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    Mittwoch, 10. Juni 2020

    Frau Fragmente sitzt in ihrem Schlafzimmer am Schreibtisch und bloggt, ich sitze in meinem Büro und blogge über Frau Fragmente. Eigentlich hatte ich vor, den ganzen Eintrag heute in der dritten Person von mir zu schreiben, aber dann war es in echt nicht so witzig wie in meinem Kopf. Und wie ich heute schon jemandem mailte: Aufwand und Nutzen müssen sich die Waage halten. Was man anderen anweist, muss man natürlich selbst auch machen. Bzw. nicht immer. Aber das ist ein anderes Thema. Auch ein spannendes natürlich.

    Es gibt lauter spannende Themen heute. Noch eins wäre eines, das ich Frau Fragmente offenbar zu Beginn ihrer Berufstätigkeit verklickert habe. Ich konnte mich null erinnern aber sie hat es mir vorhin berichtet und ich lauschte mit meiner ungeteilten Aufmerksamkeit. Schlaue Idee, erzähle ich vielleicht ein andermal oder vielleicht tut sie das ja auch.

    Was mich eigentlich heute umtreibt ist die Frage: warum wird so wenig gefragt. Ich stelle das in allen möglichen Sachverhalten fest, gerade aber auch beruflich. Inderaktuellensituation, die eben viel Unsicherheit bringt und dann wir ganz viel spekuliert statt gefragt.

    Ich habe neulich überlegt, ob man ein Unternehmen völlig transparent machen könnte, also in der Art, dass jede/r Zugriff auf alles hat (Lesezugriff natürlich nur). Auf das komplette Buchhaltungsssytem, auf die gesamte Kommunikation, einfach auf alles. Mir würde das sehr gut gefallen, zum einen natürlich, weil ich ja total neugierig bin, zum anderen aber auch, weil ich dann immer sagen könnte "na guck dir halt die Details und Zusammenhänge an und komm dann nochmal mit einer Meinung wieder".

    Ich glaube, ich habe an meinem Standort etwa 80% Überblick über alles. Das ist schon recht viel. Etwa ein Jahr habe ich gebraucht - also neben meinen sonstigen Tätigkeiten - um die finanzielle Struktur zu verstehen. Als ich Anfang 2019 neu in meiner Position war, hatte ich ja mal jemanden um Hilfe gebeten und gefragt, was im Bereich Finanzen eigentlich so genau von mir erwartet würde. Die etwas spöttische Antwort war, dass ich "jede einzelne Bewegung in den Büchern" verstehen sollte. Und da ich recht kompetitiv auf Herausforderungen reagiere, hatte ich somit ein paar Tage später alle Zugriffsrechte und habe angefangen, mich damit vertraut zu machen. Ich darf behaupten, dass ich alle Bewegungen im Jahr 2019 gesehen und verstanden habe.

    Hier sind wir dann aber auch gleich bei einer der Schwierigkeiten der völligen Transparenz: wer hat denn dafür die Zeit? Es kann ja nicht jede/r ein Jahr lang jeden Tag einen Zeitraum freiräumen, um Buchungen zu studieren, zumindest nicht, wenn das nicht zum eigentlichen Aufgabengebiet gehört.

    Weltweit in meiner Organisation habe ich, schätze ich mal, 10% Überblick. Tendenz steigend, weil ich halt dauernd etwas frage und irgendwo reingucke. Die anderen machen das nicht so, das verstehe ich nicht, es ist doch alles so spannend! Genauso verstehe ich nicht, wieso nicht jede/r an den Videokonferenzen mit dem Chef von Allem teilnimmt. Natürlich sind nicht alle Einzelheiten spannend und er sagt selbst immer mal "sorry for being preachy" aber man will doch wissen, wer der Boss ist, wie der aussieht, wie er auf dem Stuhl zappelt, welche Mimik er hat und natürlich auch was er sagt. Ich finde immer, je mehr ich weiß, desto besser kann ich Zusammenhänge verstehen, mir Fragen beantworten, Probleme vorhersehen. Ich möchte im Grunde wirklich einfach alles wissen.

