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    Dienstag, 5. Dezember 2017
    WmdedgT 12/2017

    (Was das ist und die übrigen Beiträge dazu finden Sie hier bei Frau Brüllen.)

    Was ich den ganzen Tag mache, ist zu viel arbeiten, es gelingt mir einfach nicht, pünktlich das Büro zu verlassen und das schon seit Wochen und das nervt mich enorm. Egal. Von vorne. Der Wecker klingelt um 6 glaube ich, ich weiß es nicht, ich kann jedenfalls keinesfalls aufstehen, weil ich zu müde bin, weil ich nämlich zu spät im Bett war (das wiederum, weil ich auch zu spät auf der Couch war - ich gehe keine Kompromisse ein bei der Couchzeit! - und das wiederum, weil ich, klar, zu lange gearbeitet habe. Es ist ein Teufelskreis!) Jedenfalls sagt Herr N. irgendwann, es wäre jetzt für mich genug geschlafen und Zeit, aufzustehen, also mache ich das, das Kind hat den Badezimmer-Slot aber nun an sich gerissen und ich laufe ziellos durch die Wohnung, wie ich es immer tue, wenn ich zu müde bin, denn was soll ich sonst tun, zielhaft kann ich nicht sein mangels Gehirnleistung und nicht laufen kann ich auch nicht, dann würde ich unmittelbar wieder einschlafen.

    Was dann war weiß ich nicht mehr, vermutlich also Routine, meine Erinnerung setzt in der Bahn wieder ein, dort passiert das, was morgens vor 8 Uhr einem Super-Gau gleicht: ich treffe jemanden, den ich kenne. Ich hasse es, in der Bahn wen zu treffen, den ich kenne. Denn ich will in der Bahn meine Ruhe haben, Bücher lesen, Musik hören, fremde Menschen anschauen anschauen oder mit ihnen Unsinngespräche führen, aber keinesfalls möchte ich mit Bekannten über "und bei Euch so?" reden. Aber was soll man machen. Ich steige 3 Stationen früher aus und gehe den Rest zu Fuß.

    Im Büro kann ich einige Dinge abschließen, die ich schon länger herumschiebe. Teilweise, weil ich endlich die dazu benötigten Antworten bekomme, auf die ich länger gewartet habe, teilweise, weil ich beschließe, keine Lust mehr auf das Warten auf Antworten zu haben und die Entscheidungen einfach selbst treffe. Die Liste mit den anstehenden Aufgaben leert sich angenehm und zügig und der Kalender für die nächsten Tage sieht dann gar nicht mehr ganz so katastrophal aus, so dass ich um 15 Uhr beschließe, zwecks Überstundenabbau sehr schnell das Büro zu verlassen und das Handy nicht mehr anzufassen. So mache ich es dann auch. Auf dem Heimweg gehe ich noch einkaufen und nehme bei der Gelegenheit Essen vom Thai für die Familie mit.

    Zu Hause hat Mademoiselle bereits Besuch von einer Freundin, die beiden haben Crêpes gemacht, ich bekomme einen mit Kinderschokolade angereicht, im Austausch essen die beiden eine Portion vom Thai auf. Dann versuche ich, Couchzeit aufzuholen, mache es mir also mit Getränk und Decke gemütlich und lese ein Buch, schlafe aber immer wieder dabei ein. Um 17 Uhr ist mir klar, dass weiteres sitzen und wegdösen und wieder hochschrecken mich nicht glücklicher machen wird, also stehe ich wieder auf und laufe herum, dabei räume ich auf, sortiere Dinge aus, erfreue mich an meinen Geburtstagsgeschenken, mache Wäsche, gieße Blumen, was man halt so tut.

    Um 18:30 ist es Zeit, zur Wassergymnastik aufzubrechen. Nein, auch das macht den Tag nicht besser, die Wassergymnastik hasse ich mittlerweile abgrundtief und das Knie ist ja auch schon längst wieder gut, aber es sind noch zwei Termine und ich habe mir nunmal in den Kopf gesetzt, das bis zum Ende zu machen. Also Wassergymnastik, um 20:00 Uhr ist das erledigt, jetzt also nur noch einmal (und, wenn ich total auf Prinzip mache, noch ein Nachholtermin am Sonntag, weil ich einmal krank war - ich muss mir noch überlegen, wie genau ich das nehme).

    Wieder zu Hause dusche ich sehr lange das hoffentlich hauptsächlich Chlorwasser ab und habe dann keinen Appetit auf das Essen vom Thai sondern auf weiß ich nicht, Sauerkraut mit Kasseler und Kartoffelpüree, um genau zu sein, aber das ist halt nicht da. Ersatzweise esse ich Käsekuchenreste von der Geburtstagsfeier am Samstag.

    Jetzt wäre ich dann bereit, bis mindestens Jahresende täglich lange auszuschlafen und dann herumzusitzen, Bücher zu lesen, Tee zu trinken und vielleicht ab und an schriftliche Konversation zu betreiben. Leider ist es aber noch nicht so weit. Deshalb versuche ich, früh schlafen zu gehen, aber eine Stunde Couch brauche ich noch.

     
    Ich frage mich immer: wenn GAU der größte anzunehmende Unfall ist, was ist dann ein Super-GAU?

    Davon ab, als ich noch mit der S-Bahn zur Arbeit fuhr hasste ich es Abgrund tief diesen einen sabbeligen Kollegen zu treffen, der nicht mit "Guten Morgen" seinen Monolog begann, sondern mit "Stell Dir vor, was mir gestern passiert ist ..." und dann kamen die unglaublichsten Geschichten wie "... da ist die S-Bahn falsch abgebogen ...".

    Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum, hmm, hmm, Neunundzwanzigsten.
     
    Das Attribut "anzunehmende" in "GAU" bedeutet nicht "der angenommen werden kann", sondern "der angenommen werden SOLL" (z.B. durch Planungsvorgaben). Daher bedeutet "Super-GAU" im Grunde: "Es ist noch schlimmer, als ich es mir vorstellen wollte".
     
    Vielen Dank.

    Alles ist möglich
    Vieles ist vorstellbar
    Einiges ist machbar
    Weniges ist sinnvoll.

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    Hehe... den GAU kenne ich gut. Wenn ich Fähre fahre, treffe ich die halbe Nachbarschaft an Bord. Ich wedele dann immer bedauernd mit dem Buch, sage: "Guten Morgen! Es ist nichts persönliches, aber so früh kann ich mich nicht unterhalten, ich muss lesen." Da nicken tatsächlich alle sehr verständnisvoll und vielleicht sogar erleichtert, und ich setze mich woanders hin. Jetzt nach zwei Jahren sind auch alle ausreichend gebrieft und winken nur noch aus der Ferne.

    Rückfahrt ist trickier.
     
    Mit der 62? Da müssten Sie mich ja all morgentlich sehen, oder ich Sie. Also ich sitz nicht auf dem Dampfer, ich führe meinen Schweinehund am Strand gassi
     
    Nee, mit der 73, von der Ernst-August-Schleuse zu den Landungsbrücken. Da treffe ich jeden Morgen genau einen Menschen mit seinen beiden Hunden am Deich... Aber das sind dann ja offensichtlich nicht Sie!

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    " bis mindestens Jahresende täglich lange auszuschlafen und dann herumzusitzen, Bücher zu lesen, Tee zu trinken und vielleicht ab und an schriftliche Konversation zu betreiben." - das isses! - wieder ein sehr genussvoll zu lesender Text, obwohl es der Tag wohl nicht so war.

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    Letzter Regen: 15. Dezember 2017, 17:57 Uhr