• Privatbloggen an: novemberregen @ gmail.com
  • | Twitter: @novemberregen
    Freitag, 3. April 2020

    Als erstes mal werde ich morgen lang schlafen. Ich plane nicht, vor 10 Uhr aufzustehen. Dann werde ich 1-2 Stunden mit Kaffee auf dem Sofa sitzen und den Kreislauf langsam hochfahren lassen. Brötchen zum späten Frühstück, danach werde ich ein Buch lesen.

    Am Nachmittag gehe ich spazieren und mache einen Mittagsschlaf - in welcher Reihenfolge entscheide ich spontan. Fest steht, dass ich zum Mittagsschlaf einfach so wegdämmern werde, weil ich versuchen werde, entspannt fernzusehen, was mir aber nicht gelingten wird, denn ich schlafe ja ein. Vielleicht wechsle ich nach dem ersten Einschlafen und Hochschrecken ins Bett.

    Um 17 Uhr habe ich eine Verabredung, danach mache ich Abendessen. Dabei rufe ich meine Eltern an und nach dem Abendessen werde ich auf dem Sofa, bzw. im Sessel, weiterlesen, bis ich wieder müde bin.

    Donnerstag, 2. April 2020

    Heute Morgen verschlafen, alle waren schon wach nur ich nicht und ich habe einfacht nichts gehört.

    Dieses Wochenende werde ich ein Wochenende haben, ich schwör!

    Mittwoch, 1. April 2020

    Frau Fragmente sitzt an ihrem Esstisch-jetzt-Homeoffice-Tisch und bloggt, ich sitze an meinem Schreibtisch-jetzt-Homeoffice-Tisch und blogge über Frau Fragmente. Ich sehe sie heute von der anderen Seite, sie hat die Kamera umgestellt, um mir "eine neue Perspektive zu eröffnen" und was ich als erstes sehe, ist die offene Spülmaschine. Ich werde weiter nichts dazu sagen.

    In der Küche ist aber auch noch ein Dings, das grün leuchtet. Was mag es sein? Es ist an der Mikrowelle oder neben der Mikrowelle, das Bild ist etwas pixelig, vielleicht ist es die Uhr an der Mikrowelle und wenn ja, hat Fragmente sie auf Sommerzeit umgestellt? Ich kann es nicht erkennen. Ein Korb ist noch in der Küche zu sehen und eine Zwiebel glaube ich, ein Glas mit irgendwas (Pesto? Marmelade) und ansonsten ist die Küche aufgeräumt, sie ist weiß und wirkt auf die Entfernung sehr sauber.

    Das erinnert mich daran, dass ich gerade mein Bad geputzt habe. Das habe ich seit etwa 15 Jahren nicht mehr gemacht und ich habe es nicht vermisst, werde das auch zukünftig nicht vermissen, die Tätigkeit hat mich rundum unzufrieden zurückgelassen. Aber egal, jetzt ist es sauber und jetzt läuft die Waschmaschine und auch die Spülmaschine und es ist ja eigentlich alles gut.

    Frau Fragmente hat das Kerzensortiment auf der Fensterbank des Fensters, das ich noch nie bewusst live gesehen habe, aufgestockt. Am Ende Stimmungs- oder Duftkerzen. Man weiß doch wirklich nie so viel über die Leute, wie man denkt.

    Frau Fragmente wird heute über einen bunten Strauße an Themen schreiben. Sie hatte auf Twitter gefragt, worüber sie bloggen könnte, und wählt nicht eine der Antworten aus, sondern bedient alle Interessen. Sehr geschickt. Mich wollte sie auch sofort vereinnahmen, trug mir Themen an, "das wäre doch auch mal interessant, wenn Du darüber schreiben würdest, nicht wahr?" sagte sie motivierend. Wir werden sehen.

    Zum einen wird Frau Fragmente heute überlegen, was sie eigentlich beruflich macht. Das sei ihr gar nicht so ganz klar, findet sie, sie wüsste nur, dass sie immer irgendwas macht und dafür auch Anerkennung erfährt, aber was ihre Rolle eigentlich ist, ist ihr unklar. Mir ist das hingegen relativ klar. Ich sehe Frau Fragmente als Business Enabler. Sie sorgt dafür, dass andere Leute möglichst störungsfrei ihrer Arbeit nachgehen können. Ob diese Störungen technischer, menschlicher oder fachlicher Natur sind ist dabei egal. Bei den Mitarbeitern behebt sie diese Störungen eher laufend, reaktiv, wenn sie ihr auffallen oder thematisiert werden und von ihren Chefs übernimmt sie störende Themen in Form von (teilweise antizipativen) Projekten. Ich finde das ganz eindeutig und auch logisch. Ich könnte auch besser arbeiten, wenn Frau Fragmente mir Störungen aus dem Weg räumen würde. Bin gespannt, ob sie das selbst auch noch erkennt, oder ob sie sich auf eine ganz falsche Fährte begibt, was ihre Arbeit betrifft.

