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    Samstag, 26. März 2016
    Diskussionslos: Die liebe Nachbarschaft

    Vermutlich gingen beim Lesen des Titels in ihrem Kopf neben den Ohren zwei Hände hoch, die die Zeige- und Mittelfinger zu Anführungszeichen kräuseln.

    Bei mir nicht. Ich kann nichts Schlechtes oder Lästerliches über die Nachbarn hier im Haus sagen, sie sind einfach alle okay.

    Ganz unten im Haus ist eine Betreutes-Wohnen-WG von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Momentan wohnen dort nur Frauen. Die eine hat einen erwachsenen Sohn, der öfters vorbeikommt, aber nicht ins Haus, sie sprechen am offenen Fenster. Die zweite erzählt mir öfters von ihrer Tochter, die ungefähr so alt ist wie Mademoiselle, aber nicht bei ihrer Mutter lebt. Mit der dritten kam bisher kein Gespräch zustande aber ich bilde mir ein, sie nickt ein bisschen, wenn ich "Hallo" sage.

    Im 1. Stock wohnen die allerbesten Nachbarn. Die sind rundum einfach nett, füttern die Katzen, wenn wir verreisen, lassen Mademoiselle mit dem Ersatzschlüssel rein, wenn sie ihren vergessen hat und behaupten, unseren Lärm nicht zu hören. Eine Familie mit zwei Kindern, der Sohn macht gerade Abitur, die Tochter ist etwas jünger. Die Tochter spielt sehr gut Klavier, das hört man bei uns in der Küche (die liegt direkt über ihrem Zimmer) und hat offenbar neuerdings einen Freund, ich habe die beiden neulich auf einem Parkplatz gesehen und Herr N. sah sie im Hauseingang gegenüber, sehr spannend!

    Neben den allerbesten Nachbarn wohnt eine sehr nette alleinerziehende Frau, mit der ich öfters schon ausgegangen bin. Die, deren Karnickel ich im August, 2012 während des Sommerurlaubs pflegte, vielleicht haben Sie damals schon mitgelesen, es gab kein Happy End. Die nette Nachbarin hat leider einen Hang zu verhaltensgestörten Männerbekanntschaften. Die zwei Kinder - ein Junge, ein Mädchen, mit dem Mädchen hat Mademoiselle zu Kindergartenzeiten viel gespielt - pubertieren gerade extrem, aber das gehört halt dazu.

    Im 2. Stock ist unsere Wohnung, daneben lebt ein Paar, vielleicht Ende 50. Der Mann hat eine erwachsene Tochter und ein Enkelkind, die Frau spricht kein Deutsch aber nach ein paar Jahren fand ich heraus, dass sie ziemlich gut Englisch sprich. Ein Thema hatten wir trotzem nicht bis die Katzen bei uns einzogen, sie liebt nämlich Katzen. Seitdem sprechen wir also häufig über Katzen, seit ein paar Wochen hat sie auch eine, ein kleines Siamkätzchen, noch sehr jung und sehr scheu und sehr niedlich.

    Über uns, im 3. Stock, wohnt die Hausmeisterin. Die Hausmeisterin ist ganz genau so, wie es sich gehört. Sie überwacht mit Argusaugen die Mülltrennung, scheucht die Kiner von den Garagendächern und kümmert sich um alles. Es muss solche Hausmeisterinnen einfach geben. Der Mann der Hausmeisterin sitzt öfters in der Garage und trinkt Bier (in der Wohnung darf er nicht). Wenn man vor ihm die Treppe hochgeht sagt er Dinge wie "So schön war ich auch mal!" Zwei erwachsene Söhne, einer sehr seriös, einer sehr unseriös.

    Daneben wohnt eine alleinstehende Frau in meinem Alter. Reist viel, gibt mir dann den Briefkastenschlüssel. Da fällt mir ein, dass ich ihren langjährigen Herrenbesuch schon ewig nicht mehr gesehen habe. Die Frau sehe ich aber auch selten, hat einen ganz anderen Rhythmus als ich.

    Im Obergeschoss wohnt auf der einen Seite nochmal eine Familie mit zwei Kindern. Sehr korrekte Menschen, sehr religiös, die Kinder - selbst Alter wie die Kinder der alleinerziehenden Frau - gehen auf eine Privatschule. Die Mutter sehr offen und nett, die übrigen Familienmitglieder wirken auf mich etwas, hm, freudlos. Wenn die Kinder die Schlüssel für Urlaubsblumengießen abgeben oder am Wochenende nach Backpulver/Ei/Mehl fragen, scheint das eine ziemliche Überwindung zu sein. Nette Kinder, wirken aber etwas gedeckelt und dürfen sehr viel nicht. Handy, Süßigkeiten, FastFood, allein raus, wie das bei korrekten Leuten eben so ist.

    Daneben, ebenfalls im Dachgeschoss, ein alleinstehender Herr. Auch mein Alter, schätze ich. Arbeitet immer sehr lang und hat einen tollen Kamin im Wohnzimmer. Seit ich ihn das erste Mal gesehen habe, erwähnt er jedes Mal, dass er bald auszieht. Das geht jetzt schon fast 10 Jahre so. Ich gehe also davon aus, dass wir uns vorerst weiter gegenseitig die Tür aufhalten und über die Werbesendungen im Briefkasten ereifern.

    Nein, wirklich keine mental gekringelten Finger im Titel.

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