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    Samstag, 25. Juli 2020

    Ich hatte irgendwas Spannendes geträumt, als heute Morgen der Paketmensch klingelte, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Versuche es immer wieder, es war ein interessanter Traum, vielleicht kann ich ihn heute Nacht weiterträumen.

    Dafür war der Tag komplett ereignislos. Und dafür bin ich aufgestanden.

    Multiszenisch!

    Gestern Abend las ich noch einige Rezensionen zu Nasenhaartrimmern. Das kam durch einen Zufall zustande, nein, eigentlich eher durch einen Algorithmus: ich hatte wohl ein oder mehrere Produkte gekauft, für die sich auch die Käufer*innen von Nasenhaartrimmern interessieren und so wurde mir ein solches Gerät empfohlen.

    Ich gebe zu, ich war nicht uninteressiert. Mein Nasenhaarwuchs ist zwar nicht sonderlich stark ausgeprägt aber ich sah auf den ersten Blick, dass manche*r das Gerät wohl auch zum Trimmen der Augenbraue verwendet. Coronabedingt war ich seit irgendwann Anfang März nicht mehr zum Augenbrauenzupfen und ich sage mal so: ich habe zwar noch keine Monobraue, aber das ist nur meinen widerstrebenden Eigenbemühungen zu verdanken, die mir dazu noch schlechte Laune bereiten.

    Ich las also mit mäßigem bis etwa 65%igem Interesse und erfuhr dabei - ich muss sagen, mit sehr großem Erstaunen - dass das Nasentrimmgerät sogar multiszenisch angewendet werden kann. Als Beispiele waren das Bad und das Schlafzimmer genannt, ich bin unsicher, ob damit wirklich die Räume der Wohnung benannt wurden oder ob eher Bade- und Schlafzimmerszenen imaginiert werden sollten. Ich konnte beides, aber das tut hier nichts zur Sache, viel faszinierter war ich von dem Begriff "multiszenisch", für den ich mir gleich noch sehr viel mehr Anwendungsmöglichkeiten vorstellen konnte, als für den Nasenhaartrimmer an sich und beschloss also, es in meinen aktiven Wortschatz aufzunehmen. Gleich am nächsten Tag wollte ich das üben, und zwar drei Mal.

    Heute war der nächste Tag. Ich hatte natürlich alles längst vergessen, sprach aber am frühen Abend beruflich mit einer Person über das Fitness-Studio. Die Person beklagte den Umstand, dass die Vertragsraten, die ich erhandelt hatte, ihr weiterhin kein Handtuch bescheren und sie das Handtuch also weiterhin schon morgens einpacken muss, wenn sie abends nach der Arbeit zum Fitness-Studio geht, was nachvollziehbarerweise eine Herausforderung, wenn nicht gar eine Zumutung darstellt. Das Handtuch habe ich aber aus einer Historie heraus nicht mit hineinverhandelt, diese Historie ist der Person auch bestens bekannt, wir haben schon sehr häufig und sehr lang über Handtücher gesprochen. Ich sagte also gerade "Es tut mir leid, ich kann da nichts für Sie tun, aber wissen Sie, gehen Sie das doch mal mit Ihrer ganz persönlichen überzeugenden Wirkung an, also im Fitness-Studio, das kriegen Sie doch sicher hin, Sie müssen das als Spiel betrachten!" Woraufhin mir die Person beschied, das habe sie ja bereits versucht und sei auch bei einer jungen Mitarbeiterin beinah am Ziel gewesen, ein paar Mal hätte es schon ein kostenfreies Handtuch gegeben, dann sei diese junge Mitarbeiterin aber verschwunden und nun wären da nur lauter junge Männer und die Situation dadurch in höchstem Maße erschwert. Gleich zeigte ich mich hilfsbereit, ich sagte. "Finden Sie dort doch mal heraus, wer der P ist, den kenne ich recht gut. Sie dürfen ihn herzlich von mir grüßen und vielleicht kommen Sie dann ja ins Gespräch über ein Handtuch!" Die Person war erfreut und begeistert, das sei ein guter Ansatz, man könne das durchaus auch mal so versuchen. Und da viel mir das schöne Worte "multiszenisch" wieder ein und ich antwortete: "Das denke ich auch! Sie müssen diese Sache multiszenisch angehen! Das wird schon klappen, berichten Sie mir gerne!" 1/3!

    Später saß ich am Bahnsteig. Viele Menschen trugen Masken, wenige Menschen nicht, auf den Bildschirmen über dem Gleis wurde auf Masken hingewiesen und auf Abstand und die Dame, die mit mir auf einer Bank saß, sagte trübe: "Ich glaube nicht, dass wir das jemals in den Griff kriegen, was glauben Sie denn?" - "Ich glaube, wir haben das schon viel besser im Griff als vor ein paar Monaten, weil wir immer mehr wissen", sagte ich. - "Aber bis zu einem Impfstoff werden wir nichts mehr machen können und ob es einen Impfstoff geben wird ist ungewiss!", gab die Dame zu bedenken. "Das stimmt, wir wissen nicht, ob es einen Impfstoff geben wird - aber das das ist doch nicht das einzige ausschlaggebende, es wird viel geforscht und das wirkt sich auf so vieles aus: wir wissen besser über Übertragung und damit über Schutz bescheid, vielleicht werden hilfreiche Medikamente gefunden oder die Risikofaktoren klarer, es wird nie nur eine einzige Sache sein, auf die es, wir sollten das multiszenisch betrachten!" - Multiszenisch 2/3

    Auf dem Heimweg war ich nachdenklich. Ich plante keine weiteren Konversationen mit Fremden mehr und in einem Gespräch mit Mann oder Kind die dritte Verwendung einzubringen erschien mir wie Pfuschen. Ich holte bei den Nachbarn noch ein Paket ab, der Nachbar war aber kurz angebunden. Auch bei dem Paket, das ich zu späterer Stunde für andere Nachbarn annahm und das sie auch noch abholten, bot keine überzeugende Gelegenheit.

    Aber ich hatte Glück! Es kam eine berufliche Mail, auf die ich sowieso noch reagieren musste, wenn ich nicht alles mögliche verzögern und anderen Unannehmlichkeiten bereiten wollte, die Mail befasste sich mit der Frage, wie die Rechnungen, die ich freigegeben hatte, sich mit meiner zuvor eingereichten Kostenplanung zu einer Nullsumme zusammenrechnen würden. Als Spoiler: gar nicht. Aber "mit gutem Gewissen" gar nicht, denn nur nicht, wenn man auf dieses eine spezielle Projekt schaut, das deutlich über dem Budget liegt. Was ich aber in Kauf genommen hatte, weil durch die vorgenommene Änderung drei andere Projekte deutlich unter dem für sie jeweils geplanten Budget liegen, das wäre sonst nicht möglich gewesen. Wenn man also nicht nur auf einen kleinen Teil schaut sondern auf das große Ganze, dann gab es durch die Änderung Einsparungen und das erklärte ich unter der wunderbaren Verwendung der in diesem Moment - vielleicht erfundenen - englischen Übersetzung "we should not simply look at one budget item, it is a polyscenic situation and quite complex". 3/3.

    Und bisher hat noch niemand "bullshit" geantwortet, vielleicht komme ich sogar damit durch.

    November seit 5251 Tagen

    Letzter Regen: 07. August 2020, 17:48 Uhr