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    Sonntag, 28. Dezember 2014
    Blogging November - 1153

    Gegen Mittag wünschte Mademoiselle heute, ein Glas Zitronenlimonade auf der Couch gereicht zu bekommen, und also begab ich mich auf den Balkon, was den einzigen Ausflug an die frische Luft heute darstellen sollte. Auf dem Balkon betrachtete ich für etwa eine halbe Sekunde die dortigen Getränkekisten, wobei ich ungefähr dachte:

    "Hoffentlich ist da noch nichts gefroren, es war ja die ganze Nacht unter 0 Grad, aber so schnell geht das sicher nicht, bis die gesamte Flüssigkeit unter 0 hat, das dauert länger als eine Nacht, ist ja auch noch Glas drumherum und mehrere in einem Kasten und mehrere Kästen über- und nebeneinander, das isoliert, aber die Bäume sollte ich an die Hauswand rücken, hat Papa N. gesagt, und am besten irgendwas um die Töpfe, ich habe aber dieses Jahr gar keine Noppenfolie, ich hätte gut die Styroporplatte nehmen können, die C. mir gegeben hat, damit ich sie in den Jalousiekasten einbaue, was ich aber nie wollte, und C. auch gesagt habe, aber er hat sie trotzdem einfach mitgebracht und dann lehnte sie ein Jahr an der Schlafzimmerwand und dann war dahinter Schimmel, mal gut, dass ich sie nicht in den Jalousiekasten gebaut habe, dann wollte ich sie ja eigentlich hinter die Dartscheibe hängen, aber bis ich dazu gekommen wäre, hatte Mademoiselle die Wand hinter der Dartscheibe sowieso schon ruiniert, dann war es auch egal, und dann habe ich diese Platte glaube ich weggeworfen, jedenfalls ist sie jetzt ja nicht mehr da, e i n m a l braucht man was, dann ist das nicht mehr da, das hätte ich jetzt so gut unter die Bäume legen können, also, wenn ich Lust gehabt hätte, die Bäume hochzuheben, da müsste mir auch jemand helfen, ich kann nicht gleichzeitig einen Baum hochheben und eine Platte drunterlegen, gut, dass sie weg ist, wobei, vielleicht mit dem Fuß..."

    Dann war die halbe Sekunde auch schon um und ich griff nach der Flasche, rüttelte daran, freute mich, dass sie nicht gefroren war, und dann: in meiner Hand verwandelte sich die Zitronenlimonade in der Flasche in Eis!

    Jeder normal gebildete Mensch denkt in so einem Moment nur eines: Ha! Ich wusste es! Es war nämlich doch ein Fehler, dass der Brief aus Hogwarts damals nicht kam!!

    Während ich sinnierte, was nun geschähe, ob ich in Zukunft wie Hagrid mit einem Regenschirm erratische Zauber durchführen würde und wie ich es dem Kind beibrächte, trug ich eine andere Flasche (mit der gefrorenen konnte ich ja nichts anfangen) in die Küche - vorsichtig, um sie nicht auch gleich zu verwandeln. Ich goss dem Kind ein Getränk ein, auf dem Getränk im Glas bildete sich im oberen Drittel eine Schicht aus Eiskristallen. Da hatte ich schnell gelernt, man ist doch immer ein bisschen besser, als man denkt. Statt Wildhüterin vielleicht doch eher Barkeeperin.

    Leider erinnerte ich mich in diesem Moment jedoch an meinen Physikunterricht. Was umso erstaunlicher ist, als dass ich weder an Physik noch Chemie besonders viele Erinnerungen habe, es mangelte mir damals an Interesse, aber ein paar Dinge sind mir ins Gedächtnis eingebrannt wie z.B. die Destillation von Alkohol, alles mit Masse/Volumen/Dichte, Deterministisches Chaos und eben Thermodynamik. Herr N. und Mademoiselle wollten meine vereinzelte und damit umso wertvollere Erinnung aber nicht hören; nicht etwa, weil es Ihnen lieber gewesen wäre, wenn ihre Frau und Mutter zaubern könnte, sondern weil sie - und hier wird es jetzt besonders skurril - lieber ungestört The Big Bang Theory schauen wollten, als meinen thermodynamischen Erläuterungen zu lauschen.

    Für diejenigen, die das vielleicht nicht mehr ganz so präsent haben, kurz:

    Wenn Wasser friert, also zu Eis wird, ist es nicht länger flüssig, sondern nun ein kristalliner Festkörper. Die Eiskristalle bilden sich aber nicht einfach so, wenn die Wassertemperatur unter 0 Grad sinkt. Es braucht dazu einen Keim, an dem sich die Wassermoleküle zum/beim Kristallisieren anlagern können. Das kann z.B. ein Staubkörnchen sein, oder auch eine Luftblase, und das ist genau, was mit meiner Zitronenlimo passiert ist: die erste Flasche war voll mit Limonade mit einer Temperatur von unter 0 Grad, aber weiterhin flüssig - ich habe die Flasche geschüttelt, um zu sehen, ob sie gefroren ist, dadurch wurde die Kohlensäure aus der Limo gelöst und stieg in Bläschen auf, die Bläschen waren die Keime für die Kristallisation und deshalb wurde die Limo zu Zitroneneis. Die zweite Flasche trug ich vorsichtig in die Küche, dabei geschah nichts, beim Öffnen entweicht aber - das wissen wir, es zischt ja immer - jedoch wieder Kohlensäure aus der Limo, steigt auf, und, zapp, ebenfalls Eiskristalle.

    Ohne Kristallisationskeim friert Wasser auch irgendwann. Wann, das kommt darauf an, wie rein das Wasser ist, destiliertes Wasser friert viel später spontan, also ohne Keim, als normales Wasser aus der Leitung. Fragen Sie mich aber bitte nicht nach Zahlen, mir reicht zu wissen, dass es so kalt auf meinem Balkon vermutlich nicht wird.

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