Search Request: Schwangerschafsstreifen
Frau Grasdackel, Sie hätten doch was sagen können...
- Wieder so viel Meta übers Schreiben begegnet, das ist mir doch sehr fremd. Klar kenne ich das, grundsätzlich, aus Schule und Uni, aber dieser Vorsatz, selbst zu schreiben nach gewissen Regeln (einigermaßen rechtzuschreiben mal ausgenommen), nach Formalität, mit Beachtung des Diesen und des Jenen - so ernsthaft. Geht das überhaupt? Wird das dann nicht "herzlos"? Und, ähm - macht das Spaß?
- Halsschmerzen deutlich besser. Turbo-Erkältungen, meine Spezialität. Psychosomatik nicht erkennbar.
- Keine neuen aufregenden Begegnungen beim Sport, von der verkappten Sadistin mal abgesehen, die sich immer als Schlaftablette tarnt und mir beim letzten Kontrolltraining beinahe - beinahe! - so eine Muskelkater beschwerte, dass ich nicht mehr tippen konnte.
- Irgendwo im Wohnzimmer leben Motten. Es sind zu viele, als dass man es auf "mal von draußen reingekommen" schieben könnte, aber zu wenige, als das man ernsthaft etwas unternehmen würde. Cleveres Viehzeug.
- Netz. Passender Begriff. Lauter Fallstricke und Verknüpfungen. Lauter kleine Spinnen, die Fäden ziehen. Manchmal zum Schaudern.
- Und ich. So ein bisschen roh. Nicht das Weiche, wo alles durchgeht. Nicht das Harte, wo alles abprallt. Nunja.
Und wo Sie gerade einmal hier sind, gehen sie doch bitte auch noch dort vorbei.
(Ähm - und nicht nur schauen, sondern auch... Sie wissen schon. Muss ich doch nicht extra dazu sagen, oder?)
Es fing ja alles ganz harmlos an. Kurz vor Weihnachten bemerkte ich beim Friseur, dass meine immerhin schon vier Jahre alte EC-Karte nicht so richtig funktionierte. Also ging ich auf dem Rückweg gleich bei der Bank vorbei, wo der freundliche Herr am Schalter mir sagte: "Joooooo - dann bestellen wir mal eine neue. Die kommt demnächst, so Anfang Januar. Mit neuer PIN." Mehr nicht. Mehr nicht.
Am 23.12. wollte ich dann mal Geld ziehen. Abends. "Karte nicht lesbar", sagte der Automat. "Rufen Sie uns mal an". Hm, so Heiligabend und die Feiertage und die darauf noch folgende Woche unterwegs ganz ohne Bargeld ist ja doof, dachte ich mir. Und rief mal an. Und man sagte mir, dass ich doch eine neue Karte bekäme. So Anfang Januar. Die alte sei - selbstverständlich! - gesperrt. Entsperren nicht möglich, wir bedauern sehr.
Ein kleiner Tobsuchtsanfall am Telefon. Wie soll ich denn die Weihnachtsgeschenke kaufen? Nur gähnende Leere und keine leuchtenden Kinderaugen unterm Weihnachtsbaum. Naja, ich hatte schon alles, aber ich hatte mich vor dem Anruf gut gecoacht. Ich musste fast selber weinen. Ekelhaft kompetent war der aber, der Mann da im Callcenter. Können die da nicht wenigstens Leute hinsetzen, mit denen man Streiten kann? Ich glitt immer wieder an der Professionalität ab, auflegen wollte er auch nicht, erhöhte das Limit der Kreditkarte und wünschte mir am Ende noch ein schönes Fest. Unverschämt!
Größerer Tobsuchtsanfall in der Bank. Rumpelstilzchen deluxe. Die Tür ließ sich nicht eintreten, recht erfreulich im Nachhinein, aber in dem Moment Öl ins Feuer. Ein weiterer Bankkunde ergriff die Flucht. Decken wir den Mantel des Schweigens über den Rest.
Die Karte kam dann so Anfang Januar, und auch die PIN. Ich zog aus, um Bargeld zu holen. "Karte nicht lesbar, rufen Sie uns mal an." Angerufen - Karte wohl kaputt - neue kommt. Na gut.
