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    Dienstag, 9. Februar 2016
    Fragen über Fragen

    Der Presse entnehme ich, dass Sigmar Gabriel sich bis Mitte der Woche frei nimmt, um sich um sein krankes Kind zu kümmern, denn seine Frau muss arbeiten. Das ist offenbar eine Meldung wert und natürlich ist auch mein Interesse sofort entfacht. Privat, weil Kindkrank immer nervlich aufreibend ist. Beruflich sowieso, weil es mich immer interessiert, wie andere Arbeitnehmer und Arbeitgeber so etwas handhaben.

    Laut Sitzungskalender stehen ja immerhin für diese Woche keine Parlamentssitzungen an, kann aber natürlich sein, dass die Fraktionen tagen oder es sonstige Termine gibt und zu lesen, vorzubereiten und zu recherchieren oder generell zu regeln. Was heißt "nimmt sich frei" wohl genau? Hat Herr Gabriel sich nun bezahlten Urlaub genommen und wie viele Tage Urlaub hat ein Mitglied des Deutschen Bundestages wohl im Jahr? Das kann man sicher googeln. Unbezahlter Urlaub ist sicher auch möglich, ich weiß jetzt gar nicht, was der Berufsstand von Herrn Gabriel ist, sind ja längst nicht alle MdBs im öffentlichen Dienst angestellt. Ich weiß zu wenig über diese Dinge. Dass die Krankenkasse Krankengeld wegen Betreuungsbedarf eines erkrankten Kindes zahlt, kommt natürlich nur in Frage, wenn Herr Gabriel gesetzlich krankenversichert ist. Oder macht er gar Homeoffice?

    Wie auch immer, es geht ja nur um ein paar Tage. Mitte der Woche reisen, so lese ich, die Großeltern an, um die Betreuung zu gewährleisten. Sind vermutlich nicht mehr berufstätig. Hoffentlich stecken sie sich nicht an, Scharlach bzw. die möglichen Komplikationen bei Erwachsenen sind ja nicht so lustig. Ich hab mich nicht getraut, Mama N. herzuholen, als Mademoiselle Grippe hatte.

    Aber wie ist die Betreuung des Kindes eigentlich sonst geregelt? 2014 ging ja schon durch die Presse, dass Herr Gabriel sich immer Mittwochsnachmittags kümmern wird. Die Frau hat eine "Praxis", was für eine habe ich nicht recherchiert. Wenn Herr Gabriel so viel unterwegs ist, passt das mit den Öffnungszeiten der Kita und mit den zahlreichen Schließzeiten? Ich hab ja immer schon Blutdruck bekommen wenn auf einem Umweltpapierzettelchen das Wort "Betriebsausflug" oder "Konzeptionstag" auftauchte. Geht Herrn - und Frau - Gabriel sicher genauso.

    Was mich allerdings auch ein bisschen verwirrt ist, dass das Gespräch mit dem Focus am Montag in Hamburg stattfand, wo das kranke Kind doch in Goslar ist und der Arbeitsplatz in Berlin. Wer ist denn jetzt beim Kind?! Insgesamt könnte man sagen, ich fühle mich nicht ausreichend informiert vom Focus. Vielleicht gibt es ja nächste Woche ein Sonderheft zu diesem weltbewegenden Ereignis.

     
    Gabriel hat auf Lehramt studiert. Nach dem Referendariat hatte er 1989/90 noch einen befristeten Vertrag in der Erwachsenenbildung. Ab 1990 war er Landtagsabgeordneter in Niedersachsen usw. usf., also nix mehr mit unterrichten. Und dass er gesetzlich krankenversichert ist, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich.
     
    Also fast niemals wirklich gearbeitet. Sowas wünscht man sich ja als Wirtschaftsminister.
     
    Soweit ich weiß, jobbte er während des Studiums als Nachtportier in einem Hotel und beim DGB.
     
    @hafensonne
    Ich kenne fast niemanden, der härter arbeitet als Bundestagsabgeordnete und MinisterInnen, und ich habe vier Jahre lang dabei zugeschaut und mitgearbeitet.
     
