Herr N: Boaaaah dieses Kind!! Sagt man mal irgendwas, was ihr nicht in den Kram passt, schmollt sie gleich stundenlang beleidigt vor sich hin!!
Frau N: Jo. Wie Du.
Herr N: schmollt seit nunmehr gut einer Stunde beleidigt vor sich hin.
Nun denn, die Meldung des Tages für heute ist dann wohl, dass das Urmel von Mademoiselle verschollen ist. Ohne das Urmel geht hier nichts. Das Urmel weckt Mademoiselle morgens und macht abends das Licht aus. Zuletzt wurde es gesehen, als es im Kindergartensandkasten eingebuddelt wurde.
Bis jetzt halten wir uns gut. Ich habe angeordnet, dass wir spielen, dass Urmel seine Mama abholt, weil diese zu Besuch kommen will. Das dauert halt ein paar Tage. Beide kommen dann per Postpaket zurück. Muss dann jetzt mal die Rechnung des Online-Shops der Augsburger Puppenkiste zahlen...
Seufz.
- Zwei Taschen, ein Kind und eine Schubkarre (!) auf dem Fahrrad zu transportieren, ist schwierig. Kommt noch ein instabiler Fuß dazu wird das Ganze... nunja.
- Dem Kollegen auf halber Strecke eine SMS geschickt: "Komme später wegen Gegenwind". Antwort: "Liege auch noch im Bett wegen Schwerkraft". Ts!
- Meine Sorglosigkeit macht mir Sorgen.
- Angesichts der Wolkenlage draußen werde ich meine Regentheorie wohl heute einer genaueren Überprüfung unterziehen können.
- Und ansonsten bin ich schlecht gelaunt, der Kreislauf kommt trotz 10km Rad fahren und ordentlich Kaffee nicht in Schwung, ich friere trotz dicker Strick- und Fleecejacke, der Fuß knackt bei jeder Bewegung und der Chef hat mich am Telefon eiskalt erwischt.
"Alles ist gut, alles ist gut", sage ich mir immer wieder aber es dringt nicht durch. Es passiert mir manchmal, dass ich gewisse Ereignisse nur annehme, mir nur vorstelle, und schon wird ein Gedankenprozess in Gang gesetzt, der das nur Vorgestellte der Situation nicht mehr beachtet, der Bestand aufnimmt, analysiert, bewertet, entscheidet. Ganz real, in meinem Kopf. Bewertet, wo das objektive Maß fehlt und entscheidet, was ich nie entscheiden möchte. Durch jede wache Minute zieht sich dieser Gedankenstrom und findet erst sein Ende, wenn er alle Ecken, auch dreckigsten und unangenehmsten ausgeleuchtet hat und komplett zu Ende geführt wurde, zu welchem Ende auch immer, an dem die Entscheidung steht. Die Entscheidung, die ich treffen muss, in meinem Kopf.
Dann dümpeln die Gedanken wieder in ruhigeren Gewässern aber die Erinnerung bleibt, und das Wissen über einen weiteren Teil von mir, den ich so genau eigentlich gar nicht kennen wollte.
Für nichts und wieder nichts. Alles nur im Kopf.
Your Score: Sociopath
You are 100% Rational, 42% Extroverted, 71% Brutal, and 71% Arrogant.
You are the Sociopath! As a result of your cold, calculating rationality, your introversion (and ability to keep quiet), your brutality, and your arrogance, you would make a very cunning serial killer. You are confident and capable of social interaction, but you prefer the silence of dead bodies to the loud, twittering nitwits you normally encounter in your daily life. You care very little for the feelings of others, possibly because you are not a very emotional person. You are also very calculating and intelligent, making you a perfect criminal mastermind. Also, you are a very arrogant person, tending to see yourself as better than others, providing you with a strong ability to perceive others as weak little animals, so tiny and small. You take great pleasure in the misery of others, and there is nothing sweeter to you than the sweet glory of using someone else's shattered failure to project yourself to success. Except sugar. That just may be sweeter. In short, your personality defect is the fact that you could easily be a sociopath, because you are calculating, unemotional, brutal, and arrogant. Please don't kill me for writing mean things about you! I have a 101 mile-long knife! Don't make me use it!
