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    Mittwoch, 18. September 2013
    Blogging November - 576

    Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber der allerkomischste Vogel, der mir in der letzten Zeit untergekommen ist (und das will ja was heißen) ist der Vater von Mademoiselles bester Schulfreundin. In dem Bemühen, nicht in Lästern zu verfallen, habe ich schon vor ungefähr einem Jahr den persönlichen Kontakt zu den Eltern auf ein Mindestmaß begrenzt. Was einen ziemlichen Balanceakt darstellt, das das Kind ja immernin meist zwei Nachmittage pro Woche komplett bei uns verbringt, aber über Zettelchen und SMS kann man vieles regeln. Es ist mir ja auch relativ egal, wie andere Leute sich ihr Leben einrichten, das kann jeder halten wie er will. Es stört mich nur immer ein bisschen, wenn mein Kind dadurch in Aufregung versetzt wird, insbsondere, wenn es völlig unnötig geschieht.

    Es begann damit, dass die Familie Ostern (im ersten Schuljahr) aus dem Einzugsgebiet der Schule wegzog. Etwas später stellte man dann fest, dass der Weg von der neuen Wohnung zur Schule recht weit ist. Das Kind sollte also die Schule wechseln. Völlig nachvollziehbar (der Grund, nicht der zeitliche Ablauf), manchmal ist es so, auch wenn es für die Kinder zunächst einmal traurig ist. Das Kind feierte also an einem Freitag Abschied in der Klasse und nahm seine Sachen mit.

    Am nächsten Montag saß es allerdings wieder auf seinem angestammten Platz. Und am Dienstag auch. Und so blieb es erst einmal. Nach einiger Zeit sprach ich den Vater beim Abholen darauf an. Er sagte, man überlege noch, was das Beste sei.

    Diese Überlegungen dauerten offenbar bis zum Sommer - zwischen erster und zweiter Klasse also. Vor den Sommerferien kam die Ankündigung, dass der Schulwechsel nun stattfinden würde. Nach den Sommerferien war das Kind aber immer noch da. Was ich schön fand, aber doch irgendwie verwunderlich. Das ginge jetzt aber nur noch ein paar Wochen so, sagte der Vater mir irgendwann im Vorbeigehen. Der Weg wäre nämlich wirklich weit und die Schule am neuen Wohnort besser, deshalb würde das Kind nun sehr bald wechseln. Es kamen die Herbstferien, das Kind blieb. Etwas später im Jahr kam es an einem Tag freudestrahlend zu uns, der Papa habe ihr zum Geburtstag geschenkt, dass sie an der Schule bleiben darf.

    Der nächste Schulwechsel war für den Sommer zwischen zweiter und dritter Klasse quasi fest vorgesehen, aus nun wohl brandneu aufgetauchten Gründen, die das (natürlich sowieso schon merkwürdige) Geburtstagsgeschenk anscheinend nichtig machten, nämlich: der Weg ist wirklich weit und das Kind soll auch in der dritten Klasse noch keine 10 Minuten alleine Bus fahren. Außerdem: die aktuelle Schule ist schlecht, die Lehrerin auch und die Kinder lernen nichts. Man würde auch immer gar nicht erfahren, was da so abläuft. Es überraschte uns diesmal alle nicht ganz so sehr, als das Kind nach den Sommerferien immer noch an seinem Platz saß.

    Das alles ist für mich schon etwas schwer nachvollziehbar, ich bin ja kein Freund des Hin und Hers. Ich finde, so etwas überlegt man sich im Zuge des Umzugs, trifft dann eine Entscheidung und setzt sie um. Aber wie gesagt, jeder ist da anders, da nenne ich ihn noch nicht gleich einen komischen Vogel.

    Der komische Vogel kam so: gestern war ja Elternabend. Heute sprach der Vater mich an, warum ich Mademoiselle gestern nicht vom Sport abgeholt hätte. Ich sagte, ich wäre beim Elternabend gewesen. Ach, den hatte er ganz vergessen, naja, er hat auch keine Zeit für sowas. Ob es etwas Interessantes gegeben hätte. Naja, interessant ist auch immer Ansichtssache, aber die Lehrerin hatte ihr Konzept für die 3. Klasse vorgestellt und erklärt, wie sich die Noten zusammensetzen, welche schriftlichen Leistungskontrollen es gibt, wie gelernt wird und so. Achja, das hätte ihn schon interessiert, man kriegt ja immer gar nichts mit! Nie wird da was kommuniziert! Ob es noch eine Möglichkeit gäbe, das im Nachhinein zu erfahren. An dem Punkt zog ich mich aus der Affaire und verwies auf die Lehrerin, mit der man natürlich, wenn man will, einen Termin machen kann. Wollte er aber nicht: keine Zeit. Ich sagte ihm dann nur noch kurz, dass wir über Klassenfahrt abgestimmt hätten mit dem Ergebnis, dass sie stattfinden soll und zwar am Anfang der vierten Klasse. Das fand er eher schlecht und unnötig, denn auf Bauernhöfen würden Kinder sich langweilen, außerdem hätte ja fast jeder ein Haustier und Jugendherbergen wären hässlich. [Zu dieser auf so vielen Ebenen so offensichtlich bekloppt Aussage etwas zu sagen ist natürlich völlig unnötig.]

    Er würde aber - jetzt kommt der "allerkomischste Vogel" - sowieso denken, dass er sein Kind für die vierte Klasse nach Miami schickt. Die Frau habe dort eine Briefreundin.

    [Das können wir jetzt einen kleinen Moment einfach so stehen lassen.]

    Die ganzen Fragen, die jedem normalen Menschen dazu in den Kopf kommen - nur stichwortartig angerissen: allein? Das Kind, das nicht 10 Minuten allein Busfahren darf? Oder mit wem? Aufenthaltsgenehmigung? Finanzierung? Sprachkenntnisse? Planung allgemein - bis zur vierten Klasse ist es nur noch knapp ein Jahr? Und: wozu? Miami???

    Ich habe das alles aber nicht gefragt sondern mich darauf besonnen, dass ich ja eigentlich gar keinen Kontakt mehr zu den Eltern wollte. Kurz hatte ich ein Bild vor meinem inneren Auge, wie die Eltern im Wohnzimmer sitzen, die Mutter am Tisch, der Vater mit dem Hasen auf dem Boden, die Mutter sagt: ich habe Post von der soundso aus Miami bekommen, die haben dort auch gute Schulen und der Vater sagt: "Hey, da können wir unser Kind doch hinschicken für die vierte Klasse!" und die Mutter: "meinst du?" und der Vater: "Ja, wieso nicht, das ist doch total gut!" und dann sitzen sie da den Abend über und freuen sich über ihre gute Idee, knuffen sich gegenseitig in die Seite vor Begesiterung und es ist schon echt fast so, als wären sie schon da.

    Dann ließ ich einfach einen dichten, weißen Nebelschleier in meinem Gehirn herunter, lächelte leer und sagte: "Miami? Auch schön!" Und ging weg.

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