    @ hafensonne: Mir klingt das auch sehr danach, dass Sie bestimmte Klischeevorstellungen über Politiker pflegen. Sie können davon ausgehen, dass deren Arbeitstag länger ist als Ihrer, und die Wochenenden sind meist auch vollgestopft mit Terminen.
     
    @jongleurin und arboretum: Dass die Politiker viel zu tun haben, ist mir klar. Ich finde jedoch trotzdem, dass ein wenig echte Arbeitserfahrung im richtigen Arbeitsleben so manchem Politiker gut getan hätte.

    Und der Teil der Arbeitsbelastung, der von Nebentätigkeiten in Aufsichtsräten u.ä. herrührt, ist ja selbstgewähltes Leid. Eigentlich sollten die Diäten ja für Unabhängigkeit sorgen und sind m.E. auch hoch genug dafür, deswegen begreife ich nicht, warum ein Verbot von Nebenerwerb nicht durchsetzbar ist.
     
    Jetzt muss ich echt mal ganz doof fragen: was ist denn "echte" Arbeitserfahrung, woran wird die gemessen? An Produktivität? Dann haben Pflegekräfte und Erzieherinnen das auch nicht. An Team-Arbeit oder der Notwendigkeit, Hierarchien zu genügen, um ein Gehalt zu bekommen? Das würde für Freie auch nicht zutreffen... mir erschließt sich das immer nicht.
    Nebentätigkeiten sind für Abgeordnete übrigens meist sehr viele ehrenamtliche Funktionen in Partei und in Vereinen im Wahlkreis oder in Fachverbänden der jeweiligen politischen Richtung, was für ihre Arbeit sehr wichtig ist und nicht bezahlt wird. Heftig bezahlte Aufsichtsratposten und honorierte Vortragsreisen sind enorm selten, nur jede vierte Abgeordnete hat überhaupt Nebeneinkünfte. Zum Glück, ich finde das auch schwierig.
     
    @jongleurin: Jetzt habe ich den ganzen gestrigen Tag darüber nachgedacht, was für mich richtige Arbeit ist. Wertschöpfung ist sicherlich wichtig. Ich verstehe allerdings nicht, warum in Ihren Augen Pflegekräfte und Erzieher nicht produktiv sein sollen. In meinen Augen sind sie es.

    Ich glaube aber, ich wollte auf die Notwendigkeit hinaus, seinen Lebensunterhalt mit den eigenen Händen zu verdienen. Mit allen Widrigkeiten, die dazugehören. Doofe Chefs, doofe Arbeitszeiten, doofe Kollegen, doofe Kunden. Mit dem Gefühl, dass am Ende des Geldes noch soviel Monat übrig ist. Das muss man sicherlich nicht ein Leben lang aushalten, aber ein wenig diesbezügliche Erfahrungen erden einen. Das schließe ich nicht nur von mir auf andere, sondern weiß ich auch aus meinem beruflichen Kontext. Ich habe beruflich viel mit unterschiedlichsten Menschen und ihren Biographien zu tun.

    Nebenbei: Harte Arbeit ist für mich das, was unzählige Menschen teils in Schichtarbeit leisten, um dieses Land am Laufen zu halten. Ärzte, Pflegekräfte, Kraftfahrer, Polizisten, Feuerwehrleute, Seeleute, Lokführer (alles m/w) usw. Ehrenamtliche Nebentätigkeiten sind für mich wie für alle Ehrenamtler in diesem Land auch selbstgewähltes Leid. Und dass nur jeder vierte Abgeordnete Nebeneinkünfte hat, kann man ja gar nicht sicher wissen, weil diese ja überhaupt nicht offengelegt werden müssen. Es gibt halt einige, die es trotzdem tun.
     
    Ein Faktor bei Nebentätigkeit ist auch noch, dass das Mandat für die wenigsten Abgeordneten ein Job für's Leben ist, und längst nicht alle eine sichere Rückkehroption nach vier oder acht Jahren auf eine Stelle im öffentlichen Dienst (Standardbeispiel Lehrer) haben. Da dient die Tätigkeit dann auch dazu, entweder den Anschluss an das alte Berufsumfeld zu halten - bei dem je nach Job eine mehrjährige Abwesenheit das Aus bedeuten kann - oder sich eine berufliche Alternative aufzubauen.
     