Die nächste Karte kam so Mitte Januar. Ich zog aus, um Bargeld zu holen. "3x falsche PIN, Karte gesperrt. Rufen Sie uns mal an." "Sie bekommen doch natürlich eine neue PIN! Die geht in den nächsten Tagen ein!". Na gut. Karte entsperrt, in den nächsten Tagen die neue PIN.
Also wieder zur Bank. Karte in den Automaten. "Karte nicht lesbar. Rufen Sie uns mal an." Fassungsloses Erstarren. Weltsprengungsszenarien im Kopf. Viel Lärm, viel Blut, Fetzen, Splatter, Staub, grelle Blitze, Detonationen. "Die neue Karte kommt so Mitte Februar. Eine neue PIN etwas später. Was stellen Sie eigentlich immer mit den Karten an?" Aufgelegt. Nebenbemerkung: So einen roten Knopf am Telefon zu drücken ist nicht gleichzusetzen mit der Befriedigung, einen Hörer auf eine Gabel zu knallen.
Na gut. Geld musste her. Karte des Ehegatten einkassiert und beschwingten Schrittes zur Bank getrabt. Der Gedanke, Karte + PIN des Besserverdienenden in der eigenen Tasche zu wissen, kann einen schon einmal beschwingen. Auf dem Weg zur Bank die Schaufenster gesichtet und eine mentale Liste erstellt. Karte in den Automaten. "Karte nicht lesbar. Rufen Sie uns mal an." Ähmja. Die Karte zum zweiten Konto hat der Herr N. mir dann nicht gegeben. Komisch, oder?
Ein paar Tage lang versucht, Metallgegenstände per Gedankenkraft zu verbiegen. Oder der Kreditkarte das Geheimnis ihrer Resistenz gegenüber der ganz offensichtlich von mir ausgehenden Strahlung zu entlocken. Unterwegs immer wieder an alle möglichen Gegenstände gegriffen, um mich zu "erden".
Die neue Karte und PIN trafen pünktlich zum letzten Wochenende ein. Eingekauft, als gäbe es kein morgen mehr, und einen großen Batzen Bargeld für unters Kopfkissen geholt. Karte seitdem nicht mehr verwendet. Ich trau mich nicht.
Doch, um meiner Seele willen,
kann und will ich meine eigenen Gedanken und Zweifel
nicht Lügen strafen, komme, was da wolle.
Wenn ich ein Narr bin, bin ich, zumindest, ein Zweifelnder;
und ich beneide niemand um die Gewissheit
seiner selbstgefälligen Weisheit.
Als erstes fiel mein Blick auf die beleuchteten Schaukästen, in denen Bücher, Bücher, Bücher lagen. Dann auf Trennwände mit Bildern, Auszügen, Erklärungen. Auf den ersten Kasten wollte ich zugehen und blieb - mit einem Fuß in der Luft hängend - über den Bodenplatten stehen. Kann man denn einfach so auf Worten herumlatschen? Ich weiche ja schon den Stolpersteinen draußen auf der Straße instinktiv aus. Ich betrat diese Platten wirklich zögerlich. Die ganzen Platten, die ganzen Bücher - das kann man natürlich gar nicht alles lesen. Zu viel. Reizüberflutung. Erstmal lief ich eine Runde ziellos durch den Raum und schaute mal hier und mal dort auf Prominentenoriginale oder typisch generische Exponate, blieb schließlich an einem Schaukasten mit Kalendern einer Frau hängen, die über mehrere Jahrzehnte hinweg täglich notierte, was es zum Mittagessen gab. Nur diese eine Sache. Das hat mich, so komisch es klingt, berührt, ohne jede Komik, mich verbunden, mit einem kleinen neuen Gebiet in meinem Kopf.
Und so machte ich, mit diesen kleinen Mittagessennotizen als gedanklichem Anker, noch eine zweite und eine dritte Runde und es gefiel mir sehr gut. Ob die Ausstellung wesentliche Erkenntnisse auf der Metaebene vermittelt, kann ich gar nicht sagen. Ich lasse mir so ungern etwas vermitteln, ich schaue lieber und erfahre einfach. Auf verschiedenartigste Weisen interessante Notizbücher gab es da, interessante Handschriften, herausstechende Wörter. Schwerpunkte. Kontinuität. Wandel. Das war schon faszinierend.
