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    Freitag, 29. Juni 2007
    Katzentanz

    Meine Güte, aber was für einer. Mit ausgefahrenen Krallen um einander herschleichen, Revier abstecken und immer mal wieder zuhauen, bevor es dann ans Eingemachte geht. Bei dem Größenunterscheid kann man nur verlieren. Naja, macht nichts. Betrachten wir es als Übung. Jetzt erstmal Fellpflege.

    Donnerstag, 28. Juni 2007
    Angst vor der alten Frau

    Mich in der U-Bahn zu einem Herrn in so ein Vierersitzdingens gesetzt. Ich setze mich immer zu jemandem, weil ich es affig finde, dass alle sich allein hinsetzen, in so ein Vierersitzdingens, auf einen Platz in Fahrtrichtung, meistens am Fenster. Vermutlich kenne ich deshalb auch mehr als ein Dutzend der mit mir pendelnden namentlich und weiß bei etwa doppelt so vielen, was sie ungefähr beruflich machen und ob sie Famlie haben. Ich finde, das ist ein guter Schnitt, wenn man bedenkt, dass die Fahrtzeit knapp 5 Minuten beträgt und ich die Strecke noch nichtmals zwei Jahre lang fahre.
    Diesen Herrn jedenfalls kannte ich nicht, er gehört nicht zu den Stammfahrern, was mir aber egal ist, da ich meistens einfach den nächstgelegenen Sitz nehme. Er schaute mich an und ich lächelte und er lächelte auch und er schaute auf meinen mp3player und ich schaute auf seinen mp3player und dann schaute er auf meine Hände und seufzte laut. Das war mir im ersten Moment extrem peinlich, hatte ich mir doch vorgenommen, vor dem wichtigen Meeting heute unbedingt noch die Nägel zu feilen und die Hände einzucremen und, falls genug Zeit ist, noch mit diesem Klarlack zu hantieren. Zeit war aber zu gar nichts (naja, man hat ja immer so viel Zeit, wie man sich nimmt, sagt Mama immer und recht hat sie, also:) bzw. ich nahm mir die Zeit dazu nicht und so starrte dieser nette Mann nun auf meine Hände und seufzte, meine Güte, wie wird dann erst diese alte grauhaarige Beißerin mit Dutt verunsichernd auf meine Hände starren, der ich in ein paar Minuten das Geld abluchsen soll, das uns nicht unbedingt zusteht aber das wir gerne hätten?
    "Die hübschen Frauen sind immer verheiratet", sagt der nette Herr dann, und sofort war ich erleichtert (mir war im selben Moment auch eingefallen, dass ich im Büro Nagelfeile und Handcreme habe und sowieso früh dran bin), bis mir das Wort "ah, Ehering" durch den Kopf schoss und ich, praktisch simultan zur Erleichterung, sofort wieder verunsichert war. Dabei fiel mir zusätzlich noch ein, dass Frau Grasdackel sagte, ich würde meine Gefühle viel zu sehr von anderen Leuten abhängig machen, so dass ich gleich doppelt verunsichert sein wollte, wegen Frau Grasdackel, dachte dann aber, dass die Ehering-Verunsicherung nun wirklich nichts mit diesem Mann zu tun hat sondern mit mir selbst (und wegen Frau Grasdackel war ich dann rein aus Prinzip nicht verunsichert, so!) weil mir in diesem Moment einfiel, dass dieses "Ehering-Kriterium" ein von mir bislang, also bis heute eben in der U-Bahn, völlig unbeachtetes war, das in meiner Wirklichkeit nicht vorkam. Ich habe noch nie, nie, nie jemandem auf die Hände geschaut um zu sehen, ob sich da ein Ehering befindet. Neue Welten tun sich auf! Wobei mir dann dabei einfällt, dass ich sowieso noch nie bei jemandem, den ich kennen gelernt habe, die "Verfügbarkeit" überprüft habe. Dass ich zum einen sowieso denke, dass Verfügbarkeit etwas relatives ist und das jeder mit sich selbst klären muss. Und dass ich zum zweiten, und da komme ich mir dann gleich wieder merkwürdig vor, noch nie jemanden angesprochen habe, mit dem Vorsatz, daraus so eine Mann-Frau-Sache, egal ob jetzt kurz- oder langfristig, zu machen. Und das, obwohl ich ja dauernd Leute anspreche, die ganzen Pendler zum Beispiel. Manche sagen schon zwanghaft. Also auch Leute, die ich interessant finde, d.h. wenn ich es mir genau überlege, eigentlich nur Leute, die ich interessant finde, wo wäre sonst der Sinn. Wobei ich auch wieder wenige Leute absolut uninteressant finde. Vielleicht ist das tatsächlich ein bisschen zwanghaft, aber ist ja egal. Auch wenn mich das nun verwirrt, diese Ehering-Erfahrung, die mir das Tor zu einer neuen Wirklickeit öffnet, in der solche Blicke zum üblichen "Check-up" bei Bahnfahrten werden, wie die Sicherheitseinweisung beim Fliegen.
    Zum Glück kommt jetzt die bissige Frau mit dem Dutt, die mich bisher bei jedem Gespräch dermaßen vom Tisch gefegt hat, dass mir schwindlig wurde. Zum Glück klingt in dem Fall dann auch unpassend, aber ich glaube fast, dass meine eigenen Gedanken mich noch schneller vom Tisch fegen als diese graue Eminenz. Ob mich das nun beruhigt, insgesamt, ist mir noch unklar, aber für das Gespräch gleich könnte es helfen. Nervositätsbekämpfung per Wortdurchfall zumindest teilweise erfolgreich. Ich geh dann da mal hin...
    (Ob die einen Ehering trägt??)

