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    Donnerstag, 3. Juni 2021
    03062021

    Gut. Ich bin SEHR aufgeregt, ich hoffe, ich schaffe es, meine Gedanken in eine geordnete Form zu bringen. Es ist jetzt alles anders, alles hat sich zum Guten gedreht, eine Fügung sozusagen und vorbereitet von langer Hand, gewandet in ein Versehen.

    Sie wissen, dass ich den Kleiderkauf während der Pandemie verweigere, weil ich nicht weiß, wer ich nach der Pandemie sein werde. Das meine ich völlig ernst. Ich gehöre zu den Personen, die eher nicht aus sich heraus irgendwelche Erkenntnisse zu ihrer Person haben sondern die aus Erlebnissen und Begegnungen ableiten. Ich habe seit 15 Monaten keine nennenswerten Erlebnisse und Begegnungen, folglich weiß ich nicht nennenswert, wer ich gerade bin und was für Kleidung diese Person benötigt. Außer Pyjamas, die habe ich gekauft, weil ich glaube, da kann man nicht viel falsch machen, ich begegne sowieso so selten im Pyjama anderen Leuten, dass ich zu diesem Kleidungsstück generell selten Erkenntnisse ableiten kann, sie zählen also nicht mit.

    Genau betrachtet beschränkt sich meine Verweigerungshaltung nicht nur auf Kleidung. Eigentlich alles, was ich intrapandemisch eingekauft habe, hat Cucinacasalinga ausgesucht, eben weil: WAS WEISS DENN ICH??! Aber das nur nebenher.

    Fleißig eingekauft hat jedoch Frau Herzbruch und es kam zu einem Fehlkauf eines begehrten Gutes, nämlich eines Chie-Mihara-Schuhs (also: schon ein Paar, nicht ein einzelner Schuh) zu unschlagbarem Sonderpreis nur leider für Frau Herzbruch einen Millimeter zu klein, man konnte es aber ja mal ausprobieren, dann war der Schuh da und schön aber eben tatsächlich einen Millimeter zu klein und an wen dachte Frau Herzbruch in diesem Moment in liebevoller Zugewandtheit, wie es ihre Art ist? Natürlich an mich. Meine Füße sind einen Millimeter kürzer als ihre und ich bin solvent. Es bot sich daher an.

    Seit Wochen versuchen wir, die Schuhe zu übergeben, doch es scheiterte immer wieder an Unabkömmlichkeit an anderen Orten der beiden Beteiligten. So schien es auch heute, ich bot Frau Herzbruch ein Zeitfenster zwischen 19 und 21 Uhr, es folgten mehrere Telefonate, die Zeiten zwischen 15 Uhr und 21 Uhr bestätigten, letztendlich kam Frau Herzbruch um 17:46 mit genau 2 Minuten Zeit und genau da war ich wirklich absolut unabkömmlich und schickte M. mit dem Autoschlüssel hinunter, damit der Schuhkarton halt umgeladen wird. Ungefähr so geschah es.

    Als ich später mit M um 20 Uhr ins Auto stiegt und die Schuhe mal kurz anschauen wollte, fand ich im Kofferraum und auf der Rückbank kartonweise Kleidungsstücke. Allein ca. 20 Hosen, aber auch zwei Kisten mit Oberteilen. Es ist nämlich so, dass Frau Herzbruch sich in der Pandemie verschlankt hat und daher einen beträchtlichen Teil ihrer Kleidung nicht mehr tragen kann/will, es ist aber noch überraschend viel originalverpackte Ware da (den Hintergrund dazu erläutert sie am besten selbst). Ich habe mich nicht verschlankt, kann die Sachen also alle noch tragen, bin zwar etwas größer als Frau Herzbruch, aber ankle-length ist glaube ich noch nicht ganz out, es sollte also auch mit den Hosen gehen.

    Es sind wirklich ganz unglaublich viele Kleidungsstücke. Und da ich selbst ja seit 1,5 Jahren nichts, rein gar nichts, gekauft habe, sind sehr viele meiner Sachen durch. Ich plane, am Wochenende einfach meine gesamte Garderobe zu entsorgen und den Schrank mit Herzbruch-Kleidung zu füllen und dann ziehe ich einfach das an, und bin dann halt Frau Herzbruch. Das finde ich sehr lustig. Oder ich mache ein Spiel daraus und werfe meine gesamte Kleidung noch nicht weg, trage aber täglich mindestens 1 Herzbruch-Kleidungsstück. Das überlege ich mir morgen, heute bin ich zu aufgeregt und habe auch noch gar nicht alles durchgeschaut, zwei Kisten sind noch im Auto - wir konnten nicht so viel die Treppe hochwuchten und außerdem, wo soll es in der Wohnung hin?!

    Zwei, nein, ich glaube drei besonders lustige Dinge ergaben sich noch beim bisherigen durchschauen:

    Erstens: es sind Dinge vorhanden, die ich noch NIE an Frau Herzbruch gesehen habe und mir auch nicht an ihr vorstellen kann. Ich werde dazu das Gespräch suchen.

    Zweitens: es sind Dinge vorhanden, die mal mir gehörten! Man mag nun einwenden, es könne ja sein, dass wir zufällig beide dasselbe Teil gekauft haben. Das ist aber sehr unwahrscheinlich, wir hatten immer sehr unterschiedliche Kleidungsstile bis auf einen Rock, um den wir uns stritten und neuerdings exakt gleiche Jeans. Ansonsten alles sehr anders. Ich kann ausschließen, dass Frau Herzbruch diese Sachen zufällig auch gekauft hat. Ich vermute eher Garderobenzwischenfälle bei einem Besuch und folglich längeralsgeplantfristiges "Ausleihen". Dafür spricht, dass Frau Herzbruch neulich mal die Videokonferenz mit mir verweigern wollte mit den Worten "ich kann nicht, ich trage einen Schlafanzug, den ich von dir geklaut habe".

    Drittens: ich habe schon zwei Hosen probiert und die saßen doch etwas spack, ich denke, ich müsste ca. 5 kg abnehmen, damit sie mir passen. Das werde ich jetzt einfach machen und das ist in dreierlei Hinsicht gut: a) es ist ein lustiges Spiel, b) ich kann dann diese Hosen tragen (wenn sie nicht zu kurz sind, da bin ich noch nicht sicher), c) es gibt eine langfristige Komponente und zwar schrumpft Frau Herzbruch weiter, wird also in absehbarer Zeit wieder ihre Garderobe erneuern müssen und wenn ich dann ab jetzt ja auch Frau Herzbruch bin, könnte ich mit entsprechendem Abstand parallel nachziehen und dann wieder alles Aussortierte übernehmen. Bis dahin kommt sicher wieder eine Kofferraumladung und eine volle Rückbank an Neuware zusammen, was wiederum drei (und damit höre ich mit den Dreiteiligkeiten auf) sehr wichtige Aspekte vereint: 1. es ist nachhaltig, 2. es spart mir Zeit und Nachdenken und 3. es ist lustig.

    Ich bin höchst zufrieden (Frau Herzbruch vermutlich auch, weil bei ihr jetzt Ordnung sein dürfte), bis auf eins:

    Die Schuhe habe ich immer noch nicht. Die hatte Frau Herzbruch "vergessen".

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