- Beim Sport gewesen zwecks Aggressionsabbau. Half nicht. Fühle mich jetzt aggressiv und sportlich.
- Die ganz zierliche Freundin heute mit dem Babybauch. Ich weiß wirklich nicht, wie das gehen soll. Sie passt in den Bauch beinah selbst komplett rein, also schätzungsweise. Das ist beängstigend!
- Ich hab nicht die geringste Ahnung, wie nah er mir wirklich ist.
- Bei einem Gedankenexperiment am eigenen Leib festgestellt, dass auch bei Fragen nach richtig und falsch, bei denen die Antwort klar vorgegeben scheint, eigentlich trotzdem alles eine Frage der Perspektive ist.
- Angenehme Ereignisse, die in den nächsten Wochen definitiv eintreten werden: die Putzfrau wird kommen, die Wespen auf dem Balkon werden verschwinden, das Pochen in den Heizungsrohren wird aufhören, der Fuß wird mich nicht weiter nerven.
- Unangenehme Ereignisse, die in den nächsten Wochen definitiv eintreten werden: keine.
- Laune: hätte allen Grund, besser zu sein. Wer hätte das nicht. Eben. Und genausowenig schert sie sich darum.
- Mein Chef benimmt sich wie ein wichtigtuerischer Lackaffe, dem es Spaß macht, anderer Leute Arbeit zu verzögern.
Ich denke ich sollte ihm das sagen. Die Bemerkung ist ja sogar ansatzweise konstruktiv. Ich falle nicht in die "immer"-Falle und sage auch nicht "Sie sind", sondern "Sie benehmen sich". Bin aber nicht sicher, ob er meine Kompetenzen bezüglich Konfliktsprache zu würdigen weiß.
- Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen.
- Der Motivation wäre auch geholfen, wenn mal jemand meinen aufgestockten Stundenvertrag abzeichnen würde. Ich sitz' hier doch nicht wegen der Aussicht! (Wobei... naja.)
- An Tagen wie heute ist anonym sein das einzige, was noch irgendwie geht.
- Wenn der Fuß wenigstens ordentlich Gebrechenscontent hergeben würde... Wobei - tut er vielleicht bald wieder, nachdem ich mich heute für die hohen Schuhe "entschieden" habe.
- "Entschieden" ist das falsche Wort, ich habe heute gar nichts entschieden und werde vermutlich heute auch nichts mehr entscheiden, heute ist einer dieser blöden Tage die die Regie übernehmen und man stolpert ihnen hinterher, so gut es geht, und weiß schon, dass man früher oder später den Halt verliert und dann hinterhergeschleift wird, vorwärts, rückwärts oder seitwärts, dabei irgendwie versuchen sollte, den Kopf oben zu halten.
- "He, Tag, halt mal an, ich wollte doch..." möchte man schreien, aber das nützt nichts, der hört nichts, der rast einfach weiter, nach mit die Sintflut, denkt er sich wohl, und irgendwie kann man ihn ja auch verstehen.
- Früher oder später war heute gegen Viertel nach Sieben. Momentan macht der Tag Kaffeepause und ich nutze das, um den mentalen Sturzhelm aufzusetzen.
Herr Ref möchte von mir Tipps zum Ausschlafen.
Also ich sage gleich vorweg: schlafen kann ich gut. Ich bin Frau Anti-Einschlaf-Problem. Tatsächlich schlafe ich normalerweise ein, sobald ich ein paar Minuten lang nichts mache. Das liegt nicht an einer chronischen Übermüdung, sondern ist ein Mechanismus, der mich vor Langeweile schützt. Bevor ich mich langweile, bin ich immer schon eingeschlafen.
Ich kann in jeder Situation schlafen: auf Dienstreisen neben dem Chef im Auto, auf Parties (nüchtern!), im Kino, beim Warten auf die Bahn, und ja, ich bin auch schonmal beim Sex eingeschlafen. Ist doch besser, als sich dabei zu langweilen. Das ist natürlich schon eeeewig her.