    Dienstag, 26. Juni 2007
    Unpässlich...

    ...schönes Wort, beschissener Zustand.

    Nichts richtig, alles falsch. Die eigenen Haare, denen gegenüber gestern noch eigene spontane Verliebtheitsgefühle entstanden, möchte ich heute am liebsten einfach komplett abrasieren. Die Brille nervt, die Kontaktlinsen brennen, das schon ewig abgesplitterte Stück Zahn stört nun, ach eigentlich das ganze Gesicht stört, was sage ich, der ganze Körper!
    Hunger ohne Appetit - Nahrungsaufnahme verursacht Übelkeit ohne die Zwischenstation Sättigungsgefühl auch nur zu tangieren und ständig der Drang, mir das alberne Meerwasserspray in die Nase zu knallen, wenn sonst schon nichts.

    Die Jacke brauche ich heute für die Seele, doch sie verschafft mir Schweißausbrüche. Sowieso wechsle ich im Viertelstundentakt (parallel zum Betätigen des Lichtschalters an-aus-an-aus-an-aus) zwischen dünnen Socken, Wollsocken, barfuß und Schuhen. A propros Schuhe - in den hohen knicke ich heute um, in den flachen fühle ich mich wie ein Zwerg. Die Hose ist übrigens zu weit, der Gürtel zu eng.
    Wer mich draußen nicht ansieht, findet mich abstoßend (wenig überraschend!), wer meinem Bilck begegnet ist ein aufdringlicher Idiot und verängstigt mich nachhaltig. Musik nervt, das Lieblingsparfüm ist unterträglich. Ich langweile mich und fühlte mich von jedem Ereignis überfordert.

    Keine Späße auf meine Kosten heute, bitte, aber bloß keine spürbare Rücksichtnahme, das wäre unerträglich! ich möchte in den Arm genommen werden und gefragt werden, wie es mir geht, empfinde aber jede Berührung und jedes an mich gerichtete Wort als einengend und übergriffig.

    Unterträglich für mich, unterträglich vermutlich auch für andere, aber sorry, darum kann ich mich nicht kümmern, ich habe heute mit mir schon genug zu tun.

    Schneckenhaus gesucht (Ebay?), alternativ Bier (evtl. viel?) und äußerst unerschrockene Gesellschaft (gute!).

