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    Freitag, 5. Juli 2019
    Wmdedgt 7/2019

    (Was das ist und die übrigen Einträge dazu hier.)

    Was machst Du eigentlich den ganzen Tag, was habe ich gemacht heute, wo soll ich anfangen? Der Tag hätte auch gut für eine Woche ausgereicht. Als er begann, war ich noch im Taxi auf dem Heimweg von einer interessanten Veranstaltung mit interessanten Leuten, dazu ein andermal mehr. Ich schlief gegen 2, ich war um irgendwas mit 6 vor dem Wecker wach und brannte vor Energie. Das ist nichts Gutes. Ich habe diese Phasen, in denen die Energie überschäumt, alles scheint möglich, es geht immer noch etwas schneller, höher, weiter, immer noch eins drauf, nein, es geht nicht nur, es muss sogar, ich kann das gar nicht stoppen, wenn es einmal begonnen hat. Früher stoppte ich das durch Einen-Abend-echt-zu-viel-trinken-Reset, heute hasse ich es aber ja, betrunken zu sein, also fälltauch das weg und es endet meist schnöde mit einem Migräneanfall. Schauen wir mal.

    Also goss ich um irgendwas mit 6 den Balkon, um irgendwas mit 7 war ich angezogen und radelte los zu einem Freund dem ich seinen Haustürschlüssel in den Briefkasten warf (nicht wegen Entfreundung sondern weil jemand anders ihn benötigt). Dann fuhr ich weiter zum Arzt, ein Rezept abholen, das ich auch gestern schonmal abgeholt hatte, aber da war es falsch ausgestellt. Irgendwann werde ich der Ärztin anbieten, ihr Praxisteam mal auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen und effizient und freundlich zu machen.

    Dann fuhr ich ins Büro, Ankunft gegen 9 Uhr, schon diverse verpasste Anrufe vom Nachfolger vom Oberchef (ab jetzt: NOC) auf dem Display. Ich hatte ihm gestern etwas sehr wichtiges vorbereitet, jetzt hat er es gelesen, hat zwei Änderungen und braucht es dann ganz schnell und wichtig und ausgedruckt und unterschrieben und eingescannt und dann verschickt er die Mail mit warmen Worten und ich das Original mit nochmal warmen Worten und dann wird alles gut.

    Bis zum Scan komme ich, dann werde ich in einem anderen Büro aufgehalten, um Probleme mit der Einrichtung zu besprechen, dann bin ich schon ein paar Minuten zu spät zu meinem 10-Uhr-Meeting. Sie müssen wissen: ich bin nie zu spät. Außer das Streichholz brennt von beiden Seiten.

    Aus dem 10-Uhr-Meeting gehen ein paar Dinge hervor, an die ich mich jetzt schon nicht mehr erinnere, ich habe sie aber auf einem Zettel notiert und hoffe jetzt sehr, dass ich den nicht weggeworfen habe und nächste Woche irgendwann (was dann die letzte Woche vor dem Urlaub wäre) noch in eine Datei einpflegen kann.

    Direkt nach dem Meeting ging es aber jedenfalls nicht, weil ich um 10:15 Uhr einen Termin mit dem NOC hatte, allgemeine Dinge durchgehen und Vorbereitung auf ein Gespräch, das seit Monaten überfällig ist und auf der Skala der Unangenehmheit auf 9 von 10 anzusiedeln ist. Wir machen erst das Allgemeine, daraus gehen ungefähr weitere 12 Aufgaben für mich hervor, genau weiß ich es aber nicht, weil ich auch diesen Zettel hoffentlich nicht weggeworfen habe, denn sehr unvermittelt erhält der NOC einen Anruf und muss wegrennen - längstens 5 Minuten, er meldet sich dann.

    Ich stolpere also mit dem Zettel in mein Büro zurück und findet dort eine wartende Person, die Verantwortung für etwas, das sie selbst verbockt hat, auf "fehlerhafte Prozesse" schieben möchte. Prozesse kann man natürlich immer nochmal überprüfen, sage ich ihm, aber generell ist es auch immer eine schlechte Idee, zu entscheiden, bevor man sich informiert hat, nur aus Eile heraus oder weil man eben auf die eigene Menschenkenntnis vertraut. Ist aber auch egal, sage ich, der finanzielle Schaden ist gering, nehmen wir es als Lerngelegenheit - ich, um die Abläufe zu überprüfen, er, um die eigene Haltung zu überprüfen, sowas kann schnell viel teurer werden, so, wie es ist, ist es fast schon ein Glücksfall.

