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    Montag, 4. April 2016
    Sitzgelegenheiten

    Ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten war ich heute draußen, viele Stunden lang, 7 glaube ich, und habe dabei eigentlich gar nichts gemacht außer wechselnde Sitzgelegenheiten ausprobiert.

    Erst saß ich auf einer Holzbank auf einer schönen Wiese. Da waren auch ein paar Wespen, fand ich nicht so schlimm, ich bin nicht allergisch, wollte nichts essen und bin auch keine Mundatmerin. Die Wespen fanden mich aber schlimm, es wurden immer mehr, ich stellte fest, dass unter der Bank offensichtlich im Boden das Nest war. Um die Tierchen nicht weiter zu beunruhigen, suchte ich mir einen anderen Platz.

    Dieser Platz war oben auf der Halfpipe eines Skaterparks. Gute Rundumsicht, ab und an konnte ich sogar die Kinder, mit denen ich da war, erspähen. Nach einiger Zeit kamen zwei Jungs, einer groß, einer klein, beide etwa 13 Jahre alt, würde ich schätzen, sie hatten einen Ball dabei und eine Megaportion Pommes (heißt am Kiosk so). Sie aßen die Pommes, dann wollte der große Junge Fußball spielen, der kleine meinte, das wäre ungesund nach dem Essen. "Nach dem Essen" schien recht dehnbar zu sein, ich glaube, der kleinere Junge hatte überhaupt keine Lust auf Fußball. Der größere Junge wurde ungeduldig und bat um meine Meinung bezüglich Fußballspielen nach dem Essen und dann zu der Frage, ob man die Halfpipe herunterrutschen könne oder ob dann die Hose kaputt ginge, zu einem Problem mit den Fahrradbremsen und zu Minigolf. Bevor wir noch bei Berufsberatung oder Politik endeten, kamen meine eigenen (teilweise ausgeliehenen) Kinder und wollten auch eine Megaportion Pommes, also zog ich um zum Kiosk.

    Am Kiosk gab es Liegestühle. Und Kaffee. Sehr sehr guten Kaffee, theoretisch, jedenfalls der einzige im Umkreis von mehreren Kilometern verfügbare. Ich blieb dort mehrere Stunden und trank sehr viel Kaffee. Der Kioskmann sagte, allein durch meinen Besuch habe es sich doch gelohnt, an diesem bewölkten Tag zu öffnen. Ich nehme an, er meinte damit den Umsatz. Eine Decke gab er mir auch, wohl, damit ich noch länger bleibe und noch mehr Kaffee trinke. Zu meinem Entsetzen wollten die Kinder dann in den Hochseilgarten, dort muss eine Betreuungsperson in der Nähe sein. Zum Glück vernahm der Kioskmann mein Lamento und erlaubte mir, Liegestuhl und Decke mitzunehmen. Und noch einen Kaffee. Ich denke übrigens, Kioske an Kinderspielplätzen sollten Kaffeeflatrates einführen.

    Ich saß also mit Liegestuhl im Zuschauerbereich des Kletterparks, die anderen Erwachsenen musterten mich mit unverhohlenem Neid. Dort feilte ich auch meine Fingernägel, zu was man alles kommt, wenn man mehrere Stunden einfach draußen herumsitzt! Abgebissen sehen sie aber eleganter aus, finde ich, aber das nur nebenbei. Um 17 Uhr schloss der Kiosk, Liegestuhl und Decke mussten zurück. Ich fand im Zuschauerbereich eine Art Lehnstuhl, bestehend aus einem Holzklotz, einem Brett als Rückenlehne und einer großen Astgabel als Armlehnen. Warum war dieser wunderbare Stuhl nur unbesetzt? Ich setzte mich hinein und kippte sofort mit ihm nach hinten um, da er nicht mehr richtig im Boden verankert war. Nun guckte niemand mehr neidisch.

    Als nächstes probierte ich eine Bank aus, bestehend aus einem halbierten Baumstamm als Sitzflüche und der anderen Hälfte als Rückenlehne. Alles sehr rustikal im Kletterpark, ich muss sagen ich weiß die Annehmlichkeiten der Moderne schon zu schätzen. Die Bank war Mist, die Lehne drückte unangenehm in den Rücken. Eine zweite Bank, leicht anders geschnitten, war noch halb frei. Die andere Hälfte belegten die Tupperdosen einer Frau, die auf einem Baumstumpf saß. Ich sagte zu den Tupperdosen "darf ich?" und setzte mich. Die Frau verwickelte mich sofort in ein Gespräch. Wie kalt es doch sei (war es gar nicht) und dass man immer mit den Kindern und so. Ich beruhigte sie, es würde sehr bald alles besser, ich wäre mit großen Kindern da, die mich eigentlich gar nicht bräuchten, ich wäre nur dabei, um mal draußen zu sein. Wann diese wunderbare Phase denn käme, fragte die Frau und ich erklärte, mit ein paar 11jährigen unterwegs zu sein und das sei außerordentlich entspannt. Die Frau nickte und begann, eine Zeitschrift zu lesen. Kurz darauf kamen ihre Kinder - drei Jungen, der jüngste geschätzt 15. Sie aßen die eingetupperten Äpfel, Kuchenstücke, Käsebrote und jeder eine Tüte Chips. Ich war neidisch und dachte wehmütig an die Donuts am geschlossenen Kiosk. Am Kletterpark gab es nur Energieriegel, igitt.

    Endlich begann es zu regnen. Die Kinder winkten mir aus ein paar Metern Höhe, das sei egal. Also machte ich einen Regenspaziergang. Als ich zurückkehrte, fragte ich die Kletterparkbelegschaft, wie lange eigentlich geöffnet sei, und zwar bis 19 Uhr, aber wenn alle weg wären, würde auch vorher geschlossen, gerade bei Regen. Ob denn noch viele da wären, wollte ich wissen. "Nur noch Ihre!" "Also, von mir aus können Sie die einfangen", sagte ich.

    Dann saßen wir noch eine halbe Stunde an der Bushaltestelle.

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