    Montag, 25. Juni 2007
    Sauklaue

    Beim Blick auf die Notizen immer wieder "Mettwurst" statt "Nettoverlust" gelesen. Leichtes Kichern steigerte sich unter den irritierten Blicken der anderen zu unaufhaltsamem Losprusten.

    Ich mag gar keine Mettwurst.

    Sonntag, 24. Juni 2007
    Gekippt

    Gestern von Phasen geredet und theoretisiert, dass es sich lohnt, und dass weglaufen nicht gilt und dass dies und das, und dabei so viel Energie gehabt und schon vorab froh gelacht, bei dem Gedanken, wie das alles dann wird, ja eigentlich ist.

    Nach ein paar Stunden in der Realität heute nur noch Blei statt Blut und so müde, innerlich, und plötzlich dieser kleine fiese Gedanke im Kopf, vielleicht wirklich einfach keine Lust mehr zu haben.

    Freitag, 22. Juni 2007

    Geistige Einstimmung auf ein internetloses Wochenende, als Vorbereitung auf eine internetlose Woche demnächst und auf zwei internetlose Wochen demübernächst.

    Call me Herzschrittmacher, blökt das Blackberrydingens.

    Donnerstag, 21. Juni 2007
    Regen

    den ganzen Tag schon :-)

    Mittwoch, 20. Juni 2007
    Heute

    ...so ein Tag, an dem ich mir eine Vollzeitstelle wünsche. Also nicht wegen des Geldes oder der Arbeit (Himmel!). Wegen der Klimaanlage.

    Mittwoch, 20. Juni 2007

    • In der U-Bahn einer Frau wie eine dieser Babypuppen gegenüber gesessen, diese, die Plastikarme und -beine haben und am Bauch und so bis knapp über Oberschenkel und Schultern diesen beige-cremefarbenen Stoffbezug. Immer versucht gewesen, ihr auf den Bauch zu drücken, um ihr ein krächzendes "Mama! Mama!" zu entlocken.
    • Im Aufzug versucht, meinem Chef den Begriff "Konfektionsgrößengrenzkörpergröße" ans Herz zu legen. Weil meine Körpergröße halt genau auf der Grenze liegt, für die die Hosenlänge bei den Konfektionsgrößen ausgelegt ist. Und weil ich zu kurze Hosen hasse wie die Pest. Und weil ich deshalb immer Langgrößen kaufe, mit dem Vorsatz , diese passend umzunähen umnähen zu lassen. Mich mitten im Gespräch gefragt, wie es zu dieser Konversation überhaupt kommt. Keine Antwort gefunden.

    Und dann...

    kommt plötzlich der Tag, an dem einem eine Unterschriftenmappe vorgelegt und beim Call ein Kaffee in so einer langweiligen weißen Tasse gebracht wird.

    Für mich der ideale Zeitpunkt, eine Identitätskrise zu entwickeln.

    Sonntag, 17. Juni 2007
    Einfach so

    Müde, so unendlich müde, ohne das Adrenalin der letzten 1,5 Wochen scheinbar in eine andere Dimension der Welt eingetreten, in der die Luft aus süßlich-warmem flüssigen Vanillpudding besteht, der jede Bewegung zäh macht und jedes Wort unendlich dehnt, doch die Sonne scheint und alles ist gut. Der Wunsch, mich zusammenzurollen und die Augen zu sclhießen, einfach so, ohne dass etwas wäre, und im Arm gehalten zu werden nur aufzunehmen, einfach so, ohne dass etwas ist, aber es ist ja nichts, und "wir sind alle immer für Dich da, wenn mal was ist", aber wenn nichts ist, dann... "wie jetzt, was ist denn? Nichts? Wie, nichts?" Ich will doch nur einfach so.... "aber was hast Du denn?" Na nichts. "Na wenn nichts ist, dann können wir ja jetzt weitermachen. Du brauchst uns ja gerade nicht." Und da ist wieder dder Punkt mit dem brauchen. Brauchen wäre doch einfacher. Nicht besser, aber einfacher. Einfach muss nicht unbedingt gut sein, vielleicht ist gut mir aber zu kompliziert.
    Und dann spüle ich meditativ das Geschirr vom Kaffeetrinken (welches auch nicht gegen den Vanillepuddingzustand helfen wollte), weil ich das Geräusch der Spülmaschine nicht hören möchte, und denke mir, dieses Service habe ich nicht gesucht, sondern gefunden, einfach so, und mitgenommen, einfach so, und jetzt freue ich mich daran, jeden Tag, und will es nicht mehr hergeben, einfach so, weil es wunderschön ist.
    Komm lass ich die Augen zu machen und mich zusammenrollen, einfach so, auch wenn nichts ist.

