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    Mittwoch, 17. Juni 2020

    Ich muss noch etwas schreiben, sonst kann ich nicht schlafen, denn ich habe gerade einen Brief vom Finanzamt geöffnet, "Rückfragen zu Ihrer Einkommenssteuererklärung 2018" und nun bin ich furchtbar freudig aufgeregt, denn ich kann alle Fragen sofort und aus dem Stehgreif beantworten. Nicht nur das: ich weiß sogar ohne zu schauen, wo die Unterlagen sind, die das belegen. Ich könnte Sie sogar - also genau Sie - anweisen, die bei mir zu finden: gehen sie ins Arbeitszimmer, setzen Sie sich an den Schreibtisch, linker Hand unter dem Schreibtisch steht ein Karton, darin ein graues Ablagekörbchen. In dem Körbchen sind jeweils Plastikhüllen betitelt "Steuererklärung 2020", "Steuererklärung 2019", "Steuererklärung 2018", "Steuererklärung 2017". Umgekehrt chronologisch, 2020 liegt ganz oben. Nehmen Sie also 2018 heraus, unter den ersten 10 Blättern im Stapel ist die erste geforderte Unterlage und die zweite müsste etwa mittig sein, wenn nicht ganz mittig so tendenziell noch in der ersten Hälfte.

    Ich kann es gar nicht erwarten, das dem Finanzamt alles genau mitzuteilen, selten war ich so enorm gut vorbereitet, ich fühle mich wie manche der Kinder im Home Office, nein, Home Schooling, die alle Aufgaben und alle Zusatzaufgaben ganz und gar selbständig gemacht haben und nun hören, dass einfach durchweg alle versetzt werden - ich hoffe, das Finanzamt enttäuscht mich nicht in ähnlicher Weise.

    Weil ich die Freude, zu antworten noch aufschiebe (ich soll bis zum 3.7., nächster Stapel-des-Grauens-Termin ist aber deutlich vorher, ich werde overperformen!), überlege ich derweil meine einleitenden Sätze für das Schreiben:

    "Sehr geehrte Damen und Herren, besten Dank für Ihr Schreiben vom 15.06., das mich überrascht und enttäuscht" - nein, natürlich nicht, "überrascht und erfreut"? Aber Überraschung wäre zu viel, so überraschend ist es ja nicht, dass das Finanzamt nachfragt. Vielleicht "Ich freue mich über Ihr Interesse an meiner Einkommenssteuererklärung"? Das würde mir die Möglichkeit geben, wenn für 2019 auch noch etwas angefordert wird, zu schreiben "Ich freue mich über Ihr auch in diesem Jahr fortgesetztes Interesse an meinen Unterlagen". Aber es könnte sein, dass die Finanzbeamt*innen das falsch verstehen, am Ende noch ironisch auffassen. Naja, ich habe ja noch Zeit, darüber zu reflektieren. Weiß gar nicht, ob ich jetzt gleich zum entspannten Einschlafen Drosten höre oder über weitere Möglichkeiten des ersten Satzes im Schreiben nachdenke.

    Über die Grußformel am Ende werde ich mir auch noch Gedanken machen, das übe ich derzeit in der beruflichen Korrespondenz mit Frau Fragmente und ich bin schon recht gut, die Ideen fließen, man muss nur einmal richtig loslassen, dann macht der Körper von selbst, das sagt auch der Gesangslehrer.

    Insgeheim neidisch bin ich aber auf eine Grußformel der virtuellen Bürokollegin, die ich nie anwenden können werde. Sie lautet "Gruß, [Nachname]", zu verwenden als ultimativer Tadel am Ende eines schmallippigen Schreibens. Man muss dazu den richtigen Nachnamen haben, meiner ist nicht richtig, er ist zu lang und zu umständlich für einen knappsten Gruß. Ich kann Ihnen natürlich keine weiteren Hinweise auf den Nachnamen der virtuellen Bürokollegin geben, aber seien Sie versichert, dass die Emotion absolut rüberkommt wie ein Peitschenhieb. Wie gesagt, diese Möglichkeit steht mir nicht zur Verfügung jedenfalls nicht bis zum 3.7. (allzu weit in die Zukunft zu blicken habe ich mir 2020 gründlich abgewöhnt), aber ach fast schon wieder vergessen, ich wollte ja nett schreibejn, gar nicht tadelnd sondern freundlich-begeistert-aber-nicht-merkwürdig.

     
    Ich will Ihnen ja nicht die Freude an der Formulierung einer perfekten Antwort nehmen, aber die Sachbearbeiter im Finanzamt fordern jeden Tag zigfach Unterlagen von beleglos eingereichten Steuererklärungen an, einfach weil seit 2017 Steuererklärungen grundsätzlich zunächst mal ohne Belege eingereicht werden sollen, aber selbstverständlich müssen bestimmte Sachverhalte immer noch sorgfältig geprüft werden, weshalb es genaue Richtlinien gibt, in welchen Fällen und bei welchen Beträgen und/oder Abweichungen vom Vorjahr die Belege anzufordern sind.

    Weil ich mir die Regeln, die zum Anfordern von Belegen führen, recht gut vorstellen kann,
    stelle ich für jede beleglos eingereichte Steuererklärung auch immer schon ein Päckchen Belege zusammen, von denen ich annehme, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit angefordert werden, und lege sie samt Anschreiben, in dem ich nur das Datum handschriftlich einfügen muss, parat.
    Der einzige, der das Anschreiben wirklich anschaut, ist der Mensch in der Postverteilstelle, der prüft, welchem Sachbearbeiter er welche Post weiterleiten muss.
    Für Steuerpflichtige ist Post vom Finanzamt immer aufregend, für das Finanzamt ist das einfach nur ein weiteres Stück Papier zur Akte.
     
    Ich bin es gewohnt, dass meine Formulierungen nicht die Würdigung erfahren, die sie verdienen. Aber vielleicht wird meine Akte irgendwann nach dem Untergang der Zivilisation von Historiker*innen gefunden und lockt sie dann auf eine ganz falsche Art von Fährte, welche Formulierungen "damals" in welchem Kontext angemessen waren. Ich schreibe also immer mit der Nachwelt im Kopf, auch ans Finanzamt.

    (Tatsächlich wollte das Finanzamt noch nie irgendwas von mir, aber ich habe ja auch die letzten zig Jahre keine Steuererklärung gemacht, es ist gut möglich, dass sich da was geändert hat - ja, mir fällt jetzt ein, das hat es definitiv, denn damals habe ich immer was mitgeschickt in Papierform, jetzt elektronisch halt gar nicht.)
     
    Ich schreibe also immer mit der Nachwelt im Kopf, auch ans Finanzamt.
    Das finde ich eine sehr pragmatisch-vernünftige Einstellung, weil sie maximal enttäuschungsarm ist. Wenn Ihre Formulierungen heute keiner bemerkt und goutiert, weil die Welt bekanntlich nicht nur aus gebildeten Sprachwissenschaftlern besteht, dann wird es doch ganz bestimmt in der Zukunft jemand tun, sie können also in der Gegenwart fehlende Reaktionen entspannt ignorieren, weil, da geht noch was, irgendwann später. Finde ich ich eine gute Grundeinstellung und würde ich auch übernehmen, wenn meine Kommunikation mit dem Finanzamt sich auf Einzelkontakte beschränkte.
    Da ich leider häufiger mit den Menschen dort zu tun habe, feht es mir an Kapazität für ausgefeilte Formulierungen, ich setze lieber auf ankreuzbare Serienbriefe, ist in meinem Alltag einfach praktischer.
     
    Heimlich liebe ich übrigens auch Formulare!

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