Ausschlafen stellt ebenfalls kein größeres Problem dar, denn ich bin auf lediglich zwei Geräusche konditioniert, die mich zuverlässig aufwecken: das spezielle biep-biep-biep-biep-biep-biep-BIEP meines Weckers, der mich seit meiner Erstkommunion begleitet, und das Wort "Mama" in einer besonderen Tonlage geäußert. Alles andere geht an mir vorüber. Wenn ich schlafe, schlafe ich.
Hier also die buchstabierten Ausschlaftipps einer Expertin:
Abschalten. Ganz bewusst. Kann man lernen. Weltbewegende Probleme kann man tagsüber wälzen. Soll geschlafen werden, schaltet man das Verdrängungsmodul ein.
Umziehen. Im Zweifelsfall schläft es sich in kuschliger Schlafkleidung besser als in Strumpfhose und Stiefeln.
Sacken lassen. Sich selbst. Ins Kissen, in die Matratze, egal. So richtig spürbar.
[edit: oh, zwei vergessen. Da war ich wohl schon zu müde. Schnell nachreichen:
Genießen. Das Gefühl, jetzt abzuschalten. Den Tag, sich selbst, alles.
Enstpannen. Jeder auf seine Art, und derer gibt es viele.]
Snack vorm Schlafen. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Hungrig ins Bett ist doof und kann zu vorzeitigem Erwachen führen.
Creme. Sonst fängt irgendwann das Gesicht an zu jucken.
Haare kämmen. Und sowieso auch Zähne putzen und waschen. Das sind Rituale.
Lauschen. Auf die Geräusche im Haus. Sehr beruhigend. Egal wie laut die sind. Ich bin im Bett und habe damit nix zu tun. Das entspannt mich.
Augen zu.
Fenster auf.
Einkuscheln.
Nichts weiter.
Es nehme sich dieses Stöckchen wer mag. Ich gehe nämlich jetzt schlafen.
Ich finde, wenn man schon irgendein Leiden hat, sollte man auch unbedingt ausführlich darüber berichten. Wozu ist das sonst gut. Insofern werden hier nun Wochen Tage des Gebrechenscontents ausgerufen.
Kommen wir daher zur aktuellen Lage den Fuß betreffend. Als ich das Ding gestern abend gegen acht Uhr dann artig hochlegen und schonen wollte, erwies sich dies als so unangenehm, dass ich doch eine Amputation ins Auge fasste. Aber keine Sorge - ich bin ja vernünftig, und beschloss, die Sache im wahrsten Sinne des Wortes auszusitzen. Also für den Abend jetzt. Lediglich eine Pizza erhumpelte ich mir noch, schön wäre auch noch ein Bier dazu gewesen, doch hätte das den doppelten Weg bedeutet, musste ich mich doch mit einer Hand an Möbelstücken abstützen während ich in der anderen die Nahrung balancierte.
Später im Bett konnte ich zwischen den Schmerzen, die die aufgelegte Decke verursachte und den Schmerzen beginnender Erfrierungen wählen. Der Entscheidung entging ich, indem ich kurzerhand einschlief. Achja, das Stöckchen dazu kommt noch.
Bei Weckerklingeln war der Fuß - so ohne Brille und im Dunkeln - gefühlt monströs und absolut unbeweglich. Nachdem ich mich laut fluchend und Verwünschungen ausstoßend warmgehumpelt hatte, ging es aber dann doch ganz gut. Sah mich jedoch nicht in der Lage, mich stante pede (Kalaueralarm) zu den streikbetroffnenen S-Bahn-Wartenden zu gesellen sondern ging den Arbeitsweg lieber per Fahrrad an. Da braucht man den Fuß ja gar nicht wirklich. Und als ich auf halbem Wege schlapp machen wollte, fiel mir auf, dass ich just an dieser Mainbiege im 8. Monat schwanger beschlossen hatte, das Joggen bleiben zu lassen und erst zu einen späteren Zeitpunkt wieder aufzunehmen. Eine Frau, ein Wort. Später ist irgendwann. Jetzt erstmal Rad fahren.
