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    Samstag, 24. Februar 2007
    Spießrutenlauf

    Eben den Wochenendeinkauf erledigt. Die Fußgängerzone ist stets eine strategische Herausforderung. Schnell noch die Straßenseite wechseln, bevor das Kind das schwarze Eselchen mit dem blauen Sattel entdeckt. Lieber den Umweg hinten am Parkhaus entlang statt am Karussell vorbei. Bei der Entscheidung zwischen der Gasse mit den Tierschützern und der Gasse mit den drei Flugzeugen werden die Tierschützer als weniger diskussionsfreudig als der eigene Nachwuchs eingestuft.
    Die Fußgängerzone mit Bravour hinter mich gebracht aber jetzt der Faux-pas - es geht genau auf den Flummiautomaten zu, den der Kiosk erst kürzlich unübersehbar auf dem Gehweg platziert hat! Straßenseite wechseln ohne Ampel undenkbar. Ablenkungsmanöver durch geschichtsträchtige Fassaden auf der Gegenseite wenig erfolgsversprechend.
    "Komm, wir rennen bis zur nächsten Ampel, mal sehen wer schneller ist" rufe ich munter und buckele die Einkäufe im Schweinsgallopp vorwärts um - den Automaten sicher zurücklassend - an der Ampel mit den Worten "Daaaaaaaaa waren wir aber schnell wie die schnellste Maus von Mexiko!!!" begeistert abzubremsen. Dem mitleidigen Blick der Dame an der Ampel begegne ich selbstsicher lächelnd - Kinder sind doch was Schönes!!

    Erst vor der Haustür fällt mir wieder ein, dass ich allein unterwegs bin.

    Mittwoch, 21. Februar 2007
    Laienphysik

    Mal angenommen ich stünde auf einem Brett und hätte genug Kraft, das Ding mit mir drauf hochzuziehen, dauerhaft... - würde ich dann eigentlich fliegen?

    Dienstag, 20. Februar 2007
    Ich bin ein Fan von... - ich weiß nicht wem

    Das Gehirn ist ein lustiges Ding. Ich glaube ja fest daran, dass alles, was man jemals wahrnimmt, irgendwo in diesem grauen Zeug gespeichert ist. Und dass verschiedene Menschen verschieden gut darin sind, das abzurufen bzw. auszuwerten.

    Bei mir persönlich klappen viele Dinge erstaunlich gut - als Ausgleich gibt es aber hin und wieder einen kompletten Tilt. Das ist nicht lustig, aber in der Summe in Ordnung.

    Lustig finde ich aber, wenn plötzlich Wissen an die Oberfläche geschleudert und an vorderster Front präsent wird, das man nie zu besitzen glaubte und zudem noch für absolut unnötig hält.

    Heute Nacht träumte ich beispielsweise, dass ich auf dem Heimweg von meiner Nacktputzstelle(1) auf der Straße Klaus Lage begegnete, von dem ich schon lange Fan war und dem ich - selbst in übelste 80er Klamotten gewandet(2) - ein rotes Fanshirt von den Kickers Offenbach(3) überreichte. Dann wachte ich auf.

    Der Punkt ist: bis heute Morgen glaubte ich, Klaus Lage nicht zu kennen. Irrwitzigerweise stellt sich aber nun auch noch heraus, dass der Mann, der mir heute aus der Google-Bildersuche entgegenschaute, tatsächlich so aussah wie der in meinem Traum. Sehr belustigend, aber auch irgendwie beunruhigend.

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    (1) Google hurray! - über die Absurdität dieses Details muss ich nichts sagen - Nachfragen zu Einzelheiten zwecklos, der Arbeitsort kam im Traum nicht vor, lediglich das Bewusstsein, mich auf dem Heimweg von dort zu befinden.
    (2) die ich meines Wissens in dieser Extremform in den 80ern nie trug
    (3) kein Utensil, das ich üblicherweise bei mir führe

    Montag, 19. Februar 2007



    Für eine, die das hier nicht kennt (oder doch *paranoia*??)... aber egal, schade is.

    Kleine Freuden

    Heute Verzögerungen am U-Bahnhof, weil nämlich im Tunnel Bauarbeiten waren und die Funkverbindung zum Bauteam nicht ging.

    Auf die Tröte, die auch immer mal wieder irgendwo erklang, wollte man sich anscheinend nicht ausschließlich verlassen. Daher sprintete immer, wenn dann eine U-Bahn abfahrbereit am Bahnsteig stand (planmäßig alle drei Minuten - heute dann eigentlich dauernd, weil sich dahinter natürlich schon einiges angestaut hatte), eine Bahnmensch in den Tunnel, hat den Bauarbeitern (vermutlich) gesagt, sie sollen jetzt zur Seite gehen, kam zurück um dem Fahrer zu sagen, dass die Strecke nun frei sei, und "schon" ging es los.

    Ich hab mir das bei fünf Bahnen angeschaut, einfach weil es so nett war, irgendwie. In die sechste bin ich dann eingestiegen. Habe den Bauarbeitern im Tunnel zugewunken. Alle haben zurückgewunken.

