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    Sonntag, 12. Juli 2020

    Ich glaube, M hat einen richtig guten Sommer und das liegt an Corona. Normalerweise ist es ja so: es sind 6 Wochen Sommerferien und jede Familie fährt irgendwann 2-3 Wochen (oder auch länger, wenn es Familie im Ausland gibt) weg, dann sind noch 1-2 Wochen für irgendwelche Sport- oder Sprachcamps verplant. Und weil sich diese ganze Pläne eher nach den Verpflichtungen der Eltern als nach den Wünschen der Kinder richten, sind dann die Cliquen über den Sommer auseinandergerissen, weil die Wochen, in denen sich die befreundeten Kinder gleichzeitig zu Hause aufhalten, nicht identisch sind.

    Das ist dieses Jahr anders, eben weil ja so gut wie niemand wegfährt. Dieses Jahr ist sehr viel Badesee angesagt und gemeinsames Abhängen in den verschiedenen Häusern und Gärten und Wohnungen - immer da, wo die Erwachsenen gerade nicht sind. Wenn in irgendeinem Haushalt die Erwachsenen arbeiten oder für ein paar Tage Verwandschaft besuchen oder sonstwie abgängig, sind, dann ist das der Ort, an dem die Teenager zu finden sind. Was sie genau tun ist unklar aber es erfordert in jedem Fall viele Softdrinks, Snacks, häufig ist auch einfach der Kühlschrank leer, wenn man zurückkommt und oft gibt es eine Meldung von Paypal, dass etwas für einen Lieferdienst abgebucht oder eben Badeseetickets bestellt wurden. Komme ich von der Arbeit nach Hause, ist niemand da, aber es war jemand da, das sehe ich an den leeren Flaschen und Chipstüten.

    Das Kind kommt bei Einbruch der Dunkelheit heim, das Handy in der einen Hand, mit der anderen winkt es "Hallo" und schiebt mit dem Fuß die Tür zu ihrem Zimmer zu. Später wird die Tür wieder geöffnet und mit dem anderen Fuß (oder auch demselben ) werden viele Handtücher und Badekleidung und auch immer erstaunlich viele fremde T-Shirts vor die Wäschekiste geschoben - nie bis hinein, das geht ja auch mit dem Fuß nicht.

    Wenn ich schlafen gehe, macht sie sich nochmal Essen, wenn ich im Bett liege, videochattet sie, das ist ziemlich laut, viel Lachen, viel Kreischen, viel Fluchen und Schreien und man fällt sich ins Wort, aber für mich immer eine schöne Einschlafgeschichte und außerdem so gut wie die einzige Möglichkeit, etwas über den geplanten Ablauf des nächsten Tages zu erfahren.

    Manchmal wache ich gegen 3 Uhr nochmal auf, weil die kleine Katze durchdreht und denkt, es wäre Morgen, weil nämlich die Dusche läuft. Dann sehe ich auch das Kind noch einmal kurz, um diese Uhrzeit ist es immer ausnehmend gut gelaunt und sehr zugänglich, umarmt mich, gibt mir einen Gute-Nacht-Kuss und verschwindet in ein Handtuch gewickelt und mit tropfenden Haaren im Bett - es wird dann nicht mehr laut telefoniert sondern geflüstert oder leise gesungen oder irgendwie herumgeräumt.

    Wenn ich am nächsten Morgen zur Arbeit gehe, schläft sie noch tief und fest und komplett selbstvergessen und ich streichele ihr über die Haare, die immer noch etwas feucht sind.

    Ja, ich glaube tatsächlich, der Coronasommer ist ein schöner Sommer für die Teenager.

     
    Wie die Liebe aus jedem Satz von Ihnen perlt, ist einfach toll.

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    Hört sich richtig nach "oldschool" an - abgesehen von Handy und Videochat. Noch weiterhin einen schönen Sommer.

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    Wenn ich daran denke, wie schwierig es zu Hause war, als ich 15 war, werde ich sehr neidisch auf M.

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    Genauso!
    Erstaunlich, meine Tochter ist auch 15 und lebt momentan ein ähnliches Leben wie Ihre. Und es geht ihr blendend. Ihre beste Freundin schickt gefühlt 100 Sprachnachrichten pro Tag oder es läuft der Videochat, oft hängt sie auch bei uns rum - sie wohnt gegenüber. Es muss ja besprochen werden, wie der gemeinsame Istagram-Kanal mit Posts gefüllt werden kann um endlich die 1000 Abonnenten zu bekommen.
    Die erste große Liebe begann im März mit einem männlichen Wesen nach nächtelangem Discord-Chats (vier Wochen ging das so), inzwischen sind sie auf snapchat (jede Stunde mindestens) umgestiegen, dann reichen auch zwei in real life Meetings pro Woche.
    Sie duscht um 3 Uhr nachts, schläft bis 10, hat dann ev. ein Schul-Videomeeting, das im Schlafanzug absolviert wird - in Bayern ist ja eigentlich noch Schule. Die hat sie aber seit Mitte März nur drei Wochen von innen gesehen.
    Und jetzt bekommt sie dann nach diesen Chill-Monaten das beste Zeugnis ihres Lebens. "Mittlere Reife". Man wird sehen, wie die Oberstufe ab September sein wird.

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