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    Montag, 7. November 2022
    Herzregenreise Tag 4 - Rückreise Teil 2

    Frau H und ich sind noch unterwegs und mittlerweile ein wenig lädiert, im ganz Wesentlichen aber nur psychisch, physisch nur so, wie wenn man eben seit hundert Stunden unterwegs ist. Frau H hat eben Parfüm nachgesprüht, ich würde gerne Zähne putzen, es wird aber alles nicht mehr allzu lange dauern. Bis zu mir sind es noch ungefähr 3 Stunden mit 2-3 Mal umsteigen, bis zu Frau H 4 Stunden mit 2 Mal umsteigen glaube ich, das wird sich jetzt auch noch absitzen lassen.

    Was seit dem letzten Eintrag geschah, fasst Frau Herzbruch glaube ich gerade zusammen, es war alles sehr unangenehm und ich bin aktuell nicht an dem Punkt, mich weiter damit befassen zu wollen. Wir sind übereingekommen, uns situationselastisch zu verhalten, das ist ein ausreichend unverbindliches Wort, so dass jede tut, was ihr gerade am besten passt.

    Wo wir gerade sind, weiß ich nicht, ich habe den Überblick verloren. Also - geographisch gesehen. Im Kleineren betrachtet sind wir in einem ICE, oder vielleicht auch bei diesem Saunaerlebnis, das ich Violinista zum Geburtstag versprochen habe, es gibt nämlich Holzverkleidung um uns herum (mir ist bisher nie aufgefallen, dass es solche Abteile im Großraum gibt, also bis auf einen Durchgang von Holzwänden eingefasst, "Traumaabteil" sagte Frau Herzbruch), die Zugdurchsagfefrau macht muntere Reime ("Cola oder Wein, was darf es sein") und Temperaturen um die 80 Grad und nach Draußen sieht man nichts, nur ist Violinista nicht hier und wir sind fast vollständig bekleidet, vermutlich daher doch ICE, auch wenn wir für diesen hier gar kein Ticket haben (wegen Zugbindung) und sich beim Scannen dafür niemand interessiert hat - zeigen diese Geräte automatisch an dass der gebuchte Zug, naja, nicht mehr einsatzbereit war oder interessiert das schlicht niemanden?

    Wir haben zahlreiche Sitzplatzreservierungen für alle möglichen Züge gemacht, Stehen kommt heute nämlich nicht mehr in Frage, keine davon haben wir aber jetzt in Anspruch genommen, all das sortieren wir ein andermal aus. Derzeit sind wir eher auf die Grundbedürfnisse reduziert: Sitzen, Trinken und Internet.

    Herzregenreise Tag 4 - Rückreise

    Heute ist der Tag des schlechten Services. Der Zug Alex sagt mir schon nach einer knappen Stunde Reisezeit, ich habe mein mir zugeteiltes Datenvolumen für diese Reise verbraucht und am Bahnhof Prag - den man übrigens wohl vergessen hat, irgendwie an die Stadt anzuschließen - hat die Zubereitung von zwei großen Cappuccinos länger gedauert als das Servieren aller von Frau Herzbruch verzehrten Gänsebeine in den letzten 4 Tagen zusammengerechnet. Wie machen die Tschech:innen das? Man bestellt ein Hauptgericht und es kommt schon, bevor die Getränke da sind während man zu Hause immer 30 Minuten wartet? Und erzählen Sie mir jetzt nicht, das sei, weil das Essen bei uns eben frisch zubereitet wird, denn ein Gänsebein hat man ja auch in 30 Minuten nicht frisch zubereitet. Sind Restaurantköch:innen anwesend? Ich würde mich über eine Erklärung der Abläufe freuen.

    Gerade hat der Zug sehr lange gehupt und sehr heftig gebremst. Das ist nicht so schön, es gab eine Ansage auf Tscheschich, die irgendwas mit "Personal" beinhaltete, so viel verstehe ich nach 3 Tagen, mir ist nämlich wieder eingefallen, dass Tschechisch ja ein bisschen wie Russisch ist und das habe ich ja mal gelernt. Man muss nur das Gehirn entspannen, dann kann es die nicht ganz gleichen aber ähnlichen Worte erkennen, so ähnlich, wie wenn jemand Dialekt spricht, da muss man sich auch entspannen und nur grob zu hören, dann klärt sich der Inhalt.

    Frau Herzbruch ist extrem unentspannt, noch mehr als gestern, als die beiden Herren im Schiff von der Schiffsstewardess von einem Fensterplatz verjagt wurden, weil wir dort gebucht hatten und sie saßen dann direkt neben uns. Ich fand das super, total interessante Situation und die Möglichkeit, sie zu beobachten, wie wird sie sich entwickeln, evtl. auch zu entscheiden, wie wir Einfluss nehmen wollen, man hätte es als Spiel betrachten können, aus dieser tendenziell ungünstigen Ausgangssituation eine Freundschaft herbeizuführen, ich persönlich bin mit dem Rücken zur Wand ja immer am allerbesten und wenn es einfach wird verliere ich sofort das Interesse. So war es dann auch, der eine der Herren bat den Kellner um irgendwas gegen Sodbrennen, möglicherweise sogar Backpulver, wenn man so weit ist, dass man auf einem Schiff den Kellner um Backpulver bittet, ist es ernst, ich bot daher mit "sorry, I couldn't help but overhear..." Omeprazol an und es endete mit Handküssen sofort und nochmal am Ende der Fahrt, für meinen Geschmack etwas zu einfach und Frau Herzbruch wollte sofort auch Omeprazol, ich glaube das war eine kleine Eifersucht.

    Ich muss mich jetzt aber ansonsten einen Moment der aktuellen Situation und Frau H widmen, nach Fahrzeugen mit Sirenen sind nun auch Personen mit Warnwesten unterwegs und ein hochfrequenter Summton möchte nicht aufhören.




    (Weiter bei Teil II)

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