    @jean luc: Aber genau das ist doch das problematische! Schon während der Abgeordnetenzeit in das Unternehmen der Wahl hineinwachsen stört mMn empfindlich die Unabhängigkeit des Abgeordneten. Und die Diäten sind jetzt auch nicht soooo knapp bemessen, dass man nicht davon etwas für die Zeit danach zurücklegen könnte. Zumal es für die erste Zeit nach dem Mandat auch noch Übergangsgelder und dergleichen gibt. Während des Mandats soll sich der Abgeordnete auf seine Hauptrolle konzentrieren, das scheint ja schon anstrengend genug zu sein.
     
    @hafensonne:
    Die Alternative dazu sind allerdings entweder reine "Berufs"abgeordnete (die auch abhängig sind, nämlich von ihrer Partei um auch bei der nächsten Wahl wieder als Kandidaten aufgestellt zu werden) auf Lebenszeit oder Leute die finanziell ohnehin schon ausgesorgt haben. Beides will man nicht so wirklich, jedenfalls nicht ausschließlich. Wenn das Parlament die Bevölkerung nicht nur repräsentieren sondern zumindest ansatzweise auch abbilden soll, muss es auch Möglichkeiten geben für Seiteneinsteiger und "Wagemutige", die Eindrücke und Erfahrungen aus allen möglichen Lebensbereichen einbringen können aber für die das nicht mittel- bis langfristig ein abschreckendes finanzielles Himmelfahrtskommando sein darf.

    Es gibt dennoch auch solche Fälle: http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/menschen/persoenlich-ehemalige-bundestagsabgeordnete-muss-putzen-gehen-1353747.html

    Klar gibt's auch Leute die das Mandat als Karriereturbo betreiben. Ich schätze jedoch, das sich das nicht verhindern lässt.
     
    @jean luc: Wie gesagt, das Ende der Legislaturperiode kommt nicht (oder jedoch allermeistens nicht) plötzlich und unerwartet, man kann sich seelisch und moralisch darauf vorbereiten, es gibt Übergangsgelder.

    Und eine zwingende Offenlegung sämtlicher Nebentätigkeiten, ob nun bezahlt oder Ehrenamt, sollte zumindest Transparenz für den Wähler herstellen, die mit der aktuellen Lage leider nicht gegeben ist.
     
    @ hafensonne: Wann haben Sie sich das letzte Mal auf eine Stelle bewerben müssen? Und wie viele Bewerbungen haben Sie in ihrem Berufsleben bislang geschrieben?

    Ich glaube aber, ich wollte auf die Notwendigkeit hinaus, seinen Lebensunterhalt mit den eigenen Händen zu verdienen.

    Kopfarbeit zählt also nicht?
     
    @arboretum: Zuletzt? Vor 5 Jahren. Eine Bewerbung, eine Zusage. Davor? Vor 14 Jahren. Eine Bewerbung, eine Zusage. Reicht das?

    "Mit den eigenen Händen" - wenn Sie übertragene Redewendungen nicht verstehen, kann ich Ihnen auch nicht helfen.

    Berufspolitiker werden übrigens nicht dazu gezwungen, diesen ach so harten Job auszuüben. Wenn es ihnen zu anstrengend ist, können sie es ja lassen. Mein Mitleid hält sich angesichts von aktuell um 9000€ monatlicher Entschädigungszahlung wirklich sehr in Grenzen.
     
    Mit anderen Worten: Sie kennen sich mit der Arbeitssuche selbst gar nicht so sehr aus und können kaum einschätzen, wie schwierig es sein kann, eine Stelle zu finden, vor allem ab einem gewissen Alter. Jene ehemalige Bundestagsabgeordnete, um die es in dem oben verlinkten FAZ-Artikel geht, schrieb 100 Bewerbungen. Vergeblich. Trotz zweier abgeschlossener Berufsausbildungen. Da nützt dann auch kein Übergangsgeld mehr (auf das übrigens ab dem zweiten Monat alle Einkünfte angerechnet werden).
     
