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    Freitag, 30. Juni 2017

    "Ich helfe, ich helfe!", ruft der eine Mann schon, als ich durch die hintere Tür in den Bus steige und er schiebt alle anderen Leute aus dem Weg und lotst mich zu einem Vierersitz. Da sitzt bereits eine Frau. "Hey, wie geht es dir?" fragt sie. Ich habe sie noch nie vorher gesehen. Sie öffnet eine Tüte mit Fruchtgummischlümpfen und bietet sie mir an.

    Der zweite Fahrgast im Vierersitz möchte auch Fruchtgummi. Er hat irgendwas an der Nase, bzw. er hat da irgendwas nicht, was eigentlich dort sein müsste. Ein Stück Nasenflügel fehlt, es sieht aus wie weggefressen. "Lecker, lecker!", lobt der die Fruchtgummischlümpfe.

    Der erste Mann hat mir gegenüber Platz genommen. "Haben Sie Schmerzen?", fragt er. "Brauchen Sie Hilfe? Was ist passiert?"

    Kreuzbandriss und Innenbandriss, berichte ich kurz. "Spielen Sie Fußball?", fragt der Nasenmann. Und berichtet, dass er mal was am Ellbogen hatte und das sehr blöd war mit dem Zähneputzen. Die Schlumpffrau reicht weiteres Fruchtgummi.

    Traurig schaut der erste Mann uns an. "Darf ich etwas sagen?", flüstert er. "Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten. Aber meine Frau hat mich verlassen, weil ich trinke." Dann beginnt er zu weinen.

    Hilflos streiche ich dem weinenden Mann ein wenig über den Arm. "Was soll ich denn nur machen?", fragt der Mann und lehnt sich vor, umarmt mich und weint an meinen Hals. Die Schlumpffrau beugt sich vor und streichelt ihm die Haare, "shhhhht, shhhhht", sagt sie dabei. "Shhhhht."

    "Ach Kinder", sagt der Nasenmann und umarmt uns alle drei so gut es geht. "Wir passen auf einander auf. Wir sind doch alle eine Herde!"

     
    Jesus! (das rufe ich so, wie es in The Big Lebowski ausgesprochen wird)
    Bin ich froh, dass mein Knie okay ist, mit soviel Emotion und Instant-Familie könnte ich echt nicht umgehen.

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    Love is everywhere
    ...mein Herz!

    ...möglicherweise gibt es doch Hoffnung für die Menschheit.

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    *seufz*
    Irgendwie mutmachend und tröstend...
    Sie haben ein spannendes Leben manchmal!

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    Das wäre mir zuviel. Zum Glück hatte ich meinen Fuß hier im schönen Mecklenburg. Da sind die Leute auch hilfsbereit, aber nicht so distanzgemindert.
     
    Distanzgemindert ist ein schönes Wort. Meiner Erfahrung nach lade ich allerdings (unbewusst) distanzgeminderte Personen an allen Orten zu mir ein. Ob es ausgerechnet in Mecklenburg anders wäre, bezweifle ich - es war noch nie irgendwo anders.
     
    unfassbar,
    dass Ihnen das wirklich passiert ist. Klingt wie Literatur, phantastische Geschichten, die erzählen, wie spannend das Leben sein könnte, wenn die Menschen sich nur trauen würden. Toll!

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