    Ich selbst bekomme in meine berufliche Tätigkeit wieder etwas mehr Ruhe hinein. Es ist immer noch mehr als 100%, aber nicht mehr viel drüber. Die Corona-Krise verursacht nur noch ungefähr 1/3 Mehrbeit (und davon das meist im Bereich "Verzögerungen durch veränderte Abläufe und schlechtere Infrastruktur), jetzt ist aber natürlich viel anderes liegen geblieben und teilweise dringend geworden. Ich denke - und hoffe - das wird in den nächsten Tagen bis Wochen noch ein wenig abflachen. Ich würde gern mal wieder ein Buch lesen.

    Sowieso bin ich zunehmend genervt, und zwar (neben der Frisur) besonders vom Sprachgebrauch. Ich gehe mittlerweile an die Decke, wenn ich irgendwo "aufgrund der aktuellen Situation" oder "wegen der derzeitigen Umstände" lese und wünsche mir das etwas konkreter. Sowieso scheint mir Corona derzeit ein Grund für absolut alles zu sein, besonders auch für eigene Deppig- und Schludrigkeiten. So hörte ich heute z.B., dass jemand seine Online-Gehaltsabrechnung "in der aktuellen Lage" nicht abrufen könne und ich sie ihm daher bitte zuschicken sollte. Jemand anders konnte sich mit mir "aufgrund des aktuellen Geschehens" weder wie vereinbart zum Telefonat treffen noch vorher absagen. Ich fragte natürlich in beiden Fällen mit abnehmender Besorgnis genau nach und darf verraten: es handelte sich um ganz normale schlechte Organisation und nicht um eine Viruserkrankung. Ganz generell befürchte ich aber, wenn ich mich so umschaue, dass Corona nicht nur die Lunge sondern sehr oft auf den Kopf befällt und sich in jeden Gedanken frisst. Niemand hat mehr interessante Themen. Auch deshalb würde ich gerne mal wieder einfach ein Buch lesen.

    Tippelditipp macht Frau Fragmente, und neben ihr liegt ein Stift, so wie wir sie im Büro haben. Faber Castell Finepen blau. Ob sie den vor zig Jahren mitgehen lassen hat? Natürlich ganz sicher nicht. Und oh, da sehe ich gerade, sie hat auch ein ergonomisches Mauspad aber hat es falsch herum da liegen? Wie kommt das? Der Fidget-Spinner liegt auch wieder da, sie hat ein Glas mit Cola (light vermute ich) auf einer kleinen gelben Serviette und unter ihrem großen Bildschirm ist noch ein Dings, eine Art Kästchen, vielleicht ein Kurzzeitwecker? Dann wäre da ein Kurzzeitwecker zusätzlich zu der umgedrehten Sanduhr, ich schrieb letztes Mal über sie, dieses Mal wurde sie nicht umgedreht, was möglicherweise damit zusammenhing, dass wir einen ruckeligen Start hatten heute: Frau Fragmente war schon um 20 Uhr mit ihrem Tagwerk fertig, ich (wegen Bad putzen) aber erst um 21 Uhr, schaltet pünktlich das Hangout am Privatrechner, hatte aber die Webcam noch am Arbeitsrechner, Frau Fragmente verlangte dann nach Zoom statt Hangout, Zoom muss ich aber am Arbeitsrechner einrichten, ich wechselte also die Geräte, erinnerte mich dann, dass ich bereits Host in einem anderen Meeting war, bei dem ich aber nicht wirklich präsent sein musste, assignte daher dort einen anderen Host, eröffnete das neue Meeting mit Frau Fragmente am Arbeitsrechner, konnte ihr den Link aber weder über Twitter noch über Whatsapp schicken (weil beides nicht auf dem Arbeitsrechner installiert), schickte es mir selbst an die private Mailadresse und von da weiter an Frau Fragmente, loggte mich am Privatrechner im Meeting ein und machte meine private Mailadresse im Fragmentemeeting zum Host, loggte mich aus dem Arbeitsaccount wieder aus, kroch unter den Tisch um das heruntergefallene Webcam-Kabel zu suchen, steckte alles um - zapp, 6 Minuten vergangen. Vielleicht hat Frau Fragmente deshalb die Sanduhr nicht umgedreht. Die Zeit ist aber jetzt, würde ich sagen, um.

