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    Montag, 24. Februar 2014
    Blogging November - 846

    Heute möchte ich zu Ihnen über das Thema "Prüfungen" bzw. "Prüfungsvorbereitung" sprechen. Ich finde, das wird insgesamt zu wenig getan und ist dabei doch so etwas Grundlegendes und Generelles, das man immer brauchen kann, um sich das Leben ein kleines bisschen leichter zu machen.

    Vier Punkte habe ich dazu.

    1.
    Jeder in irgendeiner Weise seriöse und/oder akkreditierte Lehrgang, jedes Schulfach hat Lernziele, Studiengänge haben eine Studienordnung und zu so gut wie jeder Prüfung wird es eine Prüfungsordnung geben. Ganz, ganz wichtig: lesen sie die! Weil: dann wissen Sie, was man von Ihnen überhaupt verlangt.

    Man sollte denken, das ist normal und jeder macht das. So ist es aber leider nicht, bei meiner letzten Prüfung z. B. saßen diverse völlig erwachsene Menschen mit mir in einem Pausenraum, hatten ihre Prüfungsordnung nicht gelesen und waren deshalb über einige Dinge ziemlich überrascht. Das ist unnötig. In Prüfungen ist man nervös genug, da muss braucht es nicht noch Überraschungen.

    Wenn Sie sich also auf eine Prüfung vorbereiten - egal ob mündlich oder schriftlich - schreiben Sie sich erstmal ihr Lernziel irgendwo auf.

    2.
    Der zweite Punkt ist: wie lerne ich alles, was zu meinem Lernziel gehört?

    Auch das ist wieder relativ einfach. Es wird irgendwelche Materialien zu ihrem Prüfungsfach geben. Diese Materialien haben in der Regel ein Inhaltsverzeichnis. Und das ist auch gut so! Das Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen nämlich die grobe Übersicht, was alles zu Ihrem Lernziel gehört.

    Dieses Inhaltsverzeichnis schreiben Sie sich einfach stichwortartig ab, als "Themen" um ihr Lernziel herum. Jetzt wissen Sie schon einmal, zu welchen Bereichen Sie etwas wissen müssen.

    Vielleicht sind in Ihrer Prüfungsordnung auch Gewichtungen vorgesehen? Also z. B. "20% der Fragen werden aus Bereich A kommen, 30% aus Bereich B und 50% aus Bereich C". Wenn ja, notieren Sie sich das zu ihren Themen, und Bereich C ist in unserem Beispiel dann der, der ab jetzt mehr Aufmerksamkeit erhält. Es ist - natürlich, ganz klar - so, dass Sie fürs Leben lernen und aus Interesse und so weiter. Selbstverständlich. Aber die Prüfung machen Sie, um eine gute Note zu bekommen - wenn es nur "fürs Leben" wäre, könnten Sie sich die Prüfung nämlich sparen. Also machen wir uns nichts vor, packen den Idealismus zur Seite und wenden uns der Pragmatik zu: schauen Sie, welche Bereiche besonders wichtig sind und befassen Sie sich mit denen etwas mehr.


    3.
    Als drittes füllen Sie auf.

    Sie haben ja einen ganzen Faktenwust im Kopf. Wo welche Teile davon einzuordnen sind, erkennen Sie anhand der Struktur, die sie durch Lernziel(e) und Themen auf dem Papier (oder sonstwo - ich empfehle Papier, ein A3 Blatt, an die Wand gehängt) haben. Zu den Themen machen Sie nun Stichworte. Dadurch sehen Sie direkt, wo Sie sich auskennen und wo Ihr Wissen noch Lücken hat - nämlich genau da, wo auch auf Ihrem Papier noch Lücken sind. Diese Lücken können sie nun relativ schnell füllen, denn zum einen sind sie sehr klar definiert und zum zweiten können Sie alles, was Sie jetzt noch neu lernen, in Ihr Gerüst einpassen. Alles hat jetzt einen Zusammenhang und so kann man es sich gut merken.

    4.
    In die Prüfung selbst gehen Sie nun entspannt. Sie wissen, was von Ihnen verlangt wird und Sie wissen, dass Sie die relevanten Bereiche abgedeckt haben. Viel passieren kann Ihnen also in Bezug auf das Wissen nicht. Trotzdem dürfen Sie sich jetzt keinesfalls deppig verhalten.