    Der Kollege geht, Anruf von der Buchhaltung, dass der Vermieter die komplette Miete abgebucht und nicht die eingereichten Auslagen berücksichtigt hat, wir sprechen da immerhin im mittleren 5-stelligen Bereich (für die Auslagen) und ich hätte das gerne noch im Q2 gehabt, Augenzucken. Notiz, nächste Woche den Vermieter anzurufen.

    Ein anderer Kollege kommt wegen etwas Belanglosem, aber den brauchte ich sowieso, es gibt eine Änderung, die ich ihm mitteilen muss und ich weiß, dass sie ihm nicht gefallen wird. So ist es auch, der Kollege verlangt zu wissen, wieso er nicht in die Entscheidung einbezogen wurde (weil es halt nicht seine Entscheidung ist) und schlägt mir diverse andere Wege vor, die ich aber auch alle schon geprüft habe und aus verschiedenen Gründen - die den Kollegen leider größtenteils nichts angehen - nicht gehen will. Er dache, es würde alles besser, wo der OC jetzt weg ist, sagt der Kollege, aber eigentlich würde alles nur immer noch viel schlimmer, erst habe er den Schrank nicht bekommen (Erklärung: dieser Kollege hat sich aus einem anderen Büro einen Schrank genommen, das geht so natürlich nicht, man kann nicht einfach jemand anderem einen Schrank wegnehmen, das sollte eigentlich jedem klar sein, denke ich, scheint es aber nicht zu sein - man könnte natürlich nach einem Schrank fragen, das wollte damals der Kollege aber wiederum nicht, also ist er ohne zusätzlichen Schrank geblieben) und jetzt das, und dann sagt er etwas, das mich dazu bringt, zum zweiten Mal überhaupt im Büro jemandem zu sagen, dass es für uns beide besser ist, wenn er jetzt geht, und ihm die Tür aufzuhalten.

    Es ist jetzt eine Stunde vergangen seit den 5 Minuten, die der NOC weg bleiben wollte, es steht noch das Vorgespräch zum wichtigen Gespräch an und das wichtige Gespräch selbst und ich weiß, dass er in etwa einer halben Stunde einen bis in den Nachmittag dauernden Termin haben wird. Also beschließe ich, nicht länger zu warten, sondern wieder hinzugehen, auf dem Weg will ich den hochwichtigen Brief von ganz am Anfang bei der Poststelle abgeben, mache mich auf den Weg dorthin und entdecke im Brief einen Tippfehler. Auf der ersten Seite. Im Namen.

    Ich atme ein bisschen gegen eine Wand, gehe zurück an den Schreibtisch, korrigiere den Brief, drucke ihn neu aus, scanne ihn neu ein (war auf der ersten Seite, die Unterschriftenseite kann also bleiben), gehe zum NOC und sage ihm, dass ich in seinem hochwichtigsten Brief der Welt leider einen Tippfehler in den Namen des Empfängers gehunzt habe. Der NOC atmet auch ein bisschen gegen eine Wand und schickt dann der ersten Mail noch eine weitere hinterher, dann fragt er, wie der Kollege auf die Entscheidung reagiert habe, ich berichte kurz, wie er reagiert hat und dass ich ihn aus meinem Büro gebeten habe und warum, der NOC nimmt die Brlle ab und reibt sich die Augen und murmelt etwas von "wenn mir der OC das alles vorher gesagt hätte..."

    Dann folgt das Vorgespräch zum unangenehmen Gespräch, das Vorgespräch läuft sehr gut, allerdings hat der NOC jetzt nur noch 15 Minuten Zeit, man kann nicht für ein unangenehmes Gespräch 15 Minuten einplanen. Am Nachmittag dann.

    Ich gehe zurück in mein Büro, schicke den Brief endlich ab, schaue zum ersten mal am Tag durch die Mails und sortiere nach "ganz wichtig unbedingt heute machen" und "Montag reicht" und sichte die Eingangspost. Jetzt ist es 12 Uhr.

    Ich gehe ein paar Leute in ihren Büros besuchen, ihnen etwas erzählen oder erklären oder geben oder bei etwas weiterhelfen nehme mir immer vor, mir zwischendrin einen Kaffee zu holen, schaffe das aber nicht (tatsächlich den ganzen Tag nicht) aber immerhin komme ich zu einem Käsebrötchen und einem Donut, den ein Praktikant zu seinem letzten Arbeitstag mitgebracht hat.

    Um 14 Uhr bin ich zu einer Begehung der Bürofläche verabredet, zusammen mit dem Sicherheitsbeauftragten und einem Mitarbeiter, der für Einrichtung etc. zuständig ist. Aus 1,5 Stunden Begehung gehen ein paar Seiten Notizen zu Mängeln und Vorschlägen hervor, auch die hoffentlich nicht weggeworfen. Nun ist es 15:30 Uhr und ich bin eigentlich mit Frau Herzbruch zu einem 10-Minuten-Telefonat verabredet, aber genau da ruft der NOC an, dass jetzt, also exakt jetzt der Zeitpunkt für das Gespräch gekommen ist. Also dort hin, das unangenehme Gespräch ist kein bisschen weniger unangenehm als antizipiert, es fällt der Satz "ein Manager kann immer nur so gut sein, wie sein Team" - was natürlich unglaublicher Schwachsinn ist, es gelingt mir aber immerhin, das anders auszudrücken. Gut, die Karten sind auf dem Tisch, wir vereinbaren Folgetermine für Montag und Dienstag (das wird eine schlimme letzte Woche vor dem Urlaub), jetzt ist es 16:30 Uhr.

    Zurück am Arbeitsplatz die Urlaubsübergabe mit einem Mitarbeiter, der eigentlich gerade Feierabend hat aber freundlicherweise auf mich noch gewartet hat. Dann jemand anders nach ein paar Tagen Krankheit auf den aktuellen Stand bringen und einer noch relativ neuen Person einen Teil eines Ablaufs, den sie noch nicht kannte, erklären. Um 16:50 endlich das 10-Minuten-Telefonat mit Frau Herzbruch, ich habe die irrsinnige Hoffnung, dann ab 17 Uhr noch die ganzen Dinge, die ich morgens als "ganz wichtig unbedingt heute machen" markiert hatte, erledigen zu können - illusorisch, weil ich um 17:30 mit Frau Fragmente verabredet bin. Tatsächlich klopft schon während des Telefonats jemand an die Tür, mit einer Antwort auf eine Frage, die ich wohl morgens irgendwann stellte und schon längst selbst geklärt hatte, aber er hat noch eine kleine Sorge und ein paar Ideen und ist ein sehr netter Mensch und so diskutieren wir noch einige Abläufe, jemand anders kommt dazu, die Meinungen sind divers, mich rettet das Telefon. Ein neuer Mitarbeiter, der nach einer Sache fragt, die ihm schon morgens hätte erklärt werden sollen, aber es ist genau das Stück des Ablaufs, das der relativ neuen Person bis vor wenigen Minuten gefehlt hatte, weil ich ja nicht verfügbar war. Erkenntnis, dass ich gerade der Bottleneck bin.

    Frau Fragmente um 17:20 benachrichtigt, dass ich 5 Minuten länger brauche (wieder zu spät also), in diesen 5 Minuten schiebe ich alle Aufgaben von heute auf Montag und denke bei jeder einzelnen "ach du meine Güte, das wäre echt wichtig gewesen!" und dann werfe ich (hoffentlich!!) alle Zettel von heute in den Schrank und nicht in den Schredder. 17:28 Aufbruch aus dem Büro, im Aufzug kurz orientiert, ob ich die wirklich wichtigen Dinge (Zugangskarte, Haustürschlüssel, Handy, Geldbörse) dabei habe (ja, habe ich), das dezente Deoversagen bedauert, hinterm Turm raus, über die Kreuzung zur Tiefgarage von frau Fragmente, Ankunft 17:33.

    Dann fuhren wir gemeinsam in die Waschanlage. Das war schön!!

    Dann fuhren wir weiter nach Offenbach zum Steak essen, trafen dort auf Herrn N., aßen Steak und als Dessert Heidelbeer-Cheesecake und besprachen alles auf der Welt und hinterher war ich tatsächlich nur noch 80% aufgedreht, Frau Fragmente gab mir meine Tasche von neulich zurück, ich holte noch das Fahrrad da ab, wo ich es morgens stehengelassen hatte (beim Arzt), fuhr nach Hause und eigentlich bin ich seitdem ununterbrochen damit beschäftigt, diesen verdammten Tag aufzuschreiben, weil er ja einfach kein Ende nahm.

     
    Zum LebenimGriffhaben gehört also künftig, am 5. eines Monats solche Höllentage zu vermeiden, um nicht so viel aufschreiben zu müssen.
     
    Definitiv!

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    Ich bin etwas verwirrt: Hatten Sie mit dem NOC ein Vorgespräch zu einem Gespräch zwischen Ihnen beiden oder war da noch eine dritte Partei involviert?
     
    Wir hatten ein Vorgespräch zu einem Gespräch mit einer dritten Person.
     
    Das ergibt natürlich viel mehr Sinn. Allerdings gibt es jetzt in meinem Kopf eine Welt, in der Sie und der NOC zunächst ein Vorgespräch zu einem absehbar unangenehmen Gespräch zwischen Ihnen beiden führen, in dem zivilisiert und ruhig die Regeln für letzteres festgelegt werden, damit man anschließend problemlos wieder zur Tagesordnung übergehen kann.
     
    Das wäre auch spannend!

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