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    Freitag, 8. Januar 2016
    Die Geißel der Empfindsamkeit

    Ich hatte das Thema schon einmal, dass ich manchmal denke, ich wäre eine andere Person. Eine solche, die morgens am offenen Fenster eine Tasse Grüntee trinkt und tief durchatmet zum Beispiel, das scheine ich oft im Tee- und Kaffeeladen zu denken, so spricht jedenfalls der Schrank über dem Wasserkocher. Oder eine Person, die täglich ein Gedicht lesen möchte. Gedichte müssten mir eigentlich gut gefallen, destillierte Erzählung sozusagen, total effizient. Deshalb habe ich mir 2014 zum Geburtstag einen Lyrikkalender gewünscht und auch bekommen, war unendlich begeistert, habe ihn im Büro auf dem Schreibtisch stehen nicht zuletzt auch, um feingeistig zu wirken. Und habe ihn exakt bis zum 8. Januar täglich abgerissen.

    Das fiel mir irgendwann nach den Sommerferien auf, seitdem erwähne ich immer mal im Büro, dass ich so viel zu tun habe, dass ich den Kalender seit dem 8. Januar nicht abreißen konnte. Das ist ein wunderschönes Motiv (weshalb ich es auch immer wieder verwende), aber natürlich komplett gelogen. Von allen anderen Punkten, die das widerlegen würden, abgesehen schon allein aus einem Grund: ich hatte letztes Jahr bis zum 9. Januar Urlaub. In Wirklichkeit habe ich den Kalender also nicht nur im Büro noch überhaupt nie verwendet sondern bin sogar in meinem Urlaub nur 8 Tage lang dazu gekommen, meinem angenommenen unwiderstehlichen Drang nach der täglichen Portion Lyrik nachzugehen. 7 eher, Samstag und Sonntag teilen sich nämlich ein Blatt. Glaube ich. Ist ja schon etwas her seit dem 3./4. Januar 2015.

    Bekanntlich halte ich Neujahrsvorsätze für eine Geißel der Menschheit, nicht nur der vorsatzfassenden Person selbst sondern auch ihres Umfeldes. Rücksichtsvoll nehme ich mir nichts vor, außer vielleicht letztes Jahr ganz heimlich, immer die Fingernägel toll zu lackieren, nee, nicht toll sondern überhaupt (das hat genau Null mal geklappt. Ich hatte aber etwa 1,5 Wochen lang lackierte Fußnägel). Und dieses Jahr ganz heimlich, eventuell im Kalender etwas weiterzukommen. Wenn auch nicht gleich ein ganzes Jahr.

    Schwierig wird das aber schon mit dem ersten Blatt, also: dem 8. Januar. War letztes Jahr ein Donnerstag. Mein Blick fällt seit einem Kalenderjahr arbeitstäglich auf dieses Gedicht, das "Die Verwandelten" betitelt ist, und ich konnte mich bisher einfach nicht dazu überwinden, es von vorn bis hinten durchzulesen. Ehrlich gesagt ist bei mir schon beim dritten Wort, "Saturn", Ende, Gedichte übers Weltall interessieren mich nicht. Trotzdem, man muss sich auch mal auf etwas einlassen, also habe ich die ersten vier Zeilen schon mehrfach überflogen, könnte aber nicht aus dem Kopf sagen, worum es geht. Saturn und irgendwie viele Adjektive. Ich bin ja keine Freundin des Adjektivs/Adverbs an sich. Vielleicht ist Ihnen das schon aufgefallen. Mir wird zum Beispiel umgehend schlecht, wenn in Dialogen zu viel beschreibendes Beiwerk verwendet wird. "Sagte er lachend", "bemerkte sie anzüglich", "flüsterte es traurig" - meine Güte, wenn lachend, anzüglich, traurig nicht aus dem Gesagten hervorgeht, hält man besser gleich den Mund.

    Egal, zurück zum Saturn, über den ich die nächste Strophe dann einfach nicht mehr lesen kann weil sie schon mit "Inselchen" anfängt und in einen skurrlilen Satzbau übergeht und dann bin ich schon wieder geistig weg, nicht entrückt sondern regelrecht entflohen. Vielleicht bin ich einfach niemand, der Klopstock liest, Klopstock macht ja in Empfindsamkeit. Empfindsamkeit ist mein Kryptonit. Grünes, denke ich.

    Hier, lesen Sie das einfach, dann kann ich das Blatt guten Gewissens abreißen. Tut mir leid, dass auch ich mein Umfeld jetzt mitgeißele.

    (Den Zustand des Blattes müssen Sie bitte entschuldigen, ist ja schon über 1 Jahr alt...)

     
    Ich hab es komplett gelesen, du hast Glück, es geht nicht um den Planeten, sondern um den Store. Kannst das Gedicht also beruhigt lesen. Nur Mut!
     
    Elektronikstores sind mein goldenes Kryptonit.
     
    Verdammt!
    Kudos allerdings dafür, dass du goldenes Kryptonit kennst.

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    Gut, dass Sie das endlich mal sagen, das mit den Adjektiven und Adverbien! (Natürlich ist mir das aufgefallen, aber eben eher so unterbewusst. Und jetzt, wo Sie es endlich ausschreiben, geht mir das Licht der Erleuchtung auf.)

