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    Donnerstag, 5. September 2019

    Und schon wieder zu wenig Tag, ich bin gerade erst zu Hause und das an einem Mittwoch (glaube ich?), das geht doch so nicht. Ich bin jetzt seit 18 Stunden wach und noch ziemlich fit, abgesehen davon, dass ich an den Tagesbeginn keine recht Erinnerung habe. Vielleicht ist das der Trick, vielleicht bleibt Erschöpfung aus, wenn von von unnützem Erinnerungsballast unbelastet ist. Irgendwann bin ich heute Morgen wohl aufgestanden und ins Büro gelangt, die Details waren vermutlich irrelevant, sonst hätte ich sie mir sicher merken können, etwas Selbstvertrauen schadet an dieser Stelle nicht.

    Ich erinnere mich noch an einen kleinen Mailkrieg heute morgen. Bereits gestern Abend war ich Teil eines (überschaubaren und persönlich bekannten) Mailverteilers und wurde vom Absender mit "Gentlemen" angeredet. Die drei übrigen Empfänger waren Herren (der nOC, der OC und ein weiterer), ich aber eben nicht. Ich antwortete dem Absender kurz, dass mir selbst in unserem konservativen Umfeld die Anrede "Gentlemen" doch etwas zu sehr mitgemeint sei und dachte mir nichts weiter dabei.

    Heute morgen fand ich dann einen Sermon des Absenders vor, der nicht glauben konnte, dass ich an der Anrede "Gentlemen" wirklich Anstoß nehme, es sie nichts unwichtiger als eine Anrede an sich, komplett bedeutungslos, sich daran hochziehen sei kleinlich und ob mich das wirklich stört, ob er sich nun etwa entschuldigen solle? Ich dachte kurz nach und formulierte dann noch vor dem ersten Kaffee die folgende Antwort:

    Lieber Herr X,
    wie schon gesagt stört mich die Anrede "Gentlemen" für einen Personenkreis, dem ich angehöre, tatsächlich. Zur Frage, ob Sie sich entschuldigen sollen, sehe ich deshalb zwei Möglichkeiten. Erstens könnten Sie, wenn die Anrede tatsächlich so wurscht ist, denselben Personenkreis beim nächsten Mal mit "Ladies" ansprechen. Damit hätten Sie den Beweis in Ihrem Sinne erbracht und folglich würde natürlich ich mich für meine Kleinlichkeit entschuldigen. Sollte aber, wenn Sie über diesen umgekehrten Fall nachgedacht haben, die Anrede doch nicht ganz egal sein, könnten Sie tatsächlich sagen, dass Sie unaufmerksam waren und beim nächsten Mal besser aufpassen.
    Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: dass Ihnen aus charakterlichen Gründen keine dieser beiden Varianten möglich ist. In dem Fall können wir das Ganze auch auf sich beruhen lassen und jede denkt sich ihren Teil."

    Es sieht bislang nach Variante 3 aus.

    Im Büro ansonsten Unaussprechliches, ich ging halbwegs pünktlich um 16 Uhr, da ich um 17 Uhr mit Herrn N. zu einer Erledigung verabredet war.

    Danach Kochen daheim, es Linsen-Kokos-Gemüsecurry mit Reis und ich weiß ich so neugierig war nach dem Rezept neulich noch Linsenbratlinge. Allerdings aß ich dann gar nicht mit, ich war nämlich abends noch mit Freundin C verabredet und es war schon wieder viel später als gedacht.

    Bei C gab es Käsebrot und Bier und wir besprachen verschiedene berufliche Themen. Heimradeln um Mitternacht im Regen, fast hätte ich in Tanktop und Schlabberhose ein wenig gefröstelt, aber es sollte doch noch nicht sein.

     
    Herrje!
    Dass Leute nicht einfach sagen können: Entschuldigung, ich war in Gedanken, da ist mir ein Schnitzer unterlaufen, das tut mir Leid!

    Linsen-Kokos-Gemüsecurry klingt gut. Irgendwo habe ich ein Rezept, das werde ich mal ausprobieren.
     
    Ich mache das immer so aus der Lameng. Wichtig ist sind Kokosmilch und die Gewürze, der Rest ergibt sich aus dem Kühlschrankinhalt.

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    Ich hoffe ja sehr, dass er Variante 1 wählt, nur um recht zu behalten.

    Ging das Ganze wenigstens mit cc: an alle?
     
    Ganz sicher nicht! Wozu sollte das gut sein?

