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    Freitag, 20. März 2020

    Die Bürosituation ist vorerst unter Kontrolle. Alle sind da, wo sie sein sollen und alles funktioniert so ganz generell, auch wenn sich natürlich einige Abläufe neu einruckeln müssen, jetzt umständlicher sind oder vielleicht auch einfach nur ungewohnt, man wird sehen. Ich bin sehr neugierig, wie sich das entwickelt und wie jeder am Ende, wenn wir wieder zurückkönnen (bzw. wollen - können könnten wir jetzt auch, natürlich), die Situation für sich bewertet: wäre es schöner immer im Homeoffice? Oder doch eher nicht? Warum ja, warum nein? iSehr spannend! Ich freue mich schon darauf.

    Dafür ist die Haushaltssituation jetzt entglitten. Die Putzfrau kommt ja derzeit nicht und man trägt nicht einfach mal so einen Arbeitsplatz in eine Wohnung, ohne dass sich das an der Ordnung bemerkbar machen würde. Es herrscht Durcheinander, Sachen liegen herum, Dinge sind nicht zugänglich, ich mag das nicht. Aber morgen und übermorgen sollte ich Zeit zum aufräumen haben. Wenn ich nicht einfach die ganze Zeit schlafen muss.

    Zwei Verabredungen habe ich auch schon, einmal zu Drinks und einmal zu Kaffee und Kuchen. Zumindest den Teil vom Zimmer, den man in der Kamera sieht, werde ich also aufräumen müssen.

    Donnerstag, 19. März 2020

    Die Gegenwart kam plötzlich: ich habe in den letzten 72 Stunden eine sehr konservative, präsenzorientierte Organisation, der Papiermassen heilig sind auf Homeoffice umgestellt.

    Ich bin sehr müde.

    Mittwoch, 18. März 2020

    Frau Fragmente sitzt mir im Google Hangout gegenüber und bloggt, ich sitze an meinem Schreibtisch und blogge über Frau Fragmente.

    Tja. Das hatten wir uns insgesamt ein bisschen anders vorgestellt. Ein bisschen physischer, ein bisschen leichtherziger, ein bisschen entspannter. Ich glaube, ich darf hier für Frau Fragmente mitsprechen.

    Ich weiß gar nicht mehr, wann wir dieses Projekt begonnen haben, es scheint mir endlos her, tatsächlich kann es sich aber nur um wenige Wochen - drei? vier? - handeln. Tatsächlich weiß ich aber schon nicht mehr genau, was ich heute morgen gemacht habe oder über wen ich vor drei Tagen auf Twitter kryptisch schimpfte (Frau Fragmente fragte gerade danach).

    Es sind merkwürdige Zeiten, in denen alles unglaublich beschleunigt passiert aber gleichzeitig auch alles in einer unglaublichen Klarheit reduziert ist, alle Sterne brillieren, alle Sollbruchstellen brechen, es gibt sehr wenig "dazwischen" im Moment.

    Frau Fragmente hatte einen Höllentag, das weiß ich, und man sieht es ihr an. Nicht, wenn man sie nicht kennt - es ist nichts mit ihrem Gesicht oder ihrer Kleidung oder ihrer Frisur oder so. Es ist die Körperhaltung, die einfach weniger entspannt ist als sonst und die Gesten, die sehr müde wirken. Ich nehme an, bei mir ist das nicht anders, ich bin heute um 20 Uhr zum ersten Mal dazu gekommen, etwas zu essen (Aufbackpizza), gegen Nachmittag irgendwann habe ich auf ein kurzes Jammern eine lange, vermutlich liebe Nachricht von einer Freundin bekommen und bin noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen (und sie wunderte sich darüber offenbar so, dass sie sich schon für die Nachricht entschuldigte, was mir jetzt furchtbar unangenehm ist) und ich war zwar den ganzen Tag zu Hause (im Home Office) aber habe die Familie eigentlich nicht gesehen, weiß nicht, ob die Katzen Futter haben, glaube, es ist Wäsche in der Waschmaschine und es stehen noch diverse Taschen und Kartons mit Bürozeug in der Küche. Das muss ich alles irgendwann mal in Ordnung bringen, aber ich mache nur Telefon, Telefon, Telefon. Und Telefon.