    Und deshalb wundere ich mich auch, wie wenig ich gefragt werde. Klar, ich kann nicht alles teilen, weil es eben keine völlig transparente Organisation ist, aber vieles natürlich doch, viele Zusammenhänge klarer machen, viele Linien verdeutlichen.

    Was mich auch noch wundert: viele Leute, die was wissen möchten, fragen jemanden, den sie gern fragen möchten. Aber nicht die Person, die mit ziemlicher Sicherheit die richtige Antwort hat.

    Nunja. Vielleicht ist das Ziel auch Gerede oder Gejammer und nicht Durchblick, was weiß ich schon.

    Frau Fragmente jedenfalls hat heute ein lustiges Zöpfchen. Außerdem trägt sie ein Nachthemd, das ich aber für ein Büro-Oberteil mit Perlenstickerei hielt. So ein schickes Nachthemd hätte ich auch mal gerne, ich trage immer übergroße T- und Sweatshirts mit Aufdrucken vom Techniktagebuch und alle haben Löcher an den Schultern, weil sich die Katzen da hineinkrallen, wenn ich sie herumtrage.

    Frau Fragmente hat heute übrigens auch eine unglaublich lange Blogliste. Zig Themen, ich wüsste echt gern, wann sie die Liste erstellt hat. Heute über den Tag? Aber war sie immer in der Nähe dieses Notizblocks? Oder hat sich sich nach dem Abendessen geordnet hingesetzt und "So. Jetzt schreibe ich meine Themenliste!" gesagt? Was macht Frau Fragmente, wenn wir nicht zuschauen?

    Vielleicht verrät sie es uns ja in ihrem Blogeintrag.

     
    "... den ganzen Eintrag heute in der dritten Person von mir zu schreiben ..."
    H. schreibt nur von sich in der dritten Person, das gibt mehr Abstand, mehr Reflexion.
     
    Alle wollen sich immer unbedingt finden und Sie wollen Abstand zu sich?
     
    Da gibt es doch die Situationen, in denen man sich sagt: "Was zum Teufel mach ich hier?" Wie sollte das gehen ohne Abstand zu sich selbst?

    Ich versuche, mir regelmäßig über die Schulter zu schauen, als eine Art innere Instanz, die verhindert, alles (oder mich selbst) übertrieben wichtig zu nehmen. Oder wenigstens, um nicht allzu viel Mist zu bauen.
     
    Sie glauben doch nicht ernsthaft, man könne sich selbst von Außen betrachten. Sie denken immer mit ihrem eigenen Gehirn, mit den gesammelten Erfahrungen, Werten, Ansichten. Da kommen Sie nicht raus.

    Auch nicht, wenn Sie in der 3. Person formulieren.
     
    Naja, dann müssen sich die Leute auch nicht finden, sie sind ja schon da.

    Aber ein wenig konsequenter am Thema: so schlicht ist das Gehirn nicht. Geht nicht jede Entscheidung über den "Bestand" an Erfahrungen hinaus? Sonst wäre sie ja keine.

    Und so kann ich doch zu jeder Zeit eine Gedankenebene mitlaufen lassen, in der ich versuche, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.
     
    Ich denke, jede Entscheidung basiert auf dem Bestand an Erfahrungen. Die Konsequenzen der Entscheidung können dann durchaus zu ganz neuen Erfahrungen führen.

    Klar können Sie versuchen, einen anderen Blickwinkel einzunehmen, aber das sind dann immer noch Sie, der gerade versucht, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Sie können nicht so denken, wie ich. Und ich nicht so, wie Sie.

