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    Dienstag, 25. Februar 2025
    25. Februar 2025

    Es kommt mir derzeit überall sehr ruhig vor. Im Büro, auf der Straße, in der Kantine. Erst hatte ich die neuen Kopfhörer im Verdacht, die sind mit Knochenschall, wer weiß, vielleicht hat der Schall meine Hörknochen zertrümmert oder sowas. Bitte nichts Anatomisches erklären, ich weiß schon Bescheid, vielleicht kennen Sie das aber auch, dass Gedanken ihren Lauf nehmen, ohne, dass man es so richtig bemerkt, die kognitive Steuerung muss sie dann erst mit je nachdem, was gerade erforderlich ist, Bildung, Sozialisation etc., wieder einfangen, wohl denen, die nicht sofort den Mund aufmachen, wohl denen, die nicht schneller tippen als denken können. Whoever that may be.

    Meine Ohren sind jedenfalls völlig in Ordnung.

    Gestern hatte ich mir schon die Parteiprogramme der mutmaßlichen Koalitionsparteien ausgedruckt, also CDU, CSU und SPD, damit ich in Kürze den Koalitionsvertrag kritisch prüfen und dann im Verlauf der nächsten Jahre seine Umsetzung beobachten kann. Ich habe ja seit einigen Wochen ein neues Hobby, nämlich lästige Bürgerin sein. Man kennt sowas ja im Rahmen des Shareholder Activism, Leute, die einem den letzten Nerv rauben, ich freue mich auf viel Korrespondenz mit meinem/meinen Wahlkreisabgeordneten (gleichberechtigte Sprache ist hier nicht erforderlich, es sind nur Männer, nicht überraschend, im neuen Parlament liegt der Frauenanteil bei weniger als einem Drittel. Ich fühle mich schon rein qua Geschlecht nicht ausreichend vertreten, inhaltlich müssen wir natürlich gar nicht erst anfangen). Ich habe bereits nach der nächsten „Bürgersprechstunde“ gefragt und ob sie auch für Bürgerinnen offen ist, man weiß es ja nicht. Namentliche Abstimmungen werde ich gut beobachten und dazu Rücksprache halten. Leider sind sehr viele Informationen nur auf Facebook zu finden, das habe ich ja nicht, daher muss ich mich immer direkt beim Büro erkundigen. Das Facebook-Thema werde ich auch noch adressieren. Vielleicht werde ich mir ein kleines Notizbüchlein zulegen. Das wird schön! Ich sage ja schon immer, dass ich als Rentnerin Internet-Troll werde, in der Phase vor der Rente werde ich nun Politik-Troll.

    Jetzt muss ich noch den Koffer packen für morgen. Ich fahre zu einer Weiterbildung und möchte gleichzeitig auch am Zielort schwimmen gehen, das wird – da ich normalerweise mit einem Köfferchen in Handgepäckgröße reise, das aber schon zur Hälfte von einem Ordner mit Papier gefüllt ist – anspruchsvoll. Zumal, das ergab sich sehr unerwartet, ich nach dem Schwimmen immer Käsebrot essen möchte. Ich muss also auch Käse und Brot und Butter und ein Messer mit mir führen. Ich bin gespannt, wie ich das Gepäckproblem lösen werde, aktuell habe ich noch keine Idee dazu.

    (Kommentare)

    24. Februar 2025

    Aufgewacht mit einem dezenten Gefühl der Verkaterung – nein, kein Alkohol gestern. Und auch für mich kein unerwartetes Wahlergebnis, wenn auch ein unschönes. Diejeinigen, die AfD wählen, verstehe ich nicht. Ich kenne ein paar, ich habe sie danach gefragt und versucht, sie zu verstehen aber nichts, was sie sagten, ergab für mich Sinn. Vielleicht liegt das auch an mir, an einer ganz anderen Lebenswirklichkeit. Ich verstehe ja auch nicht, wo die massenhaften Stimmen für die Faschos im Osten herkommen, verstehe aber zugegebenerweise auch nichts vom Osten Deutschlands, ich komme aus dem Westen des Westens und hatte zur damaligen DDR nie irgendeine Emotion und es ist da auch mit der Wiedervereinigung keine nachgewachsen, das Gebiet ist mir fremder als die Niederlande oder Großbritannien und für Deutschland an sich habe ich ja auch keine Emotion. Wohl aber für Europa. Wie soll ich da irgendwas verstehen.

