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    Mittwoch, 24. Juni 2020

    Frau Fragmente sitzt an ihrem Schreibtisch im Schlafzimmer und bloggt, ich sitze an meinem Schreibtisch und blogge über Frau Fragmente. Frau Fragmente wird heute meinen Blogwunsch erfüllen und in einem irrationalen Moment sagte ich gerade "dann darfst Du Dir auch etwas aussuchen, worüber ich schreibe, das gehört sich dann ja so". Ich hätte mir sofort hinterher die Zunge rausreißen können, denn nichts hasse ich mehr, als Auftragsschreiben, aber nun ist es passiert: Frau Fragmente möchte, dass ich über die Regeln unseres Blogtreffens hier schreibe. "Gibt es Regeln?" fragte ich einigermaßen frappiert. "Frage an Dich!" erwiderte Frau Fragmente.

    Natürlich gibt es Regeln. Ganz voran "Anwesenheit" und zwar regelmäßige. Aber wir haben in der heißesten Coronaphase nicht ausgesetzt, als zumindest ich teilweise kaum wusste, wie ich heiße oder wie ich vom Schreibtischstuhl aufstehen sollte ohne umzufallen. Mir fällt daher derzeit nichts ein, was zu einem Aussetzen führen könnte. Wenn der Reiter des fahlen Pferdes uns unbeeindruckt lässt, dann die anderen drei wohl auch.

    Weitere Regel: Pünktlichkeit. Auch an dieser Regel ist das interessante, dass sie zwar sehr wichtig ist, aber im Blogkontext gleichzeitig komplett irrelevant. Denn ich warte zwar mit Sicherheit nie länger als 15 Minuten auf irgendjemanden, aber Frau Fragmente ist mit mindestens derselben Sicherheit immer pünktlich.

    Wenn pünktliche Anwesenheit gegeben ist, folgt der Rest von selbst: es muss etwas geschrieben werden. Was ist im Grund egal, dass Frau Fragmente nicht einfach nur "etwas etwas etwas etwas" schreibt ergibt sich schon aus ihrer Persönlichkeitsstruktur.

    Ich kann daher generell empfehlen, sich - wann immer es sich einrichten lässt - ausschließlich mit Personen zu treffen, die so sind, wie man es mag. Fish sagte es schon: "The company I choose is solidly singular, totally trustworthy, straight and sincere, polished, experienced, witty and charming". Frau Fragmente bietet all das, wozu braucht es dann Regeln.

    Frau Fragmente sieht heute übrigens sehr erholt aus. Sie hat Urlaub und war in der Sonne, man sieht Sommersprossen, wenn sie dicht an die Kamera geht und das tut sie heute häufig. Ist mir sonst noch nie aufgefallen, was macht sie wohl, vielleicht schaut sie meine Frisur genau an, die sitzt heute nämlich hervorragend.

    Ansonsten habe ich uns gerade zwei Karten für den Badesee gekauft. Das kann man online, Tageskarten, wir werden also Freitag am frühen Nachmittag schwimmen gehen, Frau Fragmente und ich. Ich habe für meine Verhältnisse viel gekauft in letzter Zeit. Falls Sie sich erinnern, eigentlich kaufe ich seit dem Jahreswechsel 2018 auf 2019 ja gar nichts Dingliches mehr, weil ich schon zu viel habe. Nun waren aber ein paar Sachen zu ersetzen, unter anderem Sneakers, denn Frau Fragmente schätzt es ja nicht, wenn ich Schnürschuhe zur Ankle-Length-Hose trage. Die Sneakers, die ich noch besaß, scheinen an den Zehen durch, das lenkt mich beim Gehen ab. Ich fand dann online neue, bin aber ehrlich gesagt sehr unsicher, ob Frau Fragmente sie den Schnürschuhen vorziehen wird, denn sie sind nicht unauffällig.

    Frau Fragmente pflegt eher ein gewisses Understatement. während ich gerne mal einfach einen Aufschlag mache, nur so aus Spaß. Das ist ein fundamentaler Unterschied zwischen uns. Frau Fragmente hat Pläne und Ziele, ich hingegen nutze Gelegenheiten. Dass die Gelegenheiten sich bieten, führe ich teilweise selbst herbei, allerdings keine vorab definierten Gelegenheiten, sondern allgemein irgendwelche Gelegenheiten. Ich breche einfach Strukturen auf und schaue dann, was da so herumliegt und was ich daraus machen könnte. Deshalb mag ich Veränderungen so an sich, als Prinzip. Frau Fragmente hingegen sagt "change is never good!"

