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    Sonntag, 29. August 2021
    29082021

    Heute am Nachmittag bereitete ich Apfelkompott zu, aus Äpfeln, die schon relativ lange lagen und schrumpelig oder stellenweise detschig waren - es handelte sich um enorm viele Äpfel, die sich seit dem Urlaub angesammelt hatten, fast 5 kg. Dementsprechend lange dauerte es, sie zu schneiden.

    Während der ersten ca. 4 kg leistete mir @cucinacasalinga per Videochat Gesellschaft und las mir auf Italienisch aus einem Krimi vor. Da ich mich sehr darauf konzentrieren musste (wir sind, glaube ich, bei Italienischstunde Nr. 19), schaltete ich alle anderen Geräuschquellen ab. Dementsprechend war es, als das Kapitel und auch der Videochat endeten, sehr ruhig um mich herum. Ich stand weiter am Küchenblock und schnibbelte Äpfel, mit zunehmend klebrigen Händen und zunehmend ungeduldigerer Stimmung, weil es eine ziemlich monotone Sache ist und man sich nebenher nicht gut an der Nase kratzen kann, unter anderem.

    Dann hörte ich von hinter mir ein Geräusch, so leicht scharrend-knisternd. Ich drehte mich nicht um, weil ich endlich fertig werden wollte. Das Geräusch verstummte, als ich den nächsten Apfel nahm, kam es aber zurück. Es klang vorsichtig-zaghaft, bei genauem Nachdenken darüber (was ich tat) klang es so, als ob in einem der Schränke hinter mir gerade ein sehr gefährliches und hässlich-gruseliges Monster versucht, geräuschlos die Tür zu öffnen um sich dann kurz zu orientieren, mich zu erblicken, schleimige Tentakel mit Widerhaken nach mir auszuwerfen und mich mit sehr langen spitzen Zähnen und viel Speichel zu zerbeißen. So stellte ich mir das vor. Gleichzeitig war mir natürlich völlig klar, dass es sowas nur in Horrorfilmen gibt, ich musste meiner protestierenden Phantasie aber auch zugestehen, dass es bis vor kurzem Pandemie in meinem Leben auch nur Filmen/Büchern gab. Sie sehen hier ein weiteres Beispiel dafür, was diese Pandemiesache für eine nachhaltige Verunsicherung angerichtet hat indem einfach etwas eintrat, mit dem man nie gerechnet hat, gestern fuhr ich z.B. auch durch Aachen und las mehrfach das Straßenschild "Alleenring" als "Alienring" einfach, weil es ja auch sein könnte, es kann ja alles irgendwie sein, dass sich Leute bei einer Pandemie nicht impfen lassen, dass über die Sommerferien keine tragfähigen Schulkonzepte entwickelt wurden, dass die Bundesregierung ihrer Fürsorgepflicht für die afghanischen Ortskräfte nicht nachgekommen ist, dass Laschet Kanzlerkandidat ist - ja, das kann halt alles sein und dann kann halt auch ein Monster im Küchenschrank sein, befremdlicher ist das auch nicht.

    Bockigkeit hielt mich aber von der Überprüfung der Monstersituation hinter meinem rücken ab. Ich wollte das Schnippeln der Äpfel keinesfalls unterbrechen, auch nicht für den kurzen Blick über die Schulter, denn ich wollte keine Millisekunde länger als nötig noch klebende Hände haben, auch wenn das bedeuten würde, gefressen zu werden, ich hasse klebrige Hände, mit dem Zerfleischen durch lange scharfe Zähne habe ich noch keine Erfahrung, vielleicht ist es sogar besser als klebrige Hände.

    Beim übernächsten Apfel hatte das Monster die Schranktür ausreichend geöffnet (sie knarrte ganz leiste) und zwängte seinen Körper hindurch, flog kurz durch die Luft, landete dann aber auf dem Fußboden und blieb dort liegen, denn es hatte weder Flügel noch Arme oder Beine und auch keine Tentakel.

    Es war eine geöffnete Packung mit Wraps, die jemand (nicht ich) irgendwie komisch in den Schrank gequetscht hatte, so dass der Verschlussclip abging, die Wraps sich entfalten wollten, dabei die Schranktür aufstießen und Monstergeräusche erzeugten.

    Freitag, 27. August 2021
    27082021

    Heute entdeckte ich in meinem Büro-Kalender, dass in der nächsten Woche zwei Personen für eine (kleine) Veranstaltung angemeldet sind. Natürlich eine Veranstaltung mit Corona-Sicherheitskonzept, das muss man dazu sagen, obwohl man das eigentlich nicht dazu sagen sollen müsste.

    Ich befand, es sei meine Aufgabe, beide Personen anzusprechen und zu fragen, ob es okay für sie ist, an dieser Veranstaltung teilzunehmen - also nicht inhaltlich, das ist gesetzt, aber pandemisch.

    Person 1 war unglücklich mit dem Gedanken an die Veranstaltung, hatte aber nicht absagen wollen, weil sie sei ja nun einmal angemeldet. Nach unserem Telefonat wurde die Teilnahme storniert.

    Person 2 verstand meine Frage erst nicht, lachte dann darüber, fand alles höchst unproblematisch und freute sich auf die Teilnahme.

    Es gibt hier keine Pointe. Es gibt hier nur wieder die Erkenntnis, dass es komplett unmöglich ist, in Bezug auf diese Pandemie irgendeine Art von Konsens zu finden.