    Dann schauen wir mal, ob es Herrn Merz gelingt, eine handlungsfähige Regierungskoalition zu bilden. Das Land zu einen, so viel kann ich schon prognostizieren, wird ihm sicherlich nicht gelingen, ich denke auch nicht, dass er Wert darauf legt oder falls doch ist er einfach noch unbeholfener, als er auf mich sowieso schon wirkt. Seine Sprache insgesamt befremdet mich, die aus der Zeit gefallenen Ausdrücke, die holprig-ungeschickte Wortwahl, wenn er emotional angefasst ist, all das wirkt nicht besonders staatsmännisch auf mich, zumal ich ihn immer schütteln will und sagen „jetzt steh endlich mal gerade wenn du unter die Leute gehst meine Güte!“ Und – das ist aber wirklich einer meiner eigenen Ticks – seine leicht verkürzten Vokale stoßen mich ab.

    Der Arbeitstag war heute von entsprechend viel Gesprächsbedarf von allen Seiten geprägt, dann gab es noch einen übers Wochenende aufgetretenen Mangel auf der am Freitag nach über einem Jahr endlich abgeschlossenen Baustelle und ich war wirklich sehr, sehr genervt.

    Andere waren auch schlechter Stimmung, nun handeln Personen ja sehr unterschiedlich, wenn sie schlecht drauf sind und mein Ansatz ist es in der Regel, dann etwas Unterhaltsam-Ablenkendes zu tun. Wir hatten heute einen großen Tisch beim Pub-Quiz gebucht, wegen schlechter Stimmung sagten recht viele ab aber wir verbliebenen drei entschlossen uns, gerade wegen schlechter Stimmung hinzugehen, weil bei uns schlechte Stimmung zu Hause auf dem Sofa bislang in den seltensten Fällen irgendwie besser geworden ist. Wir können, so kamen wir überein, auch in guter Stimmung das Wahlergebnis scheiße finden und so stießen wir auf gute Stimmung an und warfen uns ins Geschehen. Bei den Fragen waren wir grauenhaft schlecht, es ging viel um Filme und über Filme weiß ich ja schlicht gar nichts, kenne weder Filmtiteln noch Mitwirkende, also wirklich ein Totalausfall. Wir werden beim nächsten Mal gezielt eine filmversierte Begleitung suchen. Ein weiterer Part behandelte Katzen im weitesten Sinne, da brillierte ich und dann gab es noch historische Dinge, die wir recht okay beantworten konnten und aktuelle und geographische Fragen, ebenfalls ganz okay. Lustig war auch der Activity-Teil, mit Ente suchen, Dartpfeile werfen, noch irgendwas und dann sollte noch gemalt werden, nämlich „a picture of a sexy Musk with a sexy Trump in his arms“. Ich sage gleich erstmal spontan „no way!“, die anderen stimmten mir zu und so schrieb ich „there is no such thing as a sexy Musk or a sexy Trump“ groß in Pink über die Karte, die eine Kollegin ergänzte „spread love not hate“ und die dritte malte Herzchen dazu. Man muss ja nicht über jedes Stöckchen springen. Und ja, das war natürlich alles satirisch und kritisch gemeint, ich halte trotzdem nichts davon, diesen Leuten immer mehr wie auch immer gearteten Fame einzuräumen. Sie existieren, das ist schon mehr als genug, es ist nicht notwendig, sie in allen möglichen Zusammenhängen präsent zu halten.

    Eigentlich hatte ich gedacht, dass viele Teams diese Aufgabe verweigern würden, alle außer denen, die wirklich besonders gut zeichnen können vielleicht, aber wir waren die einzigen. Dafür bekamen wir dann Fame – eine große Projektion auf alle Bildschirme und einen Sonderpunkt (und nochmal Getränke).

    Ja, ich denke, das war besser, als auf dem Sofa zu sitzen.

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