Mir begegnete dann ein Boxer - also kein Hund, sondern ein menschlicher Boxer, was ich daran erkannte, dass auf seinem T-Shirt die Aufschrift "Boxcamp Dingensstraße" (Dingensstraße ist die, wo ich wohne) stand. Tatsächlich erinnerte ich mich, das Gebäude schon einmal von außen gesehen zu haben. So eine Sportgelegenheit gleich um die Ecke ist ja immer etwas Tolles, und so sah ich mich bereits als Boxcampmitglied wie Rocky Balboa durch den Morgennebel joggen-boxen. Achja - wichtig: wir sprechen hier von konditionellem Boxen! Auch in meinem Morgennebelfantasien hab ich keine Lust, was auf die Nase zu bekommen. Ich erinnerte mich daran, dass ich sogar einmal mit einer Freundin darüber sprach, gemeinsam konditionell zu boxen. Die regelmäßigen Gespräche darüber entwickelten sich jedoch eher Richtung konditionelles Biertrinken.
Egal, irgendwann war ich an dieser Mainbiege vorbei und sah einen Statuensockel auf der Wiese stehen, mit Treppchen, Gewächs davor und einer Plakette, auf der stand "ICH". Das fand ich prima. Werde bei Gelegenheit dort vorbeijoggen gehen und mich auf dem Sockel fotografieren lassen.
Kurze Zeit später - ich wollte gerade wieder schlapp machen - tauchte dann die Skyline aus dem Nebel auf. Das hat ja schon was. Ich kam mir gleich vor wie beim New York Marathon, ach, was sag ich, wie beim Ironman mindestens! So strampelte ich beschwingt im niedrigesten Gang die Brückenauffahrt hinauf (im Stehen fahren geht mit so einem Fuß nicht) und war kurze Zeit später im Rapunzelturm.
35 Minuten hat die Fahrt gedauert. Ich war die allererste im Büro. Alle, wirklich alle anderen steckten im Stau oder im Streik. Goldmedaille. Zur Belohnung die erste Stunde Telefonzentrale, bis irgendwer eintraf dem ich das aufdrücken konnte. Herzlichen Dank!
Ich bin ja jemand, der keine Geduld für Krankheiten hat. Also für Krankheiten anderer schon, aber für eigene nicht. Früher habe ich mich deshalb, wenn mal irgendein Zipperlein auftrat, ins Bett gelegt und geschlafen, bis alles verschwunden war. Aus familienorganisatorischen Gründen ist diese hervorragende Bewältigungsstrategie momentan nicht möglich. So dass ich nun, wenn mal was ist, alle erdenklichen Gegenmittel zusammentrage, anwende, und die Angelegenheit dann verdränge. (Ich bin berühmt für meine Erkältungscocktails.) Irgendwann ist es dann vorbei.
Als ich heute morgen mit Kind im Arm auf der Treppe fehl trat, kam mir auch als erstes in den Sinn, einfach gleich vor Ort liegen zu bleiben und mehrere Tage zu schlafen. Nein - vorher gratulierte ich mir noch zu der hervorragenden Landung. Zwar einige Stufen weiter unten, aber das Kind und die Tüte mit dem Joghurt noch sicher und unverletzt im Arm und auch sonst schien alles unter Berücksichtigung der Umstände sehr geordnet und sauber. Bis ich dann feststellt, dass mein rechter Fuß sich unter mir und allem befand und das in einem Winkel, der bei meinen allabendlichen gymnastischen Übungen bislang nicht vorkam. Als ich den Fuß herauszog, dachte ich an das mehrtägige Schlafen, an Ort und Stelle. Aber ich dann wieder darauf stand (naja, sagen wir zu 30%) entschied ich mich für Verdrängung. Das klappte gut, bis ich das Kind per Fahrrad im Kindergarten abgeliefert hatte und die Treppen zur S-Bahn herunterhasten wollte. Das ging nämlich einfach nicht, weil mich ein komisches Geräusch im Fuß nachhaltig verunsicherte. Ich bin empfindlich, was Geräusche angeht. Insbesondere, wenn sie meinem Körper (Ausnahme: Mund und evtl. Nase, in Ausnahmefällen Magen) entstammen.