    Samstag, 17. Februar 2007
    Alte Leier

    Und immer wieder die Erkenntnis, dass es nicht gelingt, alle Variablen auf Dauer im Sollbereich zu halten; während die rechte Hand etwas aufbaut reißt die linke etwas ein... das Ergebnis, würde ich mich einfach treiben lassen und auf Glückstreffer hoffen, wäre möglicherweise dasselbe.
    Und immer wieder die Frage, ob das nicht viel einfacher wäre... sich von anderen abzugrenzen statt sich selbst zu finden.

    Ein Wochenende (oder auch erst ein halbes) dort, wo man sich über andere definiert: die hat doch bestimmt 10kg zugenommen (und ich nicht)... die haben sich getrennt und müssen jetzt das Haus verkaufen (und ich nicht)... der hat jetzt den super Job (und ich nicht)... wo das Problem das Interessante ist und nicht die Lösung...

    ... und ich will nur noch raus, die eigene Nase ist die, die es zu fassen gilt, es ist mein Leben, es geht um mich, und wenn mir alles 1000 Mal in 1000 Teile zerbricht, dann baue ich es halt 1001 Mal wieder auf, ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich...

    ...

    Freitag, 16. Februar 2007
    Fast zwanghaft

    ...immer provozieren, immer weiter, immer mehr, und dann plötzlich alle Schilde fallen lassen, unvermittelt, und den anderen - psychisch - zuschlagen lassen. Merkwürdiges Hobby.

    Möglicherweise Versuch der Vergewisserung, selbst noch da zu sein, in all dem Chaos, denn - wo es weh tut, da lebt noch was.

    Ungesund, vermutlich.

    Mittwoch, 14. Februar 2007
    Ich ich ich - unbedingt (allein)

    Ich würde verreisen. Auf eine Insel. Nordsee oder so. Allein. Unbedingt allein.
    Ich würde so ein kleines Häuschen nehmen, mit Sofa irgendwo unten und Bett im Dachgeschoss und großem Fenster da oben. Mit Küche unten und großem Holztisch. Fenster mit diesen Drehgriffen. Unbedingt Fenster beim Tisch.
    Ich würde am späten Nachmittag ankommen und meine Sachen auspacken, im Dachgeschoss, und dann in der Dämmerung am Meer spazieren, später im Häuschen Reste vom Reiseproviant essen und Leitungswasser trinken, dann früh und frierend ins Bett, unbedingt frierend.
    Ich würde am nächsten morgen sehr früh aufwachen, mir die alten Klamotten wieder überwerfen, die vom Meer noch etwas klamm und salzig sind, unbedingt klamm und salzig.
    Ich würde rausgehen und frösteln, die Sonne würde nicht ausreichen, um mich zu wärmen, ich würde einen Bäcker und einen Supermarkt suchen und Brötchen, gesalzene Butter, Käse, Kaffee, Milch und Bier kaufen. Unbedingt das alles.
    Ich würde dann in das Häuschen gehen, die klammen Klamotten über die Heizung legen und duschen, ganz heiß, unbedingt.
    Ich würde die warmen Klamotten anziehen (immer noch salzig, wichtig!) und an dem großen Holztisch Milchkaffee trinken und Brötchen mit salziger Butter essen, dabei aus dem Fenster schauen, barfuß und mit nassen Haaren, unbedingt barfuß und mit nassen Haaren.
    Ich würde dann spazieren gehen und irgendwann irgendwo Fisch in einem Restaurant essen, allein, unbedingt allein.
    Ich würde noch woanders Kaffee trinken oder Kakao oder Tee und danach barfuß durchs Meer gehen und wieder kalte Füße bekommen, an denen der Sand schabt und es würde anfangen zu regnen, unbedingt.
    Ich würde - nass - irgendwohin gehen und ein Bier trinken und Leute kennen lernen, merkwürdige vermutlich (nicht unbedingt) und nach ein oder zwei Stunden in mein Häuschen gehen und allein sein, unbedingt allein.
    Ich würde mit einer komischen Decke auf dem Sofa sitzen (barfuß, klar), noch ein Bier trinken, jedes Zeitgefühl verlieren und irgendwann einschlafen, auf dem Sofa, und dann nachts wach werden und ins Dachgeschoss gehen und aus dem Fenster schauen, unbedingt.
    Ich würde Regen hören und ins Bett gehen, da im Dachgeschoss, und schlafen, schlafen, schlafen. Unbedingt schlafen.

    Ich würde am nächsten Tag aufwachen und beschließen, nach Hause zu fahren, unbedingt. Glaube ich.

    Dienstag, 13. Februar 2007
    Bewerbermarathon

    Seit Jahresanfang fast jeden Abend Gespräche gehabt, gestern gleich drei, heute zwei Telefoninterviews, anstrengend, kannichmehr, aber kein Ende in Sicht.
    Kopf schwirrt vor lauter Lebensläufen, Persönlichkeiten, Gesichtern. Weiß schon gar nicht mehr wer ich bin in dem ganzen Gewühl.

