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    Freitag, 14. März 2008
    Traumwirrwarr

    Ich bin auf dem Weg vom Kino nach Hause. Stehe an der Bushaltestelle, es ist Nacht, kalt und regnerisch. An der Haltestelle ist es extrem voll und gedrängelt, der Bus kommt erst in 48 Minuten. Schräg gegenüber ist ein S-Bahn-Station, die Bahn kommt in wenigen Minuten, aber da ist kein Mensch und die Station ist sehr unheimlich, mit einer einzigen Rolltreppe, die hoch führt und keinem Alternativausgang.

    Trotzdem entscheide ich mich für die S-Bahn, weil mir kalt ist und ich müde bin, ich gehe über die Ampel, über die Straße. Vor mir geht ein junger Mann, neben mir noch einer, hinter mir höre ich Schritte. Ich gehe weiter, an der Rolltreppe rempelt der eine mich an, die anderen stellen sich mir in den Weg. Ich benutze unschöne Worte aber sie gehen nicht weg. Ich bekomme Angst und beschließe, zurück zur Bushaltestelle zu gehen. Ich bin sehr ärgerlich, weil ich jetzt auf den Bus warten muss, weil ich nicht mit der S-Bahn fahren kann, werde sehr wütend.

    Knapp vor der Ampel drehe ich mich wieder um und sehe die drei Typen die Rolltreppe hochfahren. Bleibe stehen, bis sie oben sind und gehe dann zur Rolltreppe zurück. Sondiere die Lage und beschließe, doch S-Bahn zu fahren. Ätsch. Ich fahre auf der Rolltreppe hoch, ducke mich dabei, will mich das letzte Stück so agentenmäßig anschleichen. (Probieren Sie das auf einer fahrenden Rolltreppe mal!!).

    Als ich oben bin, sehe ich eine alte Bekannte am Bahnsteig stehen. Ich gehe auf sie zu und spreche sie an. Als sie sich umdreht sehe ich, dass sie noch ein Kind ist, ca. 12 Jahre. Dann kommt die S-Bahn.

    Dann ein Schnitt und ich bin an der Kinokasse. Mit dem Freund meiner Kollegin. Er kauft Kinokarten, je zwei für zwei verschiedene Filme, damit wir spontan aussuchen können, in welchen wir gehen (Traumlogik). Wir laufen endlos über diese roten Kinoteppiche. Dann fahren wir mit der S-Bahn (!) nach zu meiner Kollegin nach Hause. Sie fragt nach dem Film, wir erzählen ihr davon, ich gebe ihr die Karte weil sie Kinokarten sammelt. Habe ihr aber die falsche Karte gegeben, für den Film, in dem wir nicht waren. Sie fragt, ob sie die morgen benutzen kann, weil die ja nicht abgeknipst ist. Ich sage ihr, dass das nicht geht, weil die für heute war und sie wird sehr böse, darauf, dass wir den einen Film gesehen haben und nicht den anderen und dass wir Bahn statt Bus gefahren sind.

    Ich gehe durch den Regen nach Hause und erinnere mich an den Film, den wir nicht gesehen haben, der nämlich der Film zu diesem Video war: http://de.youtube.com/watch?v=flLaujbsIAo

    Aufgewacht.

    Donnerstag, 13. März 2008
    Adiós Kartenleser - Für Frau Diagonale


    Hasta la victoria - siempre.
    ;-)

    Es begab sich also zu jener Zeit, als ich im Rapunzelturm meine Tätigkeit begann, dass mein Büro und das des damaligen Rapunzelturmchefs zwar nur einen Raum weit über den Gang auseinander lagen, sich dazwischen jedoch eine Brandschutztür mit Kartenleser befand. Der Kartenleser war auf der Ganghälfte des Chefs, was bedeutete, ich konnte ihn ohne Zugangskarte heimsuchenaufsuchen, kam jedoch dann nicht mehr bzw. nur auf Schleich- und Umwegen durch die gesamte Büroetage in mein eigenes Zimmer zurück. Wenn Sie jetzt nach dem Sinn dieses Arrangements suchen, können Sie gleich aufhören: es gab keinen. Und das ist auch der Punkt. Denn bereits nach etwa zwei Wochen war ich es leid, mehrmals täglich eine Wanderung zu absolvieren, wenn ich doch eigentlich nur mal kurz... und der Satz "gebensemaleben Ihre Karte ichhabmeine vergessen" war auch schon recht ausgelutscht.