    Deppig verhält man sich, wenn man in der Prüfung nicht richtig aufpasst. Dazu im Einzelnen:

    a) Richtig aufpassen in der mündlichen Prüfung:

    In der mündlichen Prüfung müssen Sie unbedingt genau zuhören, was der Prüfer sagt! Fahren Sie nicht einfach Ihren eigenen Film. Wenn also jemand fragt "Was war das Wichtigste, das XY gemacht hat" sagen Sie nicht "Also XY wurde dannunddann geboren, ging daundda zur Schule, machte dann diesunddasundjenes..." - nur, weil Sie das so auswendig gelernt haben. Das ist nämlich nicht die Antwort, die zur Frage passt.

    Zum Glück haben Sie aber ja gar nicht auswendig gelernt, sondern nach einer Stuktur. Sie können also in der Prüfung zu jedem beliebigen Ästchen Ihrer Struktur hüpfen, wie eine muntere Meerkatze, und Fragen auf den Punkt beantworten - bei Bedarf dann natürlich noch den Kontext zufügen und auf verwandte Nebenäste hangeln und je besser Sie sich in der Struktur auskennen, desto einfach wird es auch sein, einen verwandten Ast zu finden, mit dem Sie sich besonders gut auskennen und auf den Sie vielleicht durch eine Andeutung lenken können um zu brillieren.

    Nunja, selbst, wenn es zum Brillieren nicht kommt - machen Sie es den Leuten einfach leicht, herauszufinden, dass Sie etwas wissen. Prüfer sind bestimmt nicht immer objektiv (ich glaube eigentlich sogar, das ist komplett unmöglich), aber die wenigsten Prüfer sind misantrophe Psychopathen. Die Mehrheit freut sich schlichtweg über ein angenehmes Gespräch und über einen Prüfling, der weiß, wovon er redet. Was Prüfer richtig doof finden, ist jemanden, der einfach nichts sagt (ich spreche aus Erfahrung). Dann weiß man nämlich nicht, was man machen soll: denkt der noch nach und ich sollte noch nicht unterbrechen? Weiß er nichts und ist vor Angst verstummt? Habe ich mir nur eingebildet, eine Frage gestellt zu haben? Ist er ins Wachkoma gefallen?? - So etwas geht im Kopf des Prüfers dann vor. Je nach Situation sagen sie also etwas wie "Ich muss meine Gedanken kurz sortieren" oder "Da habe ich ein komplettes Blackout, können wir die Frage zurückstellen?" oder "Entschuldigung - können Sie die Frage noch einmal wiederholen?" - oder "Ohgott mir wird schlecht, schnell den Papierkorb!!" Kurz: irgendetwas, worauf der Prüfer kompetent reagieren kann. Prüfer sind ja eben meist auch nur Fachkundige ohne großartige Schulung in Bezug auf Prüfungen.

    [Einschub - ich hatte an der Uni ein paar Veranstaltungen zu Prüfungspsychologie und dazu dann auch Prüfungen (kann man mehr meta werden?). Das war jedenfalls der Knaller, die Prüferin war Fachfrau für Prüfungspsychologie und hatte das Thema total verinnerlicht, gerade die Sache mit der positiven Bestätigung: wann immer man etwas richtig sagte oder es auch nur in die richtige Richtung ging, wie beim Clicker-Training, nickte sie aufmunternd mehrfach und wirkte dadurch wie ein Huhn, das Körner pickt. Im Seminar fanden wir das außerordentlich lustig, aber in der Prüfung tat es enorm gut. Zusätzlich sagt sie Sachen wie "wir haben jetzt noch 10 Minuten Zeit, Sie haben die Prüfung in jedem Fall bestanden. Es kommen jetzt einige schwierige Fragen, mit denen ich Ihr Transferwissen prüfen möchte um zu sehen, ob ich Ihnen eine 1 geben kann."

    Ich frage mich seitdem, warum das nicht immer so ablaufen kann, schließlich will man ja Fachwissen prüfen und nicht Stressresistenz.]

    b) Richtig aufpassen in der schriftlichen Prüfung:

    Vorbemerkung:
    Nehmen Sie eine Uhr mit.
    Nehmen Sie alle erlaubten Hilfsmittel mit.
    (man muss das nicht begründen, machen Sie das einfach)

    In der schriftlichen Prüfung muss man noch genauer aufpassen, weil einen niemand korrigiert, wenn man in die total falsche Richtung rennt.

