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    Samstag, 14. Januar 2023
    14.1.23

    In der täglichen unverbindlichen Contentvorschlagliste steht heute die Frage: "Sind Sie in Ihrem Leben da angekommen, wo Sie hinwollten."

    Ich sag mal: seit ich GoogleMaps nutze ist es viel leichter geworden. Mal ganz im Ernst, was soll die Frage, das ganze Weltbild, das dahinter steckt, macht mich schon aggressiv. Bin ich 100 und liege auf dem Sterbebett (in diesem Fall wollte ich da vermutlich nicht hin)? Wenn nicht, was sollte ich ab jetzt den Rest der Zeit machen, wenn ich da wäre, wo ich - ich nehme an "immer schon" - hinwollte, da verharren, mir selbstgefällig den Bauch kraulen und immer mal wieder "achja, ich bin genau da, wo ich hinwollte" in ein soziales Medium seufzen? Was ist das für ein unglaublicher Quatsch?

    Ich wollte "in meinem Leben" überhaupt nie irgendwohin, was ja wohl kaum örtlich gemeint ist sondern im Sinne von "ich habe was erreicht einself!", ich wollte immer da, wo ich bin, eine möglichst gute Zeit haben und wenn ich sie nicht hatte, habe ich versucht, das zu ändern. Was eine gute Zeit genau ist, ändert sich, eben mit der Zeit, ich habe jetzt mit ganz anderen Dingen eine gute Zeit als mit 18 und ich hatte mit 18 mit anderen Dingen eine gute Zeit als mit 8. Da bin ich mir ganz sicher.

    Wie gesagt, ich wollte nie irgendwo speziell hin. Ich wollte nie dezidiert eine Beziehung oder ein Kind oder ins Ausland oder ein Haus irgendwo oder irgendeine Art von Karriere, das sind doch alles nur irgendwelche platitüdenhaften Sammelkarten. So funktioniert das für mich nicht.

    In welchem Alter hätte ich denn entscheiden sollen, wo ich "hin" will? Wann muss man sich da festlegen, damit man hinterher was zum Messen der Zielerreichung hat? Es gibt doch so unendlich viele Möglichkeiten, ich habe jetzt z.B. ein Kind, das ist absolut hervorragend, hätte ich aber nie eins bekommen, wäre es vermutlich auf eine andere Weise hervorragend. Es gibt vermutlich nichts uninteressanteres im gesamten denkbaren Bereich der Kommunikation als "was habe ich erreicht" abzugleichen und zu bewundern oder verachten oder zu neiden, weil doch keine zwei Personen je gleich sind, im Banalitätslevel ist das ähnlich angesiedelt wie der Austausch darüber, ob jemand Rosinen mag, auch diese Gespräch sind immer völlig leer - hhmm süß Rosinen, iih, Rosinen, die sind ja eklig, nein ich mag die, wie kann man Rosinen mögen, blablabla. Tauschen Sie "Rosinen" gegen "Kinder" aus, das Gespräch bleibt inhaltlich gleich. Gleich leer.

    Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Ich bin umgeben von Menschen, die ich schätze und habe aber auch die Möglichkeit, für mich zu sein. Ich bin körperlich fit genug, Dinge zu tun, die ich mag und ich habe so viel Geld, dass ich es auch für Dinge ausgeben kann, die nicht unmittelbar erforderlich sind, um das Überleben zu sichern. Das ist ein großer Luxus.

    Ich muss nicht hungern oder frieren außer ich entscheide mich dafür, das ist ein unermessliches Glück. Da bin ich aber nicht irgendwie aus eigenem Antrieb hingekommen sondern das bietet die Gesellschaft, in der wir leben, weil das hier der Basisstandard ist.

    Und ja, wir haben auch Pandemie und Ukrainekrieg und Klimawandel, die Butter ist teurer (Katzenstreu übrigens auch) und es wird zunehmend schwieriger, jeden Tag ein Vollbad zu nehmen und sich gleichzeitig rechtschaffen zu fühlen. Nach wie vor habe ich aber auch wegen Pandemie und Krieg und Klimawandel noch nicht hungern oder frieren oder ganz akut um mein Leben fürchten müssen und ja, wir haben hier ein ethisches Problem den Ländern des globalen Südens gegenüber und natürlich auch den folgenden Generationen, aber zu sagen, dass es mein Leben wesentlich beeinträchtigt, dass ich mich verantwortlich fühlen muss für andere, deren (zukünftiges) Leben wesentlich beeinträchtigt wird, quasi für die Last der Verantwortung Mitleid abzugreifen, halte ich für unfair und heuchlerisch.

    Insofern, vielen Dank, ja, ich bin genau da, wo ich hinwollte: aktuell im Sessel im Wohnzimmer mit einem Laptop auf dem Schoß und schieße Leute schräg von der Seite an, die unbedachte Fragen stellen. Falls Sie weitere haben, das Dokument ist noch nicht voll, fühlen Sie sich frei.

     
    Vielen Dank dafür, dass Sie das, was ich denke, so klar und drastisch in Worte gefasst haben!

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    SUPERTEXT
    Supertext.

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