    Also ging ich zur Büroleiterin und fragte, ob man diesen offensichtlich sinnlosen Kartenleser abschaffen könne. Die Antwort war "Nein". Ich fragte warum. Die Antwort war "Das geht Dich nichts an".
    Nun ist das eine Antwort, mit der ich zwar grundsätzlich meinen Frieden gemacht habe - manchmal ist sie aber schlichtweg unzutreffend. Ich hatte dort oben irgendeine hochwichtige Tätigkeit, deren genaue Ausgestaltung mir bis zum Ende nicht klar wurde, auszuführen. Da geht mich der Grund für die Nichtabschaffung eines nutzlosen Geräts, das mich alltäglich mehrfach auf Umwege schickt, sehr wohl etwas an. Dies tat ich kund - und bekam ein Bändchen, um meine Codekarte fortan um den Hals zu tragen.

    Das hatte ja nun schon einen gewissen Stil, mir so ein Bändchen auszuhändigen. In angemessener Bewunderung für diese Chuzpe hielt ich eine ganze weitere Woche still, bis ich meinen 4-Punkte-Plan zur Abschaffung des Kartenlesers aufnahm. Es handelte sich hierbei um die folgenden Phasen, die jeweils eine bis zwei Wochen andauerten.

    Phase 1: Schaffen der "Awareness".
    Wann immer ich nun dem Kartenleser begegnete - ob mit oder ohne Karte - sagte ich, gut vernehmlich, etwas in der Art von "Ach, der Kartenleser." Oder "Ach, gut dass ich die Karte an diesem Bändchen habe." Oder "Das ist ja echt was mit dem Kartenleser". Wann immer ich jemandem am Kartenleser begegnete, sagte ich: "Ach, der Kartenleser. Ihre oder meine?" oder "Ah, Sie haben die Karte dabei. Und ganz ohne Bändchen."

    Nach einer Woche war jedem, ausnahmslos jedem, auch den wenig vergesslichen Menschen im Büro, die immer ihre Karte bei sich tragen und sie automatisch vor jedes grüne Licht halten, die Existenz des Kartenlesers ganz vorn ins Bewusstsein gerückt. Es war an der Zeit, in Phase 2 zu wechseln.

    Phase 2: Infragestellung.
    In dieser Phase wurden meine beiläufigen Bemerkungen zu offenen Fragen zur Existenz des Gerätes. "Warum ist hier eigentlich dieser Kartenleser?". "Wissen Sie, wozu der gut ist?". "Ach, Sie haben keine Karte dabei? Ich hab ja dieses Bändchen. Wer hat den nur hier anbringen lassen?". "Was ist eigentlich, wenn es hier mal brennt?" (Als Brandschutzbeauftragte wusste ich, dass ein ausgelöster Alarm sämtliche Kartenleser deaktiviert - übrigens interessant, wenn man mal in so einen Bürotrakt einbrechen möchte -, was aber nicht heißt, dass man das nicht mal so in den Raum fragen kann). Es entwickelten sich kurze Gespräche, kleine Scherze, Anekdoten über andere Unsinnigkeiten des Alltagslebens wurden berichtet. Mit nur ein wenig Übertreibung kann ich sagen, dass der Kartenleser beinahe die Teeküche als kommunikatives Herz des Rapunzelturmbüros ersetzte. Die Zeit war reif für Phase 3.

    Phase 3: Das Zusammenziehen des Netzes.
    Hier musste ich die Suppe zum Kochen bringen, also aus Einzelmeinungen eine Gesamtmeinung formen. Die Ganggespräche wechselten von offenen Fragen zur Wiedergabe des bereits (von anderen) Gesagten: "Ach, Sie haben die Karte vergessen? Da sind Sie in guter Gesellschaft. Sogar der Herr X aus Büro Y stand letztens hier und hat gefragt, wozu dieses Gerät eigentlich noch da hängt.". "Machen Sie kurz auf? Ich bin so bepackt. Für die Postleute ist es auch nicht einfach mit dem Ding." "Warten Sie, ich mach schon - elendiges Teil. Der ganze Gang hier klagt darüber." Mir wurde warm ums Herz.

