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    Montag, 2. Mai 2016
    Später mehr.



    So, nun:

    Jaja, Berlin hat auch Karaoke und Karaokewillige, die sich aus Mitliedern der Techniktagebuchredation zusammenfanden. Es läuft dort etwas anders als wie mir bisher bekannt, nämlich gibt es einen großen Raum mit Bühne und in diesen großen Raum eingebaut kleine Kabinen die etwa 6 Personen Platz bieten. Vorbestellen kann man die nicht, man geht hin und wartet, bis eine frei wird.

    Als wir ankamen wurde uns aber gleich am Eingang gesagt, es sei heute Multisexual Boxhopping. Allerdings klingt auch das etwas vollmundiger, als es ist, denn eigentlich bedeutet es nur, dass die Kabinen nicht privat sind sondern Personen jeglichen Geschlechts, auch diejenigen, die sich nicht zuordnen möchten, zu anderen Leuten in die Kabine kommen können. Zum Singen natürlich.

    Es war zu Beginn im Hauptraum noch völlig leer und wir schauen eine Weile schüchtern durch die Glaswände in die Kabinen; sortierten uns dann - hauptsächlich aus Platzgründen, wir waren schon vier und erwarteten eine fünfte Person - zu zwei Frauen, die wir unabsichtlich binnen einer halben Stunde qua Gesang vertrieben.

    Als wir gegen 2 Uhr morgens das Etablissement verließen, hatte es sich deutlich gefüllt und jetzt waren auch sehr viele unterschiedliche Personen anwesend, bei vielen hätte ich mir auch nicht angemaßt, auseinanderzusortieren welchem Geschlecht sie nun angehören. Wobei ich auch nicht weiß, welche Relevanz das für Karaoke hat. Bei den Toiletten war es jedenfalls elegant gelöst, es gab einen Eingang für Boys, für Girls und für "not sure". Wie es sich meinem biergeschwängerten Blick darstellte, führten alle Türen letztendlich in denselben Raum, aber genau weiß ich es nicht.

    Nachdem ich bei der Anreise dem Endgegner "Schienenersatzverkehr" elegant ausgewichen war, wagte ich mich aber gestern an "Nachtbus" und siehe da: wo man Gerüche aus dem Bodensatz des Nachtlebens erwartet, steigt die Berliner Jugend höchst parfümiert ein und die Gespräche, in denen man einbezogen wird, drehen sich um Samuel Beckett und die Frage, in welcher Sprache man ihm am besten lesen sollte und ob das Englische als Sprache der Philosophie überhaupt taugt. Das war überraschend.

    Achso, falls irgendwen interessiert, was für Vorträge ich mir tagsüber angehört habe:

    Ich war morgens direkt um 10 Uhr zum Eröffnungsvortrag, also nicht eine der Keynotes zu den Themen sondern das allgemeine Dings. Bei so etwas erwartet man naturgemäß nicht viel, daher fand ich ihn überraschend herzlich und interessant.

    Danach ging ich zu Gesellschaft -it's broken, let's fix it, was mich in sprachlicher Hinsicht Überwindung kostete, erstens mag ich diese Deutsch-Englisch-Mischungen nicht und zweitens finde ich die Wendung "blablabla ist kaputt" so abgegriffen, dass sie mir Gehirnbrechreiz bereitet. Ähnlich übrigens wie "blablablabla. Nicht." Und noch viel mehr, aber das behalte ich für mich, immerhin ist es mein Problem, nicht Ihres und wie gesagt, ich arbeite an der Überwindung und ging also zu diesem Vortrag, unter anderem, weil Claudia Roth kommen sollte, die hatte ich letztes Jahr schon in einem Panel gesehen und fand sie eine sehr angenehme Rednerin und war besonders überrascht, dass sie ganz ausgezeichnet Englisch spricht. Claudia Roth kam aber gar nicht, interessant war es trotzdem, das grobe Thema war Möglichkeiten des Dialogs zwischen Gutmenschen und Neonazis im Netz und es sprachen Personen von der "Front", unter anderem Frank Richter, der Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (andere Leute haben auch schwierige Jobs...), und Caroline Mohr, die bis vor kurzem das Social Media Team bei BILD leitete. Fand ich sehr interessant und nahm für mich das Fazit mit, dass natürlich das schnelle, einfacher, anonyme/pseudonyme Medium Internet einen Verstärker darstellt, das Grundproblem aber eines der Haltung, der Ethik ist.