So entschied ich mich, den nahegelegenen Unfallarzt meines Vertrauens aufzusuchen. Der hatte aber Urlaub und verwies als Vertretung auf den ebenfalls nahegelegenen Orthopäden meines begründeten Misstrauens. Dieser war erkrankt und verwies als Vertretung auf einen mir unbekannten Arzt etwas weiter weg. Dieser sagte mir, er sei kein Unfalleingansarzt und ich solle einen vierten Arzt, noch weiter weg, aufsuchen. Nun war zu diesem Zeitpunkt aber das Ende meiner Geduld mit diesem Zipperlein erreicht, so dass ich mich zu einer kurzen Bestandsaufnahme entschloss. Der Fuß hatte mich mittlerweile per Fahrrad an alle Enden der Stadt transportiert. Ihn zu drehen oder voll zu belasten ist nicht angenehm, aber durchaus möglich und alle Zehen können noch zappeln. Mir war zum zähneklappern kalt und schwindlig, was ich aber auf eine ausgedehnte Fahrradtour (mittlerweile war ich 45 Minuten unterwegs) ohne Kaffee oder Frühstück in Bürooutfit bei herbstlich-kühler Witterung zurückführte. Das Geräusch im Fuß - ein kehliges Schnappen - entsteht vermutlich, wenn sich eine zur Ausführung der Bewegung notwendige Sehne über den zweiten Knöchel, der schräg unterhalb des eigentlich Knöchels neu gewachsen ist (und übrigens novemberregenblau ist), bemüht. Ja, dachte, ich kann da erstmal abwarten, was passiert. Ich habe mir noch nie einen Knochen gebrochen, aber das fühlt sich bestimmt anders an. Und alles andere regelt sich ohne Arzt vermutlich genauso schnell wie mit.
So begab ich mich unter humpeln und fluchen zum Rapunzelturm und lasse mich seither mit hochgelegtem Fuß bedienen und bedauern. Ab Feierabend wird dann verdrängt.
Gefunden worden. Weia... Herzlich willkommen!
;-)
Ganz viel geschafft heute, im Rapunzelturm, alles läuft so gut, mit den erhöhten Stunden, richtig richtig gut, und endlich kann ich wieder durchstarten und hab mir einen Haufen Termine gemacht, mit so Leuten halt, also eigentlich jeden Tag einen, oder zwei, für die nächsten zwei Wochen so ungefähr, so dass dann wieder alles richtig schön auf Spur läuft, hachja.
Sehr beschwingt zur KiTa geradelt, mit dem neuen Fahrradsattel, der sich nicht mehr dreht, und dem Blackberrdingens, das ich nicht verloren habe, an der Tür einen lustigen Aushang gesehen "Wir haben Läuse", haha, nö, ich nicht.
Das Kind im Garten gesucht, neee, Mademoiselle ist grad drinnen auf dem Wickeltisch, sagt die Erzieherin. Ahja, auf dem Wickeltisch, gut, auf dem Wickeltisch, hm, wieso eigentlich auf dem Wickeltisch? Na, mal schauen. Ah, sie hat plötzlich Durchfall, ja, das müssen Sie im Auge behalten, wenn das einmalig war ist es ok, sonst morgen lieber nicht herbringen, so'ne Seuche hatten wir letztens erst (als ob ich das nicht wüsste...), naja, gut, sowas ist ja meistens nach einem Tag - im wahrsten Sinne des Wortes - durch. Achso, und haben Sie das mit den Läusen gesehen? Jaja, nee, Mademoiselle hat noch keine, haben wir geschaut, müssen Sie jetzt auch kontrollieren, täglich, ist ja kein Problem, wenn da was ist halt in die Apotheke gehen, Shampoo drauf, acht Tage zu Hause bleiben und dann nochmal Shampoo drauf und gut ist, Kleinigkeit, kommt halt vor, jaja, die Kinder, hahah.
