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    Dienstag, 3. März 2020
    Nein, meine Suppe ess' ich nicht!

    Im Büro habe ich heute einen etwas komplizierteren Plan so angeschoben dass er nun hoffentlich unaufhaltsam ist und darüber freute ich mich außerordentlich.

    Ich kann leider nicht konkret sagen, worum es geht, aber stellen Sie es sich so vor: unser Mutterhaus möchte seit Jahren, also seit mich mich erinnern kann, das wir in unserem Büro ein mehrgängiges Haute-Cuisine-Menü kochen. Wir wollen das aber nicht, aus verschiedensten Gründen - es kostet viel Geld und Zeit und macht Unordnung und am Ende sind komische Zutaten drin und wir brauchen das auch überhaupt gar nicht, weil keiner Hunger hat und Appetit schon sowieso nicht.

    Trotzdem ploppte dieses Menü immer wieder hoch. Meist ignorierten wir die Aufforderungen dazu, verschleppten das ganze, manchmal wurde es aber auch Ernst, so kam das Thema zum Beispiel im Audit vor 3 Jahren auf. Damals sägte der Oberchef es dann ab, "in meinem Büro nur Handkäs mit Musik!" sagte er, und am alten Oberchef traute sich ja keiner vorbei auch niemand aus dem Mutterhaus.

    Nun ist der alte Oberchef aber seit mehr als einem Jahr weg, kurz nach seinem Weggang konnte ich die Frage, wann wir denn nun endlich das Menü zubereiten würden, alle anderen Büros hätten nun auch schon, es sei wirklich an der Zeit, mit einem knappen "Handkäs!" abwürgen, aber - man muss es leider sagen - der Schatten des alten Oberchefs verblasst.

    Im letzten November das nächste Audit, also drei Jahre später, wieder wurde gerügt, dass es kein mehrgängiges Haute-Cuisine-Menü in meinem Büro gäbe. Auch noch als "recurring finding" - recurring findings sind schlecht, sie zeugen von mangelndem Lernvermögen oder Renitenz, beides nicht gern gesehen, und der neue Oberchef, der noch nicht den Schatten des Alten wirft, sagte eher sowas in der Richtung "Was, Menü, will ich nicht, machen Sie das weg, mir egal wie!"

    Ich sah uns in gefährlichen Wassern, der menülose Zustand schwankte in meinen Zukunftsvisionen ganz bedenklich, ich hatte Sorge, es könne am Ende noch eine Lieferung von Carepaketen vom Mutterhaus geben. Also dachte ich nach und telefonierte ein bisschen und beriet mich mit zwei Kollegen, dann ging ich zum neuen Oberchef und sagte "Passen Sie auf, das nicht vorhandene Menü wird uns um die Ohren fliegen, mit "wir haben kein Menü und wir wollen auch keins" kommen wir nicht länger durch. Wir müssen die Taktik ändern und sagen können: was, wir haben doch ein Menü, das beste der Welt wir sind so glücklich, danke, dass ihr da so nachgehakt habt und drangeblieben seid, das Leben ist jetzt wirklich viel besser als vorher."

    Er wolle aber doch dieses absurde Menü nicht, und die Kosten, fluchte der neue Oberchef, bis ich ihm erklärte, dass ich ja auch von einem anderen Menü spreche mit wirklich ganz geringen Kosten. Aber eben doch ein Menü, zum Vorzeigen mit dem inbrünstigen Stolz junger Eltern, die ihre hässlichen zerfledderten Entchen präsentieren - da soll erstmal jemand zu sagen wagen, unser höchsteigenes Menü wäre nicht gut genug, was für eine Arroganz, was für ein Affront!! Der neue Oberchef besitzt einen kalkulierenden Gesichtsausdruck, diesen verwendet er und sagte "ok".

    Es musste nun alles etwas schnell gehen, denn so ein Audit-Report macht natürlich die Runde. Als aber eine knappe Woche später die E-Mail kam, man habe nun das Menü zu einem Projekt erklärt mit einem Projektleiter und ich solle mit ihm bitte Kontakt aufnehmen, konnte ich guten Gewissens "you will be pleased to hear that his issue has been resolved, I contracted this immediatly after it came to my attention and we are awaiting completion shortly". Der erste Teil des Satzes war ein geworfener Handschuh, der zweite seit wenigen Sekunden die absolute Wahrheit, der dritte eine fromme Hoffnung.

    Es folgte lautes Schweigen von der anderen Seite.

    Vor einigen Tagen kam eine Mail mit der Bitte um Bestätigung, dass es bei uns ein tolles Menü gäbe. Ich antwortete, wir würden ein ganz tolles Menü essen können, davon sei jeder überzeugt und wir wären glücklich über diese hervorragende Lösung.

    An der Stelle hätte nun eine Frage in der Art "is this compeleted or not?" kommen müssen. Aber das haben die anderen versäumt und deshalb habe ich jetzt gewonnen. Zwar hat - außer der Vertragsunterzeichnung - noch rein gar nichts stattgefunden, aber heute konnte ich schon proaktiv im das Bild des beinahe-schon-ganz-vorhandenen-tollen Menüs festzuzurren mailen, dass es leider eine klitzekleine Verzögerung der begonnenen Arbeiten geben würde, wegen Corona natürlich, Lieferschwierigkeiten. Das kann ich die nächsten zwei Wochen aufrechterhalten bis dann unsere Hauptköchin für drei Wochen im Urlaub ist und ohne die darf niemand die Küche betreten, das wäre viel zu gefährlich, Arbeitssicherheit wird bei uns groß geschrieben!

    Und dann ist der Liefertermin, der mir ganz, ganz fest für spätestens Anfang Mai versprochen wurde, auch schon da. Ab da haben wir unser mehrgängiges Menü, auf das wir unglaublich stolz sind, das beste Menü, das uns das Leben viel leichter macht: ein McDonald's Kindermenü.

    Mitte Mai gibt es dann Besuch, der das Menü in Augenschein nehmen wird, für diesen Zeitpunkt müssen wir dann noch eine gewisse Funkdisziplin einüben à la "des Kaisers neue Kleider".

    Und dann ist das Thema nach zig Jahren durch. Ich bin außerordentlich zufrieden mit mir!


    (Falls das Ganze mir aber aus irgendeinem Grund doch noch um die Ohren fliegt, werde ich vermutlich eine neue Identität brauchen.)

     
    Bin schwer beeindruckt und biete für den unwahrscheinlichen Fall eines Um-die-Ohren-Fliegens meine Identität bei meinem Arbeitgeber inklusive Unterkunft an.

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    Unglaublich und unglablich unterhaltsam. Die Welt ist verrückt geworden, aber eigentlich war sie das schon immer. Das haben Sie jedenfalls sehr geschickt gemanaged.

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