    Stolpersteine

    Heute morgen auf dem Weg zum Bäcker, bzw. eigentlich auf dem Weg vom Bäcker zurück stolperte ich über einen Stein, der schon länger da ist und über den ich schon viele Male nicht gestolpert bin, jedoch ist Brötchen holen morgens, am Wochenende, immer eine andere Situation als alle anderen, und so hatte ich die Muße, diesen Stein zu betrachten. Diese Steine eigentlich eher, es sind viele, verdammt viele, in dem Viertel hier, in der Nähe von "Piano Dingens" wo ich normalerweise die Klaviere betrachte, sehnsüchtig, statt die Steine auf der Straße. Aber Brötchen holen ist nicht normalerweise, also war es heute der Stein, die Steine meine ich. Hier ist ein Altbauviertel, teilweise größere Bauten mit großen Torwegen und Hinterhöfen und Hinterhäusern, teilweise kleinere Wohnhäuser, zwei- bis dreigeschossig, mit noch sichtbaren Balken und mit alten Holzfenstern. Von dem Stein, von den Steinen, schon viele Male mit dem Blick gestreift, wanderte mein Blick zu dem Haus, zu den Fenstern, zu den Gardinen und zu den Pflanzen in den Fenstern, und wenn vor so einem kleinen zweigeschossigen Wohnhaus sechs dieser Steine sind, dann wurden irgendwann verdammt viele Leute aus so einem kleinen Haus abgeholt, vielleicht früh morgens oder nachts, oder vielleicht auch einfach ganz lapidar am Nachmittag.
    Ich überlege, wie das wäre, wenn meine Nachbarn, einzeln oder gleich en masse irgendwann nachmittags abgeholt würden, vielleicht würden sie heulen und zetern oder nur betreten schauen oder resigniert oder bemüht unauffällig, und ich würde vermutlich denken, naja, das wird schon irgendwie seine Richtigkeit haben, ich kenne meine Nachbarn nicht so gut, wird sich schon alles irgendwie klären, ich koche jetzt erstmal das Mittagessen fertig. Deshalb sind es die Steine mit dem Hinweis "Richtung Osten", die mir noch stärker den Magen umdrehen als die mit der Aufschrift "Theresienstadt" oder "Buchenwald", denn "Richtung Osten" ist äußerst unverbindlich, wenn meine Nachbarn von irgendwem "Richtung Osten" abgeholt würden, könnte ich dafür sehr viele Erklärungen finden, die mich nachts gut schlafen lassen.

    Das Thema ist für mich neu. Ich bin ihm bisher gut ausgewichen und habe im Geschichtsunterricht viele Rechenkästchen zu bunten Mustern ausgemalt. Meine Großväter habe ich als Nachzüglerkind nicht mehr kennen gelernt, die Kriegsjahre beschränken sich in meiner Familie auf verschiedene Anekdötchen von einem Opa, der nicht in den Krieg durfte, von einem Onkel der nicht aus Russischer Gefangenschaft zurück wollte von einem anderen Onkel, der sich mit dem anderen Opa einen ganz privaten Krieg lieferte, als dieser nach vielen, vielen Jahren der Abwesenheit überraschend als Familienoberhaupt heimkehrte.

    Jetzt bin ich heute morgen über diesen Stein gestolpert. Er hallt noch nach, dieser Bruch im Rhythmus. Vielleicht wäre es an der Zeit.

    November seit 7237 Tagen

    Letzter Regen: 06. Januar 2026, 22:39 Uhr