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    Mittwoch, 6. April 2016
    Das Kraulschwimmen und seine Tücken

    Der Parkplatz vor dem Schwimmbad war heute recht leer, das deutet meist auch auf ein erfreulich leeres Becken hin. Allerdings, so lernten wir heute, deutet ein erfreulich leeres Becken nicht unbedingt auf gute Schwimmmöglichkeiten hin, es kann nämlich durchaus sein, dass sich da nur um die 20 Personen tummeln, die aber eher so im Wasserleichenmodus. Ja, ich weiß, irgendwo müssen die Leute auch hin, die paarweise nebeneinander schwimmen wollen, mit einer halben Bahn Abstand dazwischen und immer schön den Kopf über Wasser und plaudern. Aber doch nicht unbedingt dahin, wo ich bin.

    Das Schwimmbecken ist ja meist so ein bisschen nach Leistungsklassen geordnet. Bei uns schwimmen ganz links die ambitionierten Sportschwimmer und ganz rechts ist eher Wassergymnastik mit Schwimmnudeln. Irgendwo dazwischen müssen die Kraulschwimmpartnerin und ich uns einordnen. Ist man zu nah an der Wassergymnastik, läuft man Gefahr, mit einem unbedachten Tritt eine Omi zu versenken. Ist man zu nah an den Sportschwimmern, trifft man im Zweifel mit dem Fuß nur auf Muskelmasse, geht aber gleichzeitig das Risiko ein, statt etwas Hühnerknöchelchen mit faltiger Haut umwickelt einen muskulösen Unterarm auf die Lippe zu bekommen. Das muss man gut auswählen, wobei die Mitte besonders schlecht ist, da passiert am Ende beides gleichzeitig.

    Mein Ziel war heute, 1 Stunde ununterbrochen zu schwimmen und dabei mindestens ein Stück jeder Bahn zu Kraulen. Das war am Anfang sehr zäh, weil ich durch die ständigen Wechsel die ersten 40 Minuten keinen Rhythmus fand. Ich nutzte die Zeit, um darüber nachzudenken, wen der anderen SchwimmerInnen ich besonders hasse und verachte. Bis fast zum Ende konnte ich mich nicht entscheiden zwischen dem 2-Meter-Mann, der im Sportschwimmerereich im Wasser herumhüpfte statt zu schwimmen, dabei sehr mit den Armen ruderte und wenn es in das Drittel ging, das sogar für ihn zu tief war, einfach ruckartig wieder umkehrte und einen quasi ansprang. Oder die zwei Wasserleichen in pastellfarbenen Badeanzügen, mit Brille, Haarspray und eben dieser halben Bahn Gesprächsabstand zwischen sich und mindestens eine davon mit ganz schlimmem Mundgeruch, der über das Wasser waberte, wenn sich schon längst drei langsame Züge weiter war. Ich hatte in der S-Bahn schon neben einem Stinker gesessen (Urin und Fuß und allgemeiner Menschenmuff), deshalb war meine Geruchstoleranz für den Tag aufgebraucht und die Wasserleichen gewannen.

    Die letzten 20 Minuten liefen dafür reibungslos, ich probierte ein bisschen 5er-Atmung, 3er-Atmung, 2er-Atmung, Kraulabschlag und so weiter und hasste nur noch die Plaudergruppe, die am hinteren Beckenrand saß und dort mit den Füßen im Wasser baumelte, so dass man nicht Rollwenden konnte. Kurz war ich versucht, einer von denen einfach ganz fest und bis Blut in den Zeh zu beißen, aber ich scheute den Skandal. Und den Geschmack.

    Die Tücken des Kraulschwimmens, falls das nicht deutlich genug gewesen sein sollte, sind die anderen Menschen im Becken.

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