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    grundsätzlich kann man sich doch - gerade bei persönlich bekannten personen - durchaus auf "dear all" bzw. "liebe alle" zurückziehen, da kann eigentlich nix passieren solange es sich nicht um ein hochoffizielles schreiben handelt.

    ich hab allerdings auch nie verstanden, wieso viele leute nicht verstanden haben dass ich mit einem unserer geschäftsführer zwar per du war, gelegentlich mit ihm und einer ganzen partie aus der kollegenschaft saufen war, und ihn dann - wenn alle stricke gerissen waren und der herr zu besoffen um in einem hotel aufnahme zu bekommen - auf dem wohnzimmersofa übernachten liess. und wenn er bei besprechungen ein wenig zu heftig wurde, konnte es durchaus vorkommen dass ich ihm ein freundliches "kusch, norberti" zuraunte, oder laut "und jetzt sei schön und schweig" sagte. trotzdem schrieben wir uns offizielle schreiben, die im konzern kursieren würden, mit "sehr geehrter herr doktor" und "sehr geehrte frau kelef".

    es ist ja bekanntlich aber auch sehr schwierig zu behirnen, wer wem in welcher reihenfolge vorgestellt wird, und wer wem die hand gibt. fängt schon bei den kleinen kindern an, die gezwungen werden ihre sabbrichten pfoten nach oben zu recken damit nur ja jeder erwachsene ebendiese schütteln kann. ekelhaft und vollkommen unangebracht, und dann nimmt das unglück seinen lauf.

    aus langjähriger erfahrung kann ich übrigens berichten dass es leut' gibt, die das einfach weder von zu hause mitbekommen haben noch es jemals lernen werden. die begreifen das nicht einmal dann, wenn man es ihnen in blockbuchstaben erklärt. eventuell kann man die üben lassen, aber der erfolg lässt meist auf sich warten.

    und wenn man butter auf dem kopf hat, dann geht man sich entschuldigen, auch das ist ganz einfach. und vor allem nimmt es dem anderen den wind aus den segeln, man sollte sich also schon aus reinem selbsterhaltungstrieb entschuldigen.

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    Ihre Reaktion finde ich sehr prima und habe gründlich gegrinst, ich hätte aber wahrscheinlich in letzter Konsequenz nicht den Mut gehabt, dem Herrn auch noch Alternative drei anzubieten, wenn abzusehen ist, dass es genau darauf hinauslaufen wird.
    Denn wenn er aus charakterlichen Gründen nicht dazu in der Lage ist, Variante 1 oder 2 zu wählen, dann bin ich ziemlich sicher, dass er Sie rein aus charakterlichen Gründen jetzt auch bis an sein Lebensende zutiefst hassen wird.
    Ich kann nicht beurteilen, inwieweit es Ihr (Berufs)Leben verkompliziert, wenn da einer ist, dessen Loyalität man sich fortan wenigstens sicher nicht mehr versichern muss, weil unrettbar verloren, ich selber bin in letzter Konsequenz dann halt meist zu bequem, um Dinge derart eskalieren zu lassen, wenngleich ich zugebe, dass allein das Anbringen des letzten Halbsatzes in diesem Kontext "und jede denkt sich ihren Teil." schon eine Menge Unbequemlichkeiten wert sind.

    Ich eiere um die Ansprechformel zu Beginn einer Mail ja auch immer rum, weil halt jede Variante ihr Geschmäckle hat. Schreibt man "Liebe Alle" kann man sicher sein, dass man sehr viel Augenverdrehen in den konservativeren Etagen des Hauses erntet (also überall, wo weder Kultur noch Soziales den Ton angeben), schreibt man "sehr geehrte Damen und Herrn" verdrehen Kultur und Soziales die Augen - irgendwas ist also immer.
    Ich schreibe deshalb meist nur noch "Hallo", wenn es sich um eine "gemischte" Ansprechrunde handelt (Controlling und Soziales in einer Mail), nach der Vorlage Ihres Kollegen bin ich jetzt natürlich versucht, demnächst einfach "Hallo Mädels" auszuprobieren und abzuwarten, was passiert.
     
    Ich glaube, hier spielt der Kontext eine wichtige Rolle: in keinem Büro sind alle sehr konfliktfreudig, schon von Berufs wegen. Der zitierte Mailaustausch wird gar nicht als ernsthafter Streit sondern eher so als kleine erfrischende Morgengymnastik gesehen und wird gar keine Auswirkungen auf die zukünftige Zusammenarbeit haben.

    Mir wurde das selbst auch neulich beim Seminar in dieser Klarheit bewusst, im Umgang mit Perainen aus einem ganz anderen Umfeld. Man sollte bei einem Rollenspiel angreifen sollte uns ich immer dachte "ja, schön, wann geht es los, oh das war es bereits?" - und war entsprechend, als ich selbst angreifen sollte, total gehemmt war aus Angst, wirklich wen zu verletzten, weil ich in dem Umfeld nicht mehr einschätzen konnte, was geht und was nicht.
     
    Aber Sie haben Recht: der letzte Halbsatz wäre jede Freundschaft wert gewesen ;-)
     
    Ich wäre auch sehr versucht, diesen Herrn die nächsten Male als Dame/Frau anzusprechen. Die dritte Variante hätte ich ihm wohl auch nicht angeboten - bei jemandem, der so pampig reagiert, anstatt sich einfach kurz zu entschuldigen, kann man ziemlich sicher sein, dass er die bequeme und feige Variante wählt. Sehr schön finde ich allerdings die Nuance "und jede denkt sich ihren Teil." :-)

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