    @arboretum: Wie ich bereits weiter oben schrieb, kenne ich mich aus beruflichen Gründen sehr gut mit Bildungs- und Berufsbiographien beinahe sämtlicher Schichten aus. Warum man jeden Scheiß immer selbst erlebt haben muss, um eine Meinung zu haben, werde ich in diesem Leben nicht mehr begreifen. Im übrigen habe ich auch Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit und Sozialamt, falls das irgendwie wichtig ist. Eine einzelne Betroffene als Paradebeispiel für eine ganze, ziemlich große Gruppe heranzuziehen ist jedenfalls argumentativ ganz kleines Tennis. Die meisten MdBs dürften diesbezüglich nicht besonders große Anschlussprobleme haben.
     
    @hafensonne:
    Es ist wahrscheinlich richtig, dass die meisten MdBs keine großen Anschlussprobleme haben; das heißt jedoch nicht, dass es kein Problem gibt und insbesondere nicht, dass dies ohne die Möglichkeit zu Nebentätigkeiten nicht sogar wachsen würde.

    Wissenschaftliche Untersuchungen dazu gibt es meines Wissens leider nur begrenzt, aber hier sind noch zwei Links mit jeweils einem etwas größeren Überblick als dem obigen Einzelbeispiel:

    http://www.kienbaum.de/Portaldata/1/Resources/downloads/brochures/Kienbaum_Nach-dem-Bundestag-Studie.pdf [PDF-Datei]

    http://www.politik-kommunikation.de/ressorts/artikel/das-leben-nach-dem-mandat
     
    Sollte man sich in so einem sensiblen Metier wie der Volksvertretung tatsächlich bedauerlicher Einzelfälle wegen um gute, klare Standards drücken? Wie gesagt kommt das ja alles nicht ganz überraschend, da kann man bei der vergleichsweise guten Ausstattung während der MdB-Zeit durchaus etwas vorausschauendes Verhalten erwarten. Schließlich erwarten die MdB das Gleiche in ihren Entscheidungen von uns.

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    Es mag einige überraschen, aber Herr Gabriel ist zusãtzlich noch Wirtschaftsminister. Und da ist nichts geregelt, auch nicht bei den Abgeordneten.
    Meine Quelle ist unsere Abgeordnete, die mal in hoher politischer Funktion ein Baby bekommen hat. Geht alles.
     
    Was bedeutet das, "nichts geregelt", kann der etwa kommen und gehen wie er will? Das ist ja wie bei mir! ;-)
     
    Ja :)
     
    Sie sind ja auch eine Art Ministerin ;-)

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    Meiner sehr unmaßgeblichen Meinung nach bekommen die MdBs ihre sogenannten, nicht ganz unüppigen Diäten dafür, dass sie uneingeschränkt dem Volk dienen können. Das bedeutet zwar nicht, dass sie deswegen auf ein Familienleben verzichten sollen, aber die Grenzen sehe ich da eng gesteckt. Die Republik mit einer geplanten Bargeldrestriktion in Wallung bringen und sich dann ins Kinderkrankenzimmer verkrümeln finde ich jedenfalls so lala.

    Wenn Frau Gabriel eine Arztpraxis hat, wäre ausgerechnet der Mittwochnachmittag eher unüblich, da hat fast kein Arzt Sprechstunde.
     
    Laut
    Eintrag im Örtlichen hat sie wohl Mittwoch nachmittags wirklich geöffnet.
     
    Herr Gabriel ist also Zahnarztgattin? :-)

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    Ist nicht das eigentlich traurige daran, dass es überhaupt besonders ist, sich als Politiker um seine Familie zu kümmern?

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    Fragen über Fragen?
    Mann/Frau, können Sie schön böse sein.
    ;-)

    Lieblingssatz neben großer Konkurrenz von Lieblingssätzen: Vielleicht gibt es ja nächste Woche ein Sonderheft zu diesem weltbewegenden Ereignis.

    Danke. Ganz fein gemacht.

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