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    zum Fragen: Ich habe mich heute genau das Gegenteil gefragt, nämlich was bei den Leuten im Kopf vorgeht, die mich mehrfach das Gleiche fragen und jedesmal ganz offensichtlich sofort wieder vergessen, dass sie mich das schon gefragt haben, denn sie bedanken sich für die Erklärung stets mit: "Das war jetzt ganz toll, dass Sie mir das so ausführlich erklärt haben, jetzt habe ich es wirklich verstanden. Ich sag ja immer, ich muss das nur einmal richtig verstanden haben, dann kann ich auch die Zusammenhänge sinnvoll beurteilen. Aber ohne, dass man die Strukturen und die Hintergründe verstanden hat, geht das doch gar nicht." - Genau diesen Spruch durfte ich mir nämlich heute erneut anhören, nach dem ich der Person mittlerweile zum dritten Mal erklärt habe, wie die einzelnen Positionen in dem Jahresabschluss der Gesellschaft, bei der sie Geschäftsführerin ist, zu verstehen sind. Weil, es ist mittlerweile der dritte Jahresabschluss, den sie als Geschäftsführerin unterschreiben muss und sie hat mich bisher jedesmal gefragt, weshalb die Firma ständig Liquiditätsprobleme hat, wenn doch auf dem Eigenkapitalkonto fast 10 Millionen sind.
    Meine Erklärung, warum so viele Leute nicht fragen ist daher, dass viele immerhin klug genug sind, sich nicht ständig so offen blamieren zu wollen. Denn nur fragen reicht leider nicht, man muss die Antworten auch verstehen und sie sich merken.
     
    Also das finde ich jetzt von Ihnen ungewohnt optimistisch, anzunehmen, dass Leute, die sich keine Antworten merken können auf der anderen Seite so aufmerksam sind, zu bemerken, ob sie sich blamieren.

    Meine Erfahrung ist da auch wieder eher andersherum: erstaunlich viele Leute fragen nichts, ohne zu bemerken, dass sie sich durch dauerhaftes Nicht-Wissen von Dingen, die längst sonnenklar sein könnten, blamieren.

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    über die sache mit dem fragen (resp. nicht-fragen) hab ich mich auch jahrelang gewundert. in meiner eigenen, kleinen welt ist es nämlich so, dass ich was weiss oder nicht. und wenn ich was nicht weiss, dann schau ich nach oder ich frag nach. dinge, die ich weiss und von denen ich oder kompetente personen der meinung sind, dass sie häufigen veränderungen unterworfen sind, werden regelmässig neu hinterfragt. eigentlich ein einfaches, logisches konzept.

    und dann hatte ich da eine assistentin, frau dr. med., tochter eines protestantischen geistlichen, aus akademikerfamilie (mehrere generationen ...). soweit, so gut.

    wenn man der was auftrug und fragte ob sie die aufgabenstellung auch ganz bestimmt verstanden hätte, dann antwortete sie mit "ja", und dann passierte irgendwas, meist leider nicht das was passieren sollte.

    frau kelef natürlich konnte das so nicht akzeptieren, und nach langen befragungen und tränenreichen episoden stellte sich heraus, dass die grossmutter dem mägdelein erklärt hatte, sie solle sicherheitshalber immer mit "ja" antworten, und nur nix fragen, sonst könnte jemand auf die idee kommen sie hätte was nicht verstanden. informationen könne man dann schon irgendwie irgendwann im laufe des geschehens einholen, oder bei jemandem abspicken, oder was auch immer.

    dieses "ja" ging in die annalen ein als "das ja des evangelischen pfarrerstöcherlein", das wurde und wird mit einer ganz eigenen betonung übrigens nicht nur von besagtem mägdelein zum einsatz gebracht, leider lässt sich das auch bei anderen personen beobachten.
     
    Und Sie wechseln nun gleich zwischen der ersten und der dritten Person!
     
    da sehen sie, wie mich das heute noch immer aufregt.
     
    Grüss sie Frau Novemberregen
    wie üblich weicht meine Wahrnehmung in einigen Punkten von der ihren ab. Ist uns allerdings reiflich bekannt. Selbiges kann inzwischen vorausgesetzt werden und ist kein Hindernisgrund gewisse Dinge zu besprechen. Hoffe ich.