    Phase 4: Der goldene Moment.
    Es gibt sie manchmal, diese goldenen Momente. Ich bin unsicher, ob sie schlichtweg durch eine gehörige Portion Glück bedingt sind, oder ob auch eine gewisse Bereitwilligkeit, sie aufzuspüren und von jetzt auf gleich, von null auf hundert zu nutzen, dazu gehört. Vermutlich beides.
    Mein goldener Moment kam Ende Oktober. Der Chef des Rapunzelturms hatte eine sehr kleine und sehr feine Besprechung in seinem Büro. Weitere Mitarbeiter wurden nach und nach hinzugezogen. Ich wurde Hals über Kopf zum Übersetzen hineinbeordert - Karte samt Bändchen blieben auf meinem Schreibtisch zurück.
    Dann die positive Entscheidung, ein überhastetes Ende des Meetings bevor es sich noch jemand anders überlegte, nichts wie raus und zum Anstoßen und an die zehn Personen in dunklen Geschäftsanzügen drängelten sich vor der Brandschutztür mit Kartenleser. "Frau N., your card...?", sagte der Chef.

    Das war er, der goldene Moment.

    "I apologize", sagte ich mit leeren Händen, und, seufzend, "This card-reader....". Es dauerte nur einen Sekundenbruchteil, bis all die anwesenden Mitarbeiter, randvoll mit Nach-Meetings-Adrenalin, lauthals in das Kartenleserlamento einstimmten, es in die Welt trugen, es zu einer schillernden, wirbelnden Wolke aus blitzend-überzeugenden Argumenten machten, die sich geballt auf einen einzigen Schluss richtete:

    "Please have it removed", sagte der Rapunzelturmchef leise zu mir, bevor wir - zum letzten Mal - auf Umwegen quer durch das Büro beschwingt zum Ausgang gingen.

    Mittwoch, 12. März 2008
    Letzte Worte?

    Ehm - hier pfeifts, als ob der Rapunzelturm gleich abhebt...

    (edit - als ob ich gerade noch mehr Gegenwind bräuchte, chrchr *doofes Kichern*. Aber vielleicht isses ja auch Rückenwind, man wird sehen, wenn man rausgeht. Später.

    Aber dann, wer weiß, wie lang das Ding noch steht, muss doch noch was geschrieben werden. Ständig diese Beinahtoderfahrungen... Auf dem Heimweg vom Sport gestern bin ich doch schon mit einem roten Laserpointer (oder so) anvisiert worden. Den ganzen Weg die Straße entlang. Einmal stehen geblieben und mich ausgiebig umgeschaut - niemanden gesehen. Laserpointer kreiste derweil auf meiner Brust herum. Was ich als Hinweis auffasste, dass mich da niemand abschießen möchte sondern sich ein Späßchen macht. Den Weg beruhigt und ohne Grübeln über letzte Worte fortgesetzt, man muss auch gönnen können...

    Was ganz anderes wollte ich sagen. Ein Eingeständnis meiner manchmaligen Merkwürdigkeit. Dass ich in der Fitness-Studio-Dusche nämlich nach Einstellen der korrekten Wassertemperatur immer den Duschknopf zwecks "Bestätigung" drücken. Die Dusche geht dann aus. Trotzdem kann ich es mir seit einem halben Jahr nicht abgewöhnen. Man möchte doch perfekte Ergebnisse immer gern bestätigt wissen.

    Und dass ich immer wieder in die falsche der beiden Tamponpackungen greifen, weil ich die niedrigere aufgedruckte Zahl auf der Packung mit der kleineren Größe assoziiere. "Anzahl, nicht Größe" bete ich mir jeden Monat ein paar Tage lang vor. Es nützt überhaupt nichts.

    Und dass ich nur unter höchster Konzentration analoge Uhren lesen kann. Und trotzdem eine trage, muss ja nicht jeder gleich alles wissen. Intuitiv spiegele ich die beim Ablesen nämlich immer. Jetzt ist es 10 nach 12, das lese ich als 10 vor 12. 10 nach 8 wird 20 vor 2, und so weiter und sofort. Schon immer. Hirnfehler. Nicht der einzige.