    Deshalb schauen Sie sich erst einmal die Prüfungsunterlagen an. Wie viele Aufgaben sind das, welchen Umfang haben sie, sind Punkte oder Teilpunkte angegeben. Machen Sie sich eine ungefähre Vorstellung, wie viel Zeit Sie für welche Aufgabe aufwenden wollen. Wenn Sie jetzt so jemand sind wie ich, also eine Person, deren Gehirn Amok läuft, sobald es Prüfungsfragen sieht, und wahllos Antworten abfeuert, gut, dann schreiben Sie die auf einem Schmierpapier stichwortartig auf, Nummer der dazugehörigen Aufgabe nicht vergessen. Können Sie sicher später noch brauchen, der Druck im Kopf lässt nach und man kann sich wieder der Prüfung an sich zuwenden.

    Dann fangen Sie unbedingt mit dem an, was Sie sofort wissen/können! Man kann das gar nicht oft genug sagen. Mir ist völlig unklar, warum das Kindern nicht gleich in der Grundschule beigebracht wird, zumindest bei Mademoiselle ist es noch üblich, Aufgaben in der dargebotenen Reihenfolge zu erledigen. Dabei ist doch ganz, ganz klar: Aufgaben, die man nicht weiß, überspringt man im ersten Durchgang! Nicht nur wegen des Zeitmanagements, auch aus Motivationsgründen. (Und sparen Sie beim Überspringen nicht an Papier, das ist jetzt nicht der Moment, den Wald zu retten. Sie nehmen einfach für jede Aufgabe ein neues Blatt, dann haben Sie später für die fehldenden Aufgaben Platz, so viel Sie wollen, und können trotzdem alles noch in die richtige Reihenfolge bringen.)

    Wenn Sie also jetzt mit einer Aufgabe anfangen, die sie gut können: Lesen Sie die Aufgabenstellung!!.

    Auch das kann man gar nicht oft genug sagen. Wenn in der Aufgabenstellung zum Beispiel steht "Nennen Sie drei Faktoren..." dann nennen Sie diese. Sie verschwenden keine halbe Stunde damit, eine dreiseitige Abhandung zu verfassen. Wenn hingegen "Diskutieren Sie..." irgendwo steht, dann schreiben Sie zu der Aufgabe etwas aus mindestens zwei Blickwinkeln und machen eben nicht nur ein paar Stichworte. Immer genau die Aufgabenstellung lesen. Und achten Sie bei Multiple Choice auf Tricks wie doppelte Verneinung.

    [Einschub: Ich bin großer Textmarker und Post-it-Fan bei Prüfungen. Textmarker kommt an die Schlüsselworte in der Aufgabenstellung, Post-it an die Aufgaben, die ich nicht sofort bearbeite. Das spart sehr, sehr viel Such-Zeit.]

    Wenn Sie nun tatsächlich komplexere Aufgaben beantworten müssen, machen Sie erst - tadaaa - eine Struktur. Das sollte kein Problem sein, schließlich haben Sie ja schon mit einer Struktur gelernt, die ist in ihrem Kopf, Sie müssen nur den entsprechenden Teil kurz aufmalen und an die Aufgabe anpassen. Dann können Sie losschreiben.

    Nachdem Sie alle Aufgaben gemacht haben, die sie gut konnten, machen Sie die, die Sie mittelgut können. Danach atmen Sie einmal tief durch und schauen ein bisschen durch den Raum. Anschließend gehen Sie die Prüfungsunterlagen in Ruhe noch einmal durch und schauen nach, ob Sie wirklich alles, was Sie wissen, beantwortet haben. Vermutlich können Sie jetzt auch in etwa die Punkte abschätzen und sich entspannen, weil sie in jedem Fall schon bestanden haben.

    Den Rest der Zeit befassen Sie sich dann mit den Aufgaben, die Sie nicht wissen. Jetzt kommen auch all die Hilfsmittel, die Sie dabei haben, ins Spiel. Und gehen Sie wieder Ihre Struktur im Kopf durch - auch, wenn Sie die Antwort nicht wissen, wissen Sie vielleicht etwas auf einem Nebenast. Wenn Sie in Textform formulieren müssen, können sie vielleicht eine "Arbeitslösung" finden oder es lässt sich durch eine strukturelle Einordnung ein Punkt holen.

