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Samstag, 12. Januar 2008
Allein

Merkwürdig leicht fühlte ich mich schon, als ich die Treppe hinunterging. Und führte es zunächst auf die frisch aufgeräumte Handtasche zurück. Das Schaudern auf der Straße hätte auch daher rühren können, dass ich deutlich zu leicht gekleidet war - nur eine Fleecejacke über einem dünnen Pullover - denn mit Kind gerät man ja doch immer ins Schwitzen.

Eine Straße weiter, als aus der polnischen Bahnhofskneipe Musik drang und die Bedienung, die zur Zigarettenpause draußen stand, mir freundlich zunickte, drang der Gedanke dann wirklich durch, dass das Kind ja gar nicht dabei war. Das Kind nicht und der Mann nicht und auch keine Freundin, kein Kollege und niemand anderes mir Bekanntes, und ich war auch nicht unterwegs, um jemanden zu treffen, sondern einfach ganz allein, sozusagen ins Unbekannte, ich, ein Abend, draußen, allein: da darf man sich schonmal so wahnsinnig leicht fühlen.

Für viele mag das etwas ganz normales sein. Für mich ist es das nicht mehr, denn so ein Kind verändert das Leben tatsächlich. Nicht in den großen Sachen, wo man es erwarten würde - da ist man ja auf der Hut! So legten mir eine Vielzahl - samt und sonders wohlmeinende Menschen - während der Schwangerschaft nahe, dass nun ja wohl Schluss sei. also mit den Wochenendreisen, der Stadtwohnung, der ÖPNV-Nutzung und dem Knochblauch essen. Der Grund? Na das Kind! Daheim bleiben, ein Häuschen im Grünen, ein Auto und Schonkost, so gehört sich das doch. Anders geht das doch gar nicht. Ich sagte darauf immer, dass das Kind ja zu uns kommt und sich daher an die herrschenden Gepflogenheiten anpassen müsse. was es - in diesen Dingen - auch tat. In anderen Dingen, diesen winzig kleinen, die alle zusammen den Alltag ausmachen, wurde ich jedoch gnadenlos unterwandert. So fiel mir etwa nach einem Jahr wieder auf, dass bei uns im Flur ein Spiegel hängt (und folgend, das sich mal wieder zum Friseur gehen sollte). Ein anderer, ähnlicher Punkt ist die Handtasche, die ich ja auch schon ansprach. So ein Kind kommt und wie automatisch beginnt man, seine unabdinglich und unbedingt immer mitzuführenden Gegenstände, in ein unförmiges, überfülltes Gebilde namens "Wickelrucksack" zu stopfen. Es ist ja praktisch. Ich hatte letztes Jahr im Sommer dann plötzlich das absolut dringende Bedürfnis, wieder eine Handtasche mein Eigen zu nennen ("eigen" ist in diesem Zusammenhang wichtig, Kinder sind die geborenen Enteigner, weshalb aus meiner Handttasche auch ständig Schnuller, Haarspängelchen, Traubenzuckerbonbons und Spielzeug zu entfernen sind. Was ich gestern tat. Dies alles nur als Hintergrundinformation.

So war ich also, allein, mit einer Handtasche voller Erwachsenengegenstände in den Freitagabend unterwegs. Ganz allein - das heißt keine Rolle ausfüllen, auf niemanden Rücksicht nehmen, niemanden berücksichtigen, für niemanden verantwortlich sein, auf niemanden warten und niemandem folgen, nichts absprechen, nur für sich selbst Entscheidungen treffen. Manche haben das jeden Tag. Für mich ist das wie Urlaub von mir selbst.

Schön war das.

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