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    Sonntag, 19. Juli 2015
    Blogging November - 1356

    Gestern ging ich gegen 2 Uhr ziemlich alkoholisiert schlafen (kein alkoholfreies Bier gestern - es ist immer gut, mal einen anderen Standpunkt einzunehmen...) und wachte gegen 7 Uhr auf, lag im Bett, schaute aus dem Fenster und wusste plötzlich ganz genau, was ich meinem Freund bei der Kita-Verwaltung schreiben werde. Es war ein sehr schlichter Brief, keine Spitzfindigkeiten, schnörkellos und nicht unfreundlich, trotzdem drückte er genau das aus, was ich noch sagen wollte. Nichts würde ich lieber tun, als den genauen Wortlaut mit Ihnen zu teilen, aber - Sie wissen schon, was jetzt kommt, jeder kennt das: hochzufrieden und entspannt drehte ich mich um, schlief wieder ein, und beim nächsten Aufwachen um 10 war alles weg.

    Die Geisteshaltung, mit der man nach einer durchzechten kurzen Nacht aufwacht, ist natürlich auch eine spezielle, sie hat etwas gemein mit vielleicht Phasen enormer Müdigkeit oder mit äußerst brisanten Situationen, nämlich: Tacheles. Eine Reduktion auf das Wesentliche. Keiner hat den Nerv, sich eine der vielfältigen Masken aufzusetzen, mit diesen oder jenen eventuell sogar fremden Federn geschmückt, sich in Ausführungen oder Spitzfindigkeiten zu ergehen und Spielchen zu spielen. Es ist etwas zu erledigen, meine Güte, lasst es uns machen, alle Eitelkeiten fallen ab und ein beinharter Kern bleibt übrig, der, um den es eigentlich ging - und der ist oft erstaunlich klein. Und wenn die Verschleierungsaktionen und Nebelbomben aus dem Raum sind, sehen wir plötzlich die Türen, von denen wir vorher nicht ahnten.

    Manchmal kann man das sehen, in Gesprächen, wenn man plötzlich auf eine Ebene kommt, auf der man sich versteht und die Fassaden fallen. Es ist wie eine Schranke, die sich langsam öffnet (wobei das eigentlich ein falsches Bild ist - im Gesicht geht die Mauer nach unten weg, nicht nach oben, meine ich zu sehen, es ist also eher ein absenkbarer Poller, egal). Das sind die Momente, die zu Freundschaften führen. Meist geschieht das spontan und etwa synchron auf beiden Seiten. Gelegentlich ist das auch steuerbar, das kenne ich aus dem beruflichen Kontext, dort sind es schwierige Gespräche, manchmal mit Personen, die ein deutliches Machtgefälle spüren oder aus irgenwelchen Gründen eingeschüchtert sind und, ja, mauern, und so gibt es kein Weiterkommen und schon gar keine Lösung. Dann kann man die eigene Deckung fallen lassen, quasi dem anderen die geladene Knarre in die Hand geben (falls wir dramatisch werden wollen) und dann nochmal neu sprechen, und auch da gibt es dann plötzlich mehrere gangbare Wege, die vorher vermauert waren. Das eine Problem dabei ist, dass das auch nach Hinten losgehen kann, es gehört Vertrauen dazu - in die andere Person, aber natürlich auch in die eigene vorhergegangene Arbeit, durch die man hoffentlich - sonst hat man jetzt ein Problem - eine gemeinsame Basis geschaffen hat, die dazu führt, jetzt eben nicht abgeschossen zu werden, und idealerweise auch in die eigene Integrität, die so beschaffen sein sollte, dass man sich im Fall des Falles wieder aufrappeln kann. Das andere Problem ist viel banaler: das Ganze ist sauanstrengend.

    Insofern: schön, wenn dieser innere Mauerfall im Schlaf stattfindet. Schade, wenn man das Ergebnis sofort wieder vergisst.

     
    saufmeditation
    ist es nicht eher anstrengend, die ganzen masken, mauern, poller, nebelbomben, schleier ständig am laufen zu halten? nur, weil es alle so machen, fällt uns diese anstrengung eben nicht auf.
     
    Ganz prinzipiell: klar!

    Was ich im Kopf hatte war aber nicht der Alltag, sondern Situationen, die sowieso – aus welchem Grund auch immer – schon völlig hochgekocht sind. Nicht, dass es in dem Zusammenhang nicht auch anders sinnvoller oder schöner wäre, aber hätte/könnte/wäre nützt eben nichts, manchmal entgleiten Dinge, und was ich da oft vorfindet ist Budenzauber, alle hinter irgendwelchen Argumenten verschanzt und lauern auf eine Blöße des Anderen. Und da wieder den Schritt zurück zu machen und abzurüsten finde ich (natürlich notwendig, aber) sehr, sehr anstrengend.