    Dienstag, 31. März 2020

    Ich bin noch nicht dahinter gekommen, was das virtuelle Homeoffice mit @cucinacasalinga so überaus angenehm macht, also mal von der angenehmen Person abgesehen. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass ich mich allein zu schnell in Dingen verliere, zu tief abtauche, zu sehr in den Sog gerate. Ich habe sozusagen das Gegenteil eines Konzentrationsproblems: ich komme aus dem Flow nicht mehr raus, bzw. erst, wenn ich ausgelutscht umfalle. Ich brauche ein bisschen Leben um mich herum, wenn ich für mich zu Hause Sachen erledige, höre ich öfters Radio, aber das geht beruflich nicht, weil ich so viel telefoniere. Jemand auf einem kleinen Bildschirm, der selbst auch telefoniert, Papiere zur Hand nimmt, die Brille auf- und absetzt, ab und zu aufsteht und weggeht und wiederkommt, das alles mit abgeschaltetem Ton, funktioniert für mich offensichtlich auch sehr gut.

    Montag, 30. März 2020

    Ich wollte heute eine kleine Liste von 10 Personen abtelefonieren und habe es nur bis zu Nummer 6 geschafft, weil wirklich sobald ich ein Gespräch beendet hatte, mein Telefon wieder geklingelt hat. Gut, vier geplante Telefontermine hatte ich auch, aber die lagen über den Tag verteilt, ich war sicher, ich könnte halt zwischendrin mal 10 Leute anrufen. Konnte ich aber nicht. Brrmmm, brrrrm - oder so, ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, wie das Telefonklingeln am Computer sich anhört? Verblüffend, das fällt mir gerade erst auf. Ich muss da morgen mal drauf achten.

    Sonntag, 29. März 2020

    Jetzt fehlt auch noch eine Stunde, als ob die Tage nicht eh kurz genug wären. Ich möchte weiter mit Nachdruck vertreten, dass 30-Stunden-Tage ein besseres Modell wären.

    Ich hatte heute einen sehr geruhsamen Tag. Wenn jetzt noch ein paar Tage länger Wochenende wäre, würde ich sogar zum Lesen kommen und ich glaube, das täte mir sehr, sehr gut. Vielleicht nächstes Wochenende, irgendwann jetzt bald sind ja auch Feiertage, darauf freue ich mich. An diesem Wochenende brauchte ich ja einen Tag komplett zum erholen mit zig Stunden Schlaf, und den Tag heute dann eben um Sachen wie Wäsche, Kühlschrank sortieren, Bett überziehen mal in Ruhe zu machen. Wie gesagt, 30-Stunden-Tage wären besser, dann hätte ich jetzt nämlich auch noch Zeit zum lesen.

    Samstag, 28. März 2020

    Schlaftag heute. 10 Stunden in der Nacht und am Tag nochmal 3 obendrauf.

    Auch das geht vorbei (hoffe ich mal sehr!!).

    Freitag, 27. März 2020

    Lustige Sachen passieren natürlich auch.

    Heute habe ich zum Beispiel dem alten Oberchef dabei assistiert, sich mit Zoom, insbesondere der Videofunktion vertraut zu machen. Erst hatten wir viel Spaß dabei, mehr als seine Nasenspitze und die Zimmerdecke ins Bild zu bekommen, dann hatten wir Spaß im Gespräch und dann winkte auch seine Frau kurz ins Bild.

    Allgemein hatte ich heute beim Arbeiten viel Spaß und ich glaube, das lag daran, dass ich nicht allein war. Frau @CucinaCasalinga hatte ein Hangout geöffnet und so arbeiteten wir den ganzen Tag nebeneinander, ohne Ton oder Bildschirmeinblick natürlich wegen der Vertraulichkeit. Wobei, ganz ohne Ton nicht, sie hat sich schon einen ganz speziellen leicht anschwellenden Ton überlegt, mit dem sie auf sich aufmerksam macht, wenn Zeit für eine kleine Plauderei ist.

    Und sehr spaßig war es dann heute am Abend noch einmal. Gegen den Lagerkoller fuhren M und ich eine Runde mit dem Auto, offenen Fenstern und lauter Musik und sie zog eine Flasche alkoholfreien Sekt aus ihrem Hipsterbeutel. Dabei fragte ich mich aber, wo die ganzen Leute sind. Auf der Straße natürlich nicht, klar, aber dann müssten sie doch in ihren Wohnungen sein und wieso ist dann da kein Licht? Gehen nun alle früh schlafen?