    Das sieht man auch bei unserem Blogtermin. Wenn ich mich an den Rechner setze, mache ich als erstes Kamera und Ton an und dann gehe ich nochmal eine Schlangengurke holen, kratze mir die Nase, trinke was, streichele die Katzen, schaue was auf dem Handy. Wenn Frau Fragmente sich einloggt, sehe ich sie erst nicht und höre sie nicht, nach einiger Zeit spricht sie dann und sagt Dinge wie "ich mache gleich das Video an, ich bereite hier nur noch etwas vor" - "Was um Himmels Willen bereitest Du vor??" frage ich und sie sagt "Ich lege meinen Notizblock bereit und dergleichen". Auf dem Notizblock hat sie, das erwähnte ich schonmal, ihre geplanten Blogthemen. Ich habe weder Notizblock noch Themen (außer manchmal), ich setze mich halt vor die Kamera, schaue was ich sehe und schreibe, was mir dazu einfällt.

    Das ist aber natürlich keine Regel unseres Treffens sondern nur ein Ausdruck unserer Persönlichkeiten. Ob sich das durch eine Regel umgestalten ließe, bezweifle ich. Würde Fragmente sagen "du musst aber ab jetzt immer einen Notizblock mit Thema haben" wäre ich vermutlich mittwochs um 20:30 bald leider verhindert. Der fünfte Reiter, der mich aus dem Spiel kickt, trüge einen grauen Anzug und wäre verbeamtet. Wenn ich hingegen Frau Fragmente Notizen verbieten würde oder die Regel "als erstes Kamera ein!" aufstellen würde, müsste sie sich wohl bald mittwochs abends um ihre Mutter kümmern; der Fünfte reitet bei ihr auf einem Chamäleon.

    Was können wir daraus mitnehmen: Regeln brauchen wir erst da, wo wir uns die Personen nicht mehr aussuchen können.

     
    Uuuuuhhhh...
    ...was für ein schlauer Abschlusssatz, toll!
     
    Ich fand den Satz auch erst sehr klug, aber dann fiel mir auf, dass die meisten Regeln, die ich habe oder befolge, vor allem mich alleine betreffen und dass ich sehr froh bin, dass es sie gibt, denn ich neige schwer zum Verlottern. Ohne, dass ich es mir selber als feste Regel gegeben hätte, wäre das zum Beispiel ein echtes Problem mit dem regelmäßigen Zähneputzen. Oder der gesamte Hygienekram: Das Wechseln der Handtücher geschieht streng nach Regel, genau wie das Wechseln der Bettwäsche.
    In der Beziehung haben wir uns auch viele Regeln gegeben, das macht es einfach leichter, nicht immer und konsequent als erste Alternative "heute könnten wir doch mal gemütlich schlunzen" zu wählen.
    Überhaupt, je länger ich drüber nachdenke, um so mehr fällt mir auf, dass ich Regeln akzeptiere und deshalb auch befolge, wenn dabei Leute involviert sind, die ich mag.
    Regeln, die Leute betreffen, die mir völlig egal sind oder von Leuten ausgegeben wurden, die ich nicht mag, benutze ich hauptsächlich, um sie vorsätzlich zu brechen oder zu umgehen, leiwer düad as Slaav, ich lasse mir doch von fremden Leuten nichts vorschreiben.
    Meine Definition wäre deshalb: Regeln sind etwas Gutes, um Struktur ins Leben zu bringen und deshalb vor allem intern sinnvoll und nützlich. Extern geben sie den Rahmen vor, den man berücksichtigen muss, um nicht erwischt zu werden.
     
    Ich betrachte das, was Sie als "interne Regeln" beschreiben, mehr als Entscheidungen. Intern mache ich Sachen nicht, weil man sie so macht, sondern weil ich mich so entschieden habe. Vielleicht meinen wir aber auch dasselbe, ich bin da unsicher.

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