An den Computern musste ich natürlich herumspielen. Ob das in diser Form beabsichtigt war, weiß ich nicht, aber da eine Maus mit dranhing ging ich einfach mal davon aus. So dachte ich mir, die liebe Frau Blütenstaub mit ihrer charmanten Blogvertretung hat es doch auch verdient, einmal im Museum ausgestellt zu sein. Voilà, Frau Blüte - Ihre Lippenstifte bei @bsolut privat (man siehts leider nicht so gut, weil ich so eine schlechte Fotografeuse bin). Und nochmal ein herzliches Dankeschön an Sie!
Und bevor die Kulturpolizei kommt - ja, selbstverständlich habe ich, bevor ich gegangen bin, wieder aufgeräumt.
Am ersten Tag, als Frau Blüte (Wir wissen alle, dass dieser Link leider, leider ins Leere geht. Danksagung für die Vertretung erfolgt noch separat) hier für eine Woche übernahm, fand ich das eine äußerst witzige spontane Idee und schon am zweiten Tag erlebte ich vollkommene Entfremdung, hatte die Site beinahe vergessen und traute mich kaum, so als Fremde, zu kommentieren. Bereits an Tag drei sah ich hinter allem einen tieferen Sinn, den mir wohl mein Unterbewusstsein vorab vermittelt hatte, denn am vierten Tag war klar: ich will das Ding nicht zurück, ich werde Frau Blüte fragen, ob sie noch eine Woche verlängert und diese Zeit nutzen, um weitere Gastschreiber aufzutun (Frau Schlüsselkind - auch dieser Link geht leider ins Leere - war u.a. angedacht) um so meinen Rückzug zu vertuschen.
Am fünften Tag fand ich mich in einem Supermarktregal auf den Klorollen sitzend wieder, wo ich wild auf Zettel kritzelte. Ebenso in der U-Bahn, auf einer zugigen Bank auf der Zeil im Regen und im Museumscafe. Über den sechsten Tag schweigen wir.
Heute ist der siebte Tag. Diese Seite gibt es heute seit genau zwei Jahren. Wobei ich das ehrlich gesagt nicht wirklich so genau weiß, mit Schaltjahren und dergleichen. Das sollte uns aber nicht verunsichern, denn: Man muss die Feste fallen lassen wie man feiert. Also machen Sie es sich (weiterhin) bequem. Ziehen Sie die Socken aus und nehmen Sie sich ein Bier.
Zwei Jahre also. Ich hatte ja keine Ahnung, worauf ich mich da einlasse!
Der Nacken ist noch immer verspannt, ob das vom wegducken kommt oder von der Idee, dass ich momentan die Knirscherschiene nicht brauche, werden wir noch herausfinden. Die Zahnärztin sagte nämlich damals, dass ich irgendwann merken werde, wann ich sie brauche und wann nicht. Und ich habe seit ein paar Tagen die Überzeugung, sie derzeit nicht zu brauchen.
Das mit dem Sport ist eine merkwürdige Sache, weil sich unter der Haut plötzlich Muskeln abzeichnen. Weil ich mich manchmal irgendwo anfasse und "aua!" denke - das ist jetzt etwas übertrieben, aber so ein Gefühl von Härte, wo sonst keine war, ist es schon. Beim Kratzen am Arm oder so. Im Gegensatz dazu denke ich dann beim mentalen Kratzen manchmal "aua!", weil da plötzlich keine Härte war, wo ich sie vermutete. Auch komisch.
Und dann, wie gut es mir tut, seit zwei Wochen nicht mehr mit Sack und Pack durch die Gegend zu reisen. Wie sich das alles setzen kann in dieses Dingens, das man Alltag nennt, und das langweilt, wenn es komplett da ist, und quälend fehlt in seiner Abwesenheit.
Das passende Buch fehlt mir allerdings gerade. Vorschläge, jemand?