    Donnerstag, 26. März 2020

    Die Tage verschwimmen. Ich werde morgens um halb 7 vom Wecker aus dem Nichts gerissen, einem völlig traumlosen und ununterbrochenen Schlaf, in dem ich seit dem Vorabend lag. Ich schaue aufs Handy, stolpere zum Computer, schalte ihn ein, unter die Dusche, mit Wasserflasche zurück an den Computer, schalte die Telefonleitung. Ab da beantworte ich Fragen, schicke Personen in die richtige Richtung und versuche, im Hintergrund all das zu ordnen, was in Unordnung geraden ist. Regeln zu finden für das, was neu zu regeln ist, Balance herzustellen, wo sie verloren gegangen ist. Das sind größere Themen, die ich entwerfen und bedenken und dann absprechen und neu bedenken und anpassen muss, sie sind wie aus dem Nichts plötzlich da, manche tauchen vor mir auf und ich muss sie dem nOC auf den Radar bringen, manche tauchen bei ihm und er gibt sie mir weiter. Dazwischen alle paar Minuten Telefon, Mail, was-weiß-ich.

    Im Hintergrund wird die Familie wach, jemand reicht mir Kaffee, weil ich nicht dazu komme, ihn mir selbst zu nehmen, jemand reicht mir später auch Müsli oder ein Toast oder so etwas, weil ich nicht dazu komme, mir das selbst zu nehmen. Irgendwann gegen Mittag ziehe ich mich raus, laufe eine Runde durch die Wohnung, dabei klingelt das Handy. Seit heute habe ich immerhin ein anständiges Headset, muss den Kopf nicht mehr schräg halten, habe die Hände frei, während ich die endlosen Fragen beantworte.

    Ab dem Nachmittag merke ich, dass es nicht mehr geht, dass ich kleine Pausen einbauen muss, ich videochatte ein paar Minuten mit Freunden, ignoriere das Telefon und die Nachrichten. Dafür wird es danach um so wilder, bis 19 oder 20 oder 21 Uhr versuche ich, noch irgendwie eine Struktur zu bekommen, oder zumindest eine Übersicht für den nächsten Tag, aber im Grunde ist das sinnlos, es lässt sich noch nicht einmal ein logischer Endpunkt finden, es gibt keinen Endpunkt, Anrufe und Fragen zu jeder Tageszeit sind normal geworden, ich selbst frage schon seit etwa zwei Wochen nichts mehr sondern entscheide nur noch. Ich schalte irgendwann einfach mitten drin das Telefon und den Computer aus.

    Dann folgt ein in seiner Normalität skurriler Abend: ich koche, wir essen, ich sitze auf dem Sofa, kraule die Katze und dann gehe ich ins Bett und bin sofort wieder im Nichts.

    Mittwoch, 25. März 2020

    Frau Fragmente sitzt an Ihrem Esstisch und bloggt, ich sitze an meinem Schreibtisch und blogge über Frau Fragmente.

    Vorweg: sie hat geduscht. Um 7:30 Uhr schon. Das stand heute morgen auf Twitter mal kurz als fraglich im Raum und ich denke, es ist für unser aller Wohlbefinden wichtig, diese Frage definitiv geklärt zu haben. Noch sind wir nicht beim Schmuddelbloggen angekommen, noch nicht!

    Weiter vorweg: Wir haben heute ein etwas anderes Set-up. Statt Frau Fragmente selbst sehe ich ihren Bildschirm und ihre Hände. Frau Fragmente, hihi, tippt mit den Mittelfingern! Sowas habe ich ja auch noch nicht gesehen. Tippt hier noch irgendwer mit den Mittelfingern?!

    Ansonsten haben wir technisch ganz klar aufgerüstet. Wir sind nicht über Google Hangout verbunden, sondern über Zoom, das macht sich sehr an der Qualität von Bild und Ton bemerkbar. Ich habe mittlerweile 4 Bildschirme auf meinem Schreibtisch, in diesem Moment zwei davon in Benutzung, was daran liegt, dass ich Arbeits- und Privatrechner streng getrennt halte. Kein Twitter, kein Blog hat je meinen Arbeitsrechner berührt. Ich bin firmenweit dafür bekannt, dass die IT sich jederzeit auf meinem Rechner einwählen kann, ohne Kompromittierendes zu entdecken. Gleichzeitig wäre es bei mir vermutlich noch egaler als bei den meisten anderen, denn ich bin, soweit ich weiß, die einzige, die Blog und Twitterhandle in der Personalakte vermerkt hat. Was daran liegt, dass ich "aus dem Internet bekannte" Personen eingestellt habe und es mir schlauer erschien, das sofort offenzulegen als im Nachhinein erpressbar zu sein - hier muss ich zu meiner Entschuldigung sagen, dass ich die Personen ja noch nicht so gut kannte. Ob ich dafür jetzt auch firmenweit bekannt bin, weiß ich wiederum nicht. Die Mitlesenden schweigen dezent.