    Was noch? Der Turm schwankt, aber steht. Naja, vermutlich steht er, weil er schwankt. Aber das klingt so grauenhaft undramatisch. So nüchtern. Und vermutlich so wahr. Ich weiß doch auch nicht. Geschüttelt und gerührt, aber der Drink ist noch im Glas. Glaub ich. Nach ein paar verliert man ja den Überblick.

    Sehen Sie mir diese Wirrungen nach, ich habe schlecht geschlafen. Wenn überhaupt..)

    Montag, 10. März 2008
    Hach ja... ;-)

    Sonntag, 9. März 2008

    Von den drei neuen skurrilen Fitness-Studio-Begegnungen wollte ich eigentlich noch schreiben, die am Freitag geballt auf mich trafen, so, als hätten sie meine 2wöchige Abwesenheit nur ausgesesssen und abgewartet, bis ich zurückkehre.

    Von der Instruktorin, die mir etwas von der Seele meiner Muskeln erzählte, und warum ich die Übung, bei der der Kopf mit Druck nach unten geneigt wird und man ihn, gegen das Gewicht der Maschine, wieder anhebt bis der Blick gerade ist, vor fünf Jahren nicht ausführen konnte, gar nicht, schon Unwohlsein bekam, wenn das Kopfpolster nur meinen Hinterkopf berührte, und nun ein recht hohes Gewicht damit stemme.

    Von der jungen Frau, die von sich immer als "wir" spricht, wenn sie in der Umkleide telefoniert und mich darauf ansprach, dass ich wohl die "Seiten" gewechselt hätte, womit sie die Seite der Umkleidemöglichkeiten meinte, also die Schrankreihe rechts oder links von der Tür aus gesehen. Ich habe da gar keine Präferenz und steuere, glaube ich, spontan immer auf die jeweils weniger besetzte Seite zu. Dies fand sie sehr abwegig. Wie finden Sie das?

    Und als ich dann ging war da noch die etwas ältere Frau in der rosa-rot-orangefarbenen Unterwäsche, die mich ansah und plötzlich einen linierten Schreibblock und einen Füller mit roter Tinte aus der Tasche zog, und zu schreiben begann, mich beim Ausziehen, Duschen, Anziehen, Kämmen, Föhnen beobachtete und immer, immer weiter schrieb. Die, als ich "kann ich jetzt gehen oder brauchen Sie noch was" passend zur Unterwäsche errötete und "es stört Sie doch nicht, oder?" fragte. Naja, was soll ich denn da sagen. Sie lesen ja gerade hier, was ja schon alles sagt, ich mache mir nur vorher keine Notizen. Dass es mich nicht stört, sondern nur irritiert, hätte ich sagen können, aber dann hätte sich vielleicht ein richtiges Gespräch entwickelt, und manchmal, ohne benennbaren Grund, der sich an der Situation oder an Äußerlichkeiten festmachen würde, ist es bei mir so, das ich manche Leute nicht näher kennen lernen möchte. Vielleicht ist es eine Körperhaltung oder auch ein Geruch, eine Geste oder ein Blick, ich weiß es nicht. Ich bin immer neugierig, auf Menschen, und meistens interessiert mich, was sie tun, und sei es auch noch so belanglos. Trotzdem möchte ich manche nicht näher kennen lernen, obwohl von außen gesehen nichts dagegen spräche.

    Dann wollte ich noch irgendwas über diese Tarnhose schreiben, die ich mir bestellt habe. Ich weiß aber nicht genau was. Vielleicht wollte ich nur zugeben, dass ich sie nun besitze, damit mich dieses Outing nicht in einem unpassenden Moment erwischt. Denn ich befinde mich ja in keiner Lebensphase mehr, in der man so ein Kleidungsstück ohne Gesichtsverlust öffentlich tragen könnte. Allerdings wollte ich immer so eine Hose haben, leider kam es nie dazu, nur eine Domestos-Jeans trug ich, und diese Tarnhose nun, die lief mir gerade über den Weg, vor einem Jahr hatte ich sie schonmal in der Hand und auch über den Beinen, nur weiter hoch ging sie leider nicht. Und jetzt sitzt sie schnuckelig und schnackelig und kostet nur noch 1/3 des damaligen Preises, ja, was soll ich denn tun? Vielleicht muss ich ja demnächst mal irgendwo handwerkern. Oder gehe zum Karneval. Oder lasse sie für immer hinten im Schrank vergammeln. Für manche Dinge ist der richtige Zeitpunkt ja einfach vorbei.