Andererseits, so ganz spontan: wenn man nichts zu lesen hat, holt man sich am besten die Autoren nach Hause. Ich setzte mich also in den Schaukelstuhl (schonmal üben, für später) und freue mir ein Loch in den Bauch, für die nächsten Tage die
hier begrüßen zu dürfen.
(--->Platzhalter für eins dieser komischen animierten Männchen vom Herrn N., so eins mit begeisterten Grimassen<---)
P.S. Frau Bluetenstaub, bitte räumen Sie aber hinterher alle Stöckchen wieder weg!
Ich bin auf dem Weg vom Kino nach Hause. Stehe an der Bushaltestelle, es ist Nacht, kalt und regnerisch. An der Haltestelle ist es extrem voll und gedrängelt, der Bus kommt erst in 48 Minuten. Schräg gegenüber ist ein S-Bahn-Station, die Bahn kommt in wenigen Minuten, aber da ist kein Mensch und die Station ist sehr unheimlich, mit einer einzigen Rolltreppe, die hoch führt und keinem Alternativausgang.
Trotzdem entscheide ich mich für die S-Bahn, weil mir kalt ist und ich müde bin, ich gehe über die Ampel, über die Straße. Vor mir geht ein junger Mann, neben mir noch einer, hinter mir höre ich Schritte. Ich gehe weiter, an der Rolltreppe rempelt der eine mich an, die anderen stellen sich mir in den Weg. Ich benutze unschöne Worte aber sie gehen nicht weg. Ich bekomme Angst und beschließe, zurück zur Bushaltestelle zu gehen. Ich bin sehr ärgerlich, weil ich jetzt auf den Bus warten muss, weil ich nicht mit der S-Bahn fahren kann, werde sehr wütend.
Knapp vor der Ampel drehe ich mich wieder um und sehe die drei Typen die Rolltreppe hochfahren. Bleibe stehen, bis sie oben sind und gehe dann zur Rolltreppe zurück. Sondiere die Lage und beschließe, doch S-Bahn zu fahren. Ätsch. Ich fahre auf der Rolltreppe hoch, ducke mich dabei, will mich das letzte Stück so agentenmäßig anschleichen. (Probieren Sie das auf einer fahrenden Rolltreppe mal!!).
Als ich oben bin, sehe ich eine alte Bekannte am Bahnsteig stehen. Ich gehe auf sie zu und spreche sie an. Als sie sich umdreht sehe ich, dass sie noch ein Kind ist, ca. 12 Jahre. Dann kommt die S-Bahn.
Dann ein Schnitt und ich bin an der Kinokasse. Mit dem Freund meiner Kollegin. Er kauft Kinokarten, je zwei für zwei verschiedene Filme, damit wir spontan aussuchen können, in welchen wir gehen (Traumlogik). Wir laufen endlos über diese roten Kinoteppiche. Dann fahren wir mit der S-Bahn (!) nach zu meiner Kollegin nach Hause. Sie fragt nach dem Film, wir erzählen ihr davon, ich gebe ihr die Karte weil sie Kinokarten sammelt. Habe ihr aber die falsche Karte gegeben, für den Film, in dem wir nicht waren. Sie fragt, ob sie die morgen benutzen kann, weil die ja nicht abgeknipst ist. Ich sage ihr, dass das nicht geht, weil die für heute war und sie wird sehr böse, darauf, dass wir den einen Film gesehen haben und nicht den anderen und dass wir Bahn statt Bus gefahren sind.
Ich gehe durch den Regen nach Hause und erinnere mich an den Film, den wir nicht gesehen haben, der nämlich der Film zu diesem Video war: http://de.youtube.com/watch?v=flLaujbsIAo
Aufgewacht.
Hasta la victoria - siempre.
;-)
Also ging ich zur Büroleiterin und fragte, ob man diesen offensichtlich sinnlosen Kartenleser abschaffen könne. Die Antwort war "Nein". Ich fragte warum. Die Antwort war "Das geht Dich nichts an".