Ja, kein Problem - äh - wie lang zu Hause?? Acht Tage??? Kreisch Ohnmachtsanfall hysterisches Grimassenschneiden.
Naja, sie hat ja noch keine. Und sie wird auch garantiert keine bekommen. Und der Durchfall ist sicher auch gleich weg. Ganz bestimmt. Ich weiß das.
Ommmmmmmmmmmm....
Warme, weiche Wattewolken und entspannt, so entspannt und dabei so im jetzt und hier und bei mir wie sonst nie und dann auf die dunkle Straße katapultiert und weiter im Automatik-Modus, wie eine Aufziehfigur mit reibungslos funktionierender Mechanik. Im Dunkeln auf der Autobahn und nicht müde, so entspannt und nicht müde.
Erdrückender, zerrender Alltag. Keiner versucht hier, den anderen zu verletzen. Es ist eher ein Fehlen der Aufmerksamkeit, die Zwischentöne werden nicht mehr wahrgenommen, wie soll da große Musik entstehen. Und wo es ganz besonders praktisch ist, passiert dann auch Rücksichtslosigkeit. Ungewollt, nebenher. Sorry. Wieso ist nicht einfach alles leicht?
Das komische, das paradoxe, in einer Situation, die einer anderen absolut kontraproduktiv ist, etwas zu finden, das der anderen hilft. Das ist nicht paradox. Das ist Leben. Das tut weh. Und ich glaube immer noch, dass das eine, auf merkwürdige Weise, mit dem anderen nur sehr indirekt zu tun hat. Vielleicht ist das naiv und ich mache mir was vor. Vielleicht ist das naiv und das ist immer so.
Worte zäh in den Fingern und im Mund weil doch alle irgendwann schonmal gesagt wurden. Wozu schreiben. Wozu reden. Jede Geschichte war schonmal da, jedes Lachen war schonmal da.
Das Gefühl, eine Muschel zu sein, in einer geräumigen, vertrauten, bequemen Schale. In einem fremden, wilden, kalten Meer, und immer, wenn ich die Schale öffne, mit weit aufgerissenen Augen durch das
kalte Wasser geschleudert werden, dunkles Blaugrün sehen und gischtiges Weiß und ein Stück vom grauschwarzen Himmel, bevor in Augen voll mit kaltem Wasser alles verschwimmt. Das Gefühl, nicht angekommen zu sein, nach all der Zeit nicht. Ein Fremdkörper zu sein, nicht in der Masse aufzugehen, nicht einfach mit dem Fahrrad unterwegs sein zu können, in dunklen regennassen Straßen mit bunter Neonbeleuchttung, und an jeder Ecke vertraut zu sein. Das Gefühl, das sowieso nicht zu wollen. Aber vielleicht zu brauchen.
Momentan ist mir nach einem ordentlichen Novembersturm, sei es, um die inneren Zustände auf äußere ableiten zu können. Mit wildem Regen und Wind, der das Altbauschiff stöhnen und ächzen lässt, ein Tag der nicht richtig hell wird und an dem es am Abend indiskret scheint, das Licht anzumachen. So dass alle etwas näher zusammenrücken. Man sich besinnt, auf das, was man hat, konsolidiert es, läuft es auch nur auf eine Kleinigkeit hinaus - die aber hat man sicher und bewahrt sie sich, bei all dem Wahnsinn draußen, statt immer wieder das Fenster aufzureißen um zu fühlen, wie stark der Wind gerade ist.
Kurz vor 8, am Bus:
Pack-Person mit Bierdose: He, Mami, musst Du mit Kind und Kegel unbedingt innen Berufsverkehr?
Frau N.: Ich bin der Berufsverkehr, Du merkbefreiter Schubladendenker.
Kurz nach 8, im Kindergarten:
Frau N.: Guten Morgen!
Erzieherin: Guten Morgen!
Mademoiselle N.: Morgen, merkbefreiter Schubladenlenker!
Erzieherin: ??
Frau N: überhasteter Abgang

