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    Mittwoch, 14. Oktober 2015
    Blogging November - 1441

    Beinahe hätte ich gar nicht zum Kraulschwimmkurs gehen können, weil sich nämlich mein linkes Auge heute Morgen in der S-Bahn von mir gänzlich unbeeinflusst und auch unerwünscht in eine riesige Qualle verwandelt hatte.

    Es geschah zwischen den S-Bahn-Stationen Frankfurt Mühlberg und Frankfurt Konstablerwache. Erst juckte der innere Augenwinkel, ich kratzte kurz, dann juckte der äußere Augenwinkel, ich kratzte kurz, dann brannte das gesamte Auge und alles juckte extrem schlimm. Ich vermutete, durch das Kratzen Wimperntusche ins Auge geschmiert zu haben, tat also irgendwas mit einem Taschentuch, aber es half nicht oder vielleicht auch doch, keine Ahnung, zwischen Mühlberg und Konstablerwache ist ja nur noch "Ostenstraße Europäische Zentralbank" - das "Europäische Zentralbank ist relativ neu und verwirrt mich immer noch - jedenfalls ließ das Brennen nach, das Jucken auch, nur tränte das Auge noch und fühlte sich komisch an. Irgendwie groß.

    Kurz später stolperte ich also aus der Bahn ins Büro, wusch mir dort die Hände, desinfizierte sie auch, nahm die Brille ab und besah mir das Ganze. Das Problem mit dem Auge war, dass es sich tatsächlich in der Größe sehr verändert hatte, deshalb ging es auch nicht mehr zu und Iris und Pupille wirkten eingesunken. Sehr unangenehm, ich zog mich schnell vom Spiegel zurück und evaluierte die Lage: keine Schmerzen, keine offensichtliche Verletzung, keine unmittelbare Gefahr. Verdrängung erschien mir das Mittel der Wahl. Und: es zahlte sich aus. Schon ein paar Stunden später konnte ich das Auge beim Blinzeln wieder ganz schließen und als ich nachmittags das Büro verließ, hatte es wieder Normalgröße und war nur noch ganz leicht gerötet. Also: Kraulschimmkurs kein Problem.

    Nur eben ohne Kontaktlinsen. Kontaklinsen in ein schon gereiztes Auge zu setzen, die sich dann unterwegs auch noch mit Chlorwasser vollsaugen, erschien mir unklug. Ich stolperte also ein bisschen blind umher, fand aber das Becken. Und dann eine Offenbarung: ich kann unter Wasser ohne Sehhilfe komplett scharf sehen! Kurz überlegte ich ob ich ein Fisch bin. Das Äußere widerspricht dem jedoch. Aber ist es so, dass die Brechung durch das Wasser tatsächlich Kurzsichtgkeit aufhebt? Gilt das für alle Leute? Oder ist es nur ein komischer Zufall, dass das ausgerechnet bei meiner Fehlsichtigkeit klappt? Ich weiß es nicht, leider, aber eins weiß ich nun: sollte ich jemals auf einer einsamen Insel stranden und dort meine Brille verlieren (ein Alptraum! Allerdings einer, den ich noch nicht geträumt habe), könnte ich mir, so ich denn etwas Plexiglas und eine Halterung finde, ein kleines Aquarium vor die Augen binden und könnte perfekt sehen. Das ist in gewisser Weise beruhigend. Fände ich kein Plexiglas, könnte ich immerhin nach Fischen tauchen, um sie zu erlegen (mit einem selbstgebastelten Speer? Wären die Fische nahe einer einsamen Insel naiv genug, mich so nah herankommen zu lassen?). Im Gegensatz zu Landtieren, die ich erst sehen würde, wenn icn über sie stolpere.

    Insofern konnte ich auch das Gesicht des Kraulschimmlehrers die ganze Zeit nicht sehen. Deshalb wusste ich auch nie, wann er mich anspricht - das ist aber nichts Besonderes, ich wusste auch voher nie wann er mich anspricht und das geht nicht nur mir allein so. Außerdem hatte er heute Namen gelernt, zum ersten Mal überhaupt sprach er uns heute namentlich an. Dann braucht man gar kein Gesicht.

    Zum Glück hatte der Schwimmlehrer die Sache mit dem Kachelnzählen vergessen. Wir machten Zugfrequenzspielichen. Erst normal durchs Becken kraulen und die Armzüge zählen. Dann zwei Bahnen mit möglichst wenigen Zügen. Dann zwei Bahnen mit möglichst vielen Zügen. Daraus die Erkenntnis ableiten, was für einen selbst gut passt, und zwei Bahnen mit dieser Erkenntnis normal Kraulen. Ein ziemliches Aha-Erlebnis für mich: wenn ich weniger Züge mache, dafür mehr gleite, komme ich gar nicht außer Atem, bin aber fast genauso schnell. Spannend.

    Der Rest der Stunde war dem Rückenkraulen gewidmet. In Bezug auf die Beine gibt es da nicht viel zu lernen, für die Arme gibt es aber ein paar Trickst, wie man die Hände am Besten als Schaufeln einsetzen kann. Immer mit dem Daumen zuerst mit der Hand herauskommen, sie dann drehen und mit dem kleinen Finger über dem Kopf (gerade gestreckt, wie beim normalen Kraulen) eintauchen, das war klar. Die Bewegung unter Wasser lässt sich nicht gut beschreiben: fast direkt unter Wasser wird der Arm schon angewinkelt, man kann ihn ja auch kaum gerade ausgestreckt nach hinten führen, jedenfalls nicht ohne sich irgendwie komisch aus dem Wasser zu hieven, und das ist ja nicht Sinn der Sache - Sinn ist, einen Schwung nach Vorne zu produzieren nicht nach Oben. Also wird der Arm angewinkelt, die Hand gedreht, so dsas sie als Schaufel wirkt - wenn man ein wenig austestet, wann und wie diese beiden Bewegungen am besten funktionieren, ergibt sich aber schnell ein Gefühl dafür und damit auch eine recht gute Geschwindigkeit. Und eigentlich kommt die Schulterrotation dann auch von selbst.

    Nächste Woche ist die letzte Stunde. Wie es dann weitergeht, ist noch nicht ganz klar.

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