Nun ist das eine Antwort, mit der ich zwar grundsätzlich meinen Frieden gemacht habe - manchmal ist sie aber schlichtweg unzutreffend. Ich hatte dort oben irgendeine hochwichtige Tätigkeit, deren genaue Ausgestaltung mir bis zum Ende nicht klar wurde, auszuführen. Da geht mich der Grund für die Nichtabschaffung eines nutzlosen Geräts, das mich alltäglich mehrfach auf Umwege schickt, sehr wohl etwas an. Dies tat ich kund - und bekam ein Bändchen, um meine Codekarte fortan um den Hals zu tragen.
Das hatte ja nun schon einen gewissen Stil, mir so ein Bändchen auszuhändigen. In angemessener Bewunderung für diese Chuzpe hielt ich eine ganze weitere Woche still, bis ich meinen 4-Punkte-Plan zur Abschaffung des Kartenlesers aufnahm. Es handelte sich hierbei um die folgenden Phasen, die jeweils eine bis zwei Wochen andauerten.
Phase 1: Schaffen der "Awareness".
Wann immer ich nun dem Kartenleser begegnete - ob mit oder ohne Karte - sagte ich, gut vernehmlich, etwas in der Art von "Ach, der Kartenleser." Oder "Ach, gut dass ich die Karte an diesem Bändchen habe." Oder "Das ist ja echt was mit dem Kartenleser". Wann immer ich jemandem am Kartenleser begegnete, sagte ich: "Ach, der Kartenleser. Ihre oder meine?" oder "Ah, Sie haben die Karte dabei. Und ganz ohne Bändchen."
Nach einer Woche war jedem, ausnahmslos jedem, auch den wenig vergesslichen Menschen im Büro, die immer ihre Karte bei sich tragen und sie automatisch vor jedes grüne Licht halten, die Existenz des Kartenlesers ganz vorn ins Bewusstsein gerückt. Es war an der Zeit, in Phase 2 zu wechseln.
Phase 2: Infragestellung.
In dieser Phase wurden meine beiläufigen Bemerkungen zu offenen Fragen zur Existenz des Gerätes. "Warum ist hier eigentlich dieser Kartenleser?". "Wissen Sie, wozu der gut ist?". "Ach, Sie haben keine Karte dabei? Ich hab ja dieses Bändchen. Wer hat den nur hier anbringen lassen?". "Was ist eigentlich, wenn es hier mal brennt?" (Als Brandschutzbeauftragte wusste ich, dass ein ausgelöster Alarm sämtliche Kartenleser deaktiviert - übrigens interessant, wenn man mal in so einen Bürotrakt einbrechen möchte -, was aber nicht heißt, dass man das nicht mal so in den Raum fragen kann). Es entwickelten sich kurze Gespräche, kleine Scherze, Anekdoten über andere Unsinnigkeiten des Alltagslebens wurden berichtet. Mit nur ein wenig Übertreibung kann ich sagen, dass der Kartenleser beinahe die Teeküche als kommunikatives Herz des Rapunzelturmbüros ersetzte. Die Zeit war reif für Phase 3.
Phase 3: Das Zusammenziehen des Netzes.
Hier musste ich die Suppe zum Kochen bringen, also aus Einzelmeinungen eine Gesamtmeinung formen. Die Ganggespräche wechselten von offenen Fragen zur Wiedergabe des bereits (von anderen) Gesagten: "Ach, Sie haben die Karte vergessen? Da sind Sie in guter Gesellschaft. Sogar der Herr X aus Büro Y stand letztens hier und hat gefragt, wozu dieses Gerät eigentlich noch da hängt.". "Machen Sie kurz auf? Ich bin so bepackt. Für die Postleute ist es auch nicht einfach mit dem Ding." "Warten Sie, ich mach schon - elendiges Teil. Der ganze Gang hier klagt darüber." Mir wurde warm ums Herz.
Phase 4: Der goldene Moment.
Es gibt sie manchmal, diese goldenen Momente. Ich bin unsicher, ob sie schlichtweg durch eine gehörige Portion Glück bedingt sind, oder ob auch eine gewisse Bereitwilligkeit, sie aufzuspüren und von jetzt auf gleich, von null auf hundert zu nutzen, dazu gehört. Vermutlich beides.