    Aber andererseits: wer weiß das schon so genau.

    Unter alten Bekannten

    Tisch 150, beendet: MadameS 25, alterMann 24, FrauN 15

    alterMann: langweilig
    MadameS: 3:0:0
    alterMann: immer gewinnst du
    MadameS: wem sagst du das!
    alterMann: entweder muessen wir besser werden oder du schlechter
    alterMann: *bierchen geb*
    MadameS: hey, ich isketche nebenbei!!!
    alterMann: ich buegle meine hemden, lese im faust und mach meine Steuererklaerung nebenbei
    FrauN: ich bearbeite nebenher erotische Bilder meiner Person
    alterMann: will ich sehen, FrauN.
    MadameS: lol
    FrauN: dann zeig mir Deine Steuererklaerung
    alterMann: aehm
    alterMann: dann weißt du ja, was ich verdiene
    FrauN: tja, es gibt solche und solche Outings
    alterMann: *rumschwaller* lass uns ueber alte Bekannte laestern :-)

    Samstag, 8. März 2008
    Entscheidungsnot

    Schuhkreis

    Nachlass

    Heute Abend lese ich mal Bild.

    Bild

    Freitag, 7. März 2008

    Gerade die Anmeldung für den Chase-Lauf auf den Tisch bekommen. Mich erinnert, wie viel Spaß das im letzten Jahr gemacht hat und dass ich nach Hause ging mit der felsenfesten Überzeugung, von nun an wieder regelmäßig Laufen zu gehen und im nächsten Jahr, also in diesem, den Kollegen zu überholen.

    Ähmja.

    Dauerohrwurm (24/7)


    Well this is something new but it turns out it was borrowed too
    Why does every let down have to be so thin?
    Rain explodes at the moment that the cab door closed
    I feel the weight upon your kiss ambiguous


    (Das Video find ich blöd. Lieber Augen zu machen beim Hören.)


    Heute morgen beim ersten Blick in den Spiegel noch erfreut gedacht, dass ich ganz frisch aussehe. Bevor ich dann bemerkte, wie wirklich schummrig mir ist. Mittlerweile scheint das Paracetamol aber diese komische Männchen zu vertreiben, das von hinter meinen Augen versucht, die Augäpfel an den Augenbrauen zu zerdrücken.

    Über meinen Hunger heute morgen habe ich mich auch gewundert, denn trotz Banane und einem halben Liter Apfelsaftschorle knurrt der Magen immer noch. Das kann aber an gestern liegen, denn mit nur Kaffee/Cola light/Kaffee bis 16 Uhr fing der Tag schon komisch an und endete mit einem entgangenen Abendessen wegen Verspätung. Auf den Tischen stand dann nur noch dieser höllisch leckere Prosecco. Und irgendwann war ich dann gar nicht mehr hungrig.

    Lustig ist es auch, wenn berufliche Veranstaltungen so ein bisschen entgleiten. Also natürlich nicht, wenn es die eigenen Leute sind. Aber als Schaulustiger zu sehen, wie die Gastgeber eines Stehempfangs reihum auf die Stühle sinken, das Glas zum Anstoßen nicht mehr hochkriegen und nach vorherigen (nüchternen) Lobpreisungen der neuen Räumlichkeiten das große Lästern genau darüber anfangen, ist schon schön. Man sollte immer zu spät zu solchen Anlässen kommen, um am Ende frischer als die anderen zu sein, dachte ich mir.

    Geschlafen habe ich dafür wie ein Engelchen - an den Herrn N. geklammert, damit sich das Bett nicht so dreht. Glaube ich. Weiß nicht mehr alles so ganz genau.

    Und sonst so? Ruhe, innen. Und Zufriedenheit.

    Donnerstag, 6. März 2008

    Fassade

    Dienstag, 4. März 2008
    Erklärungsversuch

    Ein Blick durch die Küche (25qm x 3,6m Höhe):

    Auf dem Tisch ein Korb mit ausgeblasenen und angemalten Ostereiern, teilweise zerbrochen und mit Klebeband geflickt. Hasenfensterbilder. Eine Plastikunterlage mit Bären und Weihnachtsbäumen. Eine durchsichtige Plastikunterlage mit Buntstiftstrichen und Glitter (silber, blau, rot). Tonpapier in orange, grün, hellblau, schwarz, pink, dunkelblau auf einem Stapel. Ein mit Fingerfarben angemaler Schuhkarton.

