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    Montag, 3. März 2008
    Eingerollt

    Und dann entläd sich die ganze Aggression der letzten fünf Tage auf den Autofahrer, der mir die Vorfahrt nimmt aber immerhin noch ganz knapp vor mir+Kind+Fahrrad zum stehen kommt. Rumpelstilzchentanz inklusive Tritten gegen die Karosserie und Wegbrüllen der Schaulustigen.

    Jetzt bin ich da irgendwo in mir drin, ganz tief, und eingerollt.

    In der Bahn, auf dem einen Platz mir gegenüber, eine sichtlich nervöse Schülerin, die in Unterlagen mit Markierungen blättert. Sehr weiß um die Nase beißt sie auf Finger und Lippen. Klassenarbeit, schätze ich mal. Neben mir ein sehr sorgenvoller Mann. Ich kann das regelrecht riechen und an seinem Atmen spüren. Was man mir gerade ansieht, frage ich mich, denn ein Pokerface habe ich wirklich nicht. Aber ich bin ja gerade nicht da. Keiner zu Hause, oder zumindest die Klingel abgestellt.

    So höre ich das Telefongespräch der wunderschön zurechtgemachten jungen Frau auf dem anderen Platz mir gegenüber mit. Die, mit den geröteten Augen. Die mit den Tränen in den Augen.

    - Ja, hallo, ich bin's... in der S-Bahn... ja, mir gehts, ja, naja... m-hm... was ich fragen wollte, hast Du heute Zeit, in der Mittagspause oder Abends?... m-hm... achso... auch nicht eine halbe Stunde?... achso...

    Mittlerweile laufen die Tränen.

    - Nein, nein, alles ok..., nein, wenn es nicht geht, wenn es nicht passt, das ist nicht schlimm... ein andermal dann. Ich werd dann heute abend... ja, genau... oder so..., ok, bis demnächst dann.

    Irgendwo in mir drin sagt was, dass man der Frau das Handy aus der Hand nehmen und "wer immer Sie sind, sehen Sie zu, dass Sie das Treffen möglich machen denn hier geht es jemandem schlecht" hineinsprechen sollte. Irgendwo in mir drin bin ich aber eingerollt und denke, warum sagt die das nicht selbst. Aber vielleicht ist sie ja auch gerade nicht zu Hause oder hat die Klingel abgestellt.

    In der U-Bahn-Station läuft ein älterer Herr neben mir mit einem Trolley, der mit Schlüsselanhängern aus Plüsch übersäht ist. Ein Bahnmitarbeiter kommt uns entgegen und bei Anblick des Mannes mit Trolley wechselt seine Miene von gelangweilter Morgenmüdigkeit in wichtig-empörte Authorität. Stück für Stück, faszinierend, wie so ein Schiebebild, das man zusammensetzt. Als er damit fertig ist, brüllt er den Mann an, seine Stimme überschlägt sich so, dass ich nur die Worte Gewerbeschein und Platzverbot verstehe. Der Mann duckt sich, verängstigt, geht schnell Richtung Ausgang, der Bahnmitarbeiter rennt hinterher.

    Irgendwo in mir drin sagt was, dass ich den Bahntypen jetzt am Ärmel fassen und nach dem Weg nach egal-wohin fragen sollte. Irgendwo in mir drin bin ich aber eingerollt und komme gar nicht raus. Wie Kino ist das.

    Auf der Straße, mit 1,5 Stunden Verspätung im direkten Anflug auf den Rapunzelturm, reißt einer Frau vor mir die Plastiktüte und alle möglichen Einkäufe purzeln über das Pflaster. Mit 1,5 Stunden Verspätung im direkten Anflug auf den Rapunzelturm gehe einfach weiter. Irgendwo in mir drin sagt was, dass ich stehen bleiben und der Frau beim Aufsammeln helfen sollte. Irgendwo in mir drin bin ich aber eingerollt und denke, das macht bestimmt jemand anders. Ein Blick über die Schulter von 50m weiter zeigt, dass diese Annahme falsch ist. Irgendwo in mir drin trommelt jemand gegen die Tür und brüllt, geh zurück, geh zurück, geh zurück. Aber ich bin eingerollt, die Klingel ist aus, das Trommeln an der Tür ist nur wie ein ferner Donner.

     
    Sie haben heute morgen aber auch alles mitgenommen was geht! Da lob ich mir doch den Luxus, mich alleine im Auto zur Arbeit fahren zu dürfen.

    Aber manchmal gibt es so Tage, da kann man sich nicht auch noch um andere kümmern. Und unter anderen Umständen schätze ich Sie schon als jemanden ein, der in solchen Situationen oft den Mund aufmacht. Also nehmen Sie's nicht zu schwer!
     
    Mich hat es so gewundert. Nichts wahrzunehmen ist eine Sache. Alles zu sehen, sich die entsprechenden Gedanken zu machen und einfach wie im Wachkoma zu verharren, fand ich ein komisches (ungewohntes) Gefühl.

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    Ähem... nicht vergessen, wieder heraus zu kommen.

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    O jeh... Wäre ja schön, wenn man sich bei Nervereien im Job schnell in sich einrollen und die Klingel abstellen könnte - ich kriege in so Phasen leider oft nicht mal rechtzeitig die Tür zu.

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