• Privatbloggen an: novemberregen @ gmail.com
  • | Twitter: @novemberregen
    Donnerstag, 2. Mai 2019

    Ich bin überzeugt davon, dass Vom-Wecker-geweckt-werden wirklich fundamental ungesund ist. Dieses "Biep-biep-biep-biep" löst bei mir die Ausschüttung riesiger Mengen an Stresshormonen aus, die mich sofort aus dem Bett und bis in die Küche springen lassen, wo ich mich dann atemlos wiederfinde und die nächsten zwanzig Minuten versuche, mich im Tag zu orientieren. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

    Der frühe Morgen zu Hause und der Weg ins Büro waren ereignislos. Glaube ich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auf dem Weg ein Frühstückshörnchen kaufte, aber ich habe keine Erinnerung, was danach damit geschah. Bestenfalls habe ich es gegessen, beschwören kann ich das jedoch nicht. Bitte keine Obduktion, so wichtig ist es auch nicht.

    Im Büro selbst: zu viel. Menschen haben Anliegen, diese Anliegen möchten sie nicht einfach in einer Mail mit 3-5 Punkten knapp zusammenfassen und dann eine ebenso knappe Antwort darauf erhalten, sondern sie möchten darüber sprechen, dabei gehört werden und gesehen und angenommen werden. Und ausgerechnet ich, die sich insgeheim oft erträumt, man könnte sowas einfach alles per Maschine machen, ist für solche Gespräche zuständig. Gut - vielleicht ist der Zusammenhang ein anderer. Vielleicht erträume ich mir oft, man könnte sowas einfach alles per Maschine machen, weil ich für solche Gespräche zuständig bin. Bis vor ein paar Monaten hat noch der Oberchef ca. 70% dieser Gespräche abgewickelt, die Punkte verhandelt, die Aspekte gegeneinander aufgewogen, die Entscheidungen getroffen und mir mitgeteilt und ich habe das dann weiterverteilt und umgesetzt. Der Nachfolger vom Oberchef hat Zeit für maximal 5%, Tendenz fallend. Vielleicht muss ich mich klonen. Heute waren es vier größere Gespräche, dazwischen war ich mit einer neuen Mitarbeiterin Mittagessen, insgesamt kam ich heute noch nicht einmal dazu, alle Mails zu lesen, die über Nacht ankamen oder die Post zu öffnen.

    Das Mittagessen war mittel, was aber an meiner Auswahl lag. Ich habe langweilig gewählt, irgendein fancy Fisch mit irgendeinem fancy Reis, die Schwäche meiner Auswahl wurde mir aber erst bewusst, als serviert wurde. Beim Dessert wollte ich schlauer sein. Zwei Desserts waren auf der Tageskarte, ich befragte den Kellner, welches er empfehlen würde und er sagte: "Das eine - oder halt das andere!". Vielleicht mache ich mich doch eines Tages mit einem Entscheidungs-SMS-Service selbstständig, bei dem man eine Auswahlfrage an eine bestimmte Telefonnummer (in dem Fall: meine) sendet und innerhalb weniger Sekunden eine Antwort erhält. EUR 1,99 werden dann vom Konto abgebucht. Soll die Entscheidung begründet werden (280 Zeichen maximal, das bin ich von Twitter geübt), werden EUR 3,99 fällig. Ich denke, die Welt hat Bedarf, wenn noch nichtmals der Kellner in einem gehobenen Restaurant ein Dessert empfehlen kann.

    Ich verließ das Büro früh, um mit M einen Arzttermin wahrzunehmen. Beim Arzt warteten wir geduldig eine gute Stunde, hatten dann unsere Akkus leergespielt und warteten daher nochmal ungeduldig 20 Minuten. Dann teilte ich der Empfangsarzthelferin mit, dass wir jetzt nicht länger warten werden und auch keinen neuen Termin ausmachen möchten, vielen Dank.

    M machte sich auf den Weg zu einer Freundin und ich fuhr mit dem Rad nach Hause. Auf halber Strecke hielt ich an, weil auf dem Gehweg vor der Apotheke ein Mann eine Frau mit Sohn im Grundschulalter schubste und schlug und Geschrei herrschte. Ich wollte die Polizei rufen, zog das Handy aus der Tasche, aber der Akku war ja leer. Ein bisschen deppig sprach ich den wildem Mann daher mit den Worten "Tschuldigung, wissen Sie, wie spät es ist, mein Akku ist leer?" an. Der Mann war ein bisschen verblüfft aber schaute auf sein eigenes Handy, vielleicht ist das ein über Generationen antrainierter Reflex, dass man die Uhrzeit immer versucht mitzuteilen. Es war kurz nach 17 Uhr. Als das geklärt war, hatte die Apothekerin bereits Frau und Kind in die Apotheke gezogen und die Tür von innen verschlossen. Während der Mann gegen die Glasschaufenster boxte, fuhr ich davon. Ich nehme mal an, die Apothekerin hat die Polizei verständigt und werde morgen nochmal dort vorbeifahren um zu erfragen, ob irgendeine Auskunft benötigt wird.

    Wieder zu Hause einmal erfreuliche Post und einmal unerfreuliche Post. Die erfreuliche Post: Krankenkasse A hat den am Dienstag online eingereichten Erstattungsantrag für eine Zahnbehandlung schon abschließend bearbeitet und überwiesen. Die unerfreuliche Post: Krankenkasse B hat vor mehreren Wochen eingereichte Rechnungen nun ebenfalls bearbeitet, dabei aber einen Teil der Rechnungen oder der dazugehörigen Anlagen verloren/übersehen und deshalb dafür nichts gezahlt und außerdem Beträge für Rechnungen erstattet, die ich nicht kenne. Der Gesamtbetrag ist annähernd in Ordnung aber man wird es wohl klären müssen, denn möglicherweise möchte der Kunde, dem die Rechnungen eigentlich gehören, sein Geld ja auch früher oder später bekommen. Das bedeutet, ich muss wiederum in Unterlagen kramen und Dinge auseinandersortieren, obwohl das doch eigentlich wirklich nicht meine Aufgabe ist. Kinder, wenn ihr es euch aussuchen könnt, schließt keine private Krankenversicherung ab, es ist die Pest - außer, ihr habt einen Privatsekretär, der sich um sowas kümmert.

    Der kleinen Katze machte ich noch eine Freude und stellte ihr das Katzengras wieder bereit - ich muss es ihr rationieren, weil sie sonst ununterbrochen davon frisst und davon kotzt, das kann in dieser Frequenz nicht gesund sein. Deshalb gibt es das Katzengras nur noch alle paar Tage. Der Kater interessiert sich für das Katzengras nicht.

    Und für die Menschen machte ich noch Grüne Soße. Der Inhalt des Kräuterpäckchens war aber nicht so frisch, wie ich es mir erhofft hatte. Ungefähr die Hälfte des Grünzeugs war glubschig und musste aussortiert werden, so dass ich mir nicht sicher bin, ob in der Soße wirklich noch die vorgeschriebenen sieben Kräuter enthielt. Lecker war sie aber.

    November seit 4923 Tagen

    Letzter Regen: 09. September 2019, 01:07 Uhr