    Mich treibt weniger die Frage um ob erste Person oder eher jene des dritten Mannes, sondern eher ihre Aussage die auf 80% über alles hinausläuft, die an ihre Weltwahrnehmung gebunden ist. Klingt jetzt vermessen ihnen zu widersprechen. Und wenn nur im Detail. Sie sind ja Bürochefin in einem recht großen Anwaltsbüro. Ich hoffe damit nicht zu viel auszuplaudern. Also werden bei ihnen in der Firma andauernd Verträge ausgehandelt und abgeschlossen mit ganz speziellen Vertragsinhalten. Ich hoffe soweit stimmen wir in der Wahrnehmung noch überein. Nur kann ihnen der Inhalt dieser Verträge nicht bekannt sein. Das wäre ja völlig bekloppt und wohl Vertragsbruch, wenn sie da in jeden Vertrag Einblick hätten und darin blättern können wie ich in meiner Tageszeitung. Eventuell sogar aus dem Home-Office heraus, während sie neben her mit einer der Katzen spielen oder was kochen oder sonst was spannendes unternehmen. Was ihnen bekannt sein könnte ist eventuell das Honorar welches die Anwälte in ihrem Büro dann einstreichen oder eine Vertragssumme oder sonst irgendeine Zahl, die allerdings nicht mit dem Inhalt des Vertrages zu tun hat zwischen Klient und Anwalt bzw. Anwältin. In dieser Sache muss es wohl ein Geheimnis geben. Oder liege ich da völlig falsch und daneben. Also können sie dieser Definition nach, genau dem Inhalt von Vertragstexten, niemals 80% Überblick über alles haben, eben weil ihnen der Einblick in diese juristischen Texte, also die Inhalte von Verträgen, im Detail nicht bekannt sein kann. Das ist unmöglich laut Vertragsrecht. Was sie dann wieder sehen ist eventuell der Umsatz, Gewinn, Aufwand für dieses oder jenes und solche Kennzahlen. Was eh sehr viel ist. Nicht dass sie mich falsch verstehen. Aber in die Tiefen der Verträge, also dem Wesentlichen einer Anwaltskanzlei, können sie nicht bis zu 80% vordringen. Noch nicht;-) Zwar sind sie brutal klug und gebildet. Allerdings nicht Juristin für alle Arten von Wirtschafts-Dingsbums.

    Und über Verträge die am anderen Ende der Welt geschlossen werden können sie auch nur sehr schwer was wissen. Falls ich mich täusche, wissen sie inzwischen so viel das ihre Firma im Ernstfall einen Sniper organisieren müsste, falls die Dinge mal ins Stocken geraten und extremst spannend werden. Sie verstehen sicherlich was ich meine. Deswegen würde ich ihren Wissenstand doch etwas tiefer ansetzen. Sagen wir bei 78,4%;-) Allerdings eher gefühlt. Eventuell meinten sie auch nur die äußeren Abläufe in ihrem Büro. Aber alles. Schwierig. Falls ich mich irre, ich lieg in der Regel ja immer daneben, bin ich natürlich gerne zu einer Korrektur bereit. Es wäre ja sowieso vermessen mehr zu wissen als sie. Eigentlich wollte ich von ihrer Wahrnehmung abweichen schreiben. Was mich dann bei all der Ernsthaftigkeit des Themas doch ziemlich erheitert. Ehrlich gesagt.

    Ende.
     
    @kelef das hat Sie so aufgeregt, dass Sie sich dann davon sofort mental entrückt haben? Hossa.

    @Herr Schizophrenist ich meine 80 % bzw. 10 % der Organisation des Büros. Das ist mein Arbeitsgebiet, nicht das verkaufte Produkt.
     
    Herr Schizophrenist, haben Sie oben was Wesentliches geändert oder nur Tipper und dergleichen?

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    3. Person und sich finden
    H. will überhaupt niemanden finden.
    Und die dritte Person ist etwas anderes als die erste, auch wenn es mit demselben Hirn passiert.
     
    Inwiefern, so NLP-mäßig mit den verschiedenen Wahrnehmungspositionen?

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