    "Saufmeditation" klingt fies.
     
    hach, wollte ja eigentlich schreiben, dass mich meditation heute zu ähnlichen erkenntnissen bringt. mir fiel doch ein, dass ich das früher auch manchmal hatte. bei zu wenig schlaf nach zu langem alkoholgenuss. was ich eine super interessante verbindung fand... sorry, war nicht fies gemeint!

    und bei konflikten (im alltag) die mauern fallen zu lassen, ist sauanstrengend, verstehe schon, geht mir ja auch so. aber dann dachte ich vorhin, ob das andere nicht das anstrengende ist. und das mauern fallen lassen das natürliche. und geht das nur bei abwesenheit von angst? oder bleibt die angst, man handelt nur nicht danach, sonder macht trotzdem auf?
     
    Das ist schon okay, es klang nicht fies gemeint, nur fies ;-)

    Zu den Mauern im Alltag, wie gesagt: Ja, es ist sicher sinnvoll, sich insgesamt weniger zu verstecken, als es oft der Fall ist. Aber ob ich die totale Offenheit prinzipiell propagieren würde, weiß ich nicht. Wir sind ja viele Menschen, es muss irgendwelche Konventionen des Zusammenlebens geben und es gibt auch Verantwortung, die das - meiner Meinung nach - verbietet. Zum Beispiel hätte ich mich heute zu einem bestimmten Zeitpunkt, als ich Mademoiselle zum Geigenunterricht brachte eigentlich am liebesten auf dem Gehweg zusammengerollt und rhythmisch geschaukelt. Ganz genau so habe ich mich gefühlt, aber ich habe trotzdem die Maske einer normalen Mutter getragen, die mit ihrem Kind zur Musikschule fährt, und ich glaube, das war für alle Beteiligten (mich eingeschlossen) gut so.

    Zu der Angst - Angst ist ein starkes Wort. Die allermeisten Situationen meines Alltags sind ja nicht existenziell bedrohend, mal pragmatisch gesehen ist das gefährlichste, was ich mache, vermutlich Radfahren. Trotzdem ist es natürlich unangenehm, verbal auf die Nase zu kriegen. Vielleicht ist es Respekt vor der Situation, oder ein Verlassen der Komfortzone. Naja, vielleicht ist es auch Angst und ich scheue nur das Wort.

    Ich denke nicht, dass die Angst verschwindet, sie beschränkt nur nicht das Handeln. Aber sich darüber hinwegzusetzen, ist wahrscheinlich ein großer Teil der Anstrengung.

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    Ich weiß nicht recht...
    Ja, ich kenne das auch, diese genialischen Anflüge bei solchen Gelegenheiten: Glasklare Gedanken, großartige Formulierungen. So zumindest die eigene Wahrnehmung.

    Aber ich fürchte, dabei handelt es in erster Linie um die Folgen einer massiv herabgesetzten Fähigkeit zur kritischen Reflexion der eigenen Ideen, hervorgerufen durch die bekannten Faktoren Alkohol und Schlafmangel.

    Denn die zwei, drei Mal, wo ich in diesem Zustand die Gelegenheit hatte, einer anderen Person die Dinge mitzuteilen, die mir da durch den Kopf gingen, erntete ich keineswegs die erwartete Ehrfurcht ob der Klarheit meiner Gedanken, sondern den guten Rat, weiterzuschlafen, weil ich wirre reden würde.

    Und die Male, wo ich mich aufraffte, sogar Notizen zu machen (das kann ich manchmal auch in halbwachen Zustand), ergab das, was da am nächsten Morgen auf dem Zettel stand, auch eher wenig Sinn.

    Und dann erinnere ich mich noch an genau so ein Wachwerden vor vielen vielen Jahren mitten in der Nacht nach zu viel Alkohol, bei dem ich mit eben dem besagten Gefühl eines glasklaren Verstandes aufstand und einige Dinge tat, die auch nicht wirklich im grünen Bereich waren. :-)

    Insofern ist es vermutlich ganz gut, dass das Zeug meist am nächsten Morgen weg ist.

    Gruß,
    kaktus
     
    Hehehe, das kann natürlich auch richtig sein!

    Ich hatte bisher noch keine Zeit, in mich zu gehen, und nach den Überresten dieses Einfalls zu forschen. Ich habe das Gefühl, da ist noch irgendwas irgendwo. Vielleicht schaffe ich das morgen, dann können wir schauen ;-)
     
    Generell halte ich es aber für eine gute Idee, den Abschlussbrief an den Brieffreund eher kurz zu halten und sich nicht in epischer Breite in irgendwelche,Ausführungen zu ergehen.

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