    Mein Jammern hatte folgenden Anlass: ich befinde mich zum ersten Mal in meinem Leben in einer beruflichen Situation, die mich überfordert. Ich bin sehr allein mit meinen Entscheidungen und sie sind mir ein wenig zu groß. Kann man aber derzeit nichts dran machen, ist also vermutlich irrelevant.

    Ich bin wirklich ganz außerordentlich gespannt, was Frau Fragmente heute schreibt. Ob es ihr gelingt, ein ganz, ganz anderes Thema als "Corona" zu wählen? Ich finde durchaus, dass wir uns auch der Aufmerksamkeitssteuerung widmen müssen, nicht aus dem Auge verlieren dürfen, dass es auch noch unendlich viele andere Dinge auf der Welt gibt. Aber natürlich ist auch Frau Fragmentes Tag von diesem Thema beherrscht, genau wie meiner, wir sind beide noch nicht an dem Punkt, an dem wir im Homeoffice Pediküre machen könnten. Trotzdem: es gibt auch andere Themen und es ist wichtig, auch anders zu denken, nicht in einen Strudel zu geraten. Ich will da mit aller Macht gegenhalten aber: das ist gerade schwer.

    Schauen wir mal, was da geht: auf dem Balkon beginnt der Apfelbaum zu blühen. Ich habe ihn im Herbst ganz radikal zurückgeschnitten hatte schon Angst, es sei zu viel gewesen. Aber nun kommen kleine, hellgrüne Blätter, darüber freue ich mich.

    Gerade sehe ich aus dem Augenwinkel hinter Frau Fragmente auch noch zwei Kerzen, die vor einem kleinen Fenster stehen, das ich allen Ernstes noch nie bemerkt habe. Meine Güte, wie kann man häufig bei jemandem in der Wohnung sein und dabei ein Fenster übersehen? Manchmal wundere ich mich sehr über mich. Was macht sie wohl mit den Kerzen? Ist sie jemand, der sich abends eine Kerze anzündet? Wo stellt sie die dann hin? Auf den Couchtisch und sie selbst sitzt (oder liegt?) auf dem Sofa? Oder auf den Esstisch, sitzt sie abends am Esstisch außer sie hangoutet mit mir? Ich würde denken, wenn sie etwas zu schreiben hat sitzt sie normal eher am Schreibtisch. Warum ist sie da eigentlich gerade nicht? Und isst sie am Esstisch oder isst sie auf dem Sofa, beim Fernsehen? Ich weiß das alles nicht, man weiß so wenig über die Leute, das ist ganz grauenhaft, man muss viel mehr fragen.

    Vielleicht machen wir das einfach alle morgen. Fragen jemand was leichtes, heiteres, in der aktuellen Situation unerwartetes. Was liest du gerade? Wo beantwortest du deine Post? Was ist aktuell dein Lieblingssong? Ich stelle mir das sehr wohltuend vor.

    Dienstag, 17. März 2020

    Der Anlass ist natürlich kein schöner, aber die Dynamik ist überwältigend. Überall brechen Strukturen auf, bröckeln Mauern, gegen die ich jahrelang gerannt bin, alles wird möglich, niemand diskutiert mehr aus Prinzip, es herrscht purer Pragmatismus und das ist eben genau mein Ding: wer sagt "ich kann das" macht das und zeigt es anderen und keiner redet mehr sinnlos gefühlig herum, dafür ist überhaupt keine Zeit.

    Wir werden verändert auf der anderen Seite dieser Krise herauskommen und daran wird auch einiges positiv sein.


    (Dass es wirtschaftlich noch ganz, ganz bitter wird, will ich damit nicht kleinreden. Beide Beobachtungen können aber auch einfach so nebeneinander stehen.)

    Montag, 16. März 2020

    Schlafpuppenaugen. Hier geht momentan nix, zu viel Arbeit, rund um die Uhr. Aber mein sehr starker Eindruck ist, dass das in zwei Wochen - maximal einer - gefolgt sein wird von sehr viel Ruhe. So lange halten wir durch.

    (Während ich diese paar Sätze getippt habe, bin ich zweimal zwischendrin eingeschlafen. Gute Nacht!)

    November seit 5250 Tagen

    Letzter Regen: 07. August 2020, 17:48 Uhr