    Danach schaute ich mir eine Einführung in Sketchnotes an. Eins der vielen Dinge, die ich eben nicht kann, ist Zeichnen, und für die Eindordnung des eigenen Egos in der Welt ist es immer mal wieder gut, sich mit den Dingen, die man nicht kann, auseinanderzusetzen. Sketchnotes heißt groß, sich Notizen zu etwas nicht in ausschließlich verbaler linearer Form zu machen, sondern mit Zeichnungen, Symbolen und eben eher vernetzt als linear, wie eine Mindmap. Mindmaps sind immer schon mein Ding, eben weil Angelegenheiten, zu denen ich mir Notizen mache, tendenziell eher komplex als einfach strukturiert sind. Es gab also eine Einführung in Grundtechniken, mit denen auch Zeichenunbegabte sich auf Papier nonverbal ausdrücken können, fand ich sehr hilfreich. Zum Einstieg sollte man allerdings, um das Eis zu brechen, innerhalb von 30 Sekunden seinen Sitznachbarn zeichnen und das Portrait mit einer kleinen Widmung überreichen. Ich schrieb nur "Sorry!" drunter. Meine (mir unbekannte) Sitznachbarin war sowohl im Zeichnen als auch im Beschriften souveräner:



    Aber ja, das Eis war gebrochen.

    Danach ein weiterer Vortrag, The courage of compassion - hier sah ich nach zig Jahren Herrn Giardino wieder, das war sehr schön denn er ist einer von den Menschen, bei denen man sich sofort ein Stück wohler fühlt, wenn man sie sieht. In dem Vortrag berichtete Heather Armstrong über den Umgang mit Hasskommentaren. Heather Armstrong ist eine sehr bekannte Mommy-Bloggerin - ich kannte sie vorher nicht, aber das liegt an meiner selektiven Wahrnehmung, 1,5 Millionen Follower auf Twitter können ja nicht irren. Sie sprach über die unterschiedlichen Ansätze, die sie im Umgang mit solchen Kommentaren ausprobiert hatte, von löschen/ignorieren über auf ein Extrablog auslagern und dort Werbung schalten (innerhalb einer Woche nahm sie damit um die 7000 Dollar ein) aber ihr Fazit war, dass man diesen Leuten mit Empathie, Zuneigung, Mitleid begegnen sollte, denn nur ein Bruchteil wären ausgemachte Psycho- oder Soziopathen, die meisten hingegen hätten ein Problem, und zwar mit sich selbst, nicht mit denjenigen, auf die sie es durch ihre Kommentare projizieren. Das letzte Stück dieses Satzes ist ein Gedanke, den ich komplett teile. Nur das Fazit, dass man eine Hand reichen sollte, kann ich nicht teilen, wobei, doch, in der Theorie schon, in der Praxis habe ich meine Weltrettungsphantasien aber vor einiger Zeit schon aufgegeben. Wenn ich am Tag - wie Frau Armstrong - hunderte enorm schwierige Kommentare bekäme, hätte ich weder die Zeit noch die Energie mir um all diese Personen Gedanken zu machen und ihnen eine virtuelle Hand zu reichen. Zum Glück habe ich aber nur ein kleines Spaßblog und, soweit ich mich erinnern kann, überhaupt noch nie irgendeinen Kommentar gehabt, den ich als Hasskommentar einordnen würde. Interessant war es trotzdem.

    Dann wollte ich mir noch alles mögliche andere anschauen aber traf so viele Menschen und erfreulicherweise auch @rebekka_m inklusive Froschfüßen (einself!), dass ich nur noch zum Vortrag von Anne Schüßler mit dem Thema Designing the future – How science fiction can help us change the world ging. Ich lese ja gerne Science Fiction, wenn einem die Sinnhaftigkeit dieses Hobbys mit Bezug zu Weltrettung frei Haus geliefert wird, sollte man sich nicht sträuben. Mitgenommen habe ich auch ein paar schöne neue Buchtipps.

    Eigentlich wollte ich mir dann abends noch Sascha Lobo anhören, weil ich den überhaupt noch nie gehört hatte und es ja irgendwie wohl dazu gehört. Allerdings hatte mir zu diesem Zeitpunkt @moeterhead schon gesagt, dass sie aus Bayern kommt und wir daher wohl schon Bier trinken könnten. Die Entscheidung musste also zwischen Bierbank in der Maisonne und Stehplatz in der dunklen klimatisierten Halle fallen und, naja, ich denke mal, den Vortrag wird man sich im Nachhinein wohl (wie die meisten anderen auch) auch auf Youtube anschauen können.

     
    Ist "auf der Hand" auch "in der Hand"?

    Karaoke oder eine "speech"?

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    Sie haben Heather Armstrong gesehen und gehört - toll! Hätte ich nicht gedacht, das sie als Bloggerin und Sprecherin hierzulande eine derartige Relevanz hat.
     
    Naja, ich kannte sie ja gar nicht ;-)

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    Letzter Regen: 01. März 2018, 21:41 Uhr