    Donnerstag, 26. August 2021
    26082021

    "Es ist erschütternd..." begann ich heute mehrfach einen Satz, musste aber immer wieder lachend abbrechen, weil Frau Violinista mir erst nicht richtig zuhörte und dann wohl die Wortwahl bemerkenswert-befremdlich fand und dann mussten wir schon wieder lachen. Sowieso hatte sie mich vorher auch schon ausgelacht, sie sagte zwar, sie habe nicht über mich gelacht sondern über etwas, das sie im Handy las; dass sie aber etwas im Handy las und darüber lachte, während ich ihr etwas vorsang, ergibt keine bessere Situation, so dass es gar nicht mehr darauf ankam, ob sie mich tatsächlich auslachte oder nicht. Außerdem ist es völlig okay, sich ab und an gegenseitig auszulachen, gerade wenn es angebracht ist, und das war es, der Gesang war nämlich scheiße. So, jetzt sind wir beim Thema.

    Es ist erschütternd, wie sehr ich meine Stimmung in meiner Stimme höre, also wie sehr ich kleine Instabilitäten der Gemütslage in großen Instabilitäten in der Stimmkontrolle umsetze.

    Einerseits ist es ganz logisch, allein schon wenn man etwas verkrampfte Schultern hat atmet man nicht mehr wie sonst und Singen ist ja nichts anderes als Luft, die auf eine bestimmte Weise durch bestimmte Wege geschickt wird. Andererseits, naja, ich wusste es einfach nicht.

    Kleidung habe ich üblicherweise im Griff, allgemeine Organisation ist so verinnerlicht, dass sie mich über ein paar Unebenheiten hingweg trägt, Haltung und Mimik kann ich für eine gewisse Zeit locker spielen und dass mir die gewählten Worte versiegen kam, glaube ich, in meinem Leben überhaupt erst einmal vor. Aber Singen: nichts zu machen. Ich höre dabei, dass ich nicht so ganz in mir ruhe wie sonst, bevor es mir überhaupt anderweitig bewusst wird.

    Mittwoch, 25. August 2021
    25082021

    Das ist schon sehr zum Lachen - ich schrieb es gestern alles genau auf und begriff es trotzdem nicht: wenn sich die Struktur des Tages vor meinen Augen auflöst, ist es natürlich ein nahender Migräneanfall. Also, unter anderem. Ob die Migräne kommt, weil die Struktur des Tages sich auflöst, oder die Struktur sich auflöst wegen Migräne, kann ich nicht beurteilen, schon gar nicht heute.

    Ansonsten ist mein Kopf ist voll mit Sorgen, die mich aber gar nicht betreffen, ich bin nur in der Perspektive der Beobachterin. Und deshalb ist es auch nicht meine Geschichte und ich kann sie nicht erzählen.

    Der Abend hat mich dafür nicht in den Sessel ausgespuckt, sondern ich habe mich völlig selbstständig auf den Balkon bewegt und vorher noch die Schuhe ausgezogen!

    Dienstag, 24. August 2021
    24082021

    Zapp - wieder ein Tag rum.

    Ich verstehe es noch nicht so ganz. Ich wache morgens auf, alles super, wandele gut gelaunt durch die Wohnung und lasse mir durch den Kopf gehen, was ich am Tag alles machen will und was alles zwischendrin und was alles danach, ich dusche, setze mich mit einem Tee auf den Balkon und erfreue mich an den Gedanken auf den Tag, esse Tomaten direkt vom Strauch, kraule den Kater und stehe dann auf - und dann verliert sich die Spur.

    Als nächstes, gefühlt, sitze ich abends im Sessel, es ist dunkel, die Füße werden langsam kühl, ich könnte gut schlafen gehen. Vom Tag erinnere ich nur ein paar Fetzen, ich war unterwegs, ich war im Büro, ich war unterwegs, ich war zu Hause und habe wohl noch was gegessen und wohl auch noch die Katze gebürstet. Aber was war mit dem Rest, in den Minuten dazwischen, wo ich doch so viel machen wollte? Was habe ich da getan? Möglicherweise einfach reglos im Raum verharrt, während um mich herum alles weiterging oder möglicherweise standen wir alle einfach längere Zeit still, wie angehalten, die Zeit lief weiter nur wir nicht? Oder bin ich nicht stehengeblieben sondern habe mich nur einfach ganz langsam wie in Zeitlupe weiter durch den Tag bewegt? Es erscheint mir unwahrscheinlich, vor allem, weil ich mich erinnere, zweimal gegen die neu eingebaute Vereinzelungsanlage (sprich: automatische Tür) vor der Tiefgarage gerannt zu sein, weil sie sich nicht im mir angemessenen Tempo öffnete. Andererseits, gerade eben war es noch hell und jetzt ist Nacht.

    Irgendwo muss er doch geblieben sein, dieser halbe Tag aus den kleinen Minuten zwischendrin. Irgendwie muss ich ihn wiederfinden, irgendwie herbeiführen, dass ich nicht mehr im Tag herumgeschleudert werde wie in einer wilden Wasserrutsche, die mich am Ende wieder im Sessel ausspuckt.

    Hm, hm, hm, hm, hm.

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    Letzter Regen: 16. September 2021, 22:52 Uhr