    Auf dem Schrank ein Joghurteimer mit Tierfutter und eine Rolle mit 100 Knicklichtern.

    Auf dem Küchenblock eine Schnecke in einem Glas. Eine Puppe mit blau angemaltem Kopf. Ein blauer Lolli und eine orangefarbene Minischere sowie eine kleine blaue Bürste mit einem Dreachen darauf.

    Auf dem Boden sehr viel Glitter, eine rot-schwarz-karierte Kindergartentasche, ein weißer Luftballon. Eine grün-gelb-blau karierte kleine Decke unter der Bank und ein kleines Kopfkissen mit pastellfarbenen Löwen drauf (Geheimversteck).

    Auf der Heizung nasse, rosafarbene Turnschuhe, Größe 27.

    Auf der Fensterbank ein kleines rotes Huhn aus Holz. Am Fenster gebastelt: Schmetterling, Hasengirlande, blau-grüne Papiergirlande, eine Hexe. Außerdem ein getrockneter Weidenkranz und eine Fingerfarbensonne.

    Auf der Arbeitsplatte: ein Marienkäfer aus Papier, ein Stück Schokoladen-Geburtstagskuchen mit Sternchen aus weißer Schokolade, in eine Luftballonserviette verpackt und versteinert. Eine Packung Mini-Knäckebrot. Ein Glas mit bunten Zuckerstreuseln. Ein paar Schnuller, eine Packung Doppelkekse, Nasenspray für Kinder.

    Auf der Mikrowelle: Diverse Globuli, Prospan-Hustensaft, eine Schale mit Schnullern und Fläschchensaugern, ein leeres Cremedöschen mit einer Murmel darin.

    Auf der anderen Fensterbank: Choco Rice, Fruit Cereals, Zimties. Löffelbisquit.

    Im Spülbecken: zwei leere Milchfläschchen.

    Am Kühlschrank: Einladung zur Elternbeiratssitzung des Kindergartens. Schreiben vom Kindergarten über notwendige Atteste, fünf Fruchtzwerge-Kühlschrankmagnete. Auf dem Kühlschrank drei Flaschen Kinder-Cola, zwei Tüten Punica-Saft.

    An der Türklinke: eine große Papiertüte mit Kinderbildern.

    In der anderen Tür: eine Schaukel.

    An der dritten Tür: ein orangefarbener Bettbezug mit Mäusen drauf.

    Unter dem Laptop aus unerfindlichen Gründen: eine blaue Luftschlange. Viel Glitter, auch auf dem Touchpad.

    (Die Küche ist übrigens gerade aufgeräumt.)

    Alle diese Dinge um mich herum, die nicht zu mir gehören, wollte ich jetzt gerade schreiben. Aber das stimmt ja gar nicht. Das bin ich, das ist alles mein Leben, egal wie abwegig es mir in manchen Momenten erscheinen mag. Ich bin nicht mehr jemand, der - bei Bedarf - die Nächte im Büro verbringt und sich - bei Bedarf - am Wochenende bis zum Abwinken die Kante gibt oder einfach 48 Stunden schläft. Ich bin jemand, der eine Familie hat, und das sieht man meinen Lebensumständen und vermutlich auch mir an; da ist ein Leben und ich bin mittendrin. Es ist gar nicht so, dass ich das eine oder das andere vorziehen würde. Ich habe mich für dieses hier entschieden, aber beides hat seine Berechtigung und beides kann sehr zufrieden machen.

    Ich hätte, glaube ich, auch in dem anderen Leben sehr glücklich sein können. Dieses hier ist mir - das ist jetzt der Punkt - bei aller Freude darüber und bei allem Glück, das ich spüre, häufig (noch?) sehr fremd.

    Und deshalb ist mir manchmal so sehr nach Freiraum. Im ganz eigentlichen Sinne und auch im Sinne von Zeit allein, mit mir, fern jeder Rolle, tatsächlich wie auch - und das ist am schwersten umzusetzen und vielleicht aber gerade am wichtigsten - gedanklich.