    Wenn Sie Multiple Choice haben, schauen Sie erstmal nach, ob es Maluspunkte gibt, also für falsche Antworten Punkte abgezogen werden, oder ob falsch beantwortete Fragen einfach nur keine Punkte bringen. Danach richtet sich Ihre weitere Strategie.

    Wenn es Maluspunkte gibt, befleißigen Sie sich einer Risikoanalyse. Wenn es nur einfach keine Punkte gibt, raten Sie natürlich. Um möglichst gut zu raten, streichen Sie Antworten, die auf keinen Fall in Frage kommen, erstmal durch (falls erlaubt), das ist dann oft schon wie der 50/50 Joker bei Günther Jauch.

    Zusätzlich habe ich die Erfahrung gemacht (ohne Garantie): wenn es unter den diversen Antwortmöglichkeiten zwei gibt, die genau das Gegenteil besagen, ist eine davon meist die korrekte. Und: Wenn es um Zahlen geht, ist die richtige Antwort selten eins der Extreme (der Grund ist, dass wir beim Formulieren einer Frage immer die korrekte Antwort im Kopf haben, die Antwortalternativen von dieser aus entwickeln und sozusagen die richtige Lösung von oben und unten "einwicklen" möchten. Bei richtig professionell gemachten Multiple Choice Fragebögen wird das nicht so ein, aber bei einem Test in der Schule haben Sie mit dieser Ausschlussmöglichkeit gute Chancen - bei Quizduell übrigens auch, achten Sie mal drauf!).

    Und zuletzt:

    Regen Sie sich nicht auf, wenn Sie aufgeregt sind. Adrenalin ist in der Prüfung Ihr Freund: es hält Sie wach, auch wenn Sie in der Nacht nicht ausreichend geschlafen haben und es macht Sie schneller und konzentrierter.

    So. Das war es auch schon. Es war mir ein Anliegen.

     
    Und? Bestanden? -- Blöde Frage, HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH zur bestandenen Prüfung.
     
    War leider noch gar nicht ;-)

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    Das ist eine wunderbare Zusammenfassung.

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    Hören Sie drauf, das funktioniert, wenn Sie es so machen. Noch ein kleiner Tipp für mündliche Prüfungen von einem ehemals sehr gebeutelten Mathematik-Studenten: Wenn Sie in der Prüfungsvorbereitung ab und zu die Sprechstunde des Professors besuchen und mit ihm besprechen, ob sie den Stoff an der oder der Stelle richtig verstanden haben, dann weiß dieser schon mal im Vorfeld der Prüfung, dass sie sich gut vorbereiten. Zudem weiß er auch, in welchen Gebieten Sie sich auskennen. Kann auch hilfreich sein, wenn der Prüfer merkt, dass die Prüfung vielleicht anfangs nicht so läuft...

    Natürlich schadet es auch nicht vor schriftlichen Prüfungen die Sprechstunden aufzusuchen, immerhin kann man dabei oft auch noch etwas lernen. Manchmal bekommt man auch Hinweise, worauf man sich stofflich etwas mehr konzentrieren sollte.

    Also nur Mut, sprechen Sie mit ihrem Professor.

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    Großartig!

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    Ich werde nie meine mündliche Prüfung in Übersetzungswissenschaft vergessen. Die Zweitprüferin, die mich anscheinend irgendwie mochte, schnitt immer Grimassen, wenn ich in unsicheres Fahrwasser geriet. (Der Erstprüfer hasste mich, das war ganz deutlich. Er war auch nur die Vertretung, weil die eigentliche Erstprüferin sich vier Wochen vor der Prüfung ohne ordentliche Kündigung fristlos aus dem Staub gemacht hatte. Klar, da hätte ich die zusätzlichen Prüfungskandidaten auch gehasst.)
     
    Super! Werde ich gleich mal meiner Mitbewohnerin ans Herz legen - sie macht in vier Wochen ihre letzte mündliche Prüfung.

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    Hab jetzt ne Idee: ich druck das aus, mach ne Rolle draus und hau das meinen Abiturienten um die Ohren.
    Aber nur denjenigen, die das alles nicht beachtet haben.
    Obwohl ich das bestimmt tausend Mal....achwas.
    Jedenfalls hatte ich dieses Jahr so viele rein formal fürchterliche Arbeiten, ohne Rand, unlesererlich, unstrukturiert, durcheinander, dass ich recht verzweifelt war.

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    Letzter Regen: 01. März 2018, 21:41 Uhr