube schon jetzt, dass ich nie wieder Knödel essen kann und kann man eigentlich nach 1,5 Tagen schon Skorbut entwickeln? Frau Herzbruch, immer fürsorglich, reicht mir Sekt mit Orangensaft an.

    5.11.22 - Herzregenreise Tag 2

    Es ist erst kurz nach 11, wir haben die Wohnung noch nicht verlassen aber schon sehr viel erlebt. Wir haben verdaut, sind daher wieder mobil und könnten die Wohnung verlassen, notwendig ist es aber nicht, zum einen ist sie wunderschön und zum anderen haben wir hier Unterhaltung im Übermaß.

    Seit wann Frau H wach ist, weiß ich nicht. Ich seit etwa 8:30 Uhr, ich las dann noch etwas im Bett, dann probierte ich die Dusche aus. Gestern Abend verhielt sich das warme Wasser erratisch, ich war deshalb nervös, ob es sich um ein Putin-Duscherlebnis handeln könnte, fand es aber fair dass ich als erste teste, schließlich sind meine kurzen Haare viel schneller ausgewaschen als die Herzbruch-Mähne und ich könnte daher Tipps geben, das Erlebnis möglichst angenehm zu gestalten.

    Das heiße Wasser war kein Problem, allerdings öffnete sich immer wieder heimtückisch die Duschtür, so dass das Wasser hinterher ca. 1 cm hoch im Bad stand. Immerhin warm. Ich wischte auf und sprach eine Warnung zur Duschtür aus.

    Später duschte Frau Herzbruch. Hinterher stand das Bad wieder unter Wasser. Wir üben dem Umgang mit Warnungen in diesem Urlaub noch.

    Zwischendrin geschah aber ganz viel, wir entdeckten die Kaffeemaschine (Kapseln), die Frau Herzbruchs Lieblingskaffee anbietet und tranken davon, werden auch nachkaufen, es ist nur ein Genuss für 4 Tage (nochmal: Kapseln). Wir frühstückten beide Oblaten, die von gestern aus dem Supermarkt, Frau Herzbruch fand sie beim Auspacken erst "iih" und dann "zu dick" und dann habe ich nicht mehr zugehört.

    Wir sprachen weiter über wichtige Dinge: Organisationsstrukturen, Waschmaschinen, Pull- und Push-Faktoren, 3 Faktoren der Job-Zufriedenheit, Grenzen der verbalen Kommunikation bei der Problemlösung und eins von vielen möglichen Szenarien, wie es dazu kommen könnte, dass Herr H mich in einem Kühlhaus einsperrt und Frau H über den Schatten ihrer Persönlichkeit springen sollte, meiner Erwartung nach, um mich zu retten. Das Rüstzeug dazu gab ich ihr prophylaktisch an die Hand.

    Ich lackierte meine Fingernägel mit nur mittel zufriedenstellendem Ergebnis, ich glaube, der Lack ist durch, ich habe mir von Frau Herzbruch einen neuen zum Geburtstag gewünscht, sie kündigt an, mich mit diesem Geschenk aus meiner Komfortzone herauszuholen, sofort bin ich interessiert, weil ich meine Komfortzone ja tendenziell etwas langweilig finde, mehr möchte ich aber nicht vorab erfahren. Vielleicht bekomme ich einen dritten Nagellack, bislang habe ich auf dringenden eigenen Wunsch ja nur zwei (1x auffällig, 1x unauffällig). Ich werde 50, da kann man drei Nagellacke haben.

    Jetzt wollen wir langsam mal aufbrechen, wir haben um 13:30 Uhr die nächste Essensreservierung und danach werden wir ja schon wieder immobil auf dem Bett liegen müssen, vermutlich. Frau Herzbruch hat sich die Haare geföhnt, dabei fiel immer ein Teil vom Föhn ab und es klang wie Mega-Randale im Bad, sie warnte mich davor, ich föhnte mir die Haare, es fiel immer ein Teil vom Föhn ab und es klang wie Mega-Randale im Bad. Wir üben den Umgang mit...


    (Teil II des Tages)

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