    Montag, 3. März 2008
    Eingerollt

    Und dann entläd sich die ganze Aggression der letzten fünf Tage auf den Autofahrer, der mir die Vorfahrt nimmt aber immerhin noch ganz knapp vor mir+Kind+Fahrrad zum stehen kommt. Rumpelstilzchentanz inklusive Tritten gegen die Karosserie und Wegbrüllen der Schaulustigen.

    Jetzt bin ich da irgendwo in mir drin, ganz tief, und eingerollt.

    In der Bahn, auf dem einen Platz mir gegenüber, eine sichtlich nervöse Schülerin, die in Unterlagen mit Markierungen blättert. Sehr weiß um die Nase beißt sie auf Finger und Lippen. Klassenarbeit, schätze ich mal. Neben mir ein sehr sorgenvoller Mann. Ich kann das regelrecht riechen und an seinem Atmen spüren. Was man mir gerade ansieht, frage ich mich, denn ein Pokerface habe ich wirklich nicht. Aber ich bin ja gerade nicht da. Keiner zu Hause, oder zumindest die Klingel abgestellt.

    So höre ich das Telefongespräch der wunderschön zurechtgemachten jungen Frau auf dem anderen Platz mir gegenüber mit. Die, mit den geröteten Augen. Die mit den Tränen in den Augen.

    - Ja, hallo, ich bin's... in der S-Bahn... ja, mir gehts, ja, naja... m-hm... was ich fragen wollte, hast Du heute Zeit, in der Mittagspause oder Abends?... m-hm... achso... auch nicht eine halbe Stunde?... achso...

    Mittlerweile laufen die Tränen.

    - Nein, nein, alles ok..., nein, wenn es nicht geht, wenn es nicht passt, das ist nicht schlimm... ein andermal dann. Ich werd dann heute abend... ja, genau... oder so..., ok, bis demnächst dann.

    Irgendwo in mir drin sagt was, dass man der Frau das Handy aus der Hand nehmen und "wer immer Sie sind, sehen Sie zu, dass Sie das Treffen möglich machen denn hier geht es jemandem schlecht" hineinsprechen sollte. Irgendwo in mir drin bin ich aber eingerollt und denke, warum sagt die das nicht selbst. Aber vielleicht ist sie ja auch gerade nicht zu Hause oder hat die Klingel abgestellt.

    In der U-Bahn-Station läuft ein älterer Herr neben mir mit einem Trolley, der mit Schlüsselanhängern aus Plüsch übersäht ist. Ein Bahnmitarbeiter kommt uns entgegen und bei Anblick des Mannes mit Trolley wechselt seine Miene von gelangweilter Morgenmüdigkeit in wichtig-empörte Authorität. Stück für Stück, faszinierend, wie so ein Schiebebild, das man zusammensetzt. Als er damit fertig ist, brüllt er den Mann an, seine Stimme überschlägt sich so, dass ich nur die Worte Gewerbeschein und Platzverbot verstehe. Der Mann duckt sich, verängstigt, geht schnell Richtung Ausgang, der Bahnmitarbeiter rennt hinterher.

    Irgendwo in mir drin sagt was, dass ich den Bahntypen jetzt am Ärmel fassen und nach dem Weg nach egal-wohin fragen sollte. Irgendwo in mir drin bin ich aber eingerollt und komme gar nicht raus. Wie Kino ist das.

    Auf der Straße, mit 1,5 Stunden Verspätung im direkten Anflug auf den Rapunzelturm, reißt einer Frau vor mir die Plastiktüte und alle möglichen Einkäufe purzeln über das Pflaster. Mit 1,5 Stunden Verspätung im direkten Anflug auf den Rapunzelturm gehe einfach weiter. Irgendwo in mir drin sagt was, dass ich stehen bleiben und der Frau beim Aufsammeln helfen sollte. Irgendwo in mir drin bin ich aber eingerollt und denke, das macht bestimmt jemand anders. Ein Blick über die Schulter von 50m weiter zeigt, dass diese Annahme falsch ist. Irgendwo in mir drin trommelt jemand gegen die Tür und brüllt, geh zurück, geh zurück, geh zurück. Aber ich bin eingerollt, die Klingel ist aus, das Trommeln an der Tür ist nur wie ein ferner Donner.

    November seit 7239 Tagen

    Letzter Regen: 06. Januar 2026, 22:39 Uhr