    Sehr versucht, allabendlich einen alkoholinduzierten Tilt herbeizuführen (aber bislang standhaft). Wochenendmigräne ist gewiss.

    Dienstag, 13. Februar 2007
    Verbesserungsfähig

    Wenn man der Linie 715 aus der Innenstadt Richtung Außenbezirk folgt, weil man wie immer zu hibbelig ist, um nach der verpassten Bahn auf die nächste zu warten, und lieber die Beute des Einkaufsbummels ein paar Haltestellen vorwärts schleppt, kommt man zu einer kleinen Schneiderei mit vergilbten Gardinen und Kakteen im Fenster.

    Hibbelig ist man selten nur einmal im Leben, und so war ich an dieser Haltestelle schon einmal, vor vielen Jahren, nachts, im Regen, ohne Einkäufe aber dafür in Gesellschaft. Ich weiß nicht mehr wie es dazu kam, zu viele Jahre seitdem, oder vielleicht wusste ich es auch nie genau, aber nach einigem hin und her kamen die Worte "natürlich kannich ne Scheibe einschlagen" leicht schlurrig aus meinem Mund. Im Nachhinein wundere ich mich sehr, dass es mir damals so wenig schwer fiel, schwachsinnige Dinge zu tun, es mir aber schier unmöglich war, eine Herausforderung abzulehnen oder etwas Gesagtes zurückzunehmen. An eine gewisse Übelkeit unter dem Adrenalin kann ich mich erinnern und an einen kleinen Gedanken, etwas Dummes zu tun, der mich von der großen Scheibe der Auslage auf die kleinere neben der Tür umzuschwenken ließ, als ob es das besser machen würde. Mehr Adrenalin, ein Krachen, das Gefühl, durch brechendes Eis zu stürzen, jemand reißt mich zurück und mit sich, kalte Luft in der Lunge, ein brennender Hals, viele Glassplitter auf der um den Arm gewickelten Jeansjacke, ein Kratzer am Daumenballen, Dosenbier und das Gefühl, dass jedes La-Lü in dieser Nacht mir galt.

    Die Schneiderei sieht noch genauso aus wie vor vielen Jahren, drinnen wieselt ein altes Männlein umher, alles irgendwie in sepia. Ich kann mich so gut verstehen und doch irgendwie gar nicht, ich wünschte, ich könnte es nicht oder ich würde mich besser kennen oder was weiß ich. Wie angewurzelt stehe ich vor dem Laden und das Männlein in sepia grinst und winkt mir zu.

    Schwachsinniges zu tun fällt mir noch immer unglaublich leicht. Plötzlich finde ich mich in dem Laden wieder. Während das Männlein auf mich zusteuert überlege ich blitzartig, was ich hier eigentlich will, die Tür hinter mir öffnet sich und gibt mir einige Sekunden mehr zum Finden der Antwort, die wohl irgendwo darin liegt, mich nach der Fensterscheibe von vor zig Jahren zu erkundigen und ob wohl die Versicherung gezahlt hat und falls nicht, was ich schuldig bin. Um dies genauer zu ergründen möchte ich dem neu angekommenen Ladenbesucher Vortrittt lassen, was dieser mit den Worten "Neee, Frollein, ich bin hier Inventar" ablehnt.
    "Schöner Tag heute, nech? So sonnig!" ruft das Sepia-Männlein fröhlich, das Inventar nickt und produziert eine joviale Antwort und mir wird klar, dass ich hier fehl am Platze bin, hier braucht keiner was außer vielleicht ich selbst, der Mann denkt seit Jahren nicht mehr an seine Scheibe und er hat einen schönen Tag, alte Geschichten sind unangebracht.

    Die Luft wird mir knapp, so als wäre hier zum letzten Mal gelüftet worden, als ich das Loch in die Scheibe schlug. Irgendwas murmele ich und stürze am Inventar vorbei aus dem Laden, auf den drei Stufen knicke ich noch um und stolpere auf das Pflaster, ergreife die Flucht.

    Auf Bahnen warten ist nicht meine Stärke. Nach wenigen Minuten schleiche ich zurück, meine gesamte Barschaft in der Hand. Ein Mann mit seiner Habe in Plastiktüten erspart mir die Peinlichkeit, knapp 130 Euro in den Briefkasten einer Schneiderei mit vergilbten Gardinen und Kakteen im Fenster zu werfen. Endlich kommt dann auch die Bahn.

    Während der Heimfahrt habe ich das Gefühl, dass sämtliche La-Lüs mir gelten. Zwecks Einlieferung, oder so. Vergangenheitsbewältigung. Keiner braucht das.


    Ich bin ich.

    Das Leben drum herum, das sind nur die Rahmenbedingungen.

    Samstag, 10. Februar 2007
    Suchmeldung

    Geruch von Regen auf warmem Asphalt.

    Wird schmerzhaft vermisst.

    Mit so ein bisschen Unterton von nassem Laub.

    November seit 7243 Tagen

    Letzter Regen: 06. Januar 2026, 22:39 Uhr