    Aber zurück zu frau Fragmente. Mit den Mittelfingern, wirklich, ich lüge nicht (bzw. sehr selten)! Was sie schreibt, kann ich nicht lesen, es sind zwei Absätze bisher und noch kein Titel, den dritten Absatz beginnt sie gerade. Sie hat irgendwie viel Krempel auf dem Tisch. Eben sah ich einen Fidget Spinner im Bild, nun steht vor ihr eine Sanduhr, aber nicht mit Sand glaube ich sondern mit Flüssigkeit und sie läuft von unten nach oben. Diese "Sand"uhr drehte Frau Fragmente vorhin entschlossen um, ich nehme also an, sie markiert die Zeit, die wir mit Schreiben verbringen werden. Weiter sehe ich in einer Glasschale Kaufmanns Kindercreme, die kleine Tube, eine weitere kleine Creme(?)-Tube und drei Textmarker, je einer in gelb, blau, orange. Ob sie die geplant verwendet, haben die Farben eine Bedeutung? Ich habe immer nur einen Textmarker, bei mir haben Farben keine Bedeutung, ich bin auch sozusagen die Anti-Synästhetikerin, Farben haben für mich keine Bedeutung und sind mir komplett wumpe.

    Was sehe ich noch? Nicht so viel. Aber immer, wenn ich den Tisch von Frau Fragmente sehe - es ist ein Glastisch - bekomme ich Kaffeedurst, denn bei meinem ersten Besuch bei ihr in dieser Wohnung gab es Kaffee mit Kardamom. Das hätte ich jetzt auch gern, aber dann doch wieder nicht so gern, dass ich aufstehen und ihn mir machen würde und sowieso ist Kaffee mit Kardamom nun halt mit diesem Glastisch und Frau Fragmente verbunden.

    Als ich zum ersten Mal bei Frau Fragmente überhaupt war, in einer anderen Wohnung damals, gab es Artischocken. Und sie hatte vorher abgefragt, was ich trinken möchte, ich glaube, sie hatte sogar extra ein Bier für mich eingekauft (das trinkt sie selbst nicht), ich weiß aber nicht, ob ich es getrunken habe, denn das war noch in einem ganz anderen Leben, ich hatte da noch echt lange Haare und als ich zu ihrer Tür reinkam sagte Frau Fragmente, sie habe aus dem Fenster schon in der Bahn, mit der ich kam, meine Haare gesehen, "wie flüssiges Gold". Wobei "wie flüssiges Gold" keine fragmentesche Kitschanwandlung ist, sondern ein Insiderwitz, der im Salon der Augenbrauenzupffrau entstand. Aber jedenfalls war da noch sehr, sehr viel anders, zum Beispiel war M noch so klein, dass Ausgehen abgesprochen werden musste und ich kannte Frau Fragmente auch noch kaum.

    Was mich gerade ganz verrückt macht: ich habe bei einem Kameraschwenk gesehen, dass die Spülmaschine bei Frau Fragmente weit offensteht. Wieso macht sie die denn bloß nicht zu?! Ich bin gerade selbst schon einmal kurz aufgestanden und wollte das tun, bis mir wieder auffiel, dass ich ja in einem ganz anderen Haus bin. Ich gewöhne ich an alles immer sehr schnell und bin daher jetzt schon total an Videokonferenzen gewöhnt, habe z.B. eben Gurkenscheibchen gegessen und mehrfach mit der Hand gezuckt, um Frau Fragmente auch etwas anzubieten. Vielleicht ist es auch die Müdigkeit. Wir sind beide sehr, sehr müde, aber - jedenfalls wenn ich für mich spreche - es ist keine Müdigkeit, die speziell durch Schlaf wegginge. Klar könnte ich schlafen gehen, es würde auch nicht schaden, aber ich wäre morgen in dieser Weise noch annähernd genauso müde. Es ist die Art Müdigkeit, die man sich einfängt, wenn man längere Zeit sehr weit über seine Grenzen lebt. Diese Müdigkeit verschwindet durch Alltag. Und da sind wir noch nicht wieder, noch lange nicht, deshalb werden wir noch ein Weilchen müde bleiben.

    November seit 5124 Tagen

    Letzter Regen: 03. April 2020, 23:22 Uhr