Mein goldener Moment kam Ende Oktober. Der Chef des Rapunzelturms hatte eine sehr kleine und sehr feine Besprechung in seinem Büro. Weitere Mitarbeiter wurden nach und nach hinzugezogen. Ich wurde Hals über Kopf zum Übersetzen hineinbeordert - Karte samt Bändchen blieben auf meinem Schreibtisch zurück.
Dann die positive Entscheidung, ein überhastetes Ende des Meetings bevor es sich noch jemand anders überlegte, nichts wie raus und zum Anstoßen und an die zehn Personen in dunklen Geschäftsanzügen drängelten sich vor der Brandschutztür mit Kartenleser. "Frau N., your card...?", sagte der Chef.
Das war er, der goldene Moment.
"I apologize", sagte ich mit leeren Händen, und, seufzend, "This card-reader....". Es dauerte nur einen Sekundenbruchteil, bis all die anwesenden Mitarbeiter, randvoll mit Nach-Meetings-Adrenalin, lauthals in das Kartenleserlamento einstimmten, es in die Welt trugen, es zu einer schillernden, wirbelnden Wolke aus blitzend-überzeugenden Argumenten machten, die sich geballt auf einen einzigen Schluss richtete:
"Please have it removed", sagte der Rapunzelturmchef leise zu mir, bevor wir - zum letzten Mal - auf Umwegen quer durch das Büro beschwingt zum Ausgang gingen.
Ehm - hier pfeifts, als ob der Rapunzelturm gleich abhebt...
(edit - als ob ich gerade noch mehr Gegenwind bräuchte, chrchr *doofes Kichern*. Aber vielleicht isses ja auch Rückenwind, man wird sehen, wenn man rausgeht. Später.
Aber dann, wer weiß, wie lang das Ding noch steht, muss doch noch was geschrieben werden. Ständig diese Beinahtoderfahrungen... Auf dem Heimweg vom Sport gestern bin ich doch schon mit einem roten Laserpointer (oder so) anvisiert worden. Den ganzen Weg die Straße entlang. Einmal stehen geblieben und mich ausgiebig umgeschaut - niemanden gesehen. Laserpointer kreiste derweil auf meiner Brust herum. Was ich als Hinweis auffasste, dass mich da niemand abschießen möchte sondern sich ein Späßchen macht. Den Weg beruhigt und ohne Grübeln über letzte Worte fortgesetzt, man muss auch gönnen können...
Was ganz anderes wollte ich sagen. Ein Eingeständnis meiner manchmaligen Merkwürdigkeit. Dass ich in der Fitness-Studio-Dusche nämlich nach Einstellen der korrekten Wassertemperatur immer den Duschknopf zwecks "Bestätigung" drücken. Die Dusche geht dann aus. Trotzdem kann ich es mir seit einem halben Jahr nicht abgewöhnen. Man möchte doch perfekte Ergebnisse immer gern bestätigt wissen.
Und dass ich immer wieder in die falsche der beiden Tamponpackungen greifen, weil ich die niedrigere aufgedruckte Zahl auf der Packung mit der kleineren Größe assoziiere. "Anzahl, nicht Größe" bete ich mir jeden Monat ein paar Tage lang vor. Es nützt überhaupt nichts.
Und dass ich nur unter höchster Konzentration analoge Uhren lesen kann. Und trotzdem eine trage, muss ja nicht jeder gleich alles wissen. Intuitiv spiegele ich die beim Ablesen nämlich immer. Jetzt ist es 10 nach 12, das lese ich als 10 vor 12. 10 nach 8 wird 20 vor 2, und so weiter und sofort. Schon immer. Hirnfehler. Nicht der einzige.
Was noch? Der Turm schwankt, aber steht. Naja, vermutlich steht er, weil er schwankt. Aber das klingt so grauenhaft undramatisch. So nüchtern. Und vermutlich so wahr. Ich weiß doch auch nicht. Geschüttelt und gerührt, aber der Drink ist noch im Glas. Glaub ich. Nach ein paar verliert man ja den Überblick.
Sehen Sie mir diese Wirrungen nach, ich habe schlecht geschlafen. Wenn überhaupt..)