    Und vergessen Sie den Klopstock, den hab ich schon in der Schule gehasst. Der war schon immer viel zu verschwurbelt.
    Neujahrspläne braucht es übrigens auch nicht, weil sie eh nicht funktionieren, wie Sie selbst festgestellt haben. Ich wende da einen Trick an: Ich delegiere meine Vorsätze an mein Alter Ego im Blog, den Herrn Albert. Soll der mal machen, dann hab ich meine Ruh'.

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    Klopstock kam in meinem Deutschunterricht nicht vor. Und jetzt weiß ich auch warum. Grausliges Geschwurbel. Wer einen Kalender mit sowas bestückt, gehört gehörig geklopstockt. Wird es schlimmer weiter hinten?

    Eine Deutschkollegin neigt zu ermüdenden, vorwurfsvollen Vorträgen über nichtige Themen. Das nehme ich ihr nicht übel, das kommt überall vor. Aber die Adverben und die Adjektive, ohne die sich nicht reden kann, führen bei mir zur Übelkeit. Ihre Ausführungen wären ohne Inhaltsverlust nur halb so lang, wenn sie das Beiweck wegließe.

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    ....meine Güte, wenn lachend, anzüglich, traurig nicht aus dem Gesagten hervorgeht, hält man besser gleich den Mund.

    Danke, dass Sie das jetzt einfach mal so aufgeschrieben haben. Das nervt mich seit Jahrzehnten!

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    Adjektive
    Sonst lese ich meist nur still mit, heute geht das nicht - man kann doch "Lucy ist gestorben" sagen und es macht einen grundlegenden Unterschied, ob man das müde, lächelnd, irre lachend, befreit, tieftraurig oder erschüttert sagt. Der Satz bleibt der selbe, aber in einem Buch sieht man keinen Gesichtsausdruck, hört kleine Stimme, da ist ein Adjektiv hier und da nicht so abwegig. Nichtsdestotrotz wäre ich in Ihrem Lyrikkalender möglicherweise nicht mal bis zu Tag 8 gekommen :-D
     
    (Adverbien sind mitgemeint)
    Ich will nicht generell Wortarten diskriminieren, mir geht es nur um das Ausmaß. Achten Sie mal drauf, gerade in Dialogen, aber Vorsicht, Sie können irgendwann nicht mehr aufhören drauf zu achten und vielleicht wird Ihnen dann auch schlecht.

    Ansonsten (nicht in der vorgegebenen Reihenfolge, nur beispeilhaft):

    "Lucy ist gestorben."

    "Lucy ist leider gestorben."

    "Hurra, Lucy ist tot!"

    "Oh nein, Lucy ist gestorben..."

    "Oh, ist es - Lucy? Hm. Schade. Naja, war abzusehen."

    "Lucy?? Oh nein! Sie ist - das darf doch nicht wahr sein!"

    "Ding dong, die Lucy ist tot!"
     
    Ding dong, die Lucy ist tot! – gruslig :-/
     
    "... schrieb sie gruselig." ;-)

    (ich hoffe jetzt einfach mal das mit Lucy war ein emotional völlig unbelastetes Beispiel?)

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    Wer Klopstock liebt, bringt sich wenig später um.
    Weiß ich aus Werther.
     
    Ah, Werther. Der hat mich mit seinen Leiden auch sehr angestrengt.

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    Ahem, wie bitte?
    Die Leserin erschoss sich leise seufzend ...
     
    Wegen mir oder wegen Klopstock?
     
    Wegen Klopstocks wirrer verwirrender Worte ...

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    Noch schlimmer finde ich, wenn das Attribut als Verb eingesetzt wird. Also, blablabla, lachte er. Summsibumm, schuchzte sie. Oder es wird sagen durch wissen ersetzt. Weit verbreitet in Regionalzeitungen und Lokalredaktionen.

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    Lyrikkalender hab ich nicht, aber ich bin im Besitz zweier Sprachkalender, einmal italienisch, einmal französisch. Bin über den Februar nie herausgekommen, hatte mir dann allerdings vorgenommen, die Kalender in ein paar Jahren zu reaktivieren, dann, wenn die Wochentage sich wieder wiederholen. Bis dahin vielleicht finnisch?
     
    Finnisch als Nebenbeibeschäftigung - sehr empfehlenswert! Ich kann inzwischen schon bis drei zählen (iksi, kaksi, kolme - oder so ähnlich). ;-)
     
    iksi, kaksi, kolme, ich schmeiß mich weg!
     
    Danach kommt bestimmt was mit "ä". In Finnland sah ich auf Schildern ganz viele Wörter mit ä und y. Ich glaube, das ist bei denen ein Volkssport: Wörter mit möglichst vielen Ypsilons und Äs erfinden. Meine Cousine erzählte, dass es im Finnischen Scrabble auch nur ganz wenige Punkte für diese Buchstaben gibt.

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    Das ist ein erschütternd schlechtes Gedicht.

    (Ich dachte bislang insgeheim, Klopstock sei eine erfundene Figur, ein Popanz, um die Kinder nachts zu erschrecken, eine Warnung, dass schlechte Gedichte unter allen Umständen versteckt werden müssen)

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