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    Mittwoch, 10. Juli 2019

    Nach einer guten Nacht Schlaf im eigenen Bett sah ich mich heute in der Lage, ein neues Kleidungsstück auszuprobieren. Ich habe ja neulich eine neue Büro-Bluse gekauft, weil mir noch eine fehlte, damit das alles mit Waschen nur am Wochenende reibungslos funktioniert und das Spannende ist, dass die Bluse, die ich gekauft habe, eigentlich kein Kleidungsstück für mich ist. Ganz automatisch ordne ich Kleidungsstücke in Läden immer gleich Freundinnen zu. Ich sehe sehr häufig @schanuf-Kleidung, ab und an @fragmente-Kleidung, manchmal @herzbruch1-Kleidung und die Bluse, die ich kaufte, ist eigentlich @joriste-Kleidung. @joriste hat aber einen sehr guten Geschmack, so dass ich dachte, ich probiere das einfach auch mal aus, war mir dann aber erst ein paar Tage unsicher, mit welcher inneren Haltung genau diese Bluse zu tragen ist, dazu fühlte ich mich erst im ausgeschlafenen Zustand sicher genug. Also heute. Alles war gut.

    Im Büro traf es sich auch gut, dass ich ausgeschlafen war. Der Nachfolger vom Oberchef möchte jetzt nämlich die Bürofinanzen verstehen. Generell finde ich das gut, dann habe ich endlich jemanden, mit dem ich über dieses neue Lieblingsthema von mir reden kann. Wie Sie wissen, befasse ich mich ja seit ungefähr einem halben Jahr damit, die Bürofinanzen restlos zu verstehen. Ich hoffe, beim NOC geht es etwas schneller, so viel Zeit, wie ich da hineinversenkt habe, hat er nämlich vermutlich in den nächsten 10 Jahren nicht frei, aber dann wiederum hat er es ja auch viel einfacher: er braucht nur mich. Ich dagegen musste mich erstmal in das Vertrauen von über zehn Personen aus verschiedenen Bereichen mailen und telefonieren und dann Zugriffe für zwei verschiedene Systeme beschaffen und die grob erlernen. Das kann er sich sparen ich kann ihm mit minimaler Vorbereitung zu jeder Zahl die komplette Geschichte erzählen, und das mit Begeisterung. Schauen wir mal, ob er die hören will.

    Dann habe ich noch etwas Spannendes gemacht. Und zwar habe ich 17 Personen mit demselben Thema abtelefoniert. Das Thema ist, ganz unspektakulär, dass sie jetzt zur Jahresmitte noch ganz unangemessen viele Urlaubstage übrig haben und mal einen Vorschlag machen sollten, wann sie die nehmen. Ich hatte erwartete, dass das Gespräch 17 Mal exakt gleich verläuft und ich mich daher ungefähr eine Stunde lang sehr langweilen würde. So war es aber überhaupt nicht. Jedes Gespräch war komplett anders, als alle anderen und die ganze denkbare Spannbreite war abgedeckt: von Späßchen und Überlegungen, ob und zu welchem Preis man Urlaubstage evtl. an Kollegen verkaufen könnte, über ganz neutrale Überlegungen zu einem passenden Zeitraum oder der Information, dass schon geplant wird aber noch die Feinabstimmung zu Hause fehlt. bis hin zu Verärgerung über mein unglaublich unmögliches Ansinnen, was für eine Frechheit! Sehr spannend. Ich habe alles in einer Tabelle erfasst. In einem Monat hake ich nach und bin gespannt, ob eher die Lustigen oder eher die Bösen in meinem Sinne gehandelt haben, daraus lerne ich dann für die Zukunft.

    Was noch? Ich habe ja selbst ab Montag Urlaub, deshalb geht gerade alles hopplahopp.

    Es war noch Technik-Call. Technik-Call war oder ist eine komische Sache. Der Call findet auf ausdrücklichen Wunsch von Mittel-Technik-Hoschi statt und in den ersten Calls berichtete Mittel-Technik-Hoschi immer, welche Probleme sie in den letzten Wochen für uns gelöst hatten und was es für Bestrebungen genereller Art für das nächste halbe Jahr gibt. Das war für mich sehr uninteressant. Erstens interessieren mich gelöste Probleme nicht mehr, zweitens scheint mir der technische Ausblick auf das nächste halbe Jahr ähnlich verbindlich wie die Wettervorhersage für das nächste halbe Jahr. Ich begann also, denn Call zu nutzen, um noch offene Probleme anzusprechen, die ja meine wahre Leidenschaft sind. Mittel-Technik-Hoschi machte dann immer eine Gesprächsnotiz von dem Call, die er an ganz viele Leute, auch den Ober-Technik-Hoschi, per Mail verschickte. Darin standen aber nur die gelösten Probleme. Also machte ich mir die Mühe, mich dafür immer freundlich zu bedanken und dann noch die offenen Probleme als "my contribution" hinzuzufügen, an denselben Verteilerkreis. Nun geschah etwas Spannendes: immer ein paar Stunden vor dem nächsten monatlichen Call begann Mittel-Technik-Hoschi wild herumzutelefonieren in alle möglichen Abteilungen, ob meine Probleme wohl gelöst seien. Waren sie natürlich nie. Dann verschob er den Call um 2-3 Wochen. Dann dasselbe. Mit der Zeit wurde ich natürlich auch schlauer und begann, immer dienstags die Gesprächsnotiz nochmal weiterzuleiten mit aktuellem Status dazu. Status meist: "still open/no news". Seit ein paar Wochen telefoniert Mittel-Technik-Hoschi daher nun immer montags wild herum und fordert Ergebnisse, und zum ersten Mal seit Einrichtung des Technik-Calls bewegt sich tatsächlich auch etwas. Einerseits bin ich verwundert - arbeitet die Technik tatsächlich immer nur an dem Tag, bevor von mir eine neue Nachricht ansteht? Andererseits bin ich aber erfreut: offenbar kann ich durch das stupide Weiterleiten immer wieder derselben Tabelle eine ganze mir nicht zugehörige Abteilung in einem anderen Land steuern. Auch schön. Ich werde das noch perfektionieren, evtl. werde ich demnächst unregelmäßig mailen, ich muss Pawlow und Skinner nochmal genau studieren.

    Um 18:30 kam ich zu Hause an und musste nun die Entscheidung treffen, ob ich Ms Fahrrad zum Ayurvedabrunch-Fahrradladen oder zum Herablassendebehandlung-Fahrradladen bringen will, bzw. ich musste das nicht entscheiden, letzterer hatte nämlich definitiv schon zu. Ayurvedabrunch hatte noch bis 19 Uhr auf, aber ich dachte, ich rufe lieber vorher an, bei Esoterikern weiß man ja nicht, wie genau sie es mit der Uhrzeit nehmen, falls sie sich vielleicht gerade mal anders anfühlt. Tatsächlich hatte der Laden noch auf, mir wurde aber beschieden, er würde jetzt gleich schließen. "Um 19 Uhr aber doch, oder?" fragte ich nach, ja, um 19 Uhr, das würde ich schaffen, "ich bin in 10 Minuten da", sagte ich. So war es auch. Über den Laden vor Ort kann ich nur Positives sagen. Angenehmes Ambiente, keine herablassende Behandlung, kein Ayurveda-Brunch in Sicht. Allerdings auch keine Kartenzahlung möglich, ich bin es so leid. Irgendwann in den nächsten Tagen werden Sie hier also eine Geschichte über Bargeldbeschaffung zum richtigen Zeitpunkt lesen; er ruft an, wenn das Rad fertig ist.

    Als Abschluss des Tages aßen wir im in-dish, einem neuen indischen Restaurant am Ort, dass sich bei mir schon durch eine schöne Formulierung hervorgetan hatte und das sich dann heute noch durch hervorragende Küche auszeichnete. Interessant: es scheint einen neuen Einrichtungsstil für Restaurants/Cafés (hier - evtl. auch anderswo) zu geben, der sich durch hübsches buntes tonartiges Geschirr, bunte Stühle und "Glühbirnen" aus getöntem Glas mit dickem "Glühfaden" darin auszeichnet. Mir kommt es sehr so vor, als habe ich neulich sowohl im Heimathafen als auch im Das süße Leben unter denselben Glühbirnen wie heute gesessen und neulich im Barrio von dem gleichen Geschirr gegessen und auf denselben Stühlen gesessen und bei genauem Überlegen gab es diese Lampen da vielleicht auch? Es ist verwirrend. Irgendwann werde ich nicht mehr wissen, wo ich gerade bin.

    Mit letzter